26.09.2005

SKANDALECodename „Michael“

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt gegen den Lobbyisten Dieter Holzer. Zeugenaussagen aus Frankreich nähren den Verdacht der Fluchthilfe für Ludwig-Holger Pfahls.
Fünf Jahre lang war Dieter Holzer im Visier des Bundeskriminalamts (BKA). Die Ermittler prüften die Verbindungsdaten der Telefonnummern des Geschäftsmanns, deren sie habhaft werden konnten. Sie versuchten, seine Reisewege zu rekonstruieren.
Fünf Jahre lang waren die Beamten davon überzeugt, dass Holzer ein wichtiger Helfer bei der spektakulären Flucht des ehemaligen Rüstungsstaatssekretärs Ludwig-Holger Pfahls war.
Fünf Jahre lang fanden die Fahnder keinen Beweis, dass Holzer vom Abtauchen Pfahls' im Sommer 1999 in Hongkong bis zu seiner Festnahme in Paris am 13. Juli 2004 Kontakt zu seinem Freund hatte.
Als Pfahls am 1. September dieses Jahres das Augsburger Gefängnis verließ, schien der Fall für Holzer endgültig abgeschlossen. Zuvor hatte Pfahls als reuiger Sünder vor Gericht gestanden, von dem Kaufmann Karlheinz Schreiber als Rüstungsstaatssekretär 3,8 Millionen Mark entgegengenommen zu haben; unter anderem für die Lieferung von "Fuchs"-Panzern an Saudi-Arabien 1991. Über seine Flucht aber, ließ er wissen, werde er nichts sagen.
Doch nun holt die Geschichte Holzer wieder ein. Denn nach der Festnahme von Pfahls arbeitete die Augsburger Staatsanwaltschaft in aller Stille weiter, um die Umstände der Flucht aufzuklären. Vor allem in Frankreich stieß sie auf Telefonnummern, Adressen, Namen - und Zeugen.
Seit der vorvergangenen Woche ermittelt die Augsburger Staatsanwaltschaft offiziell gegen den Lobbyisten und zwei Franzosen wegen Strafvereitelung. Die Ermittler sehen den begründeten Tatverdacht, dass Holzer zumindest die letzten 19 Monate der Flucht in Frankreich organisiert und finanziert haben könnte. Belastet wird er vor allem durch die Aussagen der beiden Mitbeschuldigten Raymond Le Grand und David S. Während Holzers französischer Geschäftsfreund Le Grand nach eigener Aussage die Wohnungen für Pfahls anmietete, soll David S. dem Ex-Staatssekretär als Mädchen für alles gedient haben.
So kommen die Skandale der Regierungszeit Helmut Kohls wieder zusammen, und die Aufarbeitung findet auch rund 15 Jahre nach ihrem Beginn kein Ende: Abgetaucht war Pfahls wegen eines Haftbefehls in der Panzeraffäre, die schließlich auch die CDU-Parteispendenaffäre auslöste. Doch im Verdacht des Fluchthelfers steht Dieter Holzer, eine Schlüsselfigur des Skandals um den Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinerie 1992.
Der Saarländer gilt als Vermittler internationaler Geschäfte. Anfang der neunziger Jahre hatte Holzer für seine Hilfe beim Kauf der Leuna-Raffinerie 161 Millionen Francs vom französischen Ölmulti Elf Aquitaine erhalten. Auch Pfahls spielte dabei eine Rolle. Anfang des Jahres hat ein Pariser Gericht Holzer wegen Beihilfe zur Veruntreuung von Vermögen des Konzerns zu 15 Monaten Haft verurteilt. Die Revision vor dem Kassationshof läuft noch.
Als Pfahls, damals Südostasien-Chef von DaimlerChrysler, am 3. Juli 1999 in Hongkong untertauchte, war Holzer an seiner Seite. Auf dem Flughafen habe sich sein Freund plötzlich verabschiedet und er danach keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt, beteuerte Holzer immer wieder während der Flucht von Pfahls.
Der Aussage Holzers haben die Zielfahnder nie geglaubt. Aber bis heute wissen sie nicht, wo sich Pfahls in den folgenden Jahren bis Ende 2002 aufgehalten hat. Doch aus den Aussagen und sichergestellten Dokumenten können sie ein Bild der Zeit in Frankreich rekonstruieren.
Danach war Pfahls kein gehetzter Richard Kimble auf der Flucht, versteckt hinter vorgezogenen Gardinen. Vielmehr führte einer der meistgesuchten Männer Deutschlands das Leben eines unauffälligen älteren Herrn, mit Spaziergängen durch Paris, Radtouren durch die Bretagne und regelmäßigen Besuchen der jüngeren Freundin.
Schon am Tag der Festnahme in Paris stießen die Ermittler auf ein erstes Indiz, dass Pfahls auch Unterstützung in Deutschland gehabt haben könnte: Bei der Durchsuchung des Apartments von Pfahls fanden die Beamten unter anderem einen Führerschein.
Das amtliche Dokument belegt erstmals, dass Pfahls auf seiner Flucht über "echte" falsche Papiere verfügte. Denn die Fahrerlaubnis lautet auf den Namen eines deutschen Arztes, der bereits vor Jahren verstorben war. Ausgestellt wurde der Führerschein 1979 im saarländischen Wadern.
Der Mietvertrag für die Dreizimmerwohnung in der Rue Dupleix im 15. Arrondissement der französischen Hauptstadt brachte die Beamten auf die Spur von Le Grand. Der 54-jährige Geschäftsmann arbeitete in den siebziger Jahren für die dem Elf-Konzern gehörende Bank FIBA. Mitte der achtziger Jahre betreute er nach eigenem Bekunden als Direktor einer Bank in Gabun die persönlichen Konten von Staatspräsident Omar Bongo.
Ende Januar fuhr der Augsburger Staatsanwalt Ulrich Staudigl, begleitet von BKA-Beamten, nach Frankreich, um den Mann zu vernehmen. Le Grand will Holzer aus Geschäften kennen. Ab Jahresbeginn 2003 will er fast ausschließlich für eine libanesische Holzer-Firma als Berater gearbeitet haben, etwa bei der Regelung gabunischer Schulden in Deutschland.
Bereits im September 2002 habe Holzer ihn gebeten, ob er nicht für einen Deutschen eine Wohnung auf seinen eigenen Namen anmieten könne. Selbstverständlich würde sein Freund die Kosten tragen.
An Heiligabend 2002 habe er mit Holzer dann Pfahls in einem Hotel in der Nähe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle erstmals getroffen. Von nun an versorgte Le Grand den Deutschen über Zeitmietverträge mit wechselnden Unterkünften: Zunächst mietete er für Pfahls ein Dreizimmerapartment in der Avenue de Suffren im 15. Arrondissement von Paris für 5000 Euro Monatsmiete an. Im April 2003 verließ Pfahls Paris. Bis Oktober 2003 lebte er nun an verschiedenen Orten in der Bretagne, am Meer in Saint Pol de Léon und in Clohars-Fouesnant, in Ferienwohnungen oder in einem Haus mit Schwimmbad in Châteaulin. Im Oktober kehrte er wieder nach Paris zurück.
Bereits im März 2003 beschloss Le Grand, Pfahls einen Betreuer zu besorgen - allerdings erst, so Le Grand, nachdem er sich Holzers Einverständnis eingeholt hatte. Er entschied sich für David S., 33, der sich vorher mit wechselnden Jobs über Wasser gehalten hatte. Wenn sie am Telefon über Pfahls sprachen, erwähnten sie ihn nur mit dem Codenamen "Michael".
Für etwa 1200 Euro im Monat habe er, sagt David S. aus, Pfahls bis zur Verhaftung gedient: Er sei sein Chauffeur gewesen, er habe Einkäufe erledigt und ihm Mobiltelefone besorgt, die er auch mit falschen Papieren angekauft habe.
Die Zeit in Frankreich gibt eine Vorstellung davon, wie teuer die fünfjährige Flucht gewesen sein muss. Allein die Mietkosten während der letzten 19 Monate beliefen sich auf einen hohen fünfstelligen Betrag. In Paris, schätzt Le Grand, gab Pfahls bis zu 8000 Euro im Monat aus. Das Geld für die Miete habe er von Pfahls erhalten. Er sagt, der Deutsche habe bei seiner Ankunft etwa 25 000 bis 30 000 Euro in bar bei sich getragen. Der Ex-Manager habe keine Kreditkarte und seines Wissens kein Konto besessen.
Wer den Unterhalt von Pfahls in Frankreich zahlte, will Le Grand nicht wissen. Als er in seiner Vernehmung gefragt wurde, ob Holzer der Financier der Flucht gewesen sei, antwortete er, er könne dazu nichts sagen. Und doch begründet die Aussage des Franzosen den Verdacht der Staatsanwälte, dass Holzer
bei der Fluchtfinanzierung eine wichtige Rolle spielte.
Denn als Pfahls im März 2003 langsam das Geld ausging, sagt Le Grand, habe er sich an Holzer gewandt. Kaum habe er den Geschäftsmann auf das Geldproblem hingewiesen, sei es gelöst gewesen. Wenig später habe Holzer ihn in das Pariser Hotel Hilton in der Avenue de Suffren gebeten. In der Hotellobby will Le Grand den Geschäftsmann im Kreis mehrerer Deutscher getroffen haben. Als er ihn erneut auf die Finanzprobleme von Pfahls ansprach, habe Holzer ihm erklärt, diese seien geregelt. Schließlich habe ein Unbekannter Le Grand in dem Hotel einen Umschlag mit 200 000 Euro in bar für Pfahls übergeben.
Für eine Stellungnahme war Holzer bis vergangenen Freitag nicht erreichbar. Als er Ende Juli im Augsburger Pfahls-Verfahren als Zeuge gefragt wurde, ob er zwischen 2002 und 2004 Pfahls geholfen habe, in Frankreich Unterschlupf zu finden, verweigerte er mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen die Aussage.
Die Vernehmungen der Franzosen mögen Holzer in die Klemme bringen, doch ebenso gut können sie auch noch der Staatsanwaltschaft Probleme bereiten. Denn als die beiden aussagten, galten sie als unbescholtene Zeugen. Doch nun sind sie Beschuldigte, die sich nicht selbst belasten müssen. Denkbar ist, dass sie ihre Angaben als nicht verwertbar erklären und sich darauf berufen, nicht ausreichend über die Konsequenzen ihrer Aussagen informiert worden zu sein. In diesem Fall ist heute schon der juristische Streit um die Frage absehbar, ob die Aussagen in dem Verfahren verwendet werden dürfen.
Doch am Ende brockte sich Holzer das Ermittlungsverfahren wohl selbst ein.
Der Aufenthalt in Frankreich, so scheint es, diente Pfahls der Annäherung an Deutschland. Er wollte wohl sondieren, unter welchen Bedingungen er freiwillig heimkehren könnte - nicht zuletzt auf Druck von Holzer. Im Haus von Le Grand fanden die Ermittler einen 18-seitigen handschriftlichen Brief, in dem Pfahls eine Woche nach seiner Verhaftung im Gefängnis unter anderem beschrieb, wie Holzer ihn in den Monaten zuvor immer wieder aufgefordert habe, sich zu stellen.
Weil der Geschäftsmann Pfahls in Paris immer wieder versprach, er werde ihm einen Anwalt besorgen, und es nicht tat, wurde dieser selbst aktiv. Als Pfahls sich über einen Mittelsmann an einen Anwalt wenden wollte, kamen die Fahnder ihm und letztlich Holzer auf die Spur.
Pfahls, der sich fünf Jahre lang keine Schwäche gönnte, machte einen stümperhaften Fehler: Von einem Schreibwarengeschäft gegenüber seiner Pariser Wohnung schickte er ein 22-seitiges Fax an einen alten Bekannten in Deutschland. Die Übertragung dauerte 856 Sekunden. MARKUS DETTMER
* Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung am 1. September.
Von Markus Dettmer

DER SPIEGEL 39/2005
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