26.09.2005

STRAFJUSTIZ„Kinder sind wie Unkraut“

Der Fall des verhungerten Kindes Jessica vor dem Hamburger Landgericht wirft viele Fragen auf. Warum haben sich die Eltern, vor allem die Mutter, so verhalten? Von Gisela Friedrichsen
Das Bild des nackten Kindes. Sein Totengesicht. Wie "Der Schrei" Edvard Munchs dröhnt das Grauen auf der Leinwand durch den Gerichtssaal.
Da hört das Atmen auf. Da bewegt sich keiner mehr. Da greift das Entsetzen an die Kehlen und hält den Herzschlag an.
Der Obduzent, der die im Alter von siebeneinhalb Jahren gestorbene Jessica untersucht hat, präsentiert im Hamburger Landgericht die Leichenfotos den Prozessbeteiligten und einigen Berichterstattern wie im Kino auf Leinwand, damit man sich "ein Bild machen könne" von dem außergewöhnlichen Fall, zu dem es in der neueren Literatur keinen Vergleich gebe. Für den eine "sehr komplexe Rekonstruktion, wie ich sie noch nie gemacht habe", angestellt worden sei. "Ich musste bis ins Warschauer Ghetto zurückgehen, um einen solchen Befund zu finden."
Jessica, geboren am 25. August 1997, gestorben in der Wohnung ihrer Eltern am 1. März 2005: kein Säugling oder Kleinkind einer rauschgiftsüchtigen Mutter etwa, die auf Tour ging und ihr Kind darüber einige Tage oder Wochen lang vergaß, solche Fälle sind bekannt - sondern ein über Jahre langsam verhungertes und verdurstetes, massivst ausgezehrtes Mädchen mit einem Realgewicht von 8,7 Kilo, das kein Gramm Fett und kaum noch Muskulatur hatte, dafür aber ein knappes Kilo steinharter Kotballen im Leib. Es starb bei vollem Bewusstsein, nachdem ihm von seiner Mutter wieder mal ein paar Löffel in den Mund gestopft worden waren. Es starb unter unvorstellbaren Schmerzen und Qualen, weil es nicht einmal mehr die wenigen Reiskörner und Hühnerfleischstücke und das bisschen Pudding wegen des Kots im Darm verdauen konnte, sondern erbrach und das Erbrochene einatmete.
Das Kind hatte im Alter von etwa drei Jahren zu wachsen aufgehört. Viele Monate, wenn nicht Jahre vor seinem Tod konnte es nicht mehr laufen, sondern sich höchstens kriechend oder robbend fortbewegen, so weit war der Knochenabbau schon fortgeschritten (was die These von einer tödlichen "Stromfalle" im Kinderzimmer in Frage stellt; Jessica hatte längst nicht mehr die Kraft, bis zu dem defekten Schalter zu gelangen). "Wenn ein solch extremer Mangel herrscht, holt sich der Körper Kalzium aus den Knochen, die dann brüchig werden wie Glas", erklärt der Obduzent. Oder die Knochen hätten sich verbogen, weil sie selbst das geringe Gewicht nicht mehr gehalten hätten: "Ein Bild, das man bei uns überhaupt nicht kennt!"
"Wäre Jessica zu retten gewesen, hätte man sie einige Tage vor ihrem Tod zum Arzt gebracht?", fragt der Staatsanwalt vor der Großen Strafkammer 22 des Hamburger Landgerichts. "Körperlich vielleicht - aber geistig wären auf jeden Fall Schäden zurückgeblieben. Wahrscheinlich wäre Jessica dann an anderen Komplikationen gestorben. Da müsste man einen Arzt fragen, der Erfahrungen mit Hungernden in der Dritten Welt hat", antwortet der Rechtsmediziner.
Wie das Mädchen Jessica in der elterlichen Wohnung dahinvegetieren musste - es ist in den Medien in allen grausamen Details dargestellt worden. In einem kahlen, kalten, leeren Raum ohne Licht, dessen Fenster mit schwarzer Folie beklebt waren, einsam auf seinem verschmutzten Etagenbett apathisch auf das Ende wartend. Vor Monaten muss Jessica wohl noch versucht haben, in dieser Ödnis Teppichflusen zu essen. Oder sie hat in trostloser Verzweiflung den Putz abgekratzt - man mag sich das alles gar nicht vorstellen.
Angeklagt wegen Mordes durch Unterlassen sind nun Jessicas Mutter, Marlies Sch., 36, und ihr Vater Burkhard M., 50. Was sind das für Menschen, die mit einem Kind, ihrem eigenen Kind, so umgehen?
Stur, dickfellig, faul, wie Marlies Sch. von Außenstehenden oft geschildert wird - reicht das zur Erklärung dieses schwer abnormen Verhaltens? Hätte die Mutter, wäre ihr das Kind nur auf die Nerven gegangen, hätte sie sich nur überfordert oder zu Mutterliebe unfähig gefühlt, nicht weitaus einfachere, bequemere Wege gehen können, um sich der Last zu entledigen? Sie sagt nichts Positives - aber auch nichts Negatives über Jessica. Sie war nicht enttäuscht von dem Kind, sie fühlte sich nicht gestört, auch nicht angeekelt. Sie fühlte gar nichts. Sie sagt von sich aus so gut wie nichts über das Kind.
Marlies Sch. scheint Signale des Kindes entweder nicht wahrgenommen oder völlig falsch gedeutet zu haben. Bei aller Unauffälligkeit im Aussehen ist diese Frau
höchst auffällig. Wenn sie vor Gericht spricht, mit dünner, ja hauchdünner Stimme, fast flüsternd, dann klingt das stellenweise durchaus normal. Sie weint bisweilen, nachvollziehbar. Im Sekundenbruchteil aber ändert sich der Ton, die Stimme wird trotzig, verstockt, der Kopf sinkt auf die Brust, sie reagiert auf nichts mehr, was von außen herandrängt.
"Sie wollen wirklich dabei bleiben, Sie hätten das Kind dreimal am Tag gefüttert?" Der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg bemüht sich um Fassung. "Ja." Sie scheint dieses fremde Ding, das ihr Kind war, wenn überhaupt, weitgehend mechanisch versorgt zu haben. Wie man beim Auto einen Ölwechsel vornimmt und dann vergisst, dass das ja schon vor geraumer Zeit war, und wie man dann sagt, das Öl sei doch gerade oder dauernd gewechselt worden.
Marlies Sch. ist nicht dumm, im Gegenteil. Ihr Intelligenzquotient liege über dem Durchschnitt, sagt ihr Verteidiger Manfred Getzmann. Und wäre sie gefördert worden als Kind, läge er noch höher. Sie löst nicht Sympathien, geschweige denn irgendeine Art von Mitgefühl aus. Man wagt kaum zu fragen, was ihr wohl Schreckliches widerfahren sein muss, dass sie zu einer Frau wurde, der jede innere Instanz zur Erkenntnis dafür fehlt, wie sich eine Mutter gegenüber ihrem Kind verhält.
Mutterliebe ist nicht angeboren. Kinder werden nicht unbedingt instinktiv geliebt. Tiere zum Beispiel, die nicht im Familienverband aufwachsen, verstoßen oft ihre Jungen oder fressen sie auf oder treten sie tot. Sie wissen nichts mit ihnen anzufangen. Muss nicht auch der Mensch zu Beginn seines Lebens wenigstens ein Minimum an Zuwendung und Fürsorge erfahren, damit er sie später weitergeben kann? Was ist bei Marlies Sch. passiert?
Man weiß nicht viel. Dass sie ihren Vater "nicht erlebt" hat. Dass ihre Mutter trank, mit fremden Männern Sex in der Wohnung hatte, dass es nichts zu essen, dafür aber Schläge gab, dass der Großonkel, der mit der Mutter ein sexuelles Verhältnis unterhielt, auch das verwahrloste Mädchen betatschte. Es soll eine Verwandte geben, die bezeugen kann, dass sich die etwa sechsjährige Marlies nur still unter der Bettdecke aufhalten durfte, während an der Wand über dem Bett Pornofilme liefen. Der Großonkel soll gesagt haben: "Kinder sind wie Unkraut. Die finden selber etwas zu essen."
Sie erinnert sich an vieles nicht. Wahrscheinlich kann sie nur überleben, indem sie sich nicht erinnert. Marlies Sch.s Mutter will ihr vor Gericht "nicht unter die Augen treten".
Mit 19 gebiert Marlies Sch. den ersten Sohn. Bereits ihn hält sie in einem dunklen Raum, versorgt ihn nicht ausreichend, bis eine Tante die Adoption des Kindes veranlasst.
Es folgt eine Ehe, in der zwei Kinder geboren werden, erst ein Junge. Angeblich will sie dieses Kind, aber kaum ist es da, verfällt sie erneut in totale Abwehr. Der Mann ist entsetzt. Er will sich scheiden lassen von dieser Frau, die mit Hinweis auf den Sohn sich weigert zu arbeiten, das Kind aber gleichzeitig verkommen lässt. Sie verhindert die Scheidung, indem sie wieder schwanger wird und eine Tochter zur Welt bringt. Die Ehe scheitert endgültig, der Mann bekommt die Kinder zugesprochen. Sie weint ihnen keine Träne nach.
Auch vor dem Hamburger Gericht spricht sie nicht von diesen drei Kindern, die Jessicas Schicksal offenbar nur deshalb nicht ereilte, weil sie rechtzeitig gerettet wurden. Sie spielen für Marlies Sch. keine Rolle. Es ist, als gäbe es sie nicht.
Sie zieht mit Burkhard M. zusammen, der als Maler gut verdient, als Ernährer daher ihr Interesse findet und in seiner gleichmütigen, monotonen Art oberflächlich mit ihr zu harmonieren scheint. Beobachtet man ihn im Gerichtssaal, seinen leeren Blick, seine matten Gesten, dieses konturenlose fatalistische Sich-Fügen in die entstandene Situation - so wird auch vorstellbar, wie er Marlies gewähren ließ in ihrem Umgang oder Nicht-Umgang mit Jessica. Nicht, dass er an dem Kind gar kein Interesse gehabt hätte. Zeugen berichten, dass sie ihn schon mal mit dem Kind auf dem Arm gesehen hätten und es sich an ihn klammerte. Doch als er arbeitslos wurde, immer mehr trank und es unablässig zu Streit kam - für Marlies wohl die Hölle, in der die Erinnerung an die verhasste Mutter zurückkehrte -, riss der letzte Kontakt des Kindes zur Außenwelt ab.
Damals hörte sie auf zu wachsen, zu laufen, zu sprechen. Von da an "hat sie sich immer quer gestellt", wie ihre Mutter das nennt. Sie habe den Vater "nicht mehr an sich rangelassen". Sie habe den Teppich im Zimmer "verwüstet". Sie habe die Jalousie kaputtgemacht. Sie habe ihr Spielzeug zerstört. Sie habe "gemeckert" oder "gequakt". Das ist alles, was Marlies Sch. von ihrer Tochter weiß.
Für kurze Zeit hat sie einen neuen Freund, Burkhard M. sieht teilnahmslos zu. Soll sie doch sehen, wo sie mit dem Kind bleibt.
Der Fall Jessica scheint nicht nur für den Rechtsmediziner eine absolute Rarität zu sein. Die abnorme Bindungslosigkeit oder -unfähigkeit der angeklagten Mutter - oder wie immer man ihr unbegreifliches Verhalten nennen mag - mutet den Beobachter wie eine höchst ungewöhnliche und äußerst seltene Art einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung an. Ob sich Marlies Sch. auch anders hätte verhalten können? Nimmt man ihr relativ hohes intellektuelles Potential als Maßstab, wäre die Frage zu bejahen. Sieht man sich ihre Lebensgeschichte an: Sie hat offenbar nie begriffen, dass sie mit Kindern etwas falsch macht. Nicht, weil sie dumm oder faul ist, sondern weil sie anscheinend emotionale Wahrnehmung nicht erlernt, nicht einmal die üblichen Schutzreflexe für ihre Kinder ausgebildet hat. Ob diese Störung mit dem üblichen Rechtsbegriff der schweren anderen seelischen Abartigkeit zu erfassen ist?
Das Kind hat nicht gegessen. Das Kind hat nicht getrunken. Das Kind wollte sich nicht anziehen lassen, wollte nicht an die Luft, wollte nicht richtig sprechen, ist nicht mehr aufgestanden und so fort. Das Kind war es. Der Vorsitzende fragt Marlies Sch., ob sie mittlerweile wisse, was sie falsch gemacht habe. "Alles", sagt sie.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 39/2005
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