26.09.2005

RUSSLANDEine feine Gesellschaft

Nach der Verurteilung von Ex-Jukos- Chef Chodorkowski nimmt sich der Kreml jetzt dessen Anwälte vor. Um den Promi-Häftling selbst reißen sich Gefängnisse im ganzen Land.
Wenn es nachts in Moskau an der Hoteltür klopft, muss es auch heutzutage noch nicht der Etagenkellner sein. Die fünf Männer in Zivil, die um 0.23 Uhr in der Nacht zum vergangenen Freitag im Hotel Ararat Park Hyatt vor dem Appartement von Rechtsanwalt Robert Amsterdam aus Toronto standen, gaben sich als Polizisten aus. Sie stempelten sein Visum ungültig und forderten ihn auf, Russland binnen 24 Stunden zu verlassen.
Die Herren sagten nicht, was gegen ihn vorliege. Amsterdam hatte aber Grund zu der Annahme, dass die Ausweisung mit jenen Rechtsgeschäften zusammenhing, die ihn nach Moskau geführt hatten. Vor einem Berufungsgericht war drei Stunden zuvor das Urteil gegen seinen Mandanten Michail Borissowitsch Chodorkowski, 42, Ex-Chef des Ölkonzerns Jukos, bestätigt worden: Es blieb bei den Hauptvorwürfen "Betrug" und "Steuerhinterziehung", nur das Strafmaß hatte man von neun auf acht Jahre Lagerhaft verkürzt. Chodorkowski und sein Mitangeklagter Platon Lebedew können das Urteil noch vor dem Obersten Gericht anfechten. Es ist aber sofort vollstreckbar.
Rechtsanwalt Amsterdam hatte sich bei den Mächtigen unbeliebt gemacht. Er hatte den kafkaesken Prozess zuvor als "abgekartetes Spiel" eingestuft und darüber hinaus moniert, die Haftbedingungen seines Mandanten hätten "noch nicht einmal Drittweltstandard".
Die russische Justiz, sonst nicht von der schnellen Truppe, trieb das Berufungsverfahren gegen den vormals reichsten Mann des Landes mit hektischer Eile voran. "Selbst Sokrates und Plato", spottet Jurij Schmidt, einer der einheimischen Verteidiger, "hätten in so kurzer Zeit keine 600 Seiten Dokumente studieren können."
Während der elfstündigen Marathonsitzung des Moskauer Stadtgerichts am vergangenen Donnerstag waren zeitweise die Fetzen geflogen. Der Angeklagte warf dem Tribunal vor, Richter Wjatscheslaw Tarassow mache sich zum Handlanger der Politik. Tarassow schnauzte: "Geben Sie hier keine politischen Erklärungen ab, wir verhandeln eine gewöhnliche Strafsache."
Doch daran waren nicht erst im Vorfeld der Berufungsverhandlung Zweifel aufgekommen. MBCh, wie ihn seine Freunde nennen, hatte von seiner Zelle in der Haftanstalt "Matrosenstille" politische Unruhe in die Hauptstadt getragen. Sehr zum Unwillen Präsident Wladimir Putins, der Chodorkowskis Imperium mit Zwangsmaßnahmen außerhalb der Legalität hatte zerschlagen lassen.
MBCh wollte Anfang Dezember bei einer Nachwahl im Moskauer Universitätswahlkreis für ein Mandat in der Staatsduma kandidieren. Das konnte er aber nur, solange seine Berufung nicht entschieden und das Urteil gegen ihn nicht rechtskräftig war. Seine Chancen standen nicht schlecht. Der Knastkandidat wurde unterstützt von einer Riege einflussreicher Sympathisanten, angefangen bei der liberalen Ex-Duma-Abgeordneten Irina Chakamada bis hin zu Iwan Melnikow, dem Vizechef der Kommunistischen Partei.
Auch bei den einfachen Leuten buhlte der prominente Wendekapitalist um Sympathien. Im Interview mit dem Linkspatriotenblatt "Sawtra" hatte er den Zerfall der UdSSR als "Tragödie" beklagt und sich als Kämpfer für die "Armen und Beleidigten" an die Rampe gespielt.
Das Regime konterte die Attacke mit einer Intrige, die Stalins NKWD nicht virtuoser hingekriegt hätte. Nur dass dabei kein Blut floss. Innerhalb weniger Tage meldeten sechs weitere Häftlinge aus der "Matrosenstille" ihre Kandidatur für den Duma-Sitz an. Unter ihnen der Serienräuber Alexander Namunka, der Betrüger Andrej Titow sowie die zwei Kinderschänder Alexej Lawruchin und Igor Posdnjakow.
Die Häme Kreml-gelenkter Fernsehkanäle, staatstreuer Zeitungen und geheimdienstgesteuerter Websites über die zwielichtigen Genossen des Kandidaten Chodorkowski ließ nicht lange auf sich warten. Tenor: eine feine Gesellschaft, die da ins Rampenlicht drängt, und der Herr Multimillionär mittendrin.
Mit dem Skandalurteil schien das Problem Chodorkowski für Putin gelöst. Rätselhaft, warum er noch eins draufsetzen lässt. Nach dem Rausschmiss Amsterdams droht das Justizministerium acht der russischen Verteidiger mit Entzug der Anwaltslizenz. Begründung: Sie hätten ihre anwaltlichen Pflichten verletzt.
Anfang Oktober soll Chodorkowski aus der "Matrosenstille" in eine "Strafkolonie gewöhnlichen Regimes" überführt werden. Anstaltsleiter im ganzen Land reißen sich um den prominentesten Gefangenen der Nation. Denn mit dem immer noch reichen Promi-Knacki winken dem Gefängnis, das ihn verwahrt, allerlei Vergünstigungen: Essens- und Renovierungszuschüsse, Bücherspenden, Sportgeräte. Wiktor Gerassimow, Leiter der Vollzugsanstalt JUI 78/8 in Uljanowsk, 700 Kilometer östlich von Moskau, teilte mit, er würde Chodorkowski "mit Vergnügen" aufnehmen. Direktor Gerassimow hat auch schon einen Job für den Neuzugang. Er soll die Häftlingsbibliothek leiten.
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 39/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung