26.09.2005

FRAUENWeil sie kein Mädchen ist

In der historischen Wahl zwischen Mann und Frau erhielt Angela Merkel keinen Bonus von ihren Geschlechtsgenossinnen. Weder Programm noch Person überzeugten die Wählerinnen.
Als Angela Merkel Kanzlerkandidatin wurde, war die Hamburger PR-Referentin Dorothea Olbertz begeistert: "Eine Bundeskanzlerin zu haben, das fand ich verlockend." Doch je mehr sich die 35-Jährige, Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes, mit den Inhalten Merkelscher Politik befasste, desto zurückhaltender wurde sie. "Ich habe nachgeschaut, was sie als Frauenministerin gemacht hat. Da hat sie nicht geglänzt." Und das Wahlprogramm, etwa Unterstützung für Mütter? Da war nichts. Bildung? Ebenso wenig. "Das fügte sich alles zu einem Bild, das mir nicht gefallen hat." Olbertz wählte schlussendlich die Grünen.
Auch die Münchner Wirtschaftsprüferin Michaela P., 31, hat "sehr lange überlegt", ob sie Merkel wählen soll. Eine Mentorin aus England erklärte ihr, wie "sie einst Maggie Thatcher bewundert hatte, weil die als Frau Macht ausgeübt habe". Sie fand es gut, dass Merkel nicht auf Mädchen macht: "Eine Kanzlerin ist ein Vorbild für alle Frauen, die Machtpositionen anstreben, egal, ob sie Wert auf Frauenpolitik legt." Doch dann habe sie gemerkt, wie die Ministerpräsidenten Roland Koch und Christian Wulff sich passiv verhielten und der neidische Edmund Stoiber den Wahlkampf regelrecht "torpedierte". Die Unionsmänner haben Merkels Führungsanspruch nicht akzeptiert, sie sei eben nicht Thatcher gewesen. P.s Stimme bekam sie nicht.
Angela Merkel hat keine Mehrheit errungen - auch oder gerade deshalb, weil es ihr bei dieser historischen Entscheidung zwischen Mann und Frau nicht gelungen ist, ihre Geschlechtsgenossinnen hinter sich zu bringen. Gerade einmal 35 Prozent aller Wählerinnen wollten die kühle Physikerin, das waren fast drei Prozentpunkte weniger als der CSU-Kraftprotz Stoiber vor drei Jahren von den Frauen bekam. Selbst CDU-Jumbo Helmut Kohl hatte zwischen 1983 und 1998 mindestens ebenso viele Anhängerinnen wie Merkel.
Besonders ernüchternd für das Konrad-Adenauer-Haus: Bei den 30- bis 44-jährigen Wählerinnen in Ostdeutschland kam die CDU-Vorsitzende überhaupt nicht an. Nur jede fünfte Frau machte dort ihr Kreuz bei der CDU. Der erhoffte Heimvorteil - Frau aus dem Osten -, er verpuffte vollkommen.
Die stärkste persönliche Ablehnung erfuhr die Kandidatin bundesweit bei minderqualifizierten Frauen, wie eine TNS-Infratest-Umfrage im Auftrag des SPIEGEL ergab. Dabei wurden Wählerinnen, die sich gegen die Union entschieden hatten, nach ihren Gründen gefragt. 42 Prozent der Arbeiterinnen gaben an, Merkel als Person abzulehnen. Entsprach sie nicht genügend dem traditionellen Frauenbild? Auch bei jungen und älteren Wählerinnen fiel Merkel als Person oft durch. Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, also genau in der Zeit verstärkter Karriere- und Familienplanung, stieß dagegen hauptsächlich das CDU/CSU-Wahlprogramm ab.
Obwohl erstmals eine Kandidatin zur Wahl stand, fühlten sich viele Frauen bei einem Machtmenschen wie Schröder "besser aufgehoben", sagt die Autorin Cora Stephan. Ein Desaster sei das, urteilen viele Frauenpolitikerinnen. Hat Angela Merkel nicht nur die Wahl vergeigt, sondern langfristig die Chance auf mehr Weiblichkeit in der Politik, auf mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft verspielt?
Stärker als jemals zuvor ging es ausgerechnet bei dieser Wahl zwischen Kandidat und Kandidatin um sperrige Themen wie Steuern, Arbeitsplätze und Gesundheit. "Aus Analysen vergangener Jahre wissen wir, dass Wahlkampfmanager mit Gleichstellungs- und Frauenpolitik überhaupt nichts anfangen können", sagt Birgit Sauer, stellvertretende Leiterin des Instituts für Politikwissenschaften an der Universität Wien. Merkel habe versäumt, frühzeitig dagegenzusteuern. Ihr Ziel war der geschlechtsneutrale Wahlkampf.
Erst als sich Alice Schwarzer einmischte, kam überhaupt so etwas wie eine Geschlechterdebatte in Gang. Die personifizierte Emanzipationsbewegung der Republik sah in der Kandidatin ein "wirkliches Signal für alle Frauen in Deutschland" - historisch so einmalig, als würde "ein Schwarzer ins Weiße Haus einziehen". Mit dieser Zielrichtung - Hauptsache ein Frauenkopf - habe sie die "klassische Position der siebziger Jahre vertreten", kritisiert die Gießener Politikwissenschaftlerin Barbara Holland-Cunz.
Schwarzers Vorstoß und Merkels konservativ geprägte Frauen-Netzwerke um die Unternehmerfrau Ann-Katrin Bauknecht und die Verlegerin Friede Springer lösten eine kritische Diskussion unter Feministinnen aus. Der Tenor: Merkel befördere nicht die Ziele der Frauenbewegung, sie opfere diese. Die grüne Verbraucherministerin Renate Künast bezeichnete die Kandidatin schlicht als einen Etikettenschwindel, so wie "die glückliche Henne auf der Packung Käfigeier".
Letztlich haben die Frauen offenbar genauer in die Verpackung geschaut, als es den CDU-Strategen lieb war. In dem Streit darüber, ob sie schlicht eine Frau als Rollenmodell wählen oder sich frauenpolitisch entscheiden sollen, haben sich die Wählerinnen mehr für die Inhalte interessiert. Und da schnitt Merkel nicht mehr so gut ab.
Im Wahlprogramm widmete die Union dem Thema Familie nicht einmal eine Seite: Ein Steuerfreibetrag für jedes Kind, Kinderbonus von monatlich 50 Euro bei der Rentenversicherung und eine windelweiche Aussage zum Ausbau der Kinderbetreuung, damit sich Familie und Beruf harmonischer vereinbaren lassen. Das war's. Dabei hatte Merkel mit der Niedersächsin und siebenmaligen Mutter Ursula von der Leyen eine Fachfrau ins Kompetenzteam geholt, die durchaus für moderne Familienpolitik steht. Die konnte wohl immerhin verhindern, dass Stoibers Familiengeld ins Programm rutschte, eine Art Paarungshonorar, das Mütter nach der Geburt verleitet, möglichst lange zu Hause zu bleiben.
Ein Konzept gegen die dramatisch niedrige Geburtenrate, gerade unter Akademikerinnen, war das Programm jedenfalls nicht. Vielmehr hält die Union ihr Ideal der
Hausfrauenehe weiter hoch, das sie in den Köpfen vieler ihrer älteren Wähler vermutet. Mit dem Steuerexperten Paul Kirchhof hatte die CDU in letzter Minute einen prominenten Vertreter dieser Richtung aktiviert. Frauen sollen "in ihrer Familie Karriere" machen, meint der Professor, das verheiße allerdings "nicht Macht, sondern Freundschaft".
Für moderne Frauen ist solch eine Rollenbeschreibung lächerlich vorgestrig. "Symbol hin, Meilenstein her - wer Merkel als Kanzlerin will, kriegt die real existierende CDU/CSU", schimpfte die Sängerin Ulla Meinecke.
So konnte die Kandidatin außer Wut kaum Emotionen wecken, mit ihrem kühlen Wahlkampf inklusive der Ankündigung sozialer Grausamkeiten. Dabei hätten vergangene Wahlen gezeigt, sagt die Politikwissenschaftlerin Sauer, dass gerade Frauen "Angst vor dem Umbau des Sozialstaats und dem sozialen Absturz" hätten.
Selbst in Kreisen, in denen sie zunächst einen Frauenbonus hatte, war dieser schnell verspielt. Etwa bei berufstätigen Frauen, die wissen, welche Last es ist, in einer Männerwelt zu bestehen. Doch zu gefühllos waren ihre Auftritte, zu berechnet, zu unglaubwürdig. "Ihre Präsentation als Frau war schlicht dürftig", sagt die Politologin und Gender-Forscherin Barbara Holland-Cunz. Schlimmer noch: Erst durch ihre Anwesenheit sei der Machtmensch Schröder im TV-Duell "zivilisiert worden" und habe als gezähmter Charmeur "positiv auf Frauen gewirkt".
Gerade den gebildeteren Frauen stießen die kleinen Wendungen im Auftreten der Kandidatin negativ auf. Lange Zeit hielt Merkel die gleiche Distanz zu Mann und Frau. Niemand müsse Mitleid haben, niemand müsse gewählt werden, "weil er eine Frau ist", lautete anfangs die Philosophie der Physikerin. Als sie merkte, dass dieser Ansatz zu fortschrittlich ist für Deutschland, war es zu spät. Im TV-Duell machte sie verzweifelt aufmerksam auf ihre angeblichen Erfolge als Frauenministerin unter Kohl. Und dann betonte sie im "Emma"-Interview mit Alice Schwarzer, dass sie sich im Wahlkampf "in einem für mich ungewohnten Maße auch öffentlich zu meinem Frausein bekannt" habe.
Frauenbewegte verbuchten diese späte Hingabe zum eigenen Geschlecht als wahltaktische Reverse. Da nutzte auch ein Feuerwerk an Homestorys und Interviews in Frauenzeitschriften wie "Brigitte" und "Cosmopolitan" kurz vor dem Urnengang nichts mehr.
Für Frauenpolitiker und Gender-Forscher ist der erste deutsche Mann-gegen-Frau-Wahlkampf ein Lehrstück gewesen. Das Phänomen, dass sich Politikerinnen "doppelt und dreifach legitimieren müssen" - als Profi, Frau und Privatmensch -, sei in Studien belegt, sagt die Wiener Wissenschaftlerin Sauer, es sei ein "Vabanquespiel" für jede Kandidatin: Wer durchsetzungskräftig ist, gilt leicht als "unweiblich"; wer Teamspieler ist, bekommt sofort das Attribut "weich = weiblich". Im Wahlkampf 2005 habe man erleben können, wie schwer dieser Druck auszuhalten sei - speziell, wenn man gegen eine Testosteronbombe wie Schröder antreten muss.
Und dennoch: Angela Merkel hat trotz des enttäuschenden Ausgangs ihre Partei "auf einen Modernisierungsweg genommen", glaubt der Berliner Historiker Paul Nolte. In einer Partei, in der viele Herren die Frauen am liebsten am Herd sehen, haben nun auch moderne Frauen wie Ursula von der Leyen, Annette Schavan oder Hildegard Müller Aufstiegschancen.
Selbst die politische Konkurrenz honoriert Merkels Antritt. Dadurch sei die "Tür für Frauen wieder etwas offener geworden", sagt Elke Ferner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, "es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die erste Kanzlerin haben - eine mit einem fortschrittlicheren Gesellschaftsbild".
Alice Schwarzer, ungeduldig wie immer, möchte nicht so lange warten. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Angela Merkel den Poker ums Kanzleramt doch noch gewinnt. Denn eine Niederlage, da ist sie sich sicher, würde "als Niederlage aller Frauen interpretiert". UDO LUDWIG,
CORDULA MEYER
Von Udo Ludwig und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 39/2005
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