26.09.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEFC Oellers

Ein Fan kauft seinem Verein einen Spieler - sich selbst.
Jeder Fußballfan will seiner Mannschaft so nahe wie möglich sein, und jeder Junge auf der Tribüne träumt davon, irgendwann das Trikot seines Vereins unten auf dem Rasen zu tragen. Wenn sein Talent nicht reicht, dann bleibt der Fan immer nur Fan, es sei denn, er ist russischer Ölmilliardär und kauft sich seine Mannschaft. Wie man es auch mit wenig Talent und wenig Geld in den Kader schafft, kann Markus Oellers aus Krefeld erzählen.
Begonnen hat alles damit, dass sein Verein die Stars von Bayern München schlug, im Jahr 1985, mit 2:1, und das im Pokalendspiel. Markus war damals zwölf und saß mit seinen Eltern im Berliner Olympiastadion. Sein Verein schlug im Europapokal Dynamo Dresden 7:3, nach einem 1:3-Rückstand, da war Bayer Uerdingen, sein Verein, ganz oben, und in seinem Kinderzimmer mit den blau-roten Wimpeln hat Markus geträumt, eines Tages selbst Spieler zu sein. "Oellers, Oellers!", riefen die Fans, wenn er nachts schlief.
Bis ins Stadion waren es 300 Meter. Und diesen Weg ist Oellers oft gelaufen, seine Mannschaft gewann und verlor, die großen Siege wurden weniger, und 1995 verabschiedete sich auch noch der Hauptsponsor, die Bayer AG. Als "Krefelder Fußball-Club" stieg Oellers' Verein ab in Liga zwei, und die Autos, die mal bis vor seinem Fenster parkten, wurden immer weniger.
Nachdem der Club 1999 in die Regionalliga abstieg, waren sie weg, die Autos vor Oellers' Fenster. Sie passten alle auf die Parkplätze am Stadion, und wenn heute ein Spiel ist, sind die Parkplätze fast leer. Mit einer dieser Flächen wollte der KFC Geld verdienen für die Gehälter seiner Spieler, aber die Politiker waren dagegen, und der DFB entzog dem Verein die Lizenz. Die Mannschaft spielt jetzt Oberliga, und in Oellers' Büro - er ist selbständiger Finanzdienstleister - hängt der Wimpel nur noch hinter der Tür, in Blau und Rot.
Natürlich hat er sich in jeder Saison eine Dauerkarte gekauft, auch wenn die Gegner jetzt Junkersdorf oder Kleve heißen. Treu steht Oellers im Block, singt sein Lied; gegenüber die Tribüne ist gesperrt, das spart Reinigungskosten, und auf dem Rückweg am Zoo sieht er Kinder spielen, Krefelder Kinder, eines trägt ein Trikot, nicht blau-rot, es ist blau-weiß - vom MSV Duisburg.
Oellers' Verein, man muss es so sagen, kämpft mit dem Tod, er feiert sein 100jähriges Bestehen in diesem Jahr und hat Insolvenz angemeldet. Die Vereinsbosse hatten lange nach Auswegen gesucht, dann einen gefunden, einen modernen, der nach Aufbruch klang und ein bisschen nach Verzweiflung. Man beschloss, einen Platz in der Mannschaft zu versteigern, gegen Höchstgebot, über Ebay im Internet. Das bringt Geld, das bringt Schlagzeilen, bringt Sponsoren - und so vielleicht noch mehr Geld.
Die Not des Vereins war die Chance des 32-Jährigen, dem Traum seiner Kindernächte wieder nahe zu kommen.
Also hat er mitgemacht bei der Versteigerung, Oellers war nach Minuten geschlagen. Das meiste bot ein Anwalt aus Hamburg. 33 050 Euro waren eine schöne Summe, und es gab wieder gute Nachrichten aus Krefeld.
Am Tag der Verkündung waren alle da im "Krefelder Hof", die Lokalpresse, RTL, Sat.1, der "Kicker", das japanische Fernsehen. Tiefer Teppich, schwere Vorhänge, Schmuckvitrinen, Rondò Veneziano. Doch in Hamburg, wo der Mann mit dem Geld live ans Telefon gehen sollte, nahm niemand ab.
Die Vereinsleute haben es immer wieder versucht, wieder und wieder, bis die Presse fuhr, ohne gute Nachrichten aus Krefeld. Später erreichten sie den Anwalt. War nur Spaß. "Ich war im Urlaub. Ich hatte keine Lust mehr." Was weiß ein Hamburger über diesen Krefelder Club, der mal die Bayern schlug.
Der Verein hat die Liste der Bieter abtelefoniert, bis sie runter waren auf 2688 Euro und 5 Cent. Das war der Moment, als das Telefon klingelte in Oellers' Büro, im Haus der Eltern.
Er hat natürlich nicht gezögert, nur danach an sich runtergesehen, 1,68 Meter, 74 Kilo, und beschlossen, weniger zu essen. Er isst nur noch zwei Scheiben Brot am Abend und Obst, ein Fußballer hat kein Übergewicht, er trainiert mit Stanko, Patrick, Manuel und den anderen.
Er gehört zum Kader, es hat 20 Jahre gedauert, er hat es geschafft.
Und selbstverständlich kommt er nun jeden Tag, sie werden ihn nicht wieder los. Er kriegt Autogrammkarten, 200 Stück, er steht auf dem Mannschaftsfoto vorn, er will es in die Stammelf schaffen. Der Trainer sagt: "Was soll ich sagen?" Und sagt, es sei ein langer Weg.
Oellers will ihn gehen. Die Saison ist lang, er hat vorher in der Mannschaft der Stadtwerke gespielt, im Sturm. Er ist Steinbock, er macht keine halben Sachen.
Beim Spiel gegen Schwarz-Weiß Essen sitzt er auf der Bank, im Spielbericht ist er "Betreuer", eine Garantie zu spielen hat er nicht. Er hat den Blick auf den Rasen gerichtet, die Hände auf die Knie gelehnt, manchmal sieht er kurz hoch zur Tribüne, wo er sonst stand, später sagt Oellers: "Wir spielen gut heute." Der KFC gewinnt das Spiel, und am Tresen im Business-Club klopfen sie ihm auf die Schulter, sagen: "Oellers, nicht so viel futtern, sonst wird es nichts mit den Kilos." Sie lachen, er lächelt.
Oellers will helfen, auch als Finanzexperte. Er hat Flyer ausgelegt im Foyer, er trainiert in Fußballschuhen von Aldi für 9,90 Euro. Die soll jetzt jeder tragen, Stanko, Patrick, Manuel und alle anderen neuen Mannschaftskameraden. BARBARA HARDINGHAUS
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 39/2005
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