26.10.1955

OST-JAZZ / MusikGefahr für den Stehgeiger

Die jugendlichen Fans im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal trauten ihren Ohren nicht, als - nach zahlreichen gewiß nicht zurückhaltenden Darbietungen - am letzten Tag des Treffens der deutschen Jazz-Amateure ausgerechnet das Hans-Buchmann-Quintett alles in den Schatten zu stellen schien, was dort bisher an Avantgardismus vorgeführt worden war. Die sächselnden Buchmann-Leute waren nämlich die offizielle Vertretung des ostzonalen Jazz-Clubs Halle an der Saale.
Tatsächlich hat das lärmstarke Unisono volkseigener Blasorchester und aufbaufreudiger Volksliedgruppen auch interessierte westliche Beobachter daran gehindert zu bemerken, daß in der Zone seit geraumer Zeit eine - mit Leidenschaft geführte - "Grundsatzdiskussion" über den Jazz im Gange ist.
Diese Diskussion hat schon erstaunliche Resultate hervorgebracht. So strahlte der Ost-Rundfunk im ersten Halbjahr 1955 über seine drei Programme in der besten Abendsendezeit ein populärwissenschaftliches Halbstundenprogramm über die Entstehung des Jazz aus. In zahlreichen Grundeinheiten der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) bildeten sich Interessengemeinschaften für Jazzmusik, und die FDJ-Hochschulgruppe an der medizinischen Falkultät der Universität Leipzig forderte sogar in einer Entschließung ihre Bezirksleitung auf, eine im Westberliner Studentenkeller "Eierschale" musizierende Amateur-Band, die sich "Spree City Stompers" nennt, für ein Studentenfest nach Leipzig zu holen.
Zwar scheiterte dieser Antrag an dem harten Nein der Kulturfunktionäre in der Abteilung "Tanzmusik" des Kultusministeriums am Ostberliner Molkenmarkt. Dennoch werden die mitteldeutschen Jazzfreunde die Westberliner "Stompers" nächstens wenigstens auf der Leinwand ihres Stammkinos sehen und hören können. In dem bisher wahrscheinlich teuersten Kulturfilm der DEFA hat nämlich der Dresdner Regisseur Peter Ulbrich aus altem Wochenschaumaterial und Originalphotos die Entstehungsgeschichte des Jazz von den Anfängen bis zum Chicago-Stil zusammengekocht und dabei in seinem 45-Minuten-Film drei Auftritte der Westberliner "Spree City Stompers" untergebracht.
Offensichtlich hat auch das strengste autoritäre Regime an der Jazzbegeisterung der jungen Leute eine Grenze gefunden, die es nicht ohne weiteres überwinden kann. So hat man sich in der Ostzone nach jahrelangen vergeblichen Versuchen, den Jazz zu ignorieren, zu einer elastischeren Taktik entschlossen und sucht nun nach gangbaren Wegen, ihn ideologisch einzubauen.
Die Ein-Mann-Zentrale aller dieser Bemühungen ist der 25jährige Dozent für Gesellschaftswissenschaften an der Universität Halle, Reginald Rudorf. Er leitete nicht nur die Jazz-Sendungen des Ostzonen-Rundfunks, sondern ist auch der geistige Vater des DEFA-Jazzfilms. Außerdem hat Rudorf in jahrelanger Sammlertätigkeit eine 2000bändige Jazz-Bibliothek und eine 1000 Titel umfassende Plattensammlung zusammengetragen. Ein Forschungsauftrag der "Deutschen Akademie der Künste" versorgte ihn mit dem notwendigen Westmark-Konto zur Vervollständigung seines Archivs.
Vor mehr als 50 000 FDJlern, "Werktätigen und schaffenden Intelligenzlern" hat Rudorf bisher jene Thesen verkündet, die zur Rechtfertigung und parteiamtlichen Einordnung des Jazz dienen sollen:
▷ Der Jazz ist aus dem Arbeitsrhythmus der baumwollpflückenden Negersklaven in den amerikanischen Südstaaten entstanden.
▷ Nach den Sezessionskriegen wurde der Jazz zur Volksmusik des städtischen Negerproletariats.
▷ Der Jazz ist die einzige Volksmusik, die von der Arbeiterschaft irgendeines Landes dieser Erde selbständig geschaffen worden ist.
Diese Theorien stießen jedoch bei einigen SED-Genossen auf erbitterten Widerstand. Zwar hielt sich das Zentralkomitee als höchste Parteiinstanz aus der delikaten Jazz-Debatte heraus, aber in Johannes R. Bechers Kulturministerium formierte sich in der Hauptabteilung Musik unter Führung des österreichischen Professors Georg Knepler eine entschlossene Kampfgruppe gegen den Vormarsch amerikanischer Jazz-Trompeten.
Hinter der lautstarken Begeisterung der mitteldeutschen Jugend für Jazz-Musik vermuten die ministeriellen Musikbeauftragten nämlich - vielleicht nicht zu Unrecht - eine politische Demonstration. Noch heute erinnert sich die Einheitspartei beschämt an ihre Niederlage im Kampf gegen "westliche" Nietenhosen und Texashemden: Die starke Nachfrage hat sogar die staatliche Handelsorganisation (HO) gezwungen, diese ihr verhaßten Bekleidungsstücke in ihr Verkaufsprogramm aufzunehmen.
Wenn sich also, schlußfolgerte der Tanzmusik-Verantwortliche in der DDR, Georg Knepler, die SED auf eine Diskussion über den amerikanischen Jazz richtig einläßt, so wird das Ergebnis dieser Debatte kaum abzusehen sein. Auch die Notlösung, "echten" proletarischen Jazz von "unechtem" dekadenten Jazz zu unterscheiden, will ihm nicht behagen. "Man würde den amerikanischen Imperialisten keinen schlechten Dienst erweisen, wollte man die deutsche Jugend in eine unfruchtbare und sinnlose Diskussion über 'echten' und 'unechten' Jazz verstricken", warnte er darum in der halboffiziellen Zeitschrift "Musik und Gesellschaft". Sein Tanzmusik-Referent Hans Georg Uszkoreit klagte: "Die lärmende Jazztrompete hat bei uns den dezenten Stehgeiger verdrängt."
Auf der anderen Seite hat aber die "Freie Deutsche Jugend" herausgefunden, daß es falsch wäre, weiterhin gegen den Strom ihrer jazzbegeisterten Mitgliederschaft zu schwimmen. So veröffentlichte ihre Zeitung "Junge Welt" in den vergangenen Wochen zahlreiche Leserbriefe, deren Schreiber den SED-Tanzmusik-Bürokraten Hans Georg Uszkoreit als "weltfremd" bezeichnen und sich darüber empören, "daß es bei uns noch solche Zeitgenossen gibt".
Auch der Star-Conférencier des Ost-Rundfunks, Heinz Quermann, hat sich inzwischen auf die Seite der Jazz-Verteidiger geschlagen. Er erzählt jedem, der es hören will, er habe am Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin einen 95jährigen Herrn mit großem weißem Bart getroffen. Auf die Frage, ob dieser Greis noch werktätig sei, habe er die Antwort erhalten: "Ja, ich bin Referent für Tanzmusik im Ministerium für Kultur."

DER SPIEGEL 44/1955
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