26.09.2005

FILMDas Paradies in der Hölle

Ein palästinensischer Film über Selbstmordattentäter, finanziert mit Geld aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden: Bei der Premiere in Ramallah ging es nicht nur um Filmkunst.
Mit zwei palästinensischen Selbstmordattentätern in der Abenddämmerung übers Land zu fahren ist eine Erfahrung, die man nur einmal im Leben machen kann. "Bei Kalandija kommen wir nicht durch", sagt Hassan, der Fahrer, "ich versuche es mal über Bir Seit."
Und tatsächlich, er findet eine Straße ohne Sperren, sozusagen ein großes, passierbares Loch in der Mauer, die Israel rund um die besetzten Gebiete baut, um sich vor Terroranschlägen zu schützen. Kais und Ali wundern sich, so einfach haben sie sich die Sache nicht vorgestellt.
Sie sind spät dran. Sie werden erwartet - sie sind Schauspieler, die in dem Film "Paradise Now" Selbstmordattentäter darstellen.
Regisseur Hany Abu-Assad stellt die beiden den 150 Premierengästen im kommunalen Kino von Ramallah vor. "Guten Abend, liebe Freunde, willkommen zur Premiere von 'Paradise Now'!" Der Film hat bei den Berliner Filmfestspielen den Preis für den besten europäischen Film gewonnen. Er wurde auch schon in Tel Aviv gezeigt. Aber hier in Ramallah, dem Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, geht es nicht um Filmkunst oder Unterhaltungswert. Es geht um mehr.
"Ich beglückwünsche dich zu diesem Film", sagt nach der Vorführung Michael Tarazi zu Hany Abu-Assad, "ich bin glücklich, dass du auf unserer Seite stehst." Unsere Seite - das ist die Seite der Moderaten.
Tarazi, 38, ist ein Exil-Palästinenser, der aus den USA in seine alte Heimat zurückgekommen ist, um beim Aufbau eines palästinensischen Staates zu helfen, ein "corporate lawyer", der schon für große Firmen in New York, Paris, Helsinki, Istanbul und Budapest gearbeitet hat. Jetzt berät er den neuen Präsidenten Mahmud Abbas.
Tarazi muss immer und überall erreichbar sein, deswegen trägt er um den Hals zwei Nokia-Mobiltelefone, ein palästinensisches und ein israelisches. Sie sehen gleich aus, und auch Tarazi kann sie nur am Klingelton unterscheiden.
Sie sind wie Israelis und Palästinenser: ähnlicher, als sie es wahrhaben wollen.
Regisseur Hany Abu-Assad ist beides: Palästinenser und Israeli. Er spricht Hebräisch genauso gut wie Arabisch. 1961 in Nazaret geboren, hat er das israelische "bagrut" (Abitur) gemacht und ging mit 19 Jahren nach Holland, um in Delft und Haarlem Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren. Mit 29 und dem Ingenieurdiplom im Gepäck kehrte er nach Nazaret zurück. "Ich hatte keine Lust, mein Leben mit technischen Problemen zu verbringen. Ich wollte etwas machen, wovon ich nicht wusste, wie es enden würde."
Hany lernte zufällig den palästinensischen Regisseur Raschid Mascharawi kennen, der ihm das Filmemachen beibrachte.
Seit 15 Jahren hat er die niederländische Staatsangehörigkeit, lebt in einem Grachtenhaus in Amsterdam, kommt aber immer wieder nach Nazaret zurück, um Mutter und Freunde zu besuchen. Auch den israelischen Pass hat er nicht zurückgegeben. "Warum sollte ich?" Und so führt Hany Abu-Assad ein Leben wie ein typischer Israeli, mit einem Bein im Land und mit dem anderen immer unterwegs.
Ali Suleiman, der Chalid spielt, einen der beiden Attentäter, steht dagegen erst am Anfang seiner Karriere. 1977 in Nazaret in einer muslimischen Familie geboren, hat er nach dem Abitur die Theaterschule in Tel Aviv besucht. Zurzeit spielt er im "Arab Hebrew Theatre" in Jaffa den Ferdinand im "Sturm" von Shakespeare. Den Nathan hat er schon mal gespielt, eines Tages möchte er den Shylock rezitieren.
Alis Familie hat nichts daran auszusetzen, nur dass er mit dem Bus von Nazaret nach Tel Aviv fährt, ist ihr unheimlich. Denn der wurde schon mal gebombt. "Ich hatte Glück, war zu spät und bin mit dem nächsten gefahren." Ali nimmt es gelassen. "Das Leben ist voller Gefahren. Man kann bei einem Unfall umkommen oder an Krebs sterben."
Für Kais Naschif, den Darsteller des zweiten Attentäters, Said, ist dies die erste Rolle nach der Theaterschule. Er hat auch gleich die Agentin geheiratet, die ihn gecastet hat. Kais lebt in Tel Aviv, und weil man ihm den Palästinenser nicht ansieht, kommt es vor, dass seine jüdischen Nachbarn in seinem Beisein fiese Bemerkungen über Araber machen.
In einer besseren Welt könnten Hany, Ali und Kais das Scharnier zwischen zwei Kulturen sein: israelische Araber oder arabische Israelis, die beide Seiten kennen und beide aus einer gewissen Distanz betrachten.
Aber weil die Umstände nicht normal sind, fühlen sich Hany, Ali und Kais mehr als Palästinenser denn als Israelis. Sie möchten, dass die Palästinenser in den besetzten Gebieten einen eigenen Staat bekommen, aber sie würden ihre israelischen Pässe nicht gegen palästinensische tauschen.
"Warum sollte ich? Der Pass ist doch nur ein Stück Papier mit deinem Bild drauf", sagt Kais.
Und deswegen spielt es keine Rolle, dass alle "Araber" von Palästinensern gespielt werden, die Israelis sind. Für die Besucher des Kinos in Ramallah ist "Paradise Now" ein palästinensischer Film über Palästinenser. Und nicht nur ein guter, sondern auch ein wichtiger Film. Kein Film, der Terroristen als Märtyrer verherrlicht, sondern sie als junge Männer zeigt, die sich und anderen letztlich ein Rätsel bleiben.
Es ist sicher kein großer Film, dazu fehlt es ihm an Radikalität, dazu ist er zu pädagogisch und pathetisch. Man sieht ihm die Mühe an, mit der er hergestellt wurde. Doch diese Mühe ist bedeutsam. Er zeigt weder israelische Opfer von Terroranschlägen noch die Folgen der israelischen Besatzung: keine Toten, keine Krüppel, keine zerstörten Häuser.
"Warum sollte ich etwas zeigen, das alle kennen, das man jeden Tag im Fernsehen sehen kann?" Die Besatzung bleibt "unsichtbar".
Er habe "eine tragische Komödie" gedreht, "einen ruhigen Thriller", sagt Hany Abu-Assaf. Natürlich sei der Titel eine Anspielung auf Coppolas "Apocalypse Now", allerdings: "Coppola ging in ein Paradies, um einen Film über die Hölle zu machen. Ich war in der Hölle und habe einen Film über das Paradies gemacht." Über ein fiktives Paradies, das Said und Chalid versprochen wird, wenn sie ihren "Auftrag" ausgeführt haben. Ganz zum Schluss wird die Leinwand weiß. Said hat sich in einem Bus in die Luft gesprengt, während Chalid lieber am Leben bleibt.
Für die ursprüngliche Bereitschaft von beiden, ihr Leben zu opfern, bietet der Filmemacher nur die übliche Erklärung an. "Sie werden täglich gedemütigt, sie wollen keine Feiglinge und keine Schwächlinge sein, sie wollen einen Moment lang fühlen, dass sie stark und mutig sind." Und wenn es der letzte Moment in ihrem Leben ist.
Das Vorbild der Attentäter sei eine biblische Gestalt: Simson, der Gott anfleht, ihn zusammen mit seinen Feinden sterben zu lassen. "Er war der erste Selbstmord-Aktivist in der Geschichte, weil er sich nicht demütigen lassen wollte. Ein Leben ohne Würde ist sinnlos. Das ist heute unsere Realität."
Aber gäbe es heute nicht andere Optionen als zur Zeit von Simson, weniger blutig und erfolgversprechender? "Das muss jeder für sich entscheiden. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich wehrt."
Am späten Abend, im "Sangria's", einem Gartenlokal mit spanischen Spezialitäten, gibt es das Making-of als Privatissimum. Hany erzählt, wie er "Paradise Now" in Nablus gedreht hat, wie er sich mit verschiedenen konkurrierenden Milizen arrangieren musste, die unbedingt wissen wollten, worum es in dem Film geht, wie eines Tages der Location-Manager entführt und erst nach einer Intervention aus Arafats Büro wieder freigelassen wurde.
Auch das ist palästinensische Realität, aus der man eine tragische Komödie machen könnte. HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 39/2005
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