30.11.1955

SKILAUFTraining auf Rollern

Der Pforzheimer Kraftfahrzeugtechniker und Volkswagen-Generalvertreter Oskar Rösch verdankt es den bevorstehenden Olympischen Winterspielen in Cortina d'Ampezzo (26. Januar bis 5. Februar), daß sein Nebengeschäft mit einem selbstkonstruierten Gerät für schneeloses Skitraining recht beachtlich in Schwung gekommen ist.
Der in Cortina winkenden Medaillen wegen hat sich in diesem Jahr die internationale Ski-Elite emsiger als sonst körperlich fit zu machen versucht, so gut es ohne Schnee ging.
Ersatzweise wurden Gymnastik, Ballspiele und Dauerläufe verordnet. Die Sowjets liefen den Sommer über - in Badehose - mit Normalskiern auf Gras, und wer von Oskar Rösch in Pforzheim gehört hatte, bestellte sich bei ihm den "Ski-Roller 54", mit dem man fast wie auf Schnee trainieren kann.
Die für die "nordische Kombination"*) gemeldeten Läufer der deutschen Winterolympia-Mannschaft, darunter der dreifache Deutsche Meister Heinz Hauser, trainierten mit den Rollern von Rösch. Der finnische Ski-Reichstrainer Veli Saarinen hat seine Olympioniken seit Mai rollern lassen. Auch Schwedens Olympiakandidaten wurden durch ihren Skiverband mit Rollern versorgt.
Der "Ski-Roller 54" ist das Endprodukt einer langen Versuchsreihe, die Oskar Rösch - seit 20 Jahren Rennläufer und heute noch nordbadischer Meister in der nordischen Kombination - in den Zwischenkriegsjahren einleitete.
Damals hatten deutsche und österreichische Ski-Experten das Problem des sommerlichen Ski-Vortrainings zunächst durch Ausstattung gewöhnlicher Skier mit Rollschuhsätzen leidlich gelöst. Oskar Rösch, dem diese Rädchen zu klein waren, baute aus Flacheisen einen Kurz-Ski und stellte ihn auf Kinderwagenräder.
Nach dem Kriege hat Rösch - lediglich zur Förderung des Ski-Sports - das Gerät erheblich verbessert. Sein ein Meter langer "Ski-Roller 54", der 3750 Gramm wiegt, hat vorn einen und hinten - damit er nicht umkippt - zwei Luftreifen von 22 Zentimeter Durchmesser. Die Raffinessen des Rollers:
▷ nachstellbare Konuskugellager (wie beim Fahrrad);
▷ ein Knick-Mechanismus in der hinteren Hälfte, durch den die Hinterräder auch bei weit ausholendem Schritt am Boden bleiben;
▷ eine nachstellbare Bowdenzugbremse (wie bei Kraftwagen und Motorrädern), die durch ein am Hosenbund befestigtes Seil betätigt wird;
▷ eine mechanische Sperre an den Vorderrädern, die bei ansteigendem Gelände ein Rücklaufen des Ski-Rollers ausschließt.
Das Gerät ist für das Training im Langlauf, Abfahrtslauf und Torlauf auf glatter Landstraße wie auf Waldwegen geeignet. Bergab läuft es 60 Kilometer je Stunde. Wenn der Läufer die Bowdenzugbremse zieht, hat er das gleiche Gefühl, als wenn er bei normalem Skilauf von einer harten Piste in weichen Schnee gerät.
Der deutsche Langlauf-Meister Hermann Möchel hält sich seit drei Jahren während der schneelosen Monate mit dem Ski-Roller in Form. Als erste Ausländer ließen sich Finnlands Ski-Asse aus Pforzheim Ski-Roller kommen und legten darauf Langläufe bis zu 40 Kilometern zurück. Die Schweden hörten davon und wurden ebenfalls Rösch-Kunden.
Inzwischen hat Oskar Rösch seinen Ski-Roller (Preis mit "Bindung": 134 Mark) nach Dänemark, in die Schweiz, nach Österreich und Amerika (Vereinigte Staaten und Kolumbien) geliefert. Am letzten Mittwoch telephonierten die ersten britischen Interessenten von London nach Pforzheim.
Die Ski-Experten des In- und Auslands, besonders die bewährten Läufer der skandinavischen Länder, loben den Ski-Roller und haben die Sammlung von Anerkennungsschreiben im Hause Rösch anschwellen lassen.
Erklärte der norwegische Meister Gunder Gundersen, nachdem er ihn beim Training mit der deutschen Olympiamannschaft kennengelernt hatte: "Der Roller hat das Vortraining im Skisport revolutioniert."
*) Langlauf über 15 Kilometer und Sprunglauf.

DER SPIEGEL 49/1955
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