26.09.2005

LUXUSSteine des Anstoßes

Hans Stern floh einst vor den Nazis nach Südamerika und baute ein Schmuckimperium auf. Nun kehrt er mit Filialen zurück - und findet in Deutschland fast alles toll.
Manchmal muss man vielleicht ein bisschen weiter weggehen, um die Probleme der Bundesrepublik richtig einschätzen zu können. Nach Rio de Janeiro zum Beispiel. Dann werden selbst hiesige Jamaika-Debatten und Koalitionskräche plötzlich sehr, sehr klein.
Hans Stern lebt normalerweise an der Bucht von Ipanema. Vergangene Woche kam er nach Deutschland. In Berlin tobte gerade das Kanzler-Chaos: Joschka Fischer ging schon ein bisschen, Paul Kirchhof war schon weg. Die Sonne zerrieselte im bunten Herbstlaub rund um die Hamburger Binnenalster. Und Herr Stern sagte, wie schön er die Bundesrepublik finde: "Hier wird so viel gebaut. Und alles ist so sauber, alles funktioniert." Und dass ihm jedes Mal diese Disziplin bei uns gefalle, diese Pünktlichkeit und Ordnung.
Dann sitzt man diesem netten, ruhigen, 83-jährigen Herrn gegenüber und denkt sich, dass er diese deutsche Disziplin und Ordnung auch schon anders kennen gelernt hat. Ganz anders. Herr Stern ist Jude.
1939 wanderte er mit seinen Eltern, ein paar Reichsmark und Büchern nach Südamerika aus. Die Entscheidung zum Abschied hatte die Familie nach der "Reichskristallnacht" getroffen. Sterns Großvater hatte sich umgebracht, weil er die Deutschen nicht mehr verstand, zu denen er sich doch selbst immer gezählt hatte.
Stern junior verkaufte seine Ziehharmonika für 200 Dollar, bekam einen kleinen Bankkredit und gründete 1945 die Firma H. Stern. Man spricht das in den meisten Teilen der Welt heute "Äitsch Störn" aus. Und es weist nur noch wenig darauf hin, dass das Unternehmen nicht von einem Amerikaner, sondern von einem gebürtigen Essener in Rio gegründet wurde.
Aus dem kleinen Juwelenladen mit Schleifwerkstatt und Schürfrechten ist ein weltweit operierender Schmuckkonzern geworden, der sein Geld mit Farbedelsteinen aus der Wildnis Südamerikas verdient: Aquamarin und Amethyst, Turmalin und Topas. Die Steine des Sternschen Anstoßes sind sinnlich-bunte Klunker, die er nicht nur der Hollywood-Prominenz bei der Oscar-Verleihung umhängt - dort aber mit Vorliebe, weil die Reklamewucht gewaltig ist, wenn etwa Angelina Jolie mit einem für diese eine Nacht gefertigten Zehn-Millionen-Dollar-Stern-Kollier auf dem roten Teppich erscheint.
Prominente Schmuck- und damit Werbeträgerinnen sind wichtig fürs Geschäft. Im Oktober sollte eine Kampagne mit Kate Moss anlaufen, die von Hennes & Mauritz gerade wegen ihres Drogenkonsums geschasst wurde. Stern erwägt, sich auch von Moss zu trennen. Er weiß nicht, ob die Skandale des Models auch für ihn schlecht sind, und will das zu Hause mit seinen Söhnen besprechen, die längst ins Familienimperium hineingewachsen sind.
Der Senior selbst legt Wert darauf, noch jeden Morgen um 8.30 Uhr mit seinem VW Golf ins Büro zu fahren. Er will nicht auffallen.
Man weiß auch nicht so genau, wie reich er ist. Er verrät keine Zahlen. Man weiß nur, dass er rund 160 Filialen dirigiert, 3000 Mitarbeiter hat und deutlich über hundert Millionen Euro umsetzt. Der Patriarch schweigt dazu freundlich in sich hinein und genießt das Geraune, dass seine wahre Konkurrenz allenfalls Tiffany, Bulgari oder Cartier heiße.
Brasilien steuert noch immer 70 Prozent zum Geschäft bei. Dahinter folgen Israel und die USA. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Stern gemeinsam mit dem israelischen Diamanten-Tycoon Lev Leviev bis 2010 in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion für rund hundert Millionen Dollar 50 Geschäfte eröffnen will. Dort ist neuerdings viel Geld. Geld, das Luxus liebt. Deutschland spielt auf der Stern-Karte kaum eine Rolle - außer der immer gleichen.
Schon 1948 war er zum ersten Mal wieder hier. In Essen hat er damals mit seinem alten Schuldirektor und Musiklehrer geplaudert und erinnerte sich an die Zeit, als er der Einzige in seiner Klasse war, der keine Uniform trug. Nicht dass derlei im Nachhinein zur Anekdote taugte. Aber er hat es ja überlebt. Er macht niemandem Vorwürfe. Er fühlte weder Angst noch Hass. So wenig, wie er heute mit Antisemitismus einerseits oder Kollektivschuldthesen andererseits etwas anfangen kann.
Zu Hause in Rio hört er im Büro oft die großen deutschen Komponisten. Er liest jede Woche den SPIEGEL und pflegt seine Muttersprache auf fast filigrane Weise. Allenfalls der Pessimismus hierzulande, der stört ihn - ähnlich wie Gewerkschaften.
Vor vier Jahren war er bereits mit fünf Filialen in Deutschland. Dann begann der Ärger um Ausbildung und Dresscode seiner Angestellten und solche Sachen. Er machte die Läden einfach dicht.
Inzwischen ist er wieder da und will, nach Frankfurt, München und jüngst Hamburg, vielleicht auch in Düsseldorf, Berlin oder Stuttgart neue Geschäfte eröffnen. Er sieht Potential in seinem merkwürdigen Heimatland, das sich mit solcher Begeisterung chronisch selbst geißele.
Stern hat einen deutschen und einen brasilianischen Pass. Er hätte wählen, sich aber nicht entscheiden können. SPD? CDU? Wahrscheinlich wäre er bei der Union gelandet, sagt er.
Dabei findet er sogar das deutsche Steuersystem wunderbar. In Brasilien sei selbst das viel teurer und komplizierter. Er mag Deutschland wirklich. THOMAS TUMA
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 39/2005
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