26.09.2005

PROMINENTEEin Foto zu viel

Die Schöne und das Biest - Englands Kult-Model Kate Moss wird wegen eines Kokainskandals zum Abschuss freigegeben.
Es war eine Szene, wie sie wahrscheinlich in Plattenstudios, wo Rockbands bis zum Sonnenaufgang rumhängen, öfter vorkommt. Volle Aschenbecher, leere Flaschen und eine blonde Frau mit langen Beinen, die kleine weiße Linien formt. Ein CD-Cover als Unterlage, eine Kreditkarte als Werkzeug.
Es folgte das Übliche: Einer dieser Musiker, dessen Gier bloß noch von seiner Ungeschicklichkeit übertroffen wird, nähert sich den Kokslinien und verschüttet die Hälfte. Die blonde Frau seufzt und startet neu. Dann Geräusche, als wollte eine Clique Betrunkener gemeinsam ein Schlauchboot aufblasen. Schließlich Gelächter, über Witze, die nur versteht, wer den Kopf voll mit Koks hat.
"Die Totenköpfe auf der Platte hat Adam gespielt", sagt einer der Ungeschickten. "Totenköpfe, meint ihr menschliche Totenköpfe?", fragt die Blonde. "Ja, wir sind rüber auf den Friedhof gegangen und haben sie ausgegraben." Gelächter.
"Ihr Lügner", sagt die Blonde endlich und fragt mit Blick auf den Kokainbeutel: "Soll ich noch mal?"
Wirklich bemerkenswert ungewöhnlich an der Szene um zwei Uhr nachts in einem Aufnahmestudio in London war nur der Name des dienstbereiten Groupies. Es heißt Kate Moss, ist Fotomodell und gehört mit einem Vermögen von 44 Millionen Euro nicht nur zu den reichsten Frauen Englands, Kate Moss ist auch eine Art stumme Nationalheilige. Seit über fünf Jahren hat Kate Moss kein Interview gegeben.
Je stiller sie wurde, desto größer wurde ihr Ruhm als Ikone von "Cool Britannia". "Ein landesweites Verknalltsein aller Mädchen" in Moss ortete das Intellektuellenblatt "The Observer" noch vor ein paar Wochen und schwärmte, sie verkörpere perfekt die Phantasien jener Mädchen, die sich für modern halten. Kate Moss war eine Aktie, die nach oben ging, und selbst die seriösen Zeitungen hängten sich dran.
Damit ist es jetzt vorbei. Seit Moss, 31, ihre Kokslinien plakatgroß auf der Titelseite des Boulevardblattes "Daily Mirror" glatt strich, hat sich ihr Fanclub in den Medien erheblich verkleinert.
Nur noch der "Daily Telegraph" lobte sie dafür, sie habe zumindest die "Knie ladylike" gehalten. Ansonsten gilt das Motto: no mercy, keine Gnade. Bei den Kunden des Models brach Panik aus, massenweise - Hennes & Mauritz, Chanel und Burberry kündigten vergangene Woche die Werbeverträge.
Wahrscheinlich ist solch eine Reaktion unausweichlich in einer Industrie, die von Ängsten und Hysterien geschüttelt wird wie ein Wodka-Cocktail. Aber ein wenig merkwürdig ist die Zwangsläufigkeit der Ächtung schon auch: Kate Moss war von Anfang an eine Provokation, eine Art Anti-Claudia-Schiffer; ein Mädchen, das sich eher hätte von David Copperfield in einen Frosch verwandeln lassen, als sich mit solch einem Typen zu verloben, wie es die brave Düsseldorferin tat.
Kate Moss kam von der falschen Seite der Themse, aus Croydon, einem öden Stadtteil im Süden von London, und eigentlich war sie alles, was man nicht sein durfte, wenn der Körper dazu dienen sollte, Luxus zu verkaufen: die Beine ein wenig zu krumm, die Zähne ein bisschen zu schief, der Busen ein wenig zu klein. Niemand wunderte sich mehr als Kate Moss, als eine Agentin sie ansprach in einer Abflughalle des Kennedy-Flughafens in New York 1988. Sie war 14, hatte gerade ihre Unschuld verloren an einem Strand. Jetzt konnte alles passieren.
Sie wurde das Gesicht der neunziger Jahre, in denen sie die Gesetze der Branche auf den Kopf stellte. Was ihr an Beinen und Oberweite fehlte, ließ sie vergessen durch ihren Blick: Kühl war er, aber verletzlich; störrisch, aber anteilnehmend; leer vor Langeweile, aber es entging ihm trotzdem nichts. Vorher hatten Rockstars von "Walk on the Wild Side" gesungen, Kate Moss marschierte für Versace und Dolce & Gabbana am Abgrund entlang, und natürlich lagen dort unten gefährliche Dinge - auch Kokain. Nur zu sehen war die Droge auf den Hochglanzanzeigen nicht.
Die logische Konsequenz war, dass Moss nicht nur posierte wie ein Rockstar, sondern auch so lange mit jenen ausging, bis sie selbst glaubte, einer zu sein. Sie teilte deren glamourösen Ennui, sagte Sätze wie: "Ich nehme zehn Flieger die Woche und weine die ganze Zeit." Ende der neunziger Jahre kam der Absturz, sie checkte in eine Klinik für Suchtkranke ein.
Die Schwäche für Drogen schien geheilt, die Schwäche für Rockstars war schwerer zu kurieren, und irgendwann landete sie in der Garderobe des Sängers Pete Doherty. Es war die neueste Auflage des Beziehungsklassikers: die Schöne und das Biest - bloß, dass Doherty eine Kanaille der besonderen Sorte zu sein scheint. Ein Bursche, so suchtkrank, dass er seinem Bandkollegen Laptop und Gitarre klaute, um sich Drogen kaufen zu können, und dafür zwei Monate ins Gefängnis musste.
Kein Wunder also, dass einer von Dohertys Freunden seine große Stunde gekommen sah, als Moss die Tüte mit Kokain auspackte. Er filmte mit seinem Handy alles und verkaufte die Geschichte am nächsten Tag.
In der Welt eines Junkies war das wahrscheinlich business as usual, für das Model war es das berühmte Foto zu viel.
THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 39/2005
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