26.09.2005

REHABILITATIONBittere Glücksmomente

Filmemacherin Katarina Peters hat ihren Mann nach seinem Schlaganfall jahrelang mit der Kamera begleitet. Entstanden ist ein beeindruckendes Dokument über die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Die Liebe kam zum richtigen Zeitpunkt und schien perfekt: Sie, 40, wollte nach Jahren als Geschäftsfrau wieder machen, was sie wirklich interessiert - Dokumentarfilme. Er, 32, wollte mehr als die klassische Cellokarriere eines Musiker- und Dirigentensohnes. Sein erstes Lied hieß "Irgendetwas fehlt". Er suchte nach einer Plattenfirma.
"Ein Draufgänger", sagt die Frau, "so inspirierend. So schamlos. So direkt."
Sie heiraten, eilig und unbeschwert; ein Mann und eine Frau, die ihre Sektgläser strahlend in die Höhe halten. Jeden Tag wollen sie neu erfinden, sagen sie, gemeinsam aufbrechen in ein wahres, kreatives Leben.
Die erste Station ist New York. Sie plant eine Dokumentation über die Kunstszene, er Besuche bei Plattenfirmen. Die beiden strei-
fen durch Galerien, durch das flitternde Chinatown; unbedingt brauche er noch einen bizarren Tarnanzug aus dem Armee-Geschäft, drängelt er, gleich am nächsten Tag.
Die Shopping-Tour fällt aus. Am Abend muss sich der Mann übergeben. Nachts liegt er an Schläuchen auf der Intensivstation. Morgens weiß die Frau, dass Schlaganfälle sein Stammhirn verwüstet haben.
Reglos liegt ihr Mann nun da, nur die Augenlider kann er noch bewegen. "Locked-in", sagen die Ärzte, eingeschlossen. Er bekommt alles mit, was um ihn herum passiert. Selbst aber kann er keinen Kontakt aufnehmen.
"Nichts in meinem Leben hat mich auf solch eine Situation vorbereitet", sagt Katarina Peters heute, knapp sechs Jahre später. "Ich habe mich intuitiv an meiner Kamera festgehalten."
Noch auf der Intensivstation hat sie die ersten Bilder gedreht. "Wie kannst du bloß?", fragten entsetzt die Freunde. "Dein Mann stirbt, und du hältst drauf!" Die Linse habe ihr Distanz ermöglicht, sagt sie. "Vielleicht brauchte ich sie, um mich in dieser Situation zu schützen."
Entstanden ist ein eindringliches Dokument über die Zerbrechlichkeit des Menschen: Die Filmemacherin Katarina Peters hat den Überlebenskampf des Musikers Boris Baberkoff festgehalten, seine Rückkehr in die Welt; hat gefilmt, wie er ihre Fragen anfangs nur mit einem Zucken des Augenlids beantworten konnte, wie er zum ersten Mal wieder lächelte, zum ersten Mal wieder zwei Finger bewegte, zum ersten Mal wieder Wortfetzen lallte, ihren Bauch streichelte, ein Leberwurstbrot im Mund kaute, sabbernd wie ein alter Mann. Sie hat seine Verzweiflung archiviert und seine Glücksmomente, fünf Jahre lang, insgesamt 85 Stunden; und als längst noch nicht feststand, ob Boris ein immer hilfsbedürftiger Pflegefall bleiben würde, hat sie ihn gefragt, ob ein Film daraus werden dürfe.
"Ja", hat er gesagt. Nein, er schäme sich nicht.
Ab kommender Woche läuft "Am seidenen Faden" im Kino*. Sechs Preise hat der Film bereits gewonnen, vier allein beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentarfilm. "Mir war es wichtig, die Geschichte aus der Sicht der Angehörigen zu erzählen", sagt die Regisseurin. "Auch ich
musste mit einem Schlag ein völlig neues Leben meistern."
Aufgerüttelt von einem wirren Gefühlsgemisch steht sie in den ersten Tagen am Bett ihres Mannes: "Bin ich schuld, nicht gut für ihn? Habe ich ihn überfordert? Wird er überleben?", so quält sie sich in der einen Minute und fühlt sich in der nächsten ungerecht behandelt: "Da verliebe ich mich und sage ja, und dann kippt der Typ einfach um." Zwischendurch erfasst sie Panik: "Ist das überhaupt noch Boris, der da eingeschlossen ist?", dann der Gedanke an Flucht: "Ich kann mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens mit einem stummen, unbeweglichen Mann zu verbringen."
Weil ihr, der Kamerafrau, die Bilder von sich selbst fehlten, hat Katarina Peters die Achterbahnfahrt ihrer Empfindungen im Nachhinein inszeniert. Surreale Szenen wechseln sich ab mit den ungeschönten Aufnahmen aus Krankenhaus und Reha-Klinik: Katarina sucht Zuflucht im Innenraum eines Cellos. Katarina kämpft gegen Wasserfluten. Katarina häkelt ein neues Gehirn für Boris, Masche für Masche vernetzt sie weißes Garn. Sie glaubt daran, dass sein Gehirn sich regenerieren kann.
Inzwischen spricht Boris Baberkoff wieder fehlerfrei. Seine Worte wählt er phantasiereich und witzig; er hat die Musik für den Film komponiert, und auf seinem 200 Jahre alten Cello spielt er Sätze aus den Solosuiten von Johann Sebastian Bach. "Nicht so wie früher", sagt er, "ich bin jetzt wieder so gut wie mit sieben Jahren." Es reicht, um Schülern Unterricht zu erteilen.
"Noch fehlt die Geschmeidigkeit in der linken Körperhälfte", sagt er und reibt die Spitzen der linken Finger aneinander. Auch das linke Bein zieht er nach; ab und an flattert seine linke Pupille. Seit dem Schlaganfall sieht Boris Baberkoff die Welt doppelt wie auf einem verwackelten Foto.
"Wir hatten trotz allem verdammtes Glück", sagt seine Frau. "Tragisch ist nur, dass es so nicht hätte kommen müssen." Mit typischen Symptomen sei Boris zum Arzt gegangen: "Schwindel, Sehstörungen. Und die haben ihn wieder weggeschickt!" Ihr Mann hebt die Hand. "Ach Katarina", sagt er. "Der Schlaganfall gehört zu meinem Leben wie zu dir deine Kamera."
Wie wird ein junger Mensch so abgeklärt? Wie meistern junge Eheleute solch ein Schicksal? Unverstellt zeigt der Film ihren Alltag. Mal pragmatisch, mal anrührend, mal nüchtern, mal irrational versuchen die beiden ihr Drama zu bewältigen: "Wenn jetzt keine Taube wegfliegt, dann wird er überleben", beschwört Katarina an einem Tag die Vögel vorm Fenster, um gleich darauf zu grübeln, woher sie die
350 000 Dollar für die Schulden nehmen soll - das Paar war in New York nicht krankenversichert. "Ein Baby wollte ich mit dir haben", sagt Katarina, als beide zurück in Deutschland sind, "jetzt muss ich dich windeln."
Am 3. Januar 1999 steht Boris zum ersten Mal wieder auf eigenen Füßen; in weißen Stützstrümpfen. Neben ihm hält Katarina die Kamera. "Ich-bin-froh-dass-ich-meinen-Kopf-wieder-kontrollieren-kann", sagt er zu ihr; die Stimme klingt, als spräche ein Automat. "Ich-komme-nämlich-bald-zurückins-Leben."
Es sind bittere Glücksmomente. Boris isst, doch er sabbert. Er steht und kippt um. Weinend schlägt er in der Therapie das linke Bein, weil es seinem Willen nicht gehorcht. Seine ersten Schritte gleichen denen eines aufgezogenen Blechmännchens. Die erste Tonleiter, G-Dur, auf dem Cello klingt nach Katzenmauzen.
Er spricht von Liebe, mit schwerer, undeutlicher Stimme versucht er Katarina zu fesseln: "Du-bist-die-Einzige-die-das-ertragen-kann." Er sei von Haus aus Egoist, sagt er heute. "Hätte ich sie freigegeben, säße ich jetzt bei den Alten in irgendeinem Pflegeheim."
Sich unverzichtbar zu fühlen hat seine Frau lange zu Hochleistungen getrieben. Jeden Tag besuchte sie ihn in der Reha-Klinik; drei Stunden lang saß sie jedes Mal in Bus und Bahn, als sie das Auto wegen der Geldnöte verkauft hatte. Sie bezahlte Rechnungen, sie verhandelte mit den Sachbearbeitern auf dem Sozialamt.
Irgendwann konnte sie nicht mehr. "Alle fragten nur nach Boris, dem armen Kerl." Verdammt, habe sie gedacht, meine blanken Nerven könnten auch mal Zuwendung vertragen - und hatte dabei ein schlechtes Gewissen.
Bei jeder Verabredung mit einer Freundin drückt es sie, und die Gedanken rattern: Der ist so krank, so kaputt, und du bist so gesund; du hast ihn mal geliebt und liebst ihn immer noch; aber was ist das eigentlich - Liebe? Nicht doch ein Tauschgeschäft? Könntest du ihn überhaupt verlassen? Du bist doch jung, wie sollst du jemals wieder arbeiten, wenn der Typ nicht einmal allein aufs Klo gehen kann? "Es war so schwierig: Wir hatten uns als gleichberechtigte Partner aufeinander eingelassen und steckten plötzlich in einem Mutter-Sohn-Verhältnis."
Als Boris nach vielen Monaten in der Reha-Klinik wieder zu Hause einzieht, in die neue, kleine, billige Wohnung, hält sie es kaum mehr aus. Wie ein Kind spielt er mit den Küchengeräten herum, wie ein Kind löscht er aus Versehen die Festplatte ihres Computers; wie einem Kind räumt sie ihm hinterher, schreit und schimpft, so laut, dass es den Nachbarn auffällt. Und Boris' Fortschritte werden langsamer. "Ich hatte Angst, dass es so bleibt", sagt sie. "Ich habe diesen Mann nicht mehr ertragen."
Und er? Was dachte er, wenn er am Küchentisch saß und Katarina ungeschickte Hilfe beim Gemüseschneiden anbot? Wenn er den Kohl mit den Fingern zerpflücken wollte, weil das Messer ständig abrutschte? Wenn die Ehefrau ihn sofort mahnte: "Nimm das Messer!", mit nörgeliger Stimme bei laufender Kamera? "Tja", sagt er, "was hab ich gedacht? Lass sie doch, bald kommt Besuch, dann ist sie wieder freundlich, und ich hab meine Ruhe."
Absurd, findet Katarina Peters heute. "Wir hatten so gekämpft um ein Leben zu zweit. Und dann hockten wir da, als wären wir beide locked-in." Ihr Mann kichert. "Sie hat mich weggeschickt, gegen meinen Willen." Für ein paar Wochen brachte die Ehefrau ihren Ehemann bei seinem Vater unter. Danach ging es wieder.
So langsam werde das Leben zum Glück ein bisschen normaler, meinen die beiden. Auch reisen kann Boris inzwischen allein. "Und vielleicht hat es uns ja doch irgendwie den Neuanfang gebracht, den wir uns zur Hochzeit so gewünscht haben", sagt Katarina Peters.
Das Leben, heißt es in der Begründung der Leipziger Festival-Jury, ist nicht das, was wir von ihm erwarten. Sondern das, was uns passiert. KATJA THIMM
* Ab 5. Oktober in ausgewählten Programmkinos in der vom Fernsehsender XXP präsentierten digitalen Kino-Reihe "Delicatessen"; ab 6. Oktober bundesweit in den Programmkinos.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 39/2005
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