26.09.2005

CHILEDer König von Patagonien

Ein New Yorker Millionär versucht sich am Südzipfel Amerikas als Stellvertreter Gottes. Er will die Natur in Wildnis zurückverwandeln - und schafft sich damit eine Menge Feinde.
Douglas Tompkins stürmt im Laufschritt durch den Regenwald. Bizarre Zypressengewächse und bemooste Felsen säumen den Pfad, so alt, als hätte sie der liebe Gott bei seinem Schöpfungsakt hierher versetzt. Tompkins aber würdigt sie kaum eines Blicks. Er steht unter Zeitdruck. Landschaftsplaner, Biologen und Forstexperten warten.
Tompkins ist ganz Manager. Seinen Wald führt er so effizient wie einst den Modekonzern Esprit, dessen Eigentümer er war. Jedes ärgerliche Detail registriert der Amerikaner mit seiner Digitalkamera: verrutschte Lavasteine, die Arbeiter auf dem Naturpfad hinterlassen haben, fremde Pflanzen, die nicht mit der Vegetation harmonieren. Auf einer Lichtung streicht er über das Gras: "Diesen Boden haben Rinder zertrampelt." Jetzt wird hier eine Wiese erblühen, ein neuer Lebensraum für Tausende Tier- und Pflanzenarten.
Tompkins stellt Wildnis wieder her, so wie ein Architekt historische Bauten restauriert. Deshalb hat er diesen Flecken Erde gekauft - mitsamt dem Vulkan, dessen schneebedeckter Gipfel in der Sonne glänzt, den Gletschern, den Seen, den Wäldern, der ganzen prachtvollen Landschaft bis hin zum Horizont.
Der einstige Textilmagnat ist der schillerndste unter den Multimillionären, die sich in das Naturparadies Patagonien eingekauft haben. Auch George Soros, Ted Turner und Sylvester Stallone haben Grundstücke am Südzipfel Südamerikas erworben. Sie kommen zum Skilaufen und zum Reiten, oder sie züchten Schafe, wie Luciano Benetton. In Patagonien ist Land billig, die Natur scheinbar noch intakt.
Doch die Idylle trügt. Holzkonzerne, Rinderzüchter und Lachsfarmer zerstören Wälder und verschmutzen Seen und Fjorde. In riesigen Sägewerken werden die letzten nichttropischen Regenwälder Südamerikas zu Chips für die Zelluloseindustrie zerhackt. Chiles Umweltgesetze reichen nicht aus, den jahrhundertealten Baumbestand zu schützen. Ein Fall für Douglas Tompkins, 62, den umstrittensten Naturschützer des Kontinents.
Über ein verschachteltes System von Stiftungen hat der Multimillionär Dutzende Farmen erworben, die er nun wie ein Puzzle zu einem gigantischen Naturpark zusammenfügt. "Wenn man ein Ökosystem bewahren will, kann das Schutzgebiet gar nicht groß genug sein", beteuert Chiles inzwischen größter privater Grundbesitzer.
Als er Ende der achtziger Jahre in diese Gegend kam, hielten die Farmer den Gringo
für einen freundlichen Spinner. Viele Großgrundbesitzer, hoch verschuldet zumeist, dienten ihm ihre Ländereien an. Tompkins zahlte gut und pünktlich, die Grundstückspreise in der Region zogen an.
Doch der scheinbar gutmütige Naturfan entpuppte sich bald als Störenfried. Er legte sich mit den Lachsfarmern an, weil sie mit ihren Futterabfällen die Fjorde verschmutzen, und kämpfte gegen die Asphaltierung der Panamericana-Straße, die durch seinen Nationalpark Pumalín führt.
Der erstreckt sich vom Pazifischen Ozean bis an die argentinische Grenze, was Nationalisten bereits um die Souveränität Chiles fürchten lässt. "Tompkins hat unser schmales Land zerteilt", empört sich der konservative Senator Antonio Horvath. Er wittert die Machenschaften eines internationalen grünen Kartells, welches verhindern wolle, "dass Chile sich entwickelt".
Antisemitische Militärs warfen dem Amerikaner sogar vor, er erwerbe "im Auftrag des Weltjudentums" Land für die Gründung eines "neuen Israel", obwohl der gar kein Jude ist. "In Santiago wurde mir versichert, dass Doug Tompkins ein Agent der CIA sei", staunte wiederum der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der ihn jüngst besuchte.
Die Verschwörungstheorien wurzeln zumeist in der Regierungszeit des Präsidenten Eduardo Frei Ende der neunziger Jahre. Der Christdemokrat schürte laut Tompkins die Vorbehalte gegen den Öko-Millionär. Die Lobby der Holzkonzerne und Zelluloseproduzenten fand bei Frei ein offenes Ohr. Mit dessen Nachfolger, dem Sozialisten Ricardo Lagos, versteht Tompkins sich dagegen blendend.
Ende 2004 übergab er dem Staat ein riesiges Schutzgebiet in Patagonien, das er in Wildnis zurückverwandelt hat. Auch Pumalín, das Herzstück seines Reichs, will er irgendwann überschreiben. Voraussetzung sei allerdings, dass der Schutz des Nationalparks garantiert werde. Vorher gebe er "die Kontrolle nicht aus der Hand".
Tompkins hat in Pumalín ein Öko-Imperium aufgebaut. Er produziert Honig und Marmelade, hat eine Baumschule angelegt und pflanzt Bio-Gemüse an. Zusammen mit seiner zweiten Frau Kristine McDivitt wohnt er in einem restaurierten Farmgebäude an einem Fjord, der zum Park gehört. Besucher holt der Hobbypilot mit seinem Flugzeug oder einem Motorboot ab, auf dem Landweg ist das Anwesen nicht zu erreichen.
Der Multimillionär trägt einen verwaschenen Wollpullover und Filzpantoffeln, eine Baskenmütze sitzt auf dem schlohweißen Haar. "Bienvenidos!", begrüßt er seine Gäste auf Spanisch. Mit seinem breiten Grinsen, der schlaksigen Figur und dem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht ähnelt er Hollywood-Star James Coburn.
Tompkins jedoch hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Er verzichtet auf protzige Statussymbole. Die Wände seines Landhauses schmücken Fotos des brasilianischen Starfotografen Sebastião Salgado, eines Freundes. Auf dem Sofatisch liegt ein Bildband über den kalifornischen Yosemite-Nationalpark, dessen Begründer John Muir das große Vorbild für ihn ist.
Tompkins wuchs in New York auf, aber sein Herz schlug seit je für die grandiosen Naturlandschaften des Westens. In Kalifornien arbeitete er als Bergführer und Trekkingspezialist, bevor er in den sechziger Jahren mit 5000 Dollar Startkapital The North Face gründete, eine der ersten Firmen für Freizeitbekleidung. Als er sie nach wenigen Jahren verkaufte, hatte sich sein Kapital vervielfacht. Mit dem Erlös gründete er den Modekonzern Esprit.
Die liberale Gesellschaft von San Francisco feierte Tompkins als Goldjungen. Hunderte Millionen Dollar setzte seine Firma Mitte der achtziger Jahre um. Dabei war er selten im Büro, monatelang trieb sich der leidenschaftliche Bergsteiger im Himalaja und in anderen entlegenen Weltgegenden herum. Gleichzeitig engagierte er sich in der US-Bürgerrechtsbewegung und arbeitete sich durch ganze Berge von Öko-Literatur, auf der Suche nach einer "soliden theoretischen Grundlage".
Die fand er bei dem Norweger Arne Naess, dem Begründer der "Deep Ecology", einem fundamentalistischen Zweig der Umweltbewegung. Wie Naess betrachtet Tompkins alles Leben als gleichwertig. Er
lehnt die Vorherrschaft des Menschen ab: "Wir müssen unseren Platz in der Natur akzeptieren. Das bedeutet, dass die Erdbevölkerung schrumpfen muss, wenn wir überleben wollen."
Mit solchen Forderungen macht man sich im konservativen Chile keine Freunde. Die katholische Kirche verurteilt den Millionär als Menschenverächter, weil er für strikte Geburtenkontrolle eintritt. Auch mit der Umweltschutzbewegung des Landes, die an das Konzept nachhaltiger Entwicklung glaubt, hat Tompkins sich überworfen. Er bezweifelt, dass sich Natur und Wirtschaftswachstum versöhnen lassen, weil das herrschende Wirtschaftsmodell "auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen" basiere.
Dass er selbst ein Nutznießer des Kapitalismus ist, ficht ihn nicht an. Er habe sein Vermögen schließlich "in den Dienst des Naturschutzes gestellt", sagt Tompkins. Der Verkauf des Esprit-Konzerns im Jahr 1990 brachte ihm über 150 Millionen Dollar ein. Mit diesem Geld finanziert er seither einen weltweiten Kreuzzug gegen die "ökosoziale Krise" der Zivilisation.
Er bezahlte aufwendige Umweltstudien und die Herausgabe von Büchern über den Raubbau an der Natur. Vor allem aber kaufte Tompkins Land. Im Jahr 1992 gründete er den "Conservation Land Trust", eine Stiftung zur Bewahrung der letzten Naturparadiese. In Begleitung seiner ersten Frau flog er den Kontinent mit seiner Cessna ab. Zunächst hatte er Ländereien in Kanada und Alaska im Auge, dann luden ihn Freunde nach Patagonien ein.
Tompkins verliebte sich sofort in die Landschaft am Ende der Welt. Für 600 000 Dollar erwarb er eine 25 000 Hektar große Farm, das Herzstück des Pumalín-Parks - "ein echtes Schnäppchen", wie er noch heute schwärmt. Inzwischen gilt Pumalín als bestgeführter Nationalpark Südamerikas. Aber schon peilt der Ruhelose neue Ziele an: Im benachbarten Argentinien, in der Provinz Corrientes, hat er rund 280 000 Hektar erworben. Dort fügt er zwölf ehemalige Rinderfarmen und Reisplantagen zu einem Nationalpark zusammen. Ein Sägewerk erhielt er als Draufgabe.
Tompkins' Ländereien liegen in den Esteros del Iberá, einem subtropischen Schwemmgebiet, das vom Río Paraná gespeist wird und Argentiniens wichtigstes Süßwasserreservoir darstellt. Auch in Buenos Aires blühen deshalb bereits Verschwörungstheorien. Demnach agiere der Millionär in Wahrheit als Strohmann der US-Regierung, und die habe es auf die strategisch wichtigen Süßwasservorräte abgesehen. So behaupten es jedenfalls linksnationalistische Politiker.
Dabei wird der Wasserreichtum allenfalls von der einheimischen Agroindustrie bedroht. Rinderherden zertrampeln die Savanne, Eukalyptusplantagen für die Zelluloseindustrie laugen den Boden aus, Großfarmer zapfen Flüsse für die Bewässerung ihrer Reisfelder an. Tompkins beschäftigt 400 Leute auf seiner Estancia "El Socorro", mit deren Hilfe er die Folgen des Raubbaus rückgängig zu machen versucht. Sie holzen den Eukalyptus ab, leiten begradigte Bäche und Flüsse in ihr ursprüngliches Bett zurück und verwandeln Weideland in Savannen.
Ein Geburtshelfer der Natur sei er, sagt Tompkins: "Wenn ich ein König wäre, würde ich dafür sorgen, dass sich in meinem Reich die Evolution frei entfalten kann." Der Masterplan ist auf 20 Jahre angelegt, bis dahin will er seine Ländereien in Wildnis zurückverwandelt haben.
Beim Tiefflug über die Sümpfe lässt sich sein Lebenswerk erahnen. Schwärme von Flamingos fliegen vor dem Flugzeug auf, Alligatoren gleiten ins Wasser, ein Ameisenbär trabt über die Savanne.
Auf einer Flussinsel setzt Tompkins zur Landung an. Hier will er eine exklusive Lodge für Öko-Touristen errichten. Einige Landarbeiter versammeln sich an der Piste, um "Don Doug" zu begrüßen. Sie reichen einen heißen Mate-Tee mit "bombilla" herum und klagen über die monatelange Dürre. Viele Sümpfe sind ausgetrocknet, Feuchtwiesen haben sich in Steppen verwandelt.
"Das ist eine Folge des Klimawandels", erklärt Tompkins den verblüfften Gauchos. "Das 21. Jahrhundert ist verloren. Aber fürs 22. Jahrhundert bin ich zuversichtlich." JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 39/2005
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