26.09.2005

KOMÖDIENUnfidel in der Castro-Kaserne

Scheiße, wir müssen zur Armee: Leander Haußmann und Thomas Brussig haben sich in ihrem neuen Film der NVA angenommen. Von Günter Schabowski
Schabowski, 76, war Politbüromitglied der SED und verkündete am 9. November 1989 die Öffnung der Berliner Mauer.
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Die beiden sind Kult. Sie haben in ihren Filmen "Sonnenallee" und "Helden wie wir" in der DDR nicht nur die Brutalität, sondern auch die Groteske erkannt. Leander Haußmann und Thomas Brussig haben, poetisch und authentisch, den sozialistischen Alltag aufgespießt und dafür einhelliges Ost-West-Gelächter geerntet.
Wichtig scheint mir, dass sie unsere Betretenheiten wegblasen halfen, die sich eingestellt hatten, nachdem der Ost-Spuk vorüber war und der West-Spuk begann. Noch die dickleibigsten Wälzer der Enquete-Kommission konnten solche aufklärerische Entspannung nicht schaffen.
Irgendwie galten wir doch alle als vermurkst - schon im Kindergarten mussten wir ja, wie dieser niedersächsische Professor herausfand, schwere Störungen hinnehmen, weil auf Kommando gepinkelt wurde.
Die jüngste filmische DDR-Nachlese von Brussig (Buch) und Haußmann (Regie und Buch) nimmt nun ein Sanktuarium der DDR ins Visier, das für die Mehrzahl ihrer Bürger nicht ohne weiteres einsehbar war - die Nationale Volksarmee.
Dass die beiden ihrer satirischen Methode treu bleiben wollten, macht schon der Untertitel ihres Films klar: "Von der Sonnenallee in die Volksarmee."
Und wieder gibt es rebellische Helden, die gegen alle Verkrümmungen des Systems immun scheinen. Als Rekruten-Frischlinge tapsen sie in die sehr unfidele "Castro-Kaserne":
"Abschied von Sex und geilen Weibern,
Abschied von Schnaps und LSD,
Abschied von allem, was wir lieben,
Scheiße - wir müssen zur Armee".
So ist im Vorspann die spätpubertäre und widerspenstige Resignation der netten Bengels beschrieben. Sie (glänzend: Kim Frank und Oliver Bröcker) durchstehen und überleben nicht nur die Drangsale des Kasernenbetriebs, die Schleiferei, das Gebrüll und die Schikanen der Vorgesetzten wie die grausamen Einstandsspäße, die sich die schon länger Dienenden mit den Neulingen erlauben. Sie schaffen es sogar noch zu Liebestorheiten. Brussig-Haußmann-Fans würden wohl darauf auch bestehen.
Die militärische Einschnürung, die die Helden während ihrer NVA-Zeit erdulden, ist Teil des Systems. Ob beim Politikunterricht oder in der linientreuen Freizeit, die Offiziere mit ihren M/L-Sprüchen sind Kommissschädel, die bis ans Ende verbohrt bleiben.
Eine wunderbare Allegorie der sich verflüchtigenden DDR hebt sich der Film für den Schluss auf. Noch einmal hat der Kommandeur die gesamte Truppe zum Appell antreten lassen. Einer der Jungen soll eine Ehrung entgegennehmen. Doch der lehnt ab und verlässt mit seinen Kumpels den Kasernenhof. Übrig bleibt die Hand voll Offiziere. Ende einer 40-jährigen Vorstellung.
So weit, so gut. Eine Komödie. Aber warum will mir der Kult-Spaß diesmal nicht so recht schmecken? Vielleicht, weil ich ein alter Zausel und ein Proselyt dazu bin. Und die sind ja bekanntlich die Schlimmsten.
Die Armee war nach der Stasi der gefährlichste Teil der Macht, über die die SED verfügte. Was der Film an Kasernenleben zeigt, ist eine Folge von lose verknüpften Szenen, die den Drill und die mehr oder weniger rüde Praxis der Vorgesetzten im Umgang mit den Untergebenen ins Bild setzen. Das hat man schon häufig in Filmen gesehen, und die Späße erinnern durchaus an westdeutsche Kasernenkomödien. Doch ist es nicht auch wesentlich, dass von der SED-Führung nicht nur erwogen wurde, die Armee mindestens als Drohkulisse gegen das demonstrierende Volk einzusetzen? Bekanntlich war in Leipzig auf Befehl Honeckers ein solcher Aufmarsch inszeniert worden, mit dem die Montagsdemonstranten eingeschüchtert werden sollten.
Der Film lässt die "Castro-Kaserne" zeitweilig wie eine von der Endzeit-Realität in der DDR kaum berührte Exklave erscheinen. Aber auch dort hätte es dazu kommen können, dass die Rekruten zum Einsatz gegen die Volksbewegung abkommandiert worden wären. Ich weiß nicht, wie man die latente Drohung, die auf diesen Wochen und Monaten lastete, in einem solchen Film hätte durchscheinen lassen können.
Vielleicht mutet der Einwand beckmesserisch und unangemessen an für diese Art satirischer Rückblende. Für jede Erinnerung gilt schließlich: Alles ist so gewesen, nichts war genau so.
Vielleicht reizt mich zu meinem Einspruch auch nur der Gedanke an die "Lefties", die Übriggebliebenen, die Linkspartei. Die versuchen ja heute, sich mit Requisiten des damaligen Widerstands zu schmücken. Gleichzeitig ist ihre Devise: "War doch alles nur halb so schlimm."
Beifall von dieser Seite hätte der Film nicht verdient.
* Mit Torsten Michaelis, Ignaz Kirchner und Detlev Buck.
Von Günter Schabowski

DER SPIEGEL 39/2005
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