26.09.2005

KARRIEREN„Ich bin euer Schicksal“

George Weah, Weltfußballer des Jahres 1995, will Liberias nächster Präsident werden. Kritiker fürchten ein Fiasko: Statt auf ein Programm vertraut der Ex-Torjäger seiner Frömmigkeit.
Seit Stunden schon tanzen sie vor Monrovias heruntergekommenem Flughafengebäude Polonaise. Einige haben sich kriegerisch bemalt, einige sind halb nackt und singen wie in Ekstase, viele tragen sein Konterfei auf ausgewaschenen T-Shirts. Die meisten jedoch stoßen den Namen des Messias im Stakkato hervor, als wäre das ihr letzter Atemzug: "George Weah, George Weah!"
Hinten, in der Schwüle über den Mangrovensümpfen, ballt sich milchig-weißer Dunst. In der Luft hängt schwer der Geruch von Schweiß, Erbrochenem und scharfem Putzmittel. Die Außenhaut des Gebäudes ist dort, wo sich Maschinengewehrgarben ins Mauerwerk gebohrt haben, aufgeplatzt wie eine Wurst. "Der Mann ist Gott", wispert ein Flughafenangestellter ehrfürchtig, "er wird uns retten."
Der Erlöser, auf den sie alle warten, sitzt in einer mit abgewetzten Ledergarnituren und weißen Campingstühlen spärlich ausgestatteten Kammer, die VIP-Lounge genannt wird. Noch wirkt er nicht richtig glücklich, hier zu sein - eher entrückt, die Augen halb geschlossen.
Vor einigen Stunden noch war George Oppong Manneh Weah, 38, in Monaco. Von Monte Carlo nach Monrovia - das ist eine Reise, die wohl die äußersten Punkte im Koordinatensystem dieser aus den Fugen geratenen Welt verbindet. Der Mann trägt den Dresscode der monegassischen Geschäftswelt: dunkelblauer Maßanzug, weißes Hemd, bordeauxrote Krawatte. Er umgibt sich mit einem Haufen Leibwächter, die T-Shirts unter dunklen Sakkos tragen und Goldkettchen um den kräftigen Hals.
Ein Angestellter des Angebeteten trägt stolz einen schwarzen Lederkoffer mit sich herum. Er öffnet ihn. Das Innenfutter ist mit blauem Samt ausgeschlagen. Aus der rechten Hälfte glänzt 24-karätig ein goldener Fußabdruck, links strahlt das Emblem von Monte Carlos Edeljuwelier Zegg & Cerlati, darunter steckt ein Diamant.
"Es ist eine besondere Ehre - für mich, für Liberia, für ganz Afrika", sagt Weah, "ihr sollt euch freuen." Es sei nämlich so: In Monaco haben sie gerade seinen Fußabdruck in der "Promenade der Champions" verewigt. Die Anwesenden blicken etwas verständnislos, doch ziemlich ergriffen. Der Fürst von Monaco, fährt Weah fort, habe ihm mitgeteilt, er sei nun so etwas wie der Stolz seines Landes und ein "wahrer Repräsentant des liberianischen Volkes".
Im Kern ist das nichts Neues. Sein halbes Leben ist Weah ein Held in Liberia, ein Fußballheld. Aber die eigene Bedeutung von Menschen internationalen Ranges bestätigt zu bekommen kommt einem gelegen, der kaum zur Schule gegangen ist und nur mit Mühe lesen und schreiben kann - und der sich am 11. Oktober zum Präsidenten seines Landes wählen lassen will.
Zwischen 1988 und 1992 schoss Weah den AS Monaco nach oben, gewann mit ihm den französischen Pokal und scheiterte 1992 erst im Finale des Europacups an Werder Bremen. Vornehmste Fußballadressen warben fortan um den wuchtigen Mittelstürmer, und so tingelte er durch Europa: Paris Saint-Germain, AC Mailand, Chelsea London, Manchester City, Olympique Marseille. Weah wurde französischer Meister, italienischer Meister, englischer Cupsieger, Europas Fußballer des Jahres 1995 und im selben Jahr - als erster und bisher einziger Afrikaner - Weltfußballer des Jahres. Das hat in Deutschland nur Lothar Matthäus geschafft.
"Der Mann ist ein Glücksfall für unser Land", strahlt Cole Bangalu, der rundliche Vorsitzende des Congress for Democratic Change: "Er wird uns in eine glückliche Zukunft führen." Nun muss er sehen, dass er mit seinem Kandidaten Schritt hält. George Weah, umringt von einer Traube hingebungsvoller Jünger, verschwindet in einem schwarzen Toyota Land Cruiser mit verdunkelten Scheiben.
Es sind aufregende Zeiten, die Ansprüche sind hoch. "King George" soll einem kriegsverheerten Land Frieden bringen. "King George" soll Krüppel wieder gehen und Blinde wieder sehen machen. Von den 22 Anwärtern auf den höchsten Posten im Staat gilt er als aussichtsreichster Kandidat. "Ich habe mich nicht um dieses
Amt beworben, die Menschen haben es gewollt, und es war Gottes Wille", sagt Weah und lächelt versonnen, als empfinge er gerade eine Botschaft des Herrn.
Diese Frömmigkeit kommt an bei den Menschen. "Halleluja", rufen sie, wenn der Geländewagen mit dem Star durch die Straßen rollt. Einen "gottgewählten Führer" nennt die United Pastors Association of Liberia George Weah: "Er mag nicht so gebildet sein wie andere, aber er hat das Herz und die Liebe und den Glauben."
Am Nachmittag spricht Weah zu seinem Volk. Er betet für die Opfer des Hurrikans "Katrina" und kündigt eine Spende von 10 000 Dollar an. Er redet wie ein Hirte zu seinen Schafen: "Wenn ich in eure Gesichter sehe, dann erkenne ich, dass ich eure Zukunft bin. Wenn ich in eure Gesichter sehe, erkenne ich, dass ich euer Schicksal bin. Ich sehe, dass euer Traum erfüllt wird." Unten jubeln verkrüppelte Jugendliche wie in Trance.
"Ich bin einer von euch", ruft Weah, der Millionär, der schon seit langem in den USA lebt und mit einer Amerikanerin verheiratet ist, "ich bin euer Bruder."
Liberia ist bis vor kurzem ein Horrorkabinett gewesen. "Das schlimmste Land der Welt" nannte es der britische "Economist" im Jahr 2003. Da zogen berauschte Jugendliche mit den abgeschlagenen Köpfen ihrer Opfer durch die Straßen des Landes und bildeten aus deren Gedärmen Straßensperren. Sie tanzten in Frauenkleidern hysterisch auf Leichenbergen herum - so lange, bis das ganze Land ein einziges Killing Field geworden war.
Ausgerechnet Liberia. Es sollte einmal das Paradies der Entrechteten sein. 1822 hatten amerikanische Philantropen ein Stück an der Westküste Afrikas für einige Fässer Rum, Tabak und Schießpulver von den Stammeshäuptlingen erworben. Sie nannten es hintersinnig Liberia und siedelten dort freigelassene Sklaven an. Die Fahne ist den "Stars and Stripes" nachempfunden, in der Nationalhymne heißt es: "Lang lebe Liberia, glückliches Land".
Ganz so harmonisch ging es natürlich nicht zu im Land der Freien. Die Einheimischen nannten die Ameriko-Liberianer verächtlich Congos und spielten damit auf die Abstammung der neuen Nachbarn an. Die Zugewanderten wiederum blickten voller Hochmut auf die primitiven Afrikaner herab, stolzierten in Südstaatlertracht durch die Straßen ihrer neuen Welt und herrschten, als wäre es gottgewollt.
Anderthalb Jahrhunderte ging das gut. Dann stürzte Liberia in ein Inferno. 1980 putschte der Feldwebel Samuel Doe gegen den Congo-Präsidenten William Tolbert, stach ihm ein Auge aus und vierteilte ihn. Doch die Macht brachte ihm kein Glück. Nach zehn Jahren tauchte ein Rebellenführer namens Prince Johnson auf und ließ Samuel Doe im Hafen Monrovias gefangen nehmen. Man schnitt ihm beide Ohren ab, zwang ihn, sie vor laufender Videokamera zu essen, und kastrierte ihn. Präsident Doe, ein Fußballnarr und Weahs größter Förderer, verblutete.
Mehr als 14 Jahre fand das Morden kein Ende, mindestens 150 000 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Seit 2003 sind gut 15 000 Uno-Soldaten im Land, es ist mit 760 Millionen Dollar jährlich die teuerste Mission der Vereinten Nationen. Wenn Weah erklären soll, wie er Ordnung ins Chaos bringen will, dann hat er nur Allgemeinplätze zu bieten. Er sagt, das ethnisch gespaltene Land müsse geeint werden, Schulen müssten gebaut werden und Krankenhäuser, die Korruption wolle er bekämpfen und die Kindersoldaten in die Gesellschaft integrieren. Und manchmal sagt er auch, Politik sei wie Fußball. Jeder stelle ein Team auf, und am Ende gewinne der Bessere.
Koffa Nagbe ist ein kleiner, gedrungener Mann mit blutunterlaufenen Augen. Um ihn herum tobt ein Haufen Kinder durch tiefe Pfützen und roten Morast. Nagbe ist mit einer Schwester Weahs verheiratet, in diesen Tagen eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn der Schwager ist so etwas wie der Museumsführer durch die Unterwelt. Er lebt immer noch dort, wo sein berühmter Verwandter inmitten eines Dutzends Geschwister aufgewachsen ist und seit seinem vierten Lebensmonat umhegt wurde von der Großmutter, nachdem sich Georges Mutter aus dem Staub gemacht hatte.
"Es war keine leichte Zeit, natürlich nicht", sagt Nagbe und guckt bedeutungsschwer und auch ein wenig stolz zum windschiefen Gemäuer, das einmal Weahs Heim war. "George ist in tiefster Armut aufgewachsen." Gibraltar-Clara Town ist ein in den Mangrovensumpf gestampftes Elendsquartier, Brutstätte von Malaria, Lepra und nackter Gewalt. "Seine Großmutter war sehr fromm", sagt Koffa Nagbe, "sie hatte großen Einfluss auf George."
Jeden Sonntag ging George in die Kirche, und wenn er der Alten nicht beim Fischverkauf zur Seite stand, rannte er mit dem Ball übers Walker Field, einen schlammigen Sportplatz im Zentrum der Stadt. Heute toben Kinder in den schwarz-roten Hemden der Mailänder über die rote Erde und preisen den Namen ihres Fußballgotts.
Es gibt aber auch Menschen, die halten es für "schwachsinnig", dass ausgerechnet Weah, früherer Goodwill-Botschafter von Unicef, Liberia aus den Abgründen von Gewalt und Korruption führen soll: Menschen wie George Wesley Miller.
Der Automechaniker kennt die weite Welt, seit er vor 20 Jahren bei Mercedes in Stuttgart gearbeitet hat. In seiner Lieblingskaschemme in Downtown Monrovia genießt Miller unter seinen Zuhörern großen Respekt. "Dieses Land braucht einen starken Mann, der in jeder Hand eine Peitsche hält", sagt Miller und schwingt die rechte Faust durch die Luft. "Was sollen wir mit George Weah?" Der sei ein braver, frommer Bürger, der dem liberianischen Fußballverband die Schulden bei der Fifa bezahlt und Schulen errichtet habe.
Einer, der gut sei in einer schlechten Welt. Aber keiner, der mit den "vielen Hyänen fertig wird, die nur darauf lauern, die Macht in diesem Land an sich zu reißen". Schwer lässt sich Miller auf seinen Stuhl sinken. "Sie werden ihn vernichten." THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 39/2005
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