26.09.2005

TV-WERBUNGMarienhof total

Jürgen Doetz, 60, Präsident des Verbands Privater Rundfunk und Telekommunikation, über Schleichwerbung, Product-Placement und die Liberalisierung der europäischen Werbevorschriften
SPIEGEL: Ihr Verband hat in der vorigen Woche bei der EU-Konferenz für audiovisuelle Politik in Liverpool die Aufhebung der Trennung von Programm und Werbung gefordert und sich für eine Legalisierung bezahlter Produktplatzierung im Fernsehen eingesetzt. Vor dem Hintergrund der ARD-Schleichwerbeaffäre muss das für die Zuschauer wie Hohn klingen. Wollen Sie "Marienhof total"?
Doetz: Es geht nicht um die Legalisierung von "Marienhof", sondern um Produktplatzierungen, die dem Nutzer kenntlich gemacht werden. Wir wollen Transparenz. Wenn es in einer Serie ein Kaffeekränzchen mit Nescafé gibt, sollte im Vorspann darauf hingewiesen werden, dass diese Sendung von Nescafé unterstützt wird.
SPIEGEL: Ein Hinweis im Vorspann soll verbotene Schleichwerbung in legales Product- Placement verwandeln?
Doetz: Wenn der Zuschauer vorher darauf hingewiesen wird, dass in der Sendung Werbung stattfindet, ist er bestens informiert. Der Unterschied zwischen Schleichwerbung und Produktplatzierung ist der Ausschluss von Irreführung. Außerdem ist eine Produktplatzierung zuschauerverträglicher, weil sie 3 Sekunden und nicht 300 dauert wie die klassische Werbeinsel.
SPIEGEL: Und der Zapper, der den Hinweis verpasst, tappt in die Werbefalle.
Doetz: Das kann man dem Zapper schon zumuten. Man kann ja nicht pausenlos Hinweise einblenden. Bei jugendgefährdenden Programmen gilt ein Hinweis am Anfang ja auch als ausreichend.
SPIEGEL: Sie wollen auch Informationssendungen, die keine klassischen Nachrichten sind, für die Platzierung von Produkten und Dienstleistungen öffnen. Dann könnte in einer Sendung zum Thema Versicherungsschutz mit Vertretern eines Konzerns gesprochen werden, der vorher dafür bezahlt hat. Mit journalistischer Unabhängigkeit wäre es vorbei.
Doetz: Das hat doch nichts mit der redaktionellen Arbeit zu tun. Ob die Werbung in einem Spot läuft oder über Produktplatzierung, kann der Redaktion egal sein. Redaktionelle Selbstverpflichtungen müssen die Unabhängigkeit der Journalisten sicherstellen.

DER SPIEGEL 39/2005
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