26.09.2005

TV-UNTERHALTUNGXY - ganz schön ungelöst

Krimis und Thriller mit Kunstanspruch sind eine feine Sache. Dumm nur, wenn der Zuschauer vor lauter erregenden Bildern nichts mehr kapiert. Oder ist das gerade die Absicht?
Mittwoch vergangener Woche, Thrillerzeit im Ersten: "Ein toter Bruder". Der Mordstitel hält, was er an Düsternis verspricht. Eine Frau im Rollstuhl (Valerie Koch) liegt zerschmettert am Strand. Hat sie wer von der Klippe geschubst? Ein dunkles Geheimnis aus Kindertagen dräut bis in die Gegenwart. Ein ehrgeiziger Politiker gerät ins Zwielicht. Dazu wird geredet und geredet, bald offen, bald verdeckt. Schließlich ist der Film von Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) aus. Der Vorhang zu - und nirgends ein Licht der Erkenntnis.
Weiß jemand Rat? Hauptdarstellerin Marie Bäumer jedenfalls nicht: "Das Buch war schlauer als ich selbst." So, so. Was nützten Grimme-Preise, die es im vergangenen Jahr für Nocke und Krohmer gab - soll Kunst sein, wenn möglichst viele Zuschauer sagen: "Ich verstehe nur Bahnhof?"
Das Fernseh-Spannende verschreibt sich immer leidenschaftlicher dem Rätselhaften. Die Zimmermanns der modernen Krimi-Branche verfahren nach der Devise von Ede: XY - ganz schön ungelöst. Verstehen - wie langweilig. Erklären - wie spießig. Wiederholen - nur was für Doofe. Zur "Tatort"-Zeit heißt es für den immer verdrießlicher werdenden Zuschauer nicht nur guten Abend, ihr Bösewichte, sondern auch bonsoir, Herr Kommissar, hoffentlich wissen Sie wenigstens, wer es war.
Die neueste Form fiktionaler Medienmode ist das rücksichtslose Verknappen von Verstehbarkeit. Kein Pardon mehr gewähren die unerbittlichen Fernsehkünstler für beliebte Glotzegewohnheiten wie Bierholen, ungenehmigtes Pinkeln oder lustvolles Wegnicken. Wer nicht wie ein Schießhund aufpasst, muss hinterherhecheln.
Denn das wichtigste Verkehrsschild für Drehbuchautoren und Regisseure mit Kunstanspruch ist das uneingeschränkte Halteverbot. Die Krimi-Handlung in ihren logisch nachvollziehbaren Teilen muss möglichst allegro über den Schirm gehen. Der Assistent heißt Meier, der Pathologe Müller, das Opfer Ingo und die verdächtige Friseuse Lydia (oder war's umgekehrt?). Pech für alle, die da den Faden verlieren. Namen werden einmal genannt, das muss reichen.
Die Abgelenkten bekommen keine Chance, sich wieder einzufädeln. Erste Artistenpflicht scheint zu sein, sich taub zu stellen gegen Zuschauerflüche wie: "Wer, verdammt, war der noch mal?" Die stolze Filmkarawane eilt weiter, um des Eilens willen.
Zeit und Innehalten wird für anderes, viel Aufregenderes gebraucht als krämerisches Erklären durch Worte und Fakten. Mit wiederholendem Nachfragen mag sich das wirkliche Leben beschäftigen, aber nicht die Fernsehrealität. Viel wichtiger als schnödes Erklären ist dort nach dem Willen der TV-Künstler das Betören der Zuschauer mit atmosphärisch dichten Bildern, mit den Wonnen von Exotik und Lichtregie, mit allwissender Musik, die jeden Einwand der Logik sogleich betäubt.
Die obersten Genialitäten der TV-Krimi-Branche, Regisseure wie Hannu Salonen, Dominik Graf oder Friedemann Fromm, haben als Zeichen der Zeit erkannt, dass die Subtexte der Gefühle interessanter sind als der Logozentrismus einer Handlung. Doch das Publikum ist nicht immer bereit, sich auf diese Tiefenebene einzulassen. Es will verstehen, was wo und warum passiert, und nicht bloß tiefsinnige und bilderstarke Belehrungen verabreicht bekommen über die Geworfenheit des Menschen, der als Kriminaler arbeitet.
Der "Polizeiruf 110" aus Meck-Pomm ist ein Beispiel für solche Transzendierungsanstrengung der Macher, für die Verwandlung eines bodenständigen Formats in eine intellektuelle Rätselwelt, für den traurigen Fall: Kunst essen Seele auf.
Früher stapfte schwer atmend der wunderbare Schauspieler Kurt Böwe durch Schwerin, ein alter Kommissar, der die DDR-Vergangenheit sichtbar mit sich schleppte und der seinen jungen Kollegen (Uwe Steimle) lehrte, dass Überanpassung an die gewendeten Verhältnisse nicht der Weisheit letzter Schluss sei.
Das waren exakt geerdete, zum Teil sehr witzige Filme, in denen alles stimmte. Dann starb Böwe, die Lust schwand, den steinigen Weg der Milieuschilderung weiterzugehen. Die Ossi-Menschen erschienen irgendwie unsexy, Meck-Pomm als sozialer Kosmos zu langweilig.
Der Schweriner Polizeiruf nahm die Perspektive des Westmenschen ein. Dem fällt vor allem die große leere Landschaft auf. Das Kleinstädtische verschwand aus den Filmen, Meck-Pomm wurde zur Chiffre für die Unverstehbarkeit der Welt, für schrullige Einsame in erhabener Weite.
Henry Hübchen, der nach einer schauspielerischen Zwischenlösung heute Böwes Nachfolge angetreten hat, gibt eine Art Borderline-Kommissar: verstört, melancholisch, eigenbrötlerisch. Sein einst strebsamer Kollege, gespielt von Steimle, ist jetzt auch vom Wahn angekränkelt. Er, der
einstige Optimist, versucht seine zerstörte Ehe bei der Analytikerin zu kitten. Er glaubt schon lange nicht mehr an den gerechten Beamtengott.
Wo Figuren zerfasern, rücken Gespenster an. So bevölkert der finnische Regisseur Salonen den jüngsten, wegen der Bundestagswahl in den Dezember verschobenen "Polizeiruf: Vorwärts wie rückwärts" mit einem merkwürdigen indianischen Ermittler, der in der Schweriner Amtsstube rituelle Gesänge anstimmt und dort auf dem Boden haust. Ein verdächtiger Hausmeister, schwitzend, tätowiert, die Augen rollend, sieht aus, als käme er frisch von der "Rheingold"-Probe, wo er den Alberich singt. Der Zuschauer versucht, die mythologischen Anspielungen zu entschlüsseln, und verpasst, was der Mensch sagt.
Der Osten erscheint in diesem "Polizeiruf" als deutsches Reservat für seltsame Menschen, als nordisch beseeltes Geisterreich, bestenfalls zum Lachen, aber nicht wirklich zum Verstehen.
Deutlich wird: Der Verlust der Verständlichkeit entspringt dem Eskapismus der Macher, dem Bedürfnis, der Routine zu entfliehen. Manchmal erwischt das Kunstvirus ganz bodenständige Figuren, wie sie mit Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) im "Tatort" aus Bremen vorkommen.
Intelligent, nüchtern und schlagfertig durchkämmte diese Ermittlerin einst die nicht übermäßig satanisch ausgeprägte Bremer Unterwelt. Sozial engagierte Stücke kamen dabei heraus, keine Adrenalingranaten, aber psychologisch plausible Dramen.
Dann übernahm die Kunst, und die Verstehbarkeit ging. Zum Jubiläum der 600. "Tatort"-Sendung präsentierte Radio Bremen den Krimi "Scheherazade", eine unvorstellbar wirre Story aus Verschwörungstheorien rund um den 11. September. Für derlei wäre die Märchenerzählerin des Titels sogleich geköpft worden.
Nicht so in der Hansestadt. Dort hat man das Blut der Routineüberschreitung geleckt. Vergangene Woche, im Bremer "Tatort: Requiem", wurde Lürsen noch immer vom Willen zu großer Kinokunst durchgerüttelt: als Gefangene eines finsteren Mabuse im inzwischen stillgelegten Bremer Weltraumpark. Das Ganze war so nachvollziehbar wie der Bremer Roland im Batman-Gewand.
Zum Schluss eine Bitte: Liebe ungeduldige Macher, bitte habt Verständnis für die Begriffsstutzigkeit des Krimi-Freundes. Wir kommen schließlich von weit her, von Erik Ode und von Derrick.
Wenn diese Vaterfiguren etwas Wichtiges zu erklären hatten, platzierten sich die Untergebenen vor die großen Weltentschlüsseler, setzten die Zuhörgesichter auf, und dem Zuschauer war klar: Jetzt musst du aufpassen. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Mit Alwy Becker.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 39/2005
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