26.09.2005

AFFÄRENWohltätige Zwecke

VW-Manager betreuten Arbeitnehmervertreter auf sehr spezielle Weise - zum Beispiel durch die Überweisung von 100 000 Euro auf ein Gewerkschaftskonto.
Es ist noch nicht einmal drei Monate her, als, Anfang Juli, die VW-Affäre um Tarnfirmen und Lustreisen für Betriebsräte aufflog. Sofort versicherte der neugewählte Wolfsburger Arbeitnehmerchef Bernd Osterloh: "Der Betriebsrat von VW lässt sich nicht kaufen." Und Peter Hartz, zu dieser Zeit noch Personalvorstand, polterte los: "Ich weise diese Verunglimpfungen aufs Schärfste zurück."
Mittlerweile aber mehren sich die Indizien dafür, dass der VW-Konzern durch seine spezielle Art der Betriebsratsbetreuung die Arbeitnehmervertreter tatsächlich korrumpiert haben könnte. Es ist schwer vorstellbar, dass Betriebsräte, die sich auf zahlreichen Reisen auf Kosten des Unternehmens mit Prostituierten vergnügt hatten, das Management im Aufsichtsrat unabhängig kontrollierten. Und wie sollte der zurückgetretene Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert seine Aufgabe im Präsidium des Kontrollgremiums gewissenhaft erledigen, nachdem der VW-Konzern nicht nur die First-Class-Flüge seiner brasilianischen Freundin nach Deutschland, sondern auch gemeinsame Reisen mit ihr unter anderem auf die Inselgruppe der Andamanen bezahlt hatte?
Für die Industriegewerkschaft Metall, die gerade eine Kampagne zur Verteidigung der Mitbestimmung gestartet hat, ist dies alles schon schlimm genug. Doch jetzt dürfte eine Zahlung von 100 000 Euro die Gewerkschaften in noch stärkere Erklärungsnot bringen.
Helmuth Schuster, einst Stellvertreter von Hartz und später Vorstand bei der VW-Tochter Skoda, soll am 8. Dezember 2004 bei einer deutschen Bank die Überweisung von 100 000 Euro auf das Konto 193 261 847 bei der Ceskoslovenská obchodní banka in Prag veranlasst haben. Es gehört laut Überweisungsbeleg, der dem SPIEGEL vorliegt, der "ZO OS Kovo Skoda Auto" - der Betriebsorganisation des Gewerkschaftsverbandes Metall bei Skoda.
Die Zahlung ist brisant, auch wenn sie nicht die deutsche IG Metall betrifft, sondern die Kovo-Metall, die mit 170 000 Mitgliedern größte Gewerkschaft in Tschechien. Wenige Monate nachdem das Geld eintraf, stand die Verlängerung von Schusters Vertrag als Skoda-Vorstand an, der die Arbeitnehmervertreter zustimmen mussten. Tschechische Gewerkschafter müssen sich jetzt fragen lassen: Waren dieArbeitneh- mervertreter von Skoda käuflich?
Zu jener Zeit musste Schuster sich um seine Vertragsverlängerung sorgen. Er hatte Gegner im Vorstand, vor allem Finanzchef Winfried Vahland, der sogar die Revision auf seinen Vorstandskollegen aufmerksam gemacht hatte. Schuster konnte die Unterstützung der Gewerkschaft gut gebrauchen, zumal er noch weiter Karriere machen wollte und nach Angaben von Aufsichtsratsmitgliedern gern stellvertretender Skoda-Chef geworden wäre.
Kovo-Metall-Chef Jaroslav Povsík, der auch im Aufsichtsrat von Skoda sitzt, bestätigt dem SPIEGEL den Eingang der 100 000 Euro auf dem Konto der Gewerkschaft, das auf Schusters Wunsch eigens für diese Zahlung eingerichtet worden sei. Das Geld habe zur Rekonstruktion des Kulturhauses der Gewerkschaft in Mladá Boleslav dienen sollen.
Mit der Unterstützung der Gewerkschaft für Schusters Karriere aber habe dies alles rein gar nichts zu tun. Die Gewerkschaft nehme kein Schmiergeld, sagt Povsík. Sie sei davon ausgegangen, dass die 100 000 Euro nicht von Schuster persönlich, sondern von Skoda stammten, sagt der Gewerkschafter.
Seltsamerweise aber wurde die Herkunft des Geldes sorgsam verschleiert. Der Betrag wurde zunächst auf das Konto eines Unbeteiligten transferiert, von dem es dann ohne dessen Wissen an die OS Kovo Skoda Auto weiter überwiesen wurde. Geldwäscher nutzen diesen Trick gelegentlich, wenn sie die Spuren verwischen wollen.
Der tschechischen Gewerkschaft bereitete die Überweisung zunächst ein Problem. Sie wusste nicht, wie sie die Einnahme verbuchen sollte. Ein Anwalt habe geraten, eine Schenkungsurkunde zu verfassen, sagt Vorsitzender Povsík. Diese habe man dann mit dem Vermerk "für wohltätige Zwecke und Einrichtungen im Kulturbereich" an Schuster geschickt. Der sollte an der entsprechenden Stelle noch seinen Namen einsetzen. Doch die Urkunde sei nie ausgefüllt zurückgekommen.
Schuster sagt, es habe sich gar nicht um eine Spende gehandelt. Das Geld sollte der Gewerkschaft nur zur Überbrückungsfinanzierung dienen, es sei eine "harmlose Hilfsaktion" gewesen. Man habe ein Darlehen zur Verfügung gestellt, damit das Kulturhaus der Gewerkschaft nicht illiquide werde. Wer "man" ist, von wem das Geld kommt, warum der Transfer verschleiert wurde, will Schuster nicht verraten. Nur so viel: "Das war keine Bestechung oder so ein Quatsch."
Am 6. Juni 2005 wurde Schuster die Verlängerung seines Vertrags um drei Jahre angeboten. Doch da war die VW-Revision schon auf den Spuren des internationalen Firmengeflechts, mit dessen Hilfe Schuster, der VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer und Betriebsratschef Volkert private Geschäfte mit dem VW-Konzern anschieben wollten. Neun Tage später erhielt Schuster die Kündigung.
MICHAEL FRÖHLINGSDORF,
DIETMAR HAWRANEK, SVEN RÖBEL
Von Michael Fröhlingsdorf, Dietmar Hawranek und Sven Röbel

DER SPIEGEL 39/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Wohltätige Zwecke

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt