26.09.2005

SCHWAMPELDie Riesling-Connection

Im pfälzischen Bad Dürkheim regiert seit sechs Jahren eine schwarz-gelbgrüne Koalition. Dort half der gute Wein, sich zu einigen.
Der Studiendirektor Reinhard Stölzel ist ein Mann mit stattlichem Bauch und tiefer Stimme, und er hätte gute Gründe, mit Udo Zwar zu streiten an diesem lauen Spätsommerabend in Bad Dürkheim an der Weinstraße. Der Mann, der neben ihm am Wirtshaustisch sitzt, macht sich schon wieder für Ökosteuer und Gewerkschaften stark. Stölzel hält das für "völlig falsch", weil die Wirtschaft "schon genug stranguliert" werde in Deutschland.
Dem Konditor Walter Schubert, 46, geht der Biologielehrer Zwar, 54, heute auch auf die Nerven. Besonders, weil der ihm beim Thema Marktwirtschaft ständig die Hand auf die Schulter legt, fast so, als wollte er einen aufmüpfigen Schuljungen beruhigen, der keine Ahnung hat von der Welt.
Wer die drei Kommunalpolitiker im Gasthaus miteinander händeln hört, hält es für ausgeschlossen, dass sie friedlich zusammenarbeiten können.
Und doch klappt es, im Kleinen. Zum Glück werden Weltprobleme wie Atomausstieg und Steuermodelle nur im Wirtshaus diskutiert. Im Ratssaal müssen sich die drei Fraktionsvorsitzenden, Stölzel von der CDU, der Liberale Schubert und der Grüne Zwar, um das Baugebiet Fronhof oder die Verkehrsberuhigung des Römerplatzes kümmern. Die ideologischen Gräben, die es dabei zu überwinden gilt, sind selten breiter als der Bach Isenach, der im Stadtkern seit neuestem wieder freigelegt ist: Auch so ein politischer Erfolg des Trios, dessen Parteien sich 1999 in einer Weinstube bei viel Riesling zu einem schwarz-gelb-grünen Bündnis zusammengeschlossen haben.
"Einen gemeinsamen Laden aufmachen", nannten sie das damals unspektakulär. Die SPD hatte nach 40 Jahren die Mehrheit verloren und sich schmollend totalverweigert, die Freie Wählergemeinschaft pokerte zu hoch, und so fiel Stölzels Blick auf die Grünen. Schließlich kannte man die Ökos aus dem Stadtrat als ganz normale Menschen. Schwarze, Gelbe und Grüne paktierten. Nie hätten sie sich träumen lassen, dass einmal die ganze Republik von ihrem Projekt spricht. Am Abend des 18. September, als Deutschland gewählt hatte, war es plötzlich in aller Munde. "Schwampel" hieß es auf einmal, und "Jamaika"-Koalition. Stölzel, Schubert und Zwar klingt das entschieden zu lächerlich. Die Fraktionsvorsitzenden sprechen lieber ganz ernst vom "Bad Dürkheimer Modell". Und sie sprechen oft davon, weil nun alle Welt wissen will, ob das denn klappt.
"Ja", sagt Zwar, "es funktioniert." So gut sogar, dass die SPD bei der Kommunalwahl 2004 um fast zehn Prozentpunkte abstürzte und das Bündnis prompt erneuert wurde. Auch die Grünen haben mittlerweile Spaß daran, den Sozis ein Schnäppchen zu schlagen. Als die Koalition 1999 geschmiedet wurde, fühlten sich besonders die etwa 250 heimischen Winzer von der CDU verraten und überzogen die Regionalzeitung mit Leserbriefen: bloß nicht mit den Grünen, bloß nicht mit den Ökos. "Das ging an die Substanz", erinnert sich Udo Zwars Frau Karola, 54. Als sich die erste Entrüstung gelegt hatte, wurde sie, eine Frau, zur ersten grünen Beigeordneten für Weinbau und Landwirtschaft gewählt, vielleicht das wichtigste Amt in der Stadt.
In Bad Dürkheim, 20 000 Einwohner, wird dem Wein schon auf dem Bahnhofsvorplatz gehuldigt. Brunnenfiguren strecken dem Besucher dort prostend Schoppen entgegen. An den Häusern rankt wilder Wein, die Luft riecht süßlich, weil die Winzer ihre Ernte zur Genossenschaft bringen. Das Heimatmuseum zeigt Ölbilder von rotnäsigen Weinzechern, das "Dürkheimer Riesenfass" beherbergt ein Restaurant, in dem Saumagen serviert wird.
Auf dem Wurstmarkt, dem größten Weinfest der Welt, konnten die Menschen am 18. September auf einer Leinwand verfolgen, was geschehen war in Deutschland. Stölzel, sonst ein Genießer, genehmigte sich "vor lauter Verärgerung" über das Wahlergebnis der Union seinen Wein aus dem pfälzischen Dubbeglas, das einen halben Liter fasst. Der Grüne Zwar kam zum Trösten. Und Schubert machte im "Schubkärche" des FDP-Ortsvereins, einer Bretterbude mit unbequemen Bänken, "richtig High Life". Auf die Idee, dass es jetzt auch im Bund auf ihr Modell hinauslaufen könnte, kamen die Männer erst, als im Fernsehen schon darüber diskutiert wurde.
Denn zu fremd sind die großen Probleme im fernen Berlin. Bad Dürkheim hat einen ausgeglichenen Haushalt, knapp sechs Prozent Arbeitslose und eine Spielbank, die viel Geld in die öffentliche Kasse spült. Wer reich ist, dem fällt es leichter, sich über die Förderung von Musikschule oder Jugendhaus zu einigen. Wer darben muss, der bekommt Probleme, wenn es ums Rentensystem und die Bildungspolitik geht.
Die Riesling-Fraktion in Bad Dürkheim kann unbefangen durchregieren: Straßen werden gebaut, Häuser saniert, alles in trauter Eintracht. Grüne Anliegen, früher gern als Öko-Mist abgetan, lösen heute gelegentlich Freudenhymnen aus: "Die schlagen Sachen vor, an die haben wir gar nicht gedacht", lobt Stölzel die grünen Partner. Würde Frau Merkel ihn fragen, ob sie eine Schwampel wagen sollte, seine Antwort wäre: "Unbedingt versuchen."
Dem Grünen Zwar ist die Jamaika-Koalition sogar noch zu wenig: Er favorisiert für den Bund eine "Südafrika"-Koalition, weil auf der Nationalflagge auch die Farbe Rot vertreten ist. Für Bad Dürkheim kann er sich das allerdings nicht vorstellen. Das geht dann doch zu weit. Zu groß ist mancher Schatten, selbst in Bad Dürkheim. GUIDO KLEINHUBBERT
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 39/2005
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