26.09.2005

KARRIERENJoschkas Reste-Rampe

Nicht nur bei den Grünen endet die Ära Fischer. In Frankfurt gibt das vom Außenminister vor 25 Jahren gegründete Karl-Marx-Antiquariat endgültig auf.
Das Ungetüm ist schwarz, zumindest da, wo die Farbe noch nicht blättert und das nackte Holz zum Vorschein kommt. Über drei Meter lang, gut zweieinhalb Meter hoch und 30 Zentimeter tief, schlicht, funktional, hässlich. "Eigentlich sollte ich es bei Ebay anbieten", sagt Petra Gienandt, Chefin des Frankfurter Karl-Marx-Antiquariats, "ich bekäme bestimmt einen guten Preis."
Nicht, dass das Bücherregal an sich etwas wert wäre, es sind vielmehr seine Erbauer. Drei Männer, die zuvor an der Revolution gezimmert hatten und hernach mit einer neuen Farbe die Republik umstrichen: die Grünen Daniel Cohn-Bendit, heute Europa-Fraktionschef, Tom Koenigs, aktueller Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, und Joschka Fischer, Außenminister. Das Links-Trio hämmerte und nagelte in proletarischer Eintracht, denn das Produkt diente schließlich einem revolutionären Zweck. Das Möbel gehörte zur Erstausstattung des Karl-Marx-Antiquariats, das der damalige Taxifahrer und Teilzeitrevolutionär Fischer vor 25 Jahren in einem frühen Anfall von Ich-AG gründete.
Nun, zeitgleich zu Fischers politischem Rückzug, muss alles raus: das Regal, die Bücher, die Revolutionsklas-
siker von Marx und Engels, die ganzen seminarlinken Theoriekonvolute, die Gutmenschen-Betroffenheitslyrik der späten Siebziger, aber auch kostbare Erstausgaben wie James Joyce' "Jugendbildnis" aus dem Jahr 1926. Wie sein Gründer ist das Antiquariat ein politisches Auslaufmodell. Bis Samstag muss der Secondhand-Bücherladen leer sein und Platz machen für die Filiale einer Bäckerei-Kette, die leichtere Kost anbieten wird: Hörnchen statt Horkheimer.
Eine Woche lang lief der Ausverkauf des bibliophilen Fischer-Nachlasses. Werner Sombarts Standardwerk zum Kapitalismus, Adorno, Marcuse, Beauvoir, die Bücher der linken Vordenker gab's als Schnäppchen zum halben Preis und für Liebhaber die "Protokolle des Vietnamtribunals". Nur ein Werk ist unverkäuflich, ein einzelner Band aus einer Tolstoi-Gesamtausgabe: "Kindheit, Knabenalter, Jünglingsjahre". Die Rückseite des ersten Blatts hat der Besitzer signiert: "J. Fischer". Das will Antiquariatschefin Gienandt behalten, als Erinnerung.
Das Tolstoi-Büchlein gehört zu der stolzen Sammlung antiquarischer Bände, mit denen Fischer Anfang der achtziger Jahre seine kurze Karriere als Buchhändler startete. Natürlich nicht einfach irgendwo, sondern, wie es sich für den damaligen Street-Fighter der Frankfurter Spaßguerilla gehörte, im Zentrum der Bewegung: dem Keller der Karl-Marx-Buchhandlung.
Die wurde Anfang der Siebziger von Studentenaktivisten gegründet und zog kurz darauf ins damalige Uni-Viertel. Hier gab es den nötigen Überbau für die akademische Linke. "Holt die gedruckten Waffen aus der Jordanstraße", warb das Kollektiv. Und lockte die Studenten als einzige Frankfurter Buchhandlung mit einer Espresso-Maschine. Das lag Fischer mehr als der seinerzeit übliche Yogi-Tee. "Joschka kam damals immer mit seiner Hündin, hat Espresso getrunken und nie bezahlt. Bücher hat er sich immer zurücklegen lassen, und dann kam er und tauschte sie gegen ein altes um", erinnert sich der damalige "Karl Marx"-Mitstreiter Heipe Weiss.
Kein Wunder, dass Fischer mit diesem Handelsgebaren auf heftigen Widerstand stieß, als er dem Kollektiv mit seinem Antiquariatsplan kam. Doch schon damals setzte er sich durch. Kumpel Harry wurde gerufen, heute als Schriftsteller Harry Oberländer bekannt. Zusammen entrümpelten sie das fensterlose muffige Loch, und Joschka eröffnete den Gebrauchtbuch-Laden. Der Antiquar-Novize hockte nur kurz inmitten seiner geliebten Bücher. Ein neues Projekt zog seine Aufmerksamkeit an: Die Grünen hatten sich gerade gegründet. Nach anfänglichem Spott über die Neuorganisierten trat Sponti Fischer 1981 der Ökopartei bei, knapp zwei Jahre später saß er für die Grünen zum ersten Mal im Bundestag. Den Buchladen, inzwischen aus dem Keller ans Tageslicht gekommen, führten andere weiter, Schluris, die den gepflegten Bestand verlottern ließen. "Es war ein richtiger Ramschladen", sagt Petra Gienandt, die 1985 ins Karl-Marx-Antiquariat kam, den Bestand aufmöbelte und zusätzlich einen Versand- und Internet-Handel aufmachte.
Doch dann zog die Frankfurter Universität weg. Die Studenten und Professoren, Hauptkundschaft bei "Marx", fanden immer seltener den Weg in die Jordanstraße. Vor zwei Jahren schließlich ging auch noch der Eigentümer des Ladenlokals Pleite, und zum 1. Oktober kam die Kündigung.
Was von Fischers Antiquariat bleibt, ist ein Buchlager in der Nachbarschaft und eine Internet-Adresse. Und die Karl-Marx-Buchhandlung, in der alles anfing. Doch wo einst die "gedruckten Waffen" in den Regalen lagerten, dominiert heute bildungsbürgerliches Lesefutter - inklusive der Bücher des Staatsmanns Joschka Fischer.
ANDREAS WASSERMANN
* Bei der Vereidigung zum hessischen Umweltminister durch SPD-Ministerpräsident Holger Börner.
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 39/2005
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