21.12.1955

GEISELGASTEIGDie neue Bavaria

Wenn innerhalb der nächsten drei Wochen nicht noch plötzlich ein anderer Interessent ein ernsthaftes Kaufangebot einreicht, wird eines der größten Objekte aus dem Nachlaß der Ufa - das Bavaria-Ateliergelände in Geiselgasteig bei München - praktisch in den Besitz einer Gruppe übergehen, die vom Münchner Schorcht-Filmverleih und von der Neuen Deutschen Filmgesellschaft (NDF) angeführt wird. Und "Westeuropas größte Filmstadt" - ein 370 000 qm großes Gelände mit acht Aufnahmehallen, Synchron-Ateliers, Schneideräumen, Farbfilm-Versuchslaboratorien und Trickfilm-Atelier - stünde dann diesen beiden Unternehmen für einen Einsatz von ganzen zwei Millionen Mark zur Verfügung.
Da der Bilanzwert von "Bayerns Hollywood" mit 25 Millionen Mark veranschlagt worden ist, dürfte die Transaktion als einer der eindrucksvollsten Geschäftsabschlüsse in die deutsche Filmgeschichte eingehen.
Einige Filmleute argwöhnen schon, daß die Liquidatoren*) des einstigen Ufa-Vermögens einer "Verkaufspsychose" erlegen seien. Denn das ehemals reichseigene Filmgelände sollte nach einem Bundestagsgesetz schon bis zum 6. Juni 1955 in private Hände übergeführt worden sein.
Die Vorbereitungen der Liquidation verliefen aber so schleppend, daß der Verkaufsprospekt erst Anfang Dezember 1954
erschien. Er las sich wie eine Immobilien-Offerte, pries die Abwässeranlage der Filmstadt, enthielt aber weder eine Rentabilitätsrechnung noch einen Verkaufspreis. Unklar blieb vorerst, ob und in welcher Weise ein Käufer für die Verbindlichkeiten der Bavaria - Schulden gegenüber dem alten Konzern (7,1 Millionen Mark) und eine Lastenausgleichsforderung (5,8 Millionen Mark) - einstehen sollte.
Noch im Herbst 1954 hatte Bayerns Finanzminister Friedrich Zietsch einen hohen Verkaufspreis genannt: 15 bis 20 Millionen Mark. Einige mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Filmgeschäfts vertraute Leute errechneten daraufhin, daß jeder Käufer dreißig Jahre Filmkonjunktur in der Bavaria erleben müsse, um sein Kapital wieder herauszuholen. Und so kam es, daß der Prospekt in der Fachwelt sehr bald die Qualifikation "Verkaufsverhinderungsprospekt" erhielt.
Je näher aber der gesetzlich festgelegte Verkaufstermin heranrückte, desto größer wurde bei den Liquidatoren die Neigung, das Millionenobjekt auch für einen Preis abzustoßen, der weit unter dem 25 Millionen-Mark-Pegel lag. Indes, der Verkaufstermin verstrich, ohne daß irgendein Abschluß in Aussicht stand. Und bald grassierte in München das Schlagwort von der Verkaufspsychose, die einige Liquidatoren bereits befallen habe.
Nach den ursprünglichen Plänen sollte die reprivatisierte Bavaria den Status einer GmbH haben. Bei dieser Regelung hätten sich alle Interessenten in einer "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" vor dem Kaufabschluß zusammenraufen müssen. Ein solcher "Verkauf en bloc" schien niemanden zu locken.
Da überraschte der Ministerialrat Eggendorfer, der Leiter des Filmreferats im Bayrischen Wirtschaftsministerium, die Filmwirtschaftler am 2. November mit der Eröffnung: "Wir sind jetzt soweit, wir gründen um." Nun sollte die neue Bavaria plötzlich eine AG mit einem Aktienkapital von acht Millionen Mark werden. Aktien kann man paketweise an einzelne Interessenten verkaufen.
Schon dreizehn Tage später vermeldete denn auch der Filmjournalist Hans R. Beierlein in der Münchener "Abendzeitung" die große Neuigkeit: "Schorcht und die Neue Deutsche Filmgesellschaft kaufen Bavaria."
Der Mann, der diesen geräuschlosen Akt fertiggebracht hat, ist der Münchener Rechtsanwalt Dr. Wolf Schwarz, Mitinhaber und Geschäftsführer der Neuen Deutschen Filmgesellschaft (NDF) und Präsidialmitglied des Produzentenverbandes. Nach der von Schwarz ausgearbeiteten Lösung sollen die Produktionsfirma NDF und der Schorcht-Verleih für zwei Millionen Mark 25 Prozent der Aktien übernehmen. Weitere 26 Prozent würde die Agfa erwerben*). Die Agfa ist jedoch an einer eigenen Produktion oder an einer künstlerischen Einflußnahme augenscheinlich nicht interessiert, sondern will offensichtlich nur sicherstellen, daß man künftig mit Agfa-Rohmaterial arbeitet.
Nach den von Schwarz aufgestellten Plänen soll die NDF die Bavaria-Produktion übernehmen; der Verleiher Kurt Schorcht soll künftig nur noch als Verleiher von Bavaria-Filmen auftreten.
Die Ufa-Liquidatoren stimmten dieser Lösung zu. Sie soll in Kraft treten, wenn innerhalb der nächsten drei Wochen kein weiterer Interessent ein besseres Angebot macht. Aber mit dieser Möglichkeit rechnet
niemand mehr; der Aufsichtsrat der neuen "Bavaria-Filmkunst AG" nimmt bereits Gestalt an.
Der bayrische Staat wird der neuen Gesellschaft quasi eine Anzahlung für den Aktienkaufpreis in die Wiege legen: Die NDF soll eine großzügige Abfindung für Produktionsvorhaben bekommen, die sie jetzt nicht mehr verwirklichen kann.
Für die geplanten zehn Filme der ersten Bavaria-Produktionsstaffel hat der bayrische Staat auch schon mehrere Millionen Mark Bürgschaftsgelder bereitgestellt; sie stammen aus der letzten Bewilligungsrate des Bayrischen Landtags und müssen bestimmungsgemäß der neuen Bavaria zufließen.
So werden die beiden Filmunternehmen mit geringem Risiko und zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis in die Atelierstadt einziehen, eine Regelung, die den Münchner Filmproduzenten Ernst Neubach zu einem offenen Brief an den bayrischen Finanzminister Friedrich Zietsch provozierte: "Darf ich ... an Sie die bescheidene Anfrage richten, warum Sie die Bavaria-Anlagen nicht ... besser mir allein schenken wollen, der ich Ihnen bankenmäßig nachweisen kann, daß ich auch kein Geld habe? ... Sollten Sie jedoch in Ihrer Großzügigkeit über Geiselgasteig bereits verfügt haben, hoffe ich, daß Sie mir zumindest Hellabrunn (den Münchener Tierpark) oder den Stachus (das Münchener Verkehrszentrum Karlsplatz) verkaufen. Unter der Bedingung, daß Sie mir einen Bürgschaftskredit in Höhe von zehn Millonen Mark für die Erhaltung garantieren, bezahle ich Ihnen gern einen Kaufpreis von einer Million mit der schriftlichen Garantie, daß auf dem Stachus immer Betrieb herrschen wird."
*) Der Abwicklungsausschuß für das ehemals reichseigene Filmvermögen besteht aus Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums, des Bundesfinanzministeriums, des Bundesinnenministeriums, des Bundesministeriums für Angelegenheiten des Bundesrates sowie aus Vertretern der Landesregierungen Bayerns, Hessens, Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens, Berlins und Hamburgs.
*) Die restlichen 49 Prozent der Aktien soll die Süddeutsche Bank treuhänderisch verwalten, bis sich weitere Käufer finden.

DER SPIEGEL 52/1955
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