26.09.2005

KULTURPOLITIKDie Lagerfeuer der Politik

Während die Parteien noch nach Lösungen aus einer lähmenden Blockade suchen, ist der Diskurswechsel im Kulturbetrieb bereits vollzogen. Von Matthias Matussek
Shakespeares "Sommernachtstraum", diese heitere Komödie, ist gleichzeitig ein sehr grausames Stück. Oberon, der König der Elfen, verhext all die Liebenden, die in seinen Wald flüchten. Er treibt seinen Schabernack sogar mit der eigenen Gattin und sorgt dafür, dass sie sich in einen Esel vergafft.
Die, die sich wollen, kriegen sich nicht in diesem Stück, und die, die sich nicht ausstehen können, hängen aufeinander herum. Lange Zeit sieht es so aus, als gäbe es keine Lösung. Ein Alptraum.
Womit wir im Berliner Polit-Theater wären, wo verwirrte Akteure, die zueinander wollen, keine gemeinsamen Schnittmengen entdecken und darüber verzweifeln.
Begonnen hatte dieser politische Sommernachtstraum mit der verhexten Wahlnacht, als alles drunter und drüber ging und die allertollsten Texte gesprochen wurden.
Dass die letzte große Politiker-Runde vor dem Urnengang bei Stefan Raab stattfand, in der hirntoten Blödelshow "TV total", konnte bereits als Omen gelten. Bereits dort hatte das Publikum das CDU-Desaster ziemlich akkurat vorausgesagt.
Dass sich am Wahlabend dann Komiker Hape Kerkeling mit einer perfekten Reporter-Simulation unter die Politiker
mischte, gehörte zur inneren Logik der Gesamtaufführung - auch bei Shakespeare gehen Schein und Sein ständig durcheinander.
Und schließlich die Entgrenzungen des Kanzlers. Vor unseren Augen hatte er sich, unser Held, in seinen Vorgänger verwandelt, in Kohl, den bleiernen Bleiber, einen monumentalen Journalistenbeschimpfer.
Allerdings galten hier mildernde Umstände. Erst mal waren sowieso alle außer sich. Zweitens hatte Schröder einen historischen Fast-Sieg unter dem Gürtel, das Adrenalin pumpte. Und drittens sprach er nach, was ihm ein anderer zuvor in kleiner Runde souffliert hatte. Der "Cicero"-Kolumnist Frank A. Meyer, ein Freund.
Was er sagte, hatte es in sich und war an Absurdität kaum zu überbieten. Ein finsteres Kartell "neoliberaler Ideologen" in den Medien habe versucht, diesen Kanzler "wegzuschreiben". Diese ganze "geschlossene Journaille" habe den Kanzler um seinen Triumph gebracht.
Draußen, in der Wirklichkeit jenseits des deutschen Zauberwaldes, lachten sie sich schief oder schüttelten den Kopf. Timothy Garton Ash, bestimmt kein Neoliberaler, versuchte sich und seinen Lesern im "Guardian" vergebens zu erklären, warum ein Land trotz fünf Millionen Arbeitsloser und allerhöchster Staatsverschuldung den Stillstand wählt, das alte Personal, den nicht endenden Traum.
Doch bei uns analysierten und prahlten und rechneten die Politiker und Interpreten wie Meyer nach den alten Mustern. Die Parteien und Lager zerfielen in Gruppen in dieser Nacht des Stillstands, in kleinere Soziotope, und alle saßen um ihre Fernseher herum wie um Lagerfeuer und versuchten, sich als Sieger zu fühlen.
Eines allerdings wurde offenbar. Die Dolchstoßlegende eines bösen Kartells ist immer die letzte gedankenarme Erfindung Stürzender. Was aber in der Tat stattfand an diesem Abend, war ein Abschied: davon, schon aus Gewohnheit links zu sein. Mag die Politik noch so von gestern sein, die Kultur-Intelligenz fand Anschluss ans Heute.
Es sind keine neoliberalen Marktstrategen, es sind Künstler, Dichter, Schauspieler, die sich in entwaffnender Offenheit für eine neue Politik erklärt haben. Links? Rechts? Wahrscheinlich heißt der Flügel: Vorn.
Für Kulturleute galt in den letzten Jahren: Man wählt nicht gegen Rot-Grün. Und jetzt? Jetzt gehen Intellektuelle genau damit ins Fernsehen. Leander Haußmann zum Beispiel, der junge Regierebell, der den "Sommernachtstraum" am Berliner Ensemble so wunderschön in Szene gesetzt hat und sich auskennt mit überraschenden Seitenwechseln. Haußmann ist für Angela Merkel, und er schämt sich noch nicht einmal. Macht ihn das zum Neoliberalen?
Um die Auszehrung zu begreifen, die hinter solchen Etikettierungen steckt, müssen wir noch einmal zurückgehen an die Lagerfeuer jener Nacht. Zum Beispiel in diese Hamburger Villa mit all den kultivierten Architekten und Medienleuten und Schriftstellerinnen, die aussehen, als stammten sie aus der neuen Botho-Strauß-Inszenierung.
Sie wählen seit Jahrzehnten SPD. Solange sie sich kennen. Häppchen und Schnickschnack, Kinder tollen herum. Da ruft eine schöne Junge, die den Meinungsbutton "Merkel, nein danke!" auf ihrer Anna-Sui-Jacke trägt, empört: "Gerade hat eine ganz offen gesagt, dass sie FDP wählt - und ich dachte, wir seien hier unter uns!"
Alles ist plötzlich still. Verlegenheit.
Ein guter Regisseur, Oberon vielleicht, hätte jetzt diesen Botho-Strauß-Satz sagen lassen: "Man kann alles auch ganz anders haben. Umbauen. Neu erschaffen." Der Satz bleibt ungesagt. Aber er rüttelt im Untergrund.
Die SPD ist eine bürgerliche Gewohnheit, die bröckelt. Sie hatte auf die Angst vor Veränderungen gesetzt. Sie hatte sogar damit gepunktet. Mit einem Wort: Sie verhielt sich reaktionär.
Was ist noch links? In der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz sichert sich die antibürgerliche Kultur-Linke gegen alle Eventualitäten ab unter dem Plakat: "Keine Wahl! Was kommt nach der Demokratie? Für alle, die keine politische Heimat haben". Es treffen sich also politisch Heimatvertriebene, durchaus Sympathische, der Regisseur Ensslin, der Philosoph Menke, viele Kunst-Anarchos, der Pop-Theoretiker Diederichsen.
Doch das Erstaunliche: Hier wird gar nicht mehr über das ganz andere Leben geredet, sondern über das gewohnte alte. Hier reicht die Kraft nicht mehr zur Utopie. Hier geht es nicht um den Sprengstoff von Ideen und um Staatsferne, sondern um Staatsknete.
Diedrich Diederichsen, dem Rentenalter unbarmherzig näher gerückt wie alle aus unserem Generationen-Abteil, führt aus, dass man zunächst versuchen sollte, die "sozialen Sicherungssysteme zu erhalten, alles andere können wir später diskutieren". Das ist wahrscheinlich sogar richtig gedacht, aber es klingt doch wie die Betonkopf-Sprache aller Betonköpfe. Bakunin bei der IG Metall? Dafür auf die Barrikaden? Ist Diederichsen vielleicht doch nur Ottmar Schreiner?
Er muss dann den Flieger nach New York erwischen und verpasst so die durchaus schöne Klamaukszene, die auch diese Sommernachtstraum-Inszenierung sich gönnt, nämlich ein Puppenspiel zur Elefantenrunde. Zettels Traum: Keine Macht, alles lacht.
Links ist in dieser Nacht bisweilen so etwas wie ein Fußballverein, der sich freut, dass der Rivale was auf die Mütze gekriegt hat. In der Kantine des Hamburger Schauspielhauses feiert der prächtige Tom Stromberg seinen Abgang als Intendant. Er ruft: "Alles, was Änschie in den Arsch trifft, ist doch super." Dabei schwenkt er eine zerfledderte Ausgabe von Bebels "Die Frau und der Sozialismus" über dem Kopf und fordert "Neuwahlen, subito!".
Das ist also vorerst geblieben. Ein gutgelaunter Stehkurvensound. Ob im Clubhaus des FC St. Pauli oder im Flughafen Tempelhof, überall, wo die Kulturlinke in dieser Nacht die Schlappe der Frau aus dem Osten feiert, feiert sie gegen die eigene Melancholie an.
Sie weiß, dass der Ideenvorrat verbraucht ist und dass auch die siegreicheren Lebensläufe
in der Politik und in der Kunst allmählich an ein Ende kommen.
Mit Galgenhumor und sanfter Verbitterung erkennen sie, denn sie sind intelligent, dass die kühneren Provokationen von der anderen Seite kommen und dass der Appell an den Einzelnen viel mutiger ist als der ans Kollektiv.
Früher galt ja immerhin, dass man wenigstens mehr Spaß hatte. Die Konservativen waren die Nicht-Strauchler. Die Rechner. Die Karrieristen. Diejenigen, die, wie Peter Schneider in einer der zahllosen Podiumsdiskussionen ausführte, "nie etwas Gefährlicheres riskiert haben, als ohne Krawatte zur Jura-Vorlesung zu erscheinen".
Doch auch das ist nicht mehr gesichert. Auch dieses Klischee ist durchgerüttelt, und am deutlichsten in dieser verhexten Wahlnacht. Diesmal ist das Lagerfeuer das "Nachtstudio" im ZDF. Da sitzen Dichter und Journalisten zusammen, alle jung, alle eloquent, alle durchaus intensiv auf ihre Weise, einer etwas älter und verwegener, und der heißt Kapielski.
Thomas Kapielski, der Mann der "Gottesbeweise" und anderer begnadeter Anarcho-Tiraden, ein Trinker und Arno-Schmidt-Bauchredner, ein Sprengstoffmeister, und der sagt den schlichten Satz: "Ich habe die CDU gewählt, schon wegen meiner Kinder - die hat einfach die besseren Vorstellungen zur Bildung."
Und er ist nicht der Einzige mit solchen Ketzereien.
Thea Dorn, die feuerrote Romanautorin in den Cowboystiefeln, die sich gern als Feministin im Talkshow-Zirkus buchen lässt, spricht von Eigeninitiative, die sie besonders bei den Staatsideologen vermisst. "Bei uns wollen alle einen Arbeitsplatz, aber keiner will arbeiten."
Das hört sich verblüffend nach Stammtisch an. Stoiber wäre bei so was längst aus dem Saal gebrüllt worden. Bei Thea Dorn klingt es ungeschützt und stimulierend, was man ihr dann doch wohl besser nicht sagen sollte, wenn man kein blaues Auge riskieren möchte.
Dann ist da Ulf Poschardt, der sich Mühe gibt, auszusehen wie der junge Hanns Martin Schleyer, und der gleichzeitig geläufig von Trotzkis "Permanenter Revolution" spricht, wie einer, der sie gelesen hat. Und er hat! Er schlägt die ständige Revolutionierung der eigenen Lebensverhältnisse vor und bekennt sich auf das Heftigste zur FDP, und ihm gegenüber sitzt der wunderbare Moritz Rinke, der Komplexeres zu erklären versucht, und zuckt zusammen.
An diesem Abend, in dieser Nacht wird deutlich, dass sich die Koordinaten der Kultur-Intelligenz verschoben haben. Sie hat das liberale Lager als das kreativere, das zukunftsgewandtere erkannt.
Es geht diesen jungen Künstlern darum, begreifbar zu machen, dass jeder verantwortlich ist, für sich selber und für andere und vor allem für die Generation nach uns.
Dass solche bisweilen brutal klingenden Stichwortgeber und Provokateure nun ins Lager der CDU drängen, ist für diese übrigens alles andere als ein gemütlicher Vorgang. Was fangen Kreisapparatschiks mit einem Wahlhelfer wie dem Bayreuth-Berserker Christoph Schlingensief an?
Das bürgerliche Lager kann sich auf eine Unterwanderung gefasst machen, die es verändern wird. Diese neuen jungen Intelligenzler gehen an politische Parteien nicht heran wie an Sekten und an Programme nicht wie an Glaubensbekenntnisse. Parteien werden gewählt und, wenn sie nichts taugen, wieder abgewählt. Das Verhältnis zur Politik wird instrumentell.
Diese neue Generation hat besonders in der Kunst Schlüsselpositionen schon seit längerer Zeit besetzt. Der Machtwechsel, der sich in der langsameren Umwälzung der Politik erst Gestalt sucht, hat hier längst stattgefunden. In der Kunstszene tummeln sich lauter libertäre freie Köpfe.
Leute wie Max Hollein, 36, Chef der Frankfurter Kunsthalle Schirn, der mehrere Jahre am New Yorker Guggenheim Museum gearbeitet hat und als Prototyp des wirtschaftlich versierten Museumsstrategen gilt. Er hat vom deutschen Wahlpatt in New York erfahren und meint frustriert: "Eine lähmende Situation". Hollein kann mit beiden Parteien, mit allen Lagern, sofern sie "sich professionell verhalten". Hollein ist einer von denen, die begriffen haben, dass man das kapitalistische System besser nutzt, anstatt es zu bekämpfen, denn es ist nun mal dasjenige, das die unvergleichliche deutsche Kulturlandschaft finanziert.
Zur neuen Generation gehört auch Daniel Kühnel, 32, seit November 2004 Intendant der Hamburger Symphoniker: "Wir sind auf private Drittmittel angewiesen. Für unsere Generation gibt es eine viel größere Selbstverständlichkeit, auf die Wirtschaft zuzugehen."
Es sind die Konservativen, das gilt unter Kulturleuten als erwiesen, die das Mäzenatentum fördern, die Konservativen, die sich eher fürs Stadttheater als fürs Stadtbad entscheiden.
Selbst junge kritische Filmemacher widerlegen mit wachsender Lust, dass der Geist nur links weht. Der Film "Am Tag als Bobby Ewing starb" des 36-jährigen Lars Jessen war einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Sommers. Eine Satire über Atomkraftgegner. Das also ist der historische Sieg der Grünen im Bewusstsein der Jüngeren: eine Lachnummer.
Abschiede werden in diesen Tagen gefeiert. Liebgewordene Diskurse sind plötzlich Schnee von gestern. So kommt diese Berliner Inszenierung doch noch mit Entzauberungen, und die haben rein gar nichts mit neoliberalen Kartellen zu tun.
In Shakespeares "Sommernachtstraum" sind am Ende alle Ängste und alle Lähmungen und Irrungen vertrieben. Die Handelnden strahlen gemeinsam, über alle Fronten hinweg, in einer neuen festlichen Wachheit, und sie sind bereit, sich dem Tag zu stellen.
Und die Schauspieler, die am Schluss auftreten, dienen nur noch dazu, uns zum Lachen zu bringen, und nicht dazu, unser Schicksal zu bestimmen.
Eine wunderbare Vorstellung.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 39/2005
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