26.09.2005

ENTWICKLUNGSHILFEPopstar und Professor

Sein Rezept der Schocktherapie für Polen und Russland machte den US-Ökonomen Jeffrey Sachs berühmt und umstritten. Jetzt will er die ganze Welt von der Armut befreien.
Ein Traktor versperrt die Weiterfahrt auf einem Feldweg irgendwo in Kenia. Angelina Jolie, die Hollywood-Schauspielerin, verlässt ihren Jeep und macht Small Talk am Straßenrand.
"Hallo, ich bin die Angie", sagt sie zu ein paar Kindern, die herbeigelaufen sind und lachen. "Komischer Name, ich weiß", sagt sie, und wie nett es sei, sich hier kennen zu lernen. Dann ist die Straße wieder frei, Angie klettert auf die Rückbank ihres Autos zurück. "Hast du gesehen, wie klein die alle sind?", raunt ihr ihr Begleiter zu. "Das ist die Folge von chronischer Unterernährung."
Später tanzen die beiden Besucher auf einem Dorffest mit der Bevölkerung. Sie helfen einer Bauersfrau bei der Feldarbeit. Angie versucht, einen Wasserkrug auf dem Kopf zu balancieren. Und sie schauen sich ein Krankenhaus an. "Nicht einmal die notwendigsten Dinge sind hier vorhanden", flüstert der Mann an Jolies Seite, der das genaue Gegenteil ihres Lebensgefährten Brad Pitt verkörpert: Er hat eine hagere Gelehrtenfigur mit zerknautschtem Gesicht, er ist hochintelligent, und er hat einen Masterplan für die Abschaffung der Armut entworfen.
Jeffrey ("Jeff") Sachs gehört zu den berühmtesten Ökonomen der Welt. Mit 28 Jahren war er einer von Harvards jüngsten Professoren.
Später wurde er als Berater von Lech Walesa in Polen und Boris Jelzin in Russland weltberühmt - und verhasst: Weil er den postkommunistischen Staaten eine marktradikale Schocktherapie verordnete, gilt er vielen als Inbegriff des kaltherzigen Neoliberalen.
Jetzt sorgt er wieder für Schlagzeilen, diesmal aber in einer ganz anderen Rolle: Der neue Sachs ist eine Mischung aus Entwicklungshelfer, Popstar und Professor. "Angelina and Jeff's Excellent Ideas", jubelte die "New York Times" über das Afrika-Engagement der ungleichen Stars. Das Musikfernsehen hat aus ihrer Reise eine bunte Clipshow zum Nachdenken gemacht ("thinkMTV"). Und U2-Sänger Bono erzählt, wie er neben Sachs im Flugzeug saß und Autogrammjäger auf seinen Nachbarn verwies: Dessen Unterschrift sei später viel mehr wert als seine eigene.
Mehr als 180 Staats- und Regierungschefs versammelten sich Mitte September zum Uno-Millenniumgipfel in New York. Es ging um die Zukunft der Entwicklungspolitik und um das ehrgeizige Vorhaben der Vereinten Nationen, die Armut weltweit bis 2015 zu halbieren; das ist ihr sogenanntes Millenniumsziel. Und es ging um die Frage, wie das zu schaffen sei: Sollen die reichen Staaten den armen Ländern noch mehr Milliarden überweisen? Oder müssen sich diese erst einmal für die Hilfe qualifizieren - durch energische Korruptionsbekämpfung und marktliberale Reformen?
Sachs hatte den Regenten eine detaillierte Gebrauchsanweisung geschrieben, wie sie das seit Jahrzehnten ungelöste Problem endlich, und endgültig, in den Griff kriegen können. Sein jüngstes Buch ("Das Ende der Armut") lässt sich als inoffizielle Agenda des Uno-Generalsekretärs verstehen: Kofi Annan ernannte den Amerikaner vor fünf Jahren zum persönlichen Berater und Direktor seines Millenniumprojekts. Das Votum der Vollversammlung war deshalb auch ein Praxistest für die Politikfähigkeit des Professors.
Zu den Grundüberzeugungen der Entwicklungspolitik gehört seit langem, dass Wirtschaftsreformen zu Wachstum führen und damit Armut am wirkungsvollsten bekämpft werden kann. Sachs hält diesen Ansatz für unzureichend. Er glaubt, dass in den ärmsten Staaten zunächst viel grundsätzlichere Probleme gelöst werden müssen: Solange ein Land massiv mit Aids, Malaria, mangelnder Infrastruktur und schlechter Wasser- sowie Stromversorgung zu kämpfen hat, hilft ihm eine liberale Wirtschaftspolitik allein nicht weiter.
Wie in der Medizin muss deshalb zunächst jedes Land als individueller Patient betrachtet werden, sagt er. Das heißt: Erst sind die Beschwerden und deren Ursachen im Einzelfall sorgfältig zu diagnostizieren, bevor eine maßgeschneiderte Medizin
verschrieben wird. "Clinical Economics" nennt er das; seine Frau, eine Kinderärztin, hat ihn zu diesem Ansatz inspiriert. Wenn die reichsten Staaten dafür in den nächsten zehn Jahren 135 bis 195 Milliarden Dollar jährlich bereitstellen, so sein Versprechen, kann extreme Armut bis 2025 aus der Welt geschafft werden.
Es ist Dienstagnachmittag, kurz vor Beginn des Millenniumgipfels. Sachs hat zum "World Leaders Forum" in die New Yorker Columbia University geladen. Griechische Götter flankieren den Eingang der zentralen Festhalle, die nach dem Vorbild des Athener Parthenons errichtet wurde.
Jeff Sachs ist spät dran. Er eilt mit dem indonesischen Staatschef Susilo Bambang Yudhoyono aufs Podium. Die größte Herausforderung des Gipfels sei, sagt der Präsident im Scherz, "etwas über Armut zu sagen, das noch nicht von Professor Sachs geschrieben wurde". Yudhoyono findet, dass sich die Millenniumsziele der Uno als komplizierte Sache mit vielen Hindernissen herausgestellt haben.
Das wichtigste dieser Ziele ist die Selbstverpflichtung der Industriestaaten, künftig 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben. Sachs hat dafür seit Jahren gekämpft. Sein eigenes Land stellt bislang nur 0,16 Prozent bereit. Nun steht er am Mikrofon, er legt die Hand aufs Herz, es fällt ihm schwer, für die Ignoranz im reichsten Staat der Erde die richtigen Worte zu finden.
Die Armen verlangen keine neue Weltordnung, sagt er. Sie wollen nicht 10 Prozent unseres Reichtums, was nur fair wäre. Sie wollen nur 0,7 Prozent. "Wenn ich ein Konservativer wäre, würde ich dieses Angebot begeistert annehmen", sagt er. US-Präsident George W. Bush jedoch hat es ausgeschlagen.
Einen Ökonomen wie Sachs hat es lange nicht gegeben. Seine Ratschläge für die postkommunistischen Staaten Osteuropas waren lupenrein dem liberalen Lehrbuch entnommen. 15 Jahre später ist er für die einen zum engagierten Anwalt der Dritten Welt geworden - und für die anderen schlicht zum Spinner. Fast wirkt es, als hätte er bei seinen Vorbildern Adam Smith durch Mutter Teresa ersetzt. Wie ist es dazu gekommen?
"Russische Ölbarone müssen ihre Weingläser zum Dank auf Jeffrey Sachs und seine politische Naivität erheben", lästerte kürzlich Buchrezensent Clive Hamilton, als er Sachs' jüngstes Werk besprach.
Zwar bestreitet Jelzins Ex-Berater, dass er für die misslungene Privatisierung der sowjetischen Staatswirtschaft eine Mitverantwortung trägt. Vielleicht haben die Moskauer Erfahrungen sein akademisches Weltbild, seinen Glauben an die Kraft der Märkte dennoch erschüttert. Vielleicht ist hieraus seine Überzeugung gewachsen, dass Liberalisierung und Privatisierungen allein den ärmsten Ländern nicht helfen können.
Sooft es geht, verlässt Sachs, der nach über 20 Jahren in Harvard inzwischen an der New Yorker Columbia doziert, seine Lehrstube für Recherchen vor Ort. Allein in diesem Sommer besuchte er 18 Staaten. Zuerst Tadschikistan: Das Hochgebirgsland sei wegen seiner isolierten Lage im Norden Afghanistans völlig verarmt, sagt er. Dann Jemen, ein "von Dürre geplagter Wüstenstaat". Es folgten Länder wie Ghana, Liberia und Mali. Überall sah er Elend, Hunger und Krankheit.
Erst kurz vor dem Uno-Gipfel kehrte er nach New York zurück. Der Salon seines mehrstöckigen Hauses unweit des Central Parks ist mit Kunstwerken aus Entwicklungsländern dekoriert; darunter eine Malerei von bolivianischen Indios und ein geknüpfter Wandschmuck aus Ghana. Hier empfängt Sachs, 50, zum Gespräch: wie ein Entdecker nach der Großexpedition.
Die Reise war anstrengend und ernüchternd. Fast überall sprach er mit Regierungsvertretern - und mit Dorfbewohnern, die von ihren Schwierigkeiten berichteten. Eigentlich müsste er überall helfen und sofort. Aber dafür fehlt das Geld: weil die reichen Staaten, vor allem die USA, so viel Ärger mit den Millenniumszielen machen. Und weil immer noch ein "exzessiver Fokus auf die militärische Lösung der globalen Probleme" gelegt werde und die Entwicklungshilfe dabei zu kurz komme, sagt Sachs.
Von Äthiopien bis Uganda sollen deshalb nun auch mit Hilfe privater Spenden Millenniumsdörfer entstehen, kleine Modellregionen also, in denen die Empfehlungen aus Sachs' Millenniumprojekt vorbildlich umgesetzt werden sollen. "Wir wollen im kleinen Maßstab beweisen, dass man mit entsprechenden Mitteln auch Ergebnisse bekommt", sagt der Uno-Berater.
Von seinen alten Kollegen aus der Ökonomen-Zunft wie auch aus der US-Politik wurde Sachs deshalb harsch kritisiert. Viele halten seine Forderungen nach zusätzlicher Entwicklungshilfe für überzogen. Sie glauben, dass ein weiterer Geldregen genauso wirkungslos versickert wie so viele der 1000 Milliarden Dollar, die allein die Weltbank seit 1960 für die ärmsten Staaten zur Verfügung stellte.
Andere amüsieren sich über das Mikromanagement des Professors, der sich mit detaillierten Tipps vom Brunnenbau bis zur Verteilung von Moskitonetzen ihrer Meinung nach maßlos verzettelt.
"Viele arme Länder sind völlig korrupt", sagt zum Beispiel der Pittsburgher Wirtschaftsprofessor Allan Meltzer, der den US-Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush als Berater diente: "Wenn wir denen kein Geld mehr geben, sind die Chancen größer, dass es auch dort zu Reformen kommt."
Möglicherweise hat Meltzer recht. Wahrscheinlich wird auch Jeff Sachs nicht die ganze Welt von der Armut befreien.
Aber vielleicht kann ihm wenigstens in Kenia ein Anfang gelingen. Ende Juli war er noch einmal in den Dörfern, die er im Frühjahr mit Angelina Jolie bereiste. Mit der Unterstützung des Uno-Teams konnten sich die Bauern zum ersten Mal seit 30 Jahren Düngemittel und besseres Saatgut leisten. "Die Ernte war viermal so groß wie im letzten Jahr", sagt Sachs.
Statt Angie brachte er diesmal mehrere kenianische Regierungsmitglieder zum Erntefest in sein Millenniumsdorf. Die Minister zeigten sich höchst interessiert. "Sie wollen das jetzt im nationalen Maßstab machen", sagt Sachs. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 39/2005
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