26.09.2005

Die Macht der Verzweiflung

Ortstermin: In den Hamburger Kammerspielen diskutieren Frauen über den Geschlechterkampf und eine Niederlage.
Als sie sich für den Dienstag nach der Wahl verabredeten, sah es nach dem perfekten Zeitpunkt aus, um über Frauen und Macht zu sprechen. Die Umfragen sahen gut aus, die Kandidatin würde Kanzlerin sein. Die Macht im Staate wäre weiblich.
Doch als der Tag da ist, hat Angela Merkel die Aura einer Ohnmächtigen. Die drei Frauen, die an diesem Abend die Bühne der Hamburger Kammerspiele betreten, um über Frauen und Macht zu diskutieren, haben ihre Paradefrau verloren, jedenfalls für den Moment. Die Macht sieht im Moment sehr männlich aus. Ihr Hauptdarsteller sitzt im Kanzleramt und trommelt, Zigarre paffend, auf seiner Brust. Die Nebendarsteller warten in ihren Staatskanzleien und lauern.
Und jetzt tritt ein Herr im dunklen Anzug vor das Publikum - es ist der Geschäftsführer der "Zeit" - und stellt die Frauen auf der Bühne vor wie drei kesse Mäuschen. Maybrit Illner ist "sexy und selbstbewusst" und hat "keine Ehrfurcht vor großen Tieren". Silvana Koch-Mehrin, Europaabgeordnete der FDP, ist "wie die junge Lauren Bacall", und die Augen des Mannes glänzen, als wäre er gern ihr Humphrey Bogart. Annelie Keil war "mit 31 Jahren schon Professorin" und später Dekanin der Universität Bremen, ein Babe der Wissenschaft sozusagen.
"Sie sollten zum Fernsehen gehen, Herr Esser", sagt Maybrit Illner, und es klingt etwa so herzlich, als würde Doris Schröder-Köpf zu Angela Merkel sagen: Sie wären bestimmt eine gute Mutter.
Die Moderatorin hat ein Buch zum Thema herausgegeben, es heißt "Frauen an der Macht" und ist der Anlass der Damenrunde. Darin schreiben 21 einflussreiche Frauen über ihre Erfahrungen mit Macht. Renate Künast erzählt von ihrer entscheidenden Machtprobe auf einem Bauerntag. Hildegard Hamm-Brücher erinnert sich an ihre Kämpfe in der FDP, die sie wegen zweier Männer namens Möllemann und Westerwelle verließ.
Angela Merkel ist die Einzige, die für dieses Buch keinen Essay schrieb. Sie gab stattdessen ein dünnes Interview, in dem sie nichts Falsches sagt.
Sie erzählt brav, dass es ihr mit ihrem berühmt-kritischen Artikel über Helmut Kohl nicht darum gegangen sei, sich als Frau gegen Männer durchzusetzen, "sondern darum, in einer außerordentlich schwierigen Situation einige wichtige Punkte für die Zukunft der CDU anzusprechen".
Auf die Frage, wie man gegen Männer wie Stoiber, Koch und Wulff streite, antwortet sie: "Man muss streiten, und man muss auch miteinander lachen können."
Es ist ein Interview wie aus dem Windkanal.
Im Publikum und im Land haben die Frauen die Mehrheit, und Maybrit Illner stellt die Frage, warum Angela Merkel sie verfehlt hat. Weil sie eine Frau ist? Weil sie zu ehrlich war, zu höflich, zu bescheiden? Weil sie so redet, wie sie redet?
"Ich glaube nicht, dass dieses Wahlergebnis daran gelegen hat, dass sie eine Frau ist", sagt Annelie Keil. "Ich sehe eine Frau, die sehr um ihre Macht kämpft. Aber ich sehe keine kraftvolle Persönlichkeit mit einer starken politischen Aura. Mich hat sie als Frau überhaupt nicht überzeugt."
Unter den Frauen im Publikum brandet Applaus auf. Die Männer klatschen vorsichtig hinterher.
Silvana Koch-Mehrin macht ein besorgtes Gesicht, als sie über Angela Merkels verpasste Chance nachdenkt. "Ich glaube, dass Angela Merkel der CDU im Grunde ein paar Jahre voraus ist", sagt sie.
Koch-Mehrin ist so etwas wie das Gegenmodell zu Angela Merkel. Sie kommt aus dem Westen, und es wird sehr wohlwollend über ihr Lächeln, ihre blonden Haare und ihre langen Beine geschrieben. Sie hat zwei Kinder und einen Mann namens James, den sie gern herzeigt und um den sie viele Frauen beneiden, weil er Anwalt ist und trotzdem im Haushalt so toll hilft. Als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war, zog sie sich für eine Illustrierte aus und sagte, sie wolle damit gegen die Diskriminierung von Müttern in der Politik demonstrieren.
Das soll Angela Merkel ihr erst mal nachmachen.
"Wie sind Sie eigentlich geworden, was Sie sind?", fragt Maybrit Illner.
"Weil es keiner machen wollte", sagt Silvana Koch-Mehrin, lacht und erzählt, wie Guido Westerwelle um sie geworben hat. Die FDP brauchte eine tolle Frau für den Europawahlkampf.
Nachdem die Diskussion der mächtigen Frauen zu Ende gegangen ist, mit rosa Rosen und höflichem Applaus, steht Hourvash Pourkian im Foyer, halb wütend, halb ratlos. "Die Frage, warum Frauen noch immer nicht an der Macht sind, wurde nicht beantwortet", sagt sie und hebt flehend die Hände. Sie ist in Teheran geboren und aufgewachsen; als sie nach Deutschland kam, war sie 16. Jetzt ist sie 47 und hat ihr eigenes Unternehmen. Sie schneidert Maßkostüme für Geschäftsfrauen.
Als Angela Merkel Kohl stürzte und ins Rampenlicht trat, hat Hourvash Pourkian ihr angeboten, sie in Modefragen zu beraten. Angela Merkel hat abgelehnt. "Zur Frau", sagt Hourvash Pourkian, "ist Angela Merkel erst am Ende geworden. Aber da war es vielleicht schon zu spät."
Irgendwie scheinen sie alle an Angela Merkel zu verzweifeln, die Frauen auf der Bühne, die Frauen im Publikum, die Männer, die sie schätzen, sowieso. Sie fühlen sich machtlos, wenn es darum geht, Angela Merkel zu der Frau zu machen, die sie gern hätten. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 39/2005
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