26.09.2005

AUSSTELLUNGENAus der Wüste

Eine Schau in Bonn will eingefleischten Wessis das Kulturerbe aus Ostdeutschland nahe bringen - arrangiert wird das Spektakel von einem streitfreudigen Briten.
Die Veranstalter dieser Schau haben sich eine Menge vorgenommen - auch praktisch gesehen. Gleich 25 Museen und andere Kulturinstitutionen aus Ostdeutschland schicken 600 ihrer schönsten Stücke in die Bundeskunsthalle nach Bonn, also quer durch die Republik und hinein in den tiefen Westen.
"Nationalschätze aus Deutschland. Von Luther zum Bauhaus" heißt diese Ausstellung, die ein Streifzug durch 400 Jahre ostdeutsche Kulturgeschichte sein soll - und die den Osten als atemberaubende Angelegenheit darstellen will. Am Donnerstag wird sie eröffnet.
Initiator des Vorhabens ist die Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen, kurz KNK. Dieser Verbund ostdeutscher Museen hat es zu seinem Anliegen erklärt, die in seinen Häusern bewahrten Kulturschätze vor dem Vergessen zu retten - und so verstehen die Mitglieder das aufwendige Bonner Spektakel auch als ungewöhnliche Werbemaßnahme.
Die grundlegende These klingt selbstbewusst, sogar ein wenig angriffslustig: "Die zentralen Orte der gemeinsamen kulturellen Identität Deutschlands liegen im Osten." Dass der Rest der Republik diese Bedeutung gern verdrängt und sich auch nach 15 Jahren Wiedervereinigung viel zu selten in den neuen Bundesländern blicken lässt - das ist die eigentliche Botschaft dieses Ausstellungsereignisses.
Es geht also um deutsch-deutsche Annäherungsprobleme. Und da wirkt es kurios, dass man die Verantwortung für das Projekt einem Briten übertragen hat.
Allerdings handelt es sich um eine Legende des Kunstbetriebs: Norman Rosenthal ist der Ausstellungschef der Royal Academy in London, dieser traditionsreichsten
Kunstinstitution im Königreich. Er selbst gilt als unverbesserlicher und streitbarer Provokateur - wofür ihn seine Landsleute bewundern. Kunstkritiker schwärmen, dieser Mann halte die "Show am Laufen".
Man wolle in Bonn eine größere Debatte auslösen, und er wisse auch nicht, weshalb man da ausgerechnet ihn geholt habe, behauptet der Brite - "aber ich freue mich und fühle mich sehr geehrt".
Die Zusammenarbeit mit ihm wird sich sicher als kluge Idee erweisen. Auch deshalb, weil man ihm keine Ostalgie-Haltung vorwerfen kann. Und doch ist er alles andere als eine neutrale Instanz.
Ihn erbost es, "wie leichtfertig der Osten Deutschlands heute ignoriert wird". Städte wie Chemnitz und Schwerin besäßen großartige Museen, Dessau leiste mit dem Wiederaufbau des Bauhauses eine phantastische Arbeit, "aber niemand interessiert sich dafür, diese Städte wirken so ausgestorben wie eine Wüste". Das sei "sehr tragisch", langfristig stehe womöglich das Überleben der Institutionen auf dem Spiel.
Nun will er dem bequemen Westen vor Augen führen, was der sonst verschmäht. Ein Luther-Porträt Lucas Cranachs und damit überhaupt die von Sachsen ausgehende Reformation bilden den Ausgangspunkt der kulturhistorischen Rückblende, die ausgeprägte Kunst- und Sammelleidenschaft ostdeutscher Fürsten wird gewürdigt und auch das, was die vielen im Osten ansässigen Maler der Romantik hervorgebracht haben. Man will Musik von Bach und Händel einspielen und natürlich Goethes und Schillers und ihres klassischen Erbes gedenken.
Ursprünglich habe man ihn gebeten, der politisch korrekten Vollständigkeit halber auf die heikelsten Kapitel der Geschichte einzugehen und deshalb auch Nazi- und DDR-Kunst zu zeigen, verrät Rosenthal. Er, dessen Eltern wegen ihrer jüdischen Herkunft in Deutschland verfolgt wurden, hat sich strikt geweigert - "weil dabei in diesem Zusammenhang nur etwas Oberflächliches herauskommen kann". Seine Ausstellung lässt er im Jahr 1933 enden. Rosenthal hält es ohnehin für ein Wunder, "wie viele der alten Werke die beiden Diktaturen überlebt haben".
In seinem Katalogbeitrag verweist er sehr wohl darauf, dass der Osten eine Region sei, die "im Guten wie im Schlechten" sich selbst und auch die Welt verändert habe. Anders gesagt: Hier war Goethe und später trotzdem das Böse möglich.
Eine verklärende Geschichtsbetrachtung wird es also nicht geben. Begeisterung für das, womit die (Ost-)Deutschen einst glänzten, soll trotzdem ausgelöst werden. Ein wenig versucht sich der sonst so scharfzüngige Kurator auch darin, eine verheißungsvolle Zukunft zu beschwören. Er glaube an das Potential solcher Städte wie Berlin, Dessau, Gotha, Leipzig, Weimar und Wittenberg - die, wenn sie frei von Restriktionen seien, die "besten Impulse in die Welt hinaus" senden könnten.
Als ein Beleg diene da der große Erfolg der jungen ostdeutschen Malerei. Er, Rosenthal, habe den Leipziger Künstler Neo Rauch vor zehn Jahren als Entdeckung gefeiert, heute sei der zu Recht eine Berühmtheit. Rauchs Bilder mit ihren surrealen Fabrik- und Arbeiterszenen erinnern den Mann aus London "an den Geruch von Braunkohle, sie haben ostdeutsche Bezüge und einen heroischen Charakter, sie sind großartig".
Das also ist sie, die ganz unerwartete Sensation des neuen Deutschlands: Showtime Ost. ULRIKE KNÖFEL
* "Quellnymphe" (um 1515).
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 39/2005
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