26.09.2005

IRAKDer Kapuzenmann

In dieser Woche werden die Folterungen im Gefängnis von Abu Ghureib wieder vor Gericht verhandelt. Misshandelte sind nicht als Zeugen geladen, der Iraker Hadschi Ali überlebte Elektroschocks und Schläge und hat seine Peiniger verklagt. Von Anita und Marian Blasberg
Am Tag, als er vor den Augen der Welt seine Unschuld verlor, saß Sergeant Javal Davis in der Kantine der Victory Base in Abu Ghureib und löffelte einen Teller Reis mit Thunfisch. Davis aß mechanisch, er hörte nicht, was die anderen Soldaten redeten, und nur manchmal ging sein Blick hinauf zum Fernseher.
Es war der 28. April 2004, noch immer schlugen in ihrem Lager nahe Bagdad die Granaten ein, und auf CNN flimmerten Bilder aus der Heimat, Basketball, das Weiße Haus, die Wall Street. Dann wurde es plötzlich still im Raum.
Auf dem Bildschirm war ein Mann zu sehen, die Arme ausgebreitet und verkabelt, der Kopf verhüllt von einem Sandsack. Darunter stand "Skandal in Abu Ghureib". Dann andere Fotos: Häftlinge an Hundeleinen, Haufen nackter Leiber, ineinander verkeilt.
Jemand drehte den Ton auf, und Javal Davis hörte den Sprecher seinen Namen sagen, sie zeigten sein Foto aus dem High-School-Jahrbuch, ein großer schwarzer Junge mit offenem Gesicht und breitem Lächeln. Dann redete der Verteidigungsminister von sieben entarteten Soldaten, die Schande gebracht hätten über die USA.
14 Monate später sitzt Javal Davis in der Kanzlei seines Anwalts in Newark, New Jersey. Er hat sich einen Drachen auf den Oberarm tätowieren lassen und trägt jetzt einen Bart, der nicht so recht in sein kindliches Gesicht passen will.
Davis kann seinem Gesprächspartner nicht in die Augen sehen und knetet seine Finger, wenn er spricht. Seit vier Monaten ist er wieder frei, als Erster jener sieben Soldaten, gegen die Amerika vor Gericht zog, angeklagt der Pflichtverletzung und der Konspiration, der Körperverletzung und der sexuellen Demütigung von Gefangenen.
Sechs der sieben beschuldigten Soldaten wurde bisher der Prozess gemacht. Charles Graner bekam zehn Jahre, Ivan Frederick acht, und was aus Lynndie England wird, das klärt bis Ende dieser Woche ein Militärgericht in Fort Hood, Texas.
Davis sagt, sein Land habe ihn bestraft für Dinge, die nicht in seiner Hand lagen; stattdessen sollten diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die das Foltersystem von Abu Ghureib zu verantworten haben. Davis möchte reden und die Dinge
klarstellen. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine weiße Mappe mit Dokumenten aus seinem Leben, er blättert darin, manchmal zeigt er auf eines der Dokumente, auf eine Auszeichnung zum Mitarbeiter des Monats etwa, auf Urkunden von der Universität, auf eine Bürgschaft des Bürgermeisters von Roselle, seiner Heimatstadt.
"Bin ich ein schlechter Mensch?"
Hadschi Ali sitzt auf dem Sofa eines Hotelzimmers in Amman. 16 Monate sind seit seiner Entlassung aus Abu Ghureib vergangen. Es ist ein wunderschöner Sommertag, aber die Vorhänge bleiben zugezogen, weil unten am Pool Mädchen im Bikini liegen könnten.
Hadschi Ali greift die Zigarettenschachtel mit der rechten Hand und angelt mit dem Mund nach einer Marlboro, dann startet er den Laptop auf dem Tisch und ruft eine irakische Website auf, albasrah.net, die Bilder aus dem Lager. Er scrollt sich durch die Seite, und manchmal hält er inne: "Hier", sagt Hadschi Ali dann, "das ist Abu Hudheifa, der Imam, wie er von den Schüssen verletzt auf dem Gang liegt. Oder hier, Sabrina Harman, die sich über den Toten aus dem Duschraum beugt."
Hadschi Ali spricht langsam und leise, seine Stimme klingt ein wenig heiser.
"Graner", sagt er, "dieses Schwein."
Dann scrollt er weiter, bis zu jenem Bild, das einen Mann im schwarzen Umhang zeigt, auf einer Kiste stehend, den Oberkörper leicht geneigt, die Arme verkabelt und auf dem Kopf eine Kapuze. Hadschi Ali schluckt, er zoomt die Hand näher heran und deutet auf den Bildschirm: "Sieh", sagt er, "irgendetwas stimmt nicht mit der Hand, sie wirkt verletzt."
Hadschi Ali sagt, dass er sich sicher sei, der Mann auf diesem Bild zu sein.
Überall im Irak ist heute dieses Bild zu sehen, es hängt an Häuserwänden und Moscheen. Der Kapuzenmann ist eine Ikone. Sein Bild steht stellvertretend für all die Misshandlungen, die Amerika an seinem Volk begangen hat.
Es ist gut, sagt Hadschi Ali, dass es diese Bilder gibt, denn ohne sie hätte die Welt von Abu Ghureib niemals erfahren.
Niemand, sagt er, hätte uns geglaubt. Er angelt sich wieder eine Marlboro, zündet sie an und beginnt zu erzählen.
Damals, als die Amerikaner kamen, sagt er, sei ihm klar gewesen, dass sie ihn eines Tages holen würden, so viele hatten sie geholt in den Wochen zuvor. Es war der 14. Oktober 2003, fünf Monate nach Kriegsende, ein Dienstag, und die Luft roch bereits nach Winter.
Am Tag seiner Verhaftung trug Hadschi Ali ein grünes Hemd über seiner Dischdascha. Er war auf dem Weg zu seinem Parkplatz, er hat Stellplätze an die Besucher einer Moschee verpachtet, die am Stadtrand von Madifai liegt. Hadschi Ali hörte in seinem Rücken den Motorenlärm schwerer Fahrzeuge, er drehte sich um und sah die Wagen näher kommen, Panzerwagen, "Humvees". Hadschi Ali wurde eingekreist, 20 Soldaten sprangen auf den Bürgersteig, zogen Waffen, Handschellen und eine Kapuze, drückten ihn zu Boden.
"Bist du Hadschi Ali?"
Dann wurde es Nacht vor seinen Augen.
Ali al-Schalal Abbas, den alle Hadschi rufen, seit er nach Mekka pilgerte vor ein paar Jahren, lag auf der Ladefläche und machte sich Mut. Hab keine Angst, sagte er zu sich, du hast nichts verbrochen.
Als sie losfuhren, hörte er Passanten schreien. Er ist ein angesehener Mann in Madifai, einem Stadtteil von Abu Ghureib, 300 000 Einwohner, nicht weit von Bagdad. Bevor die Amerikaner kamen, war er hier Ortsvorsteher, ein Muchtar, der sich bei den Behörden für die Bürger einsetzt.
Hadschi Ali kann nicht sagen, wie lange die Fahrt dauerte. Alles, was er spürte, war der Benzingeruch in seiner Nase, waren die Schläge unebener Pisten und die
Schmerzen in der linken Hand, die er sich verletzt hatte, bei einer Hochzeit, als er mit der Flinte seines Vaters in die Luft schoss. Das Magazin explodierte, es zertrennte ihm die Sehnen, er verlor zwei Fingerkuppen, die Wunde war noch frisch.
Irgendwann stießen sie ihn von dem Wagen, ketteten ihn an ein Gitter, dann hörte er Stimmen in der Dunkelheit, Iraker. Hadschi Ali fragte: "Wo sind wir hier?"
"Ich glaube", flüsterte einer, "das ist Abu Ghureib."
Als der Militärpolizist Javal Davis Anfang Oktober 2003, kurz vor der Verhaftung von Hadschi Ali, zum ersten Mal das Tor zur Festung Abu Ghureib passiert, schlägt ihm süßlicher Verwesungsgeruch entgegen. Überall liegen Trümmer, Rattenund Hundekadaver, aus einem Schutthaufen ragen angefressene Leichenteile. "Willkommen in Oz" verheißt ein Schild neben der Lagereinfahrt.
Willkommen in Saddams berüchtigter Folterkammer.
Man führt ihn durch einen zweistöckigen Betonbau aus den Sechzigern, durch endlose Korridore mit schmutzig grauen Zellen, 4000 Häftlinge sitzen in Gebäuden aus Stein, 6000 vegetieren draußen in den Camps, verteilt auf 70 Hektar, kontrolliert von 170 Amerikanern, eingefasst von 24 Wachtürmen und einer meterhohen Mauer.
Manche Flure betritt Davis nur mit Atemschutz; offene Tuberkulosen, Hepatitis, HIV, erklärt man ihm. Davis sieht einen Raum mit einem Galgen, einen Schredder für die Leichen und Saddams Krematorium. Es liegt noch Asche auf dem Boden, "ich liebe meine Familie", hat jemand mit Blut an den Beton geschmiert, "ich will nicht sterben".
Davis mag seinen Job bei der Armee. Er war als Blauhelmsoldat in Bosnien. Er hat die Massengräber gesehen, die Witwen und Waisen, die Krüppel, er hat gelernt, Amerika verteidigt das Gute in der Welt.
Davis hatte sich auf einen finsteren Kerker eingestellt, aber das hier, denkt er in seinen ersten Tagen in Abu Ghureib, das muss die Hölle sein.
Hadschi Ali steht in der Mitte eines hellen Raums, es ist der Tag nach seiner Ankunft, und es stinkt beißend nach Urin. Hinter einem Tisch sitzen drei Männer, der Älteste befragt ihn, Hadschi Ali antwortet knapp, nach seiner Erinnerung in etwa so:
"Du bist also ein Terrorist."
"Wie kommen Sie darauf?"
"Wo ist Saddam Hussein?"
"Ich weiß es nicht."
"Osama Bin Laden?"
"In Afghanistan."
"Woher weißt du das? Hast du ihn getroffen?"
"Ich weiß es aus den Nachrichten."
"Wir wissen, dass du ein bekannter Mann in deinem Ort bist. Du kennst eine Menge Leute. Du weißt, wer die Widerständler sind. Sag uns, was sie planen."
Hadschi Ali bleibt stumm.
"Oder willst du, dass wir deine Hand verfaulen lassen?"
Nicht weit von Saddams Krematorium bezieht Javal Davis eine ehemalige Zelle, kaum zehn Quadratmeter groß, sie teilen sie sich zu neunt. Ein Sarg ohne Fenster, ohne Tür, an den Wänden klebt getrocknetes Blut, auf dem Boden steht das Abwasser, Davis beginnt zu putzen.
Er schrubbt den Zellenboden, er scheuert die Wände, dann verrammelt er die Fenster- und Türöffnungen mit Brettern. Er ist ein gründlicher Mensch. In 20 Jahren will er Offizier sein. Er raucht und trinkt nicht, er lief die 110 Meter Hürden schneller als jeder andere in New Jersey.
Als er im Mai 2003 in den Irak aufbrach, glaubte Davis noch, sie würden Terroristen fangen und Atomraketen finden, sie wären schnell wieder daheim, so wie es sein Präsident versprochen hatte.
Davis landete zunächst in Hillah, Babylon-Provinz, dort war es ruhig und friedlich. Die 372. Kompanie, 180 Reservisten, bildete irakische Polizisten aus. Davis überreichte 4000 Diplome in wenigen Monaten, "Sergeant Davis, guter Mann", sagten die Iraker und blickten zu ihm auf.
Als Davis sich an diesem Abend in sein Feldbett legt, unter ihm die Bibel, die 9mm und die Fotos der Familie, spricht er das Vaterunser. Draußen knallen Schüsse, er hört die Gefangenen schreien und beten.
Sie beten tags wie nachts, Stunde um Stunde, und sie beten gemeinsam, Schiiten und Sunniten. Hadschi Ali sitzt mit etwa 50 Männern in dem Zelt, Camp Vigilant heißt dieser Teil des Lagers, Camp der Aufständischen; fünf Zelte, jedes sieben Meter lang, bilden jeweils eine Einheit.
Wenn sie beten, dann hocken die Gefangenen dicht an dicht, und sie murmeln ihre Verse aus trockenen Kehlen. 60 Liter Wasser haben sie am Tag für 50 Männer, das reicht zum Trinken, aber für die rituelle Waschung reicht es nicht. Die Mahlzeiten, meist Reis, kommen kurz nach Sonnenaufgang. Es ist Ramadan, es ist Schikane. Hadschi Ali bricht sein Fasten nicht.
Drei Männer, die er aus Madifai kennt, bauen ihm aus Erde eine Bettstatt, und sie berichten dabei abenteuerliche Dinge. Einer sagt, er sei hierher gekommen, weil er einen amerikanischen Soldaten daran gehindert habe, mit dem Panzer einen Bürgersteig kaputtzufahren; der Nächste sagt, sie hätten ihn kassiert anstelle eines Nachbarn; dem Dritten wurde vorgeworfen, dass er Palästinenser ist.
Hadschi Ali dämmert langsam, dass diese Sache dauern kann, es ist egal, denkt er, was ich erzähle. Zehn Tage sitzt er in Camp Vigilant, bald kommt der Frost, zu Hause trägt die Frau ein Kind im Leib, und wie an allen Tagen, so kommt auch am neunten Tag ein Wachsoldat ans Zelt und fragt, ob Nummer 151716 nun reden wolle.
Hadschi Ali schweigt.
Am nächsten Morgen holen sie ihn ab.
Sie ziehen ihm eine Kapuze über und fahren einige Minuten über das Gelände. Dann betreten sie ein Gebäude, Schritte hallen, es ist kühl und feucht. Ihm wird befohlen, seine Kleidung abzulegen, und Hadschi Ali legt sie ab bis auf die Unterhose.
"Weiter! Auch die Unterhose!"
Sie reißen ihm die Unterhose mit Gewalt vom Leib, Hadschi Ali zittert, er trägt Fesseln an Händen und Füßen, sechs oder sieben Soldaten zerren an ihm herum, einer von ihnen sagt, er solle die Treppe hoch.
Hadschi Ali lässt sich fallen, er kriecht und windet sich, ein Stechen in der steifen Hand, der Dolmetscher befiehlt ihm, zu bellen wie ein Hund, und Hadschi Ali bellt.
"Wau."
"Lauter!"
"Wau!"
Immer wieder bricht er zusammen, er kommt kaum vorwärts, nach ein paar Stufen spürt er Peitschenhiebe, Tritte, "schneller", brüllen sie.
Dann reißt ihm jemand die Kapuze ab, packt ihn an den Haaren, schleift ihn weiter, Hadschi Ali blickt nach oben, und am Treppenabsatz erkennt er einen Mann mit Megaphon, schwarz, athletisch, aggressiv, er feuert Hadschi Ali an: "Up, man! Up! Come on!"
An seiner Brust trägt dieser Mann ein Schild, auf dem ein Name steht: Davis, MP.
Oben setzen sie ihm die Kapuze wieder auf, stellen ihn an ein Gitter, binden seine Hände hoch über dem Kopf zusammen, so dass er auf den Zehenspitzen stehen muss. Hadschi Ali friert, er fragt sich, was sie von ihm wollen. Manchmal kommt der Wachmann mit dem Megaphon, wahrscheinlich Davis, und flüstert ihm ins Ohr:
"Mit welcher Waffe hast du auf uns geschossen? Kalaschnikow? AK-47?"
Einen Tag und eine Nacht steht Hadschi Ali am Gitter. Immer wieder verliert er das Bewusstsein, knicken seine Fußgelenke um, spritzen sie ihn mit kaltem Wasser wach.
Irgendwann fragt er den Schwarzen mit dem Megaphon, ob er mal pinkeln dürfe, aber der verneint. Irgendwann entleert er sich auf seine eigenen Füße.
"Wie sieht es aus", fragt eine sanfte Stimme wenig später, "sprichst du jetzt?"
"Ich würde gern, aber ich kenne keine Terroristen. Ich weiß nicht, wer was plant, verstehen Sie? Und es ist gegen meinen Glauben, Unschuldige zu verraten."
Hadschi Ali bleibt noch eine Weile an dem Gitter, er hat aufgehört zu denken, aufgehört zu fühlen, dann wird er verlegt in eine feste Zelle. Ihm wird gesagt, er habe jetzt genug gelitten, er brauche nun Entspannung, und deshalb gebe es Musik. Sie fixieren ihn am Boden, platzieren ein Megaphon gleich neben seinem Ohr und spielen immer wieder das gleiche Lied, "Rivers of Babylon", 10-mal, 20-mal, es läuft die ganze Nacht hindurch, so laut, dass Hadschi Ali glaubt, ihm platze der Schädel.
Wenn Javal Davis das Megaphon an das kleine CD-Radio anschließt, spielt er am liebsten Metallica, dann drückt er auf "Repeat" und setzt sich die Ohrstöpsel ein. Falls die Gefangenen Metallica mögen, spielt er Country. Country wirkt immer.
Seit einer Woche schiebt er Schicht auf Zellenblock 1A/B, dem Hochsicherheitstrakt von Abu Ghureib. Die Zellen sehen aus wie Käfige und die Gefangenen, die darin kauern, wie verängstigte Tiere. Es sind Terrorverdächtige und Widerständler, Imame, hochrangige Politiker und Generäle, ein paar Gesichter kennt er von dem Kartenspiel, das sie in der Armee verteilt haben.
Manche Gefangenen sind nackt und tragen einen Sandsack über dem Kopf, andere stehen stundenlang angekettet oder hocken eingepfercht in einem dunklen Betonverlies, ohne Kleidung, ohne Toilette. Der Trakt stinkt schlimmer als ein Klärwerk.
"Was zum Teufel ist hier los?", fragt Davis seinen Major, doch der zuckt nur mit den Schultern, das müsse er die Leute vom Geheimdienst fragen.
"Du bist ein großer Junge, jag ihnen Angst ein, sei gemein", sagt der Italiener vom Geheimdienst, der im Trakt das Kommando hat. "Sieh zu, dass sie eine üble Nacht haben, koch sie weich. Brüll ihnen mit dem Megaphon ins Ohr."
"Warum, was soll das alles?"
"Wir brauchen Informationen. Jeden Tag bringen sie draußen unsere Leute um. Glaub mir, wenn sie könnten, würden sie auch deinen Kopf abschneiden."
Davis fühlt sich überfordert. Er ist Militärpolizist, kein Wachsoldat, aber Befehl ist Befehl, so viel hat er in sieben Jahren gelernt. Er war 19, als er bei der Armee unterschrieb. Ein berühmter Panzerkommandeur hatte ihn im Fitnessstudio angesprochen, "du könntest Karriere bei uns machen", sagte er, und was er erzählte, klang großartig: Er würde eine Uniform tragen und eine 9mm, er könnte einen "Humvee" fahren und die Welt bereisen.
Davis' Schicht beginnt morgens um vier, er zählt die Gefangenen dreimal durch, dann blickt er ins Logbuch am Ende des Korridors. Zelle 25: kein Essen, Zelle 30: kein Schlaf, Zelle 40: vier Stunden Radio.
Javal Davis, der seinem Land ein guter Soldat sein möchte, der Bill Clinton verehrt und an der High School Reden gehalten hat gegen die Stigmatisierung von Schwarzen, patrouilliert mit dem Megaphon durch die Gänge und brüllt "Wake up!", er zwingt Gefangene, sich auszuziehen, und schüttet eiskaltes Wasser über ihre Leiber, er führt sie in diesen Duschraum, der als Verhörzimmer genutzt wird.
Vielleicht, glaubt Davis, ist es eine Prüfung. Vielleicht hat Gott es so gewollt, bloß nicht denken, Befehl ist Befehl.
Einige Häftlinge liegen wie leblos in ihrer Zelle, traumatisiert, verzweifelt, andere bewerfen Davis mit Abfällen, Essens resten und Kot. "I hate America!", brüllen sie über den Gang, "Asshole", ruft einer immer wieder, "Saddam wird dich ficken!"
Viele von ihnen haben in den USA studiert, weiß Davis, es sind smarte Leute, gebildeter als die meisten der Wächter. Weil ihre arabischen Namen zu kompliziert sind, geben sie ihnen Spitznamen: Da ist Kralle, der Dicke mit der verletzten Hand, Shitboy, den Davis mag, weil er ihm alles nachplappert, Froggy, den sie später in Shooter umtaufen, weil er einen Wachmann anschießt, und Thumbie, ein treuer Saddam-Anhänger, höflich und kooperativ.
"Ich bekämpfe euch nur, weil ihr uns bekämpft", sagt Thumbie. "Ich verteidige unser Land, unser Öl, unsere Ehre. Was würdest du an meiner Stelle tun?"
Davis fällt es immer schwerer, zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden, diese Leute sind Terroristen, Killer, Bombenleger, sonst wären sie nicht hier, aber da sind auch die Brüder und Cousins von Verdächtigen, da sind die Kinder, mit denen er auf den Fluren Fußball spielt.
In den Pausen hockt er sich auf seinen Stuhl am Ende des Ganges, isst die Schokoladenkekse seiner Mutter, danach betet er. Führe uns nicht in Versuchung, erlöse uns von dem Bösen. Javal Davis glaubt an das Jüngste Gericht, und wenn es so weit ist, will er auf der richtigen Seite stehen.
Hadschi Ali hockt in Käfig 49, schräg gegenüber dem Duschraum am Anfang des Korridors, und hat seit Tagen nichts gegessen, seit Tagen ist er nackt, seine
linke Hand schmerzt, über die er einen Socken als Verband gezogen hat.
Ein syrischer Imam kommt jeden Tag in seine Zelle, um die Verpackungen der Lunchpakete einzusammeln. Manchmal zieht er dabei Pillen aus dem Ärmel, die er im Müll gefunden hat, und Hadschi Ali würgt dieses Zeug herunter, er schluckt alles, was er kriegen kann, doch nichts von alldem lindert den Schmerz.
Immer wieder kommen Übersetzer an die Zellentür und fragen, ob er endlich reden wolle, immer lehnt er ab, immer gibt es Schläge. Acht Stunden betet er an manchen Tagen und lobpreist seinen Herrn.
Manchmal wandert er im Geiste durch sein Viertel. Dann geht er die Straße ab vor seinem Haus und weiter bis zum Fluss, an dem die Fußballwiese liegt, der Sportplatz, der einmal sein Lebenswerk gewesen war.
Als seine Vorfahren in diese Gegend zogen, war Abu Ghureib nicht mehr als ein Rastplatz auf dem Weg von Bagdad nach Amman. Der Boden dort war fruchtbar, und die Familie lebte von den Feldern, 25 Donum Land, dichte Gärten voll mit Dattelpalmen, zwischen denen Hadschi Ali als jüngstes von acht Kindern aufwuchs.
Nach der Schule sammelte er bei den Bauern seiner Gegend Obst, Gemüse und Getreide ein, um es nach Bagdad auf den Markt zu bringen. Die Geschäfte liefen gut, doch 1991 kam der erste Krieg, dann kam das Embargo, und Hadschi Ali machte kaum noch Umsatz. Er suchte Trost in der Moschee, studierte islamisches Recht, ging auf Pilgerfahrt, und als er zurückkam, lag sein Vater in den letzten Zügen. Hadschi Ali pflegte ihn, und als er starb, baten ihn die Stammesführer, ihm als Ortsvorsteher zu folgen.
Fortan kamen Menschen zu ihm, die klagten, sie bekämen bei der Essensrationierung nicht genug, Kranke, denen es an Geld für die Behandlung fehlte. Hadschi Ali beruhigte diese Leute, er ging zu den Behörden, sprach mit Ärzten.
Unten am Fluss fand er ein Feld, uneben und steinig, das niemand nutzte. Er planierte das Terrain, zimmerte zwei Tore und säte einen Rasen. Jeden Tag bewässerte er das Feld, zog mit Kreide Linien, und nach ein paar Wochen teilte er sein Viertel ein in vier Bezirke; einen Sommer vor dem Krieg begann die Fußballliga von Madifai mit dem Spielbetrieb, und Hadschi Ali weinte vor Freude an der Seitenlinie.
"Kralle, mit welcher Waffe hast du auf uns geschossen? Kalaschnikow? RPG-7?"
"Kralle, hast du es dir überlegt? Bist du nun bereit, mit uns zu reden?"
Immer wieder holen sie ihn aus der Zelle, sperren ihn im Duschraum ein und lassen
ihn dort sitzen, in der Hocke, eine Stunde nach der anderen. Die Tage vergehen mit Verhören, die nichts bringen und an deren Ende er mit Jauche übergossen wird. Shower nennen sie die Prozedur.
Am schlimmsten sind die Nächte, in denen Specialist Charles Graner Schicht hat. Er pfeift vergnügt, wenn er den Trakt betritt, und manchmal tritt er wie ein Kellner auf, über dem Arm ein weißes Tuch und darauf ein Tablett mit heißen Makkaroni. Graner serviert den Häftlingen das Mahl, und wenn es jemand ablehnt, weil er fastet oder glaubt, es könnte Gift darin sein, lacht er laut und macht ein Foto.
Hadschi Ali wusste anfangs nicht, dass Handys Fotos machen können. Komisch, dachte er, warum halten sie ihr Telefon am ausgestreckten Arm?
Eines Abends, als der Schmerz beginnt, nach oben in den Arm zu wandern, hält er Graner während eines Rundgangs an. Er lässt einen Zellennachbarn, der ein bisschen Englisch spricht, fragen, ob sie nicht ein Mittel hätten, das die Schmerzen lindere. Graner sagt, das kann er haben.
"Reich mir deine Hand durchs Gitter."
Hadschi Ali reicht die Hand, und Graner reißt ihm den blutverschmierten Socken ab, Fetzen seines Fleisches bleiben daran kleben. Graner lächelt: "Ist das nicht ein Mittel, Kralle, das die Schmerzen lindert?"
Javal Davis ist erleichtert, als sie ihn in seiner zweiten Woche in Trakt 3A/B versetzen, 400 Mann in Achterzellen, Vergewaltiger, Ladendiebe, Kidnapper, es kommt ihm vor wie Babysitting. Nur manchmal muss er eingreifen, wenn einer der Alten einen Jungen vergewaltigen will.
Davis legt sich vor ihnen auf den Gang und zeigt ihnen Liegestütze und Sit-ups, er hilft ihnen, ihre Gebetsteppiche nach Mekka auszurichten, und im Gegenzug bringen sie ihm einige Brocken Arabisch bei.
Doch Specialist Charles Graner ruft Davis immer häufiger zurück zu Sonderschichten in den Hochsicherheitstrakt.
Graner, ein einfacher Gefängniswärter aus Maryland, hat neuerdings dieses Lächeln um den Mund. Die Leute vom Geheimdienst haben ihm die Verantwortung für den Terroristenflur übertragen.
Nachdem Geoffrey Miller, der Leiter von Guantanamo Bay, zu Besuch war, kommen immer mehr Ermittler nach Abu Ghureib, Analysten, Übersetzer. Sie bringen ihre Hunde mit und geben jetzt die Befehle, Typen, die kein Namensschild tragen und sich nur mit Codenamen ansprechen, DJ, John Israel, James Bond. Sie machen Druck, es ist Ende Oktober 2003, Saddam ist noch auf freiem Fuß, und draußen sterben täglich Amerikaner.
Nacht für Nacht muss Davis ihnen die Gefangenen in den Duschraum bringen, sie verbarrikadieren die Tür, dann hört er von draußen die Schreie, manchmal ein Gebet. Sie wirken dankbar, wenn er sie
zurück in ihre Zellen bringt. 14 Stunden arbeitet er am Tag, von vier Uhr morgens bis sechs Uhr abends, sieben Tage die Woche. Dann fällt er mit seiner Uniform ins Bett, den Verwesungsgestank in der Nase, im Ohr die Explosionen der Mörser und Granaten.
Die Erschöpfung frisst sich in seine Glieder, die Tage zerfließen, kein Ende ist in Sicht, und nur manchmal flackert die Heimat als schwacher Witz über den Bildschirm. Wenn er "Terminator 3" sieht oder Spiele der New York Mets, ist er in Gedanken bei seinem Sohn Zaniel, seiner Tochter Latrice und seiner Frau Zeenethia.
Er war noch auf der High School, als er sie auf dieser Kirchenbank sitzen sah mit ihren geflochtenen Zöpfen, dem stolzen Blick. Davis setzte sich zu ihr, sie redeten. Am Abend brachte er sie heim, und zum Abschied gab sie ihm einen Kuss.
Davis, der bereits Vater einer Tochter war, lebte damals bei seinem Großvater, einem gläubigen Baptisten, und ging jeden Sonntag in die Kirche. Er war beliebt im Chor, in seiner High School, in seinem Leichtathletikteam, ein stiller Mensch, zuverlässig und pflichtbewusst. Sein Vater war erst 16, als er Javal zeugte, nichts Besonderes in Roselle, New Jersey, 21 000 Einwohner, die meisten von ihnen schwarz. Sie arbeiteten in den Stahlfabriken, und von den Löhnen bauten sie Häuser wie die Weißen, Bürgersteige im rechten Winkel, in ihren Vorgärten hissten sie die blauweiß-rote Fahne.
Javal und Zeenethia waren 19, als sie gemeinsam nach Maryland aufbrachen, studierten und sich zur Reserve meldeten, 16 Wochen Grundausbildung, manchmal eine Übung, hin und wieder mal ein Einsatz. Sie heirateten, nebenher verkaufte Javal Bohrmaschinen, mehr als jeder andere in seiner Firma. Sie träumten von einem BMW, einem Haus und Urlaub in Europa.
Was wird aus unseren Plänen?, fragt sich Davis immer wieder. Was wird aus uns?
Neun Monate war er in Bosnien gewesen, nur ein halbes Jahr daheim, dann musste er auch schon in den Irak. Sie sind sich fremd geworden.
Zaniel mache große Fortschritte, berichtet Zeenethia am Telefon, er könne jetzt schon ganz allein auf die Toilette. Sie erzählt ihm von dem neuen Wagen, von dem Hund.
Mach dir um mich keine Sorgen, lügt Javal, ich bin okay.
Miss, hey Miss. Hadschi Ali vernimmt ein Wispern auf dem Korridor und leise Schritte. Sie wispern immer, wenn Sabrina Harman durch den Gang gelaufen kommt, allein, spät. Harman, Mitte zwanzig, ist die Einzige, die Hadschi Ali das Gefühl vermittelt, zu bedauern, was geschieht. Einmal in den ersten Tagen, als er ins Gebet versunken auf dem Zellenboden kniete, setzte sie sich vor das Gitter, sie wartete, dann fragte sie mit einem sanften Lächeln, ob alles in Ordnung sei.
"Abu Omar", flüstert Hadschi Ali seinem Zellennachbarn zu, dem Übersetzer, "sag ihr, dass ich mit ihr reden möchte."
Harman tritt ans Gitter, schweigend, sie schaut Hadschi Ali an, schaut ihm in die Augen, mustert seinen Körper.
"Miss, warum müssen wir immer nackt sein?"
"Ich kann nur sagen, dass es Befehle gibt. Die oben sagen, der kriegt eine Decke und der andere nicht."
Javal Davis spürt, wie er von Tag zu Tag rastloser wird, aggressiver, ohnmächtiger. Er sitzt auf seinem Bett, und normalerweise würde er jetzt seine Nikes anziehen, in den nächsten Wald fahren und loslaufen.
Es ist Anfang November, immer heftiger wird das Lager beschossen, und draußen in den Camps gibt es Tote und Verletzte. Dort steht der Schlamm, Krankheiten grassieren,
Hunderte hungern, und die Gefangenen revoltieren gegen das verdorbene Essen. Die angeforderte Verstärkung lässt auf sich warten, immer wieder werden Waffen ins Lager geschmuggelt, die irakischen Aufseher, die draußen an den Toren aushelfen, sind korrupt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, denkt Davis, bis sie uns überrollen; wenn sie nur ein bisschen smarter wären, hätten wir nicht den Hauch einer Chance.
In Abu Ghureib gibt es keinen Wald, es gibt nur seine Zelle, dort legt Davis sich flach auf den Beton, spannt seine Bauchmuskeln an und hievt seinen Oberkörper immer wieder an die Knie, so lange, bis sein Puls rast und die Lunge pumpt.
Seit neuestem stapeln sie im Korridor die Häftlinge zu Haufen, nackte Leiber mit Kapuzen drauf, und immer wieder schleifen sie die Männer an der Hundeleine durch den Korridor; Hadschi Ali steht am Gitter seiner Zelle, und die Dinge, die er sieht, sind fast noch unerträglicher als das, was ihm selbst widerfährt.
Einmal steht ein Junge auf dem Gang vor seiner Zelle, er fleht die Wachsoldaten an, ihn zum WC zu bringen, aber sie verbinden ihm die Augen, führen ihn herum, holen seinen Vater und legen ihn zu seinen Füßen, dann sagen sie dem Jungen: Okay, du stehst jetzt vorm Pissoir.
Als dieser Krieg, den er nicht wollte, unaufhaltsam näher kam, bezog Hadschi Ali Stellung. Madifai war wie ausgestorben im März 2003. Die jungen Männer standen an der Front, die Alten, Frauen, Kinder flohen auf das Land, doch Hadschi Ali konnte nicht so einfach weg, er war Muchtar. Er rief die Männer, die im Ort geblieben waren, und gründete eine Miliz, 200 Mann, Bauern, Ingenieure, Stammesführer, Kriegsversehrte, und manche brachten ihre alten Schwerter und Gewehre mit.
Sie bauten Barrikaden an den Zufahrtsstraßen, stellten einen Posten vor die Milchfabrik, andere verschanzten sich am Fluss hinter den Dämmen. Sie warteten.
Dann schlugen 28 Cruise Missiles ein, am Himmel tauchten die "Apaches" auf, ein ganzer Schwarm, und in der Ferne sahen sie die Panzer kommen. Die Männer gingen auseinander, es war Anfang April 2003, in Madifai war der Krieg vorüber. Er dauerte noch nicht mal eine halbe Stunde.
Das Viertel lag in Trümmern. Die Amerikaner übernahmen die Verwaltung, Plünderer räumten die Fabriken leer, und niemand traute sich mehr in die Datteln, aus Angst, dass man sie von den Ästen
schoss. Die Menschen trafen sich in Hadschi Alis Gästehaus, sie wollten wissen, wie es weitergeht. Sie wollten etwas tun.
Einige Familienoberhäupter überlegten, in einem leerstehenden Gebäude eine Schule einzurichten, um wenigstens die Kinder von der Straße wegzuholen, und Hadschi Ali lief in die Kaserne, wo sein neuer Ansprechpartner saß, Captain Lauri, der Kommandant des Militärbezirks. Lauri genehmigte den Plan und drei Gewehre, um die Schule zu bewachen. Sie machten sich daran, das Haus instand zu setzen, aber kurz bevor der Unterricht beginnen sollte, verhafteten Soldaten einen Lehrer, weil der in seinem Keller Waffen lagerte.
Die Stimmung in Madifai kippte. Die Amerikaner führten ein System ein, das Belohnungen versprach für Hinweise auf Terroristen, und das System florierte.
Niemand war mehr sicher in Madifai, jeden konnte es erwischen, jederzeit, und früher oder später, dachte Hadschi Ali, da holen sie auch dich.
Hadschi Ali kauert in der Ecke seiner Zelle, vor ein paar Tagen haben sie ihm eine Decke ausgehändigt, ein schwarzes Tuch mit Fransen an den Enden, die er verknotet hat, so dass er es als Umhang nutzen kann. Abends legt er sich darauf, doch es ist schwierig, Schlaf zu finden. Der Boden ist hart und feucht, und niemals ist es richtig dunkel.
Wake up! Wake up!" Wenn Javal Davis mit dem Megaphon über die Korridore läuft, sieht er Kreaturen, wild vor Wut und Hunger, die nichts mehr zu verlieren haben, unberechenbar wie Hunde, die man in die Ecke treibt, zu allem fähig, wenn man sie nur einen Augenblick lang aus den Augen lässt.
Täglich gehen nun draußen Autobomben hoch, Amerikaner werden durch Straßen getrieben, entführt, geköpft, an Brücken aufgehängt. In wenigen Wochen sterben Hunderte Soldaten, und die Einschläge kommen näher. Die Gefangenen in Abu Ghureib zünden selbstgebaute Sprengsätze, ein guter Freund von Davis wird verwundet, ein anderer stirbt im Kugelhagel.
Sie sind, denkt Davis, nicht mehr wert als Kakerlaken.
Der Hochsicherheitstrakt ist überfüllt, immer mehr Aufständische werden angeliefert, fast alle werden nun nackt gehalten. "Bereitet ihnen die Hölle auf Erden", sagen die Leute vom Geheimdienst, "sie haben es nicht besser verdient."
Die Geheimdienstler klopfen ihm auf die Schulter: "Guter Job, Mann, du rettest Leben, sie brechen schnell ein."
Davis sieht die zerborstenen Tischplatten nach den Verhören, er sieht, wie sie Hunde hereinführen ohne Maulkorb. Die Gefangenen bluten und sind halb bewusstlos, wenn er sie zurück in ihre Zellen bringt. Und eines Tages liegt im Duschraum eine Leiche.
Es ist der 8. November 2003, kurz nach 23 Uhr, als Javal Davis draußen Schüsse hört, Geschrei, Davis ist auf Schicht, und er erfährt, dass es im Lager einen Aufstand gibt, Gefangene in Camp Ganci haben Waffen eingeschleust und feuern auf die Wärter, sie reißen Zeltstangen heraus und werfen Schutt und Steine. Als eine Amerikanerin im Gesicht getroffen wird, drehen die Soldaten durch, sie sind 70 gegen Hunderte und halten einfach in die Menge.
Davis ist aufgebracht und wütend, als man die sieben Anführer des Aufstands gegen Mitternacht auf 1A/B bringt. Sie haben Sandsäcke über dem Kopf, und ihre Hände sind gefesselt. Sie schleifen die Iraker in den Korridor und kreisen sie dort ein, Graner ist dabei und Ivan Frederick, Oberfeldwebel, dann fängt Graner damit an, wütend auf sie einzudreschen. Er wirft sie gegen eine Wand, so lange, bis sie zu Boden gehen, und als sie sich nicht mehr rühren, beginnt er, sie zu einem Stapel aufzutürmen, einen auf den anderen, schlapp wie totes Vieh. Davis ist außer sich, er rennt einige Meter weg ans Ende des Korridors, nimmt Anlauf und rammt sich in den Haufen, hundert Kilogramm, er hört sie stöhnen, schreien, manche weinen unter der Kapuze, und Davis läuft noch einmal an, er springt und läuft und springt, dann klettert er mit Lynndie England, einer Militärpolizistin, die eben erst dazugestoßen ist, auf diesen Haufen, und sie trampeln darauf ein, als wären es nicht Hände oder Füße, sondern Kompost in einer Tonne.
Hadschi Ali steht am Gitter seiner Zelle und beobachtet, wie ein Sergeant auftaucht und ruft: "Hört sofort auf damit!" Er sieht, wie Davis jetzt den Trakt verlässt, sieht, wie die anderen den Gefangenen die Fesseln lösen und ihnen befehlen, die Kleidung abzulegen, wie sie auf ihnen reiten und sie zu Pyramiden arrangieren und für ein Foto lachend ihre Daumen recken.
Hadschi Ali sieht, wie Ivan Frederick mit dem Finger auf der Brust eines Gefangenen ein Kreuz markiert und ihn danach bewusstlos schlägt, wie er einem anderen den Sack abnimmt, um ihm zu demonstrieren, wie man masturbiert, wie er ihn schließlich masturbieren lässt und einen Dritten zwingt, sich davor hinzuknien und seinen Mund zu öffnen. "Schaut", sagt Frederick, "was diese Tiere machen, wenn man sie mal eben aus den Augen lässt."
Als Javal Davis in dieser Nacht auf seine Zelle geht, ist er aufgewühlt. Er putzt sich die Zähne, duscht und wäscht seine Uniform noch gründlicher aus als sonst, dann legt er sich ins Bett.
Wie konnte das passieren?
Es ist fünf Uhr in der Früh, und Davis holt die Bibel unter seinem Bett hervor. Er überfliegt die Seiten, das Buch der Psalmen, die Geschichte Hiobs, der ein reicher Mann war, der Söhne hatte, Töchter, eine Frau, und dem der Teufel alles nahm, was er besaß; Hiob, der seinen Glauben auch im größten Schmerz nicht verriet, der sich in sein Schicksal fügte und dem Gott am Ende alles wiedergab.
Sie öffnen seine Zellentür. "Hadschi, deine Nummer!" - "One-five-one-sevenone-six." - "Okay. Investigation." Sie fesseln
ihm die Hände und stülpen ihm eine Kapuze über. Zum ersten Mal, seit Hadschi Ali hier im Trakt ist, hat er richtig Angst. Es ist schlimmer geworden in den vergangenen Wochen, seit den Aufständen und vor allem seit dem Abend, als Abu Hudheifa, der syrische Imam, mit einer eingeschmuggelten Pistole auf den Wachmann schoss.
Der Wachmann feuerte zurück, fünf Kugeln, dann kamen sie und durchwühlten die Zellen, und während der Imam sich hinten auf dem Gang in seinem Blut wand, steckte Hadschi Ali Schläge ein. Es war, als ob sie nicht nur Waffen suchten, sondern auch Vergeltung.
Hadschi Ali dachte an Jesus, dem sie Nägel in die Hände hämmerten, er dachte daran, wie Mohammed von den Mekkanern geschmäht wurde. Er kam sich klein vor, wenn er sich verglich, das Leiden wurde so erträglicher.
Es war ihre Duldsamkeit, denkt er, die die Propheten Gott näher brachte, und als er in den Duschraum taumelt, bekleidet mit der schwarzen Decke, ahnt er, dass er diesmal mehr erdulden muss als sonst.
"Kralle, du strapazierst seit Wochen unsere Geduld", sagt eine Stimme. "Es reicht nun. Wenn du uns nicht endlich Namen nennst, dann wirst du andere Methoden kennen lernen!"
"Sir, ich kann keine Namen nennen."
Einer der Wachsoldaten streift ihm die Kapuze ab und zeigt ihm ein paar Kabelstränge, die oben von der Decke baumeln, rote Kabel, blaue, an den Enden schimmern Kupferringe. Dann schleift er ihn einige Schritte Richtung Wand, wo eine Essenskiste auf dem Boden steht, ein Pappkarton, den Hadschi Ali manchmal tragen musste. Schließlich löst der Wachmann seine Handschellen und legt ihm die Kupferringe um die Finger. Dann setzt er die Kapuze wieder auf, und jemand sagt: "Du musst jetzt auf die Kiste steigen. Bleib da oben. Wenn du fällst, dann gibt es Strom."
Hadschi Ali klettert auf die Kiste, mühsam, tastend. Als er auf ihr steht, hebt er die Arme, um in der Balance zu bleiben, er rudert mit den Armen, schwankt und fühlt, wie diese Kiste nachgibt unter seinem schweren Körper. Stille nun.
"Kralle, wenn du sprechen möchtest, dann sprich jetzt."
Er steht eine Minute, er steht zwei Minuten, drei, er schweigt und sieht durch die Kapuze, wie die Blitze der Kameras zucken; dann spürt er, wie der Strom durch seine Adern schießt, es ist, als ob die Augen aus den Höhlen sprängen, seine Zähne knirschen, alles bebt und zittert, er fällt, auf seine linke Seite, auf seine verletzte Hand.
Hadschi Ali liegt am Boden, halb bewusstlos, und hört Menschen lachen.
Dann fühlt jemand bei ihm am Hals den Puls und sagt: "Er ist okay, continue."
Als er zum zweiten Mal auf dieser Kiste steht, wünscht Hadschi Ali sich zum ersten Mal in seinem Leben, tot zu sein. Er bittet Allah um Erlösung, er fleht, dass sie jetzt richtig aufdrehen, er fleht nach einem letzten, wirkungsvollen Schock.
Diesmal fällt er auf die rechte Seite.
Javal Davis glaubt nicht mehr ans Überleben. Er sitzt oben auf dem Ausguck eines Wachturms und umklammert mit dem Finger den Abzug seines MG-249. Es ist Dezember, unter ihm liegen die Camps mit den Gefangenen, auf der anderen Seite der Mauer lauern Heckenschützen in der Dunkelheit. Davis sieht sie nicht, aber immer wieder hallen Schüsse.
Davis kämpft gegen die Müdigkeit, er friert, seit 14 Stunden sitzt er auf dem Turm. Sie haben ihn hierher versetzt, weil es hieß, Sergeant Davis schreie die Häftlinge fast nur noch an, es hieß, womöglich könne er die Kontrolle ganz verlieren. Davis späht ins Nichts, taucht ab und wieder auf, er weiß, die Heckenschützen wollen ihn hier runterholen.
Hadschi Ali sitzt auf der Ladefläche eines Transporters, auf dem Kopf eine Kapuze, neben ihm noch andere Gefangene, es ist Ende Dezember, drei Wochen sind die Elektroschocks her, seit zweieinhalb Monaten sitzt er in Abu Ghureib.
Zweimal haben sie die Prozedur noch wiederholt, es hat zu nichts geführt. Hadschi Ali hat geschwiegen, und irgendwann müssen sie eingesehen haben, dass er weiter schweigen würde, egal was sie tun. Nach ein paar Tagen tauchte Sergeant Joyner vor der Zellentür auf, er trug ein Notizbuch und war in Begleitung eines Ermittlers, sie standen eine Weile da und boten ihm eine Zigarette an. Dann hörte Abu Omar, Hadschi Alis Übersetzer, den Ermittler sagen, dass 151716 ein unschuldiger Mann sei. Joyner solle das notieren.
Wenig später steckten sie Hadschi Ali in einen orangefarbenen Overall und brachten ihn zurück ins Camp. Als er die Sonne sah, musste er sich übergeben.
Die Fahrt wird zügiger, er glaubt, sie müssten mittlerweile außerhalb des Lagers sein. 40 Leute hocken auf der Ladefläche, dicht an dicht, dann merkt er, wie sein Nebensitzer seine Hand betastet, "Hey", flüstert er, "bist du Hadschi Ali?"
"Ja, ich bin es. Wo bringen sie uns hin?"
"Heim", sagt der fremde Mann. "Ich habe gehört, sie bringen uns jetzt heim."
Ende April 2004, kurz nachdem Javal Davis sein Foto in den TV-Nachrichten gesehen hatte, wurde er von der Militärpolizei verhaftet. Als er wenig später in sein Land heimkehrte, nannten die Zeitungen ihn einen Kriegsverbrecher. Ein Psychologe diagnostizierte ihm ein Trauma, Davis aß kaum mehr, er lief Kilometer um Kilometer, er wartete auf seinen Prozess: die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Javal Davis, die mächtigste Nation der Welt gegen einen Jungen aus New Jersey.
Im Februar 2005 sagte er vor Gericht unter Tränen aus, es sei eine Alien-Welt gewesen, die ihn habe verrückt werden lassen. Als er auf diesen Haufen sprang in dieser Nacht, da habe er niemand verletzen wollen, er wollte ihnen Angst einjagen und mehr nicht.
"Ich schäme mich, hier zu sitzen", sagte er mit zitternder Stimme. "Ich weiß
nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Glauben Sie mir, als ich das tat, war ich nicht ich."
20 Zeugen hatte die Verteidigung vor das Tribunal in Fort Hood, Texas, geladen.
"Mein Sohn", sagte die Mutter, "ist ein guter Mann, ich bin sehr stolz auf ihn."
"Er war bescheiden, ruhig und immer hilfsbereit", sagte Chris Satterfield, sein Football-Coach. "Ich glaube nicht, dass Javal schuldig ist. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort."
"Es gab keine Aufsicht, keine Einweisung und keine klare Kommandostruktur", erklärte Major David DiNenna. "Im Lager herrschte Chaos, ein Zustand der Gesetzlosigkeit."
"Unter diesen Umständen hat sich Javal Davis völlig normal verhalten", assistierte Dr. Ervin Staub, ein Psychologe von der Universität in Massachusetts. "Er ist ein ganz normaler Mitläufer."
"Er war beliebt", sagte der Häftling Omar Dschalal auf einem Videoband aus. "Er machte Sport mit uns und brachte uns zum Lachen."
"Er ist ein Vater von zwei Kindern, ein Mann, der aufstand, um Verantwortung zu übernehmen", sagte sein Anwalt Paul Bergrin in seinem Schlussplädoyer. "Bitte seien Sie gerecht. Wenn man leben muss wie ein Tier, dann geht es mit einem durch. Wägen Sie ab: zehn Sekunden Regression gegen das Leben dieses Mannes, der sieben Jahre ehrenhaft gedient hat."
Die Richter verhängten sechs Monate wegen Körperverletzung, sie entließen ihn unehrenhaft aus der Armee, es war ein mildes Urteil. Davis' Anwalt aber will nun gegen das Urteil in Berufung gehen, er will Donald Rumsfeld vor Gericht hören. Er will, sagt er, Gerechtigkeit für Javal Davis.
Davis fühlt sich verraten von dieser Armee, die er geliebt hat, die sein Leben war. Jetzt, sagt er, ist es zerstört.
Er ist erst mal wieder nach Roselle gezogen, um sich um seinen krebskranken Großvater zu kümmern, und wenn sie spazieren gehen, schweigen sie. Zeneethia, seine Frau, hat sich von ihm getrennt, er schläft seitdem kaum mehr, und wenn er schläft, dann wird auf ihn geschossen, dann liegt er wieder in der Zelle, riecht den Kot und den Urin und hört, wie die Granaten auf das Lager regnen.
Er schweigt und schließt die Erinnerungen ein. Irgendwann, sagt Javal Davis, werde er ein Buch darüber schreiben. Er werde schreiben, was wirklich im Irak passierte. Und die Iraker um Vergebung bitten.
Kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Abu Ghureib wurde Hadschi Ali von einem Psychologen betreut, Dr. Mohammed al-Karchi, der ihm Beruhigungsmittel gab, damit er schlafen konnte, und Mittel, die den Appetit anregten.
Früher, sagt er, habe er geglaubt, dass Vergeben immer besser als Vergelten sei, doch jetzt ist da dieser Hass in ihm, den er nicht loswird. Das Schlimme daran ist, sagt Hadschi Ali, dass er sich selbst hasst dafür, dass er andere hasst.
"Wie kann es sein", fragt er, "dass die Opfer nicht als Zeugen vorgeladen wurden, dass niemand ihre Version der Geschichte hören will? Wie kann es sein, dass jemand wie Davis nur ein halbes Jahr bekommt?"
"Davis und die anderen", sagt er, "haben unsere Seelen abgetötet."
Im Mai 2004 hat Hadschi Ali beschlossen, seine Popularität zu nutzen. Er gründete eine Organisation und nannte sie "Vereinigung der Opfer der Gefängnisse der amerikanischen Besatzung".
Sie wurden rasch sehr viele, Folteropfer waren unter ihnen, unschuldige Verdächtige, die schnell wieder entlassen wurden, 40 000 Mitglieder zählen sie inzwischen, und die Zentrale der Vereinigung ist Hadschi Alis Gästehaus.
Dort sammeln sie die schrecklichen Geschichten und stellen sie zusammen zu Dossiers, die einen Überblick verschaffen sollen über die Lage in den Gefängnissen. Sie wenden sich damit an Zeitungen, in Bagdad haben sie die Bilder ausgestellt, aber es geht nicht nur um Aufklärung, es geht auch um Gerechtigkeit.
Vor einem amerikanischen Zivilgericht klagen sie jetzt gegen die privaten Verhörfirmen von Abu Ghureib, Firmen wie Titan und Caci, die an den Folterungen maßgeblich beteiligt gewesen sein sollen. Hadschi Ali hofft darauf, dass sie entschädigt werden, dass den Opfern etwas zugesprochen wird, irgendetwas, was zumindest einen Teil des Leides wiedergutmacht.
Es ist seine Art, mit diesen Dingen umzugehen, er muss etwas tun, um mit den Erinnerungen klarzukommen.
Neulich hat er einen Brief bekommen, ein Schreiben der Besatzer, die ihn fragten, ob er nicht wieder als Ortsvorsteher arbeiten wolle. Sie versprachen ihm ein Auto und ein richtiges Gehalt, doch Hadschi Ali lehnte ab. Es ist zu früh, um zu vergeben.
Von Anita und Marian Blasberg

DER SPIEGEL 39/2005
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