09.07.1973

ITT: Weltkonzern zwischen Politik und Profit

2. Fortsetzung und Schluß
Trotz der zwielichtigen Rolle, die FIT
während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Ende der vierziger Jahre in Ungarn gespielt hatte, blieb der Konzern lange Jahre in der Öffentlichkeit nahezu unangefochten.
"Fragen Sie 20 Leute. die Ihnen auf der Straße begegnen", meinte einmal ITT-Boß Harold S. Geneen zu einem Besucher. "und Sie werden feststellen, daß kaum jemand weiß, wer ITT eigentlich ist und was wir machen."
Diesen, lange Jahre durchaus erwünschten. Schutz der Anonymität hat ITT inzwischen längst verloren. Denn im Frühjahr vergangenen Jahres wurden in Washington zwei Affären ruchbar, in denen wie kaum jemals zuvor das Vertrauen der Öffentlichkeit zur Demokratie und zum Big Business erschüttert wurde: Drahtzieher beider Skandale war Harold Geneens ITT.
Plötzlich assoziierten Millionen Bürger in Amerika und Europa. die mit den drei Buchstaben ITT nichts hatten anfangen können, mit der Firma Begriffe wie "Korruption", "Entführung". "Geheimdienst", ",Putsch".
Im Mittelpunkt der ersten, im Februar letzten Jahres publik gewordenen ITT-Affäre steht eine Versicherungsgesellschaft namens Hartford Fire Insurance Company. Harold Geneen hatte die ehrwürdige Firma, zu deren Versicherten einst selbst Abraham Lincoln gehörte. Anfang 1970 gekauft.
Mit dem Erwerb der Firma, die Aktiva von fast drei Milliarden Dollar besitzt und jährlich 1,5 Milliarden Dollar Prämien kassiert, hatte Geneen sein ITT-Reich auf einen Schlag um ein Drittel vergrößert. Es war der größte Firmenzusammenschluß der amerikanischen Geschichte.
Harold Geneen brauchte die Versicherungsfirma dringend. Denn nur sie. mit ihrem ständig fließenden Strom von Prämien. garantierte ihm das Geld. das er für die weitere Expansion benötigte.
Andere Mischkonzerne. die ähnlich bunt zusammengewürfelt sind wie ITT -- etwa Litton, Ling-Tenco-Vought oder Gulf + Western -- waren in die Krise geraten. weil bei der Finanzierung plötzlich Probleme auftauchten.
Jahrelang hatten diese Firmen-Konglomerate ähnlich wie ITT ein Unter-
* Vor seiner Aussage am 2. März 1972 vor dem Rechtsausschuß des US-Senats.
nehmen nach dem anderen kaufen können, weil sie die Neuerwerbungen nicht mit Dollar, sondern mit Aktien des eigenen Unternehmens bezahlten. Die Finanzierungsmethode funktionierte, solange die Aktienkurse stiegen.
Als aber in der Wallstreet-Baisse der späten sechziger Jahre die Kurse sanken, war es mit dem Wachstum der meisten Mischkonzerne aus.
Das angesehene US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" hatte schon im Februar 1969 auf den "Kettenbrief-Effekt" aufmerksam gemacht, dem die Konglomerat-Konzerne ihren stürmischen Aufstieg verdankten. und darauf hingewiesen, was passiert, wenn das Wachstum plötzlich stoppt. "Fortune" damals: "Das Ende kann schrecklich sein.
Mit der Versicherungsfirma Hartford Fire im ITT-Verbund und ihrem schier unerschöpflichen Reservoir an Bargeld aber meinte Geneen, sich gegen derartige Krisen abgesichert zu haben. Er kümmerte sich daher auch nicht um eine Warnung des damaligen Chefs der Antitrust-Abteilung im Washingtoner Justizministerium, Richard McLaren.
Kurz vor der Übernahme von Hartford hatte McLaren FIT gewarnt: Er werde Geneen eine Antitrust-Klage ins Haus schicken, falls ITT Hartford Fire erwerbe.
Geneen ignorierte die Warnung -- McLaren reichte die angekündigte Klage ein. Darüber hinaus forderte er ITT auf, zwei weitere Firmen -- das Tiefkühlkost- Unternehmen Canteen und die Feuerlöschfirma Grinnell -- wieder abzustoßen.
Dann geschah etwas Merkwürdiges. Am 31. Juli 1971 teilte Trustjäger McLaren der Öffentlichkeit mit, das Justizministerium habe sich mit ITT außergerichtlich geeinigt: ITT dürfe das Versicherungsunternehmen Hartford Fire behalten, verpflichte sich aber, sechs andere Firmen -- darunter Grinnell, Canteen und Avis -- zu verkaufen. Außerdem habe ITT zugesagt, zehn Jahre lang keine US-Firmen mehr zu erwerben, deren Anlagevermögen 100 Millionen Dollar übersteigt.
Der Vergleich war ein voller Sieg für Harold Geneen. Zwar sollte er sechs (von mehreren hundert) ITT-Firmen abstoßen. Aber das Unternehmen, das ihm das künftige Überleben des Konzerns sichern sollte, durfte er behalten.
Auch das Verbot, zehn Jahre lang keine größeren US-Gesellschaften mehr zu kaufen, störte ihn wenig: Er kaufte statt dessen kleinere. Allein in den ersten neun Monaten nach dem Vergleich erwarb ITT 20 amerikanische und 12 ausländische Firmen -- mit einem Gesamtumsatz von 300 Millionen Dollar jährlich.
Warum McLaren, der als einer der erbittertsten Gegner der großen Mischkonzerne galt und der noch kurz vor dem Vergleich versichert hatte, er werde den Hartford-Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten bringen, plötzlich seine Meinung änderte, blieb lange im dunkeln.
Erste Vermutungen, daß bei der außergerichtlichen Einigung zwischen ITT und dem Justizministerium andere als rechtliche Erwägungen eine Rolle gespielt haben könnten, tauchten freilich bald auf. Denn plötzlich gingen in Washington Gerüchte über eine geheimnisvolle Spende um: Sheraton, die ITT-Hotelkette, habe -- ausgerechnet in jener Zeit. als ITT-Anwälte mit dem Justizministerium den Vergleich aushandelten -- 400 000 Dollar zur Finanzierung des bevorstehenden Parteitags der Republikanischen (Nixon-)Partei bereitgestellt.
Spekulationen, die 400 000 Dollar seien der Preis für die Niederschlagung des Antitrustfalles gewesen, wurden nahezu zur Gewißheit, als im Februar vergangenen Jahres dem Washingtoner Enthüllungsjournalisten Jack Anderson eine interne ITT-Hausmitteilung zugespielt wurde.
lack Anderson erinnert sich später: "Das war das belastendste Stück Papier, das ich jemals gesehen habe"
Die Hausmitteilung trug das Datum vom 25. Juni 1971 -- einem Tag also, an dem McLaren noch fest auf seiner Entflechtungsklage gegen ITT beharrt hatte. Sie stammte von der obersten ITT-Lobbyistin in Washington, Dita Beard, und war an den ITT-Vizepräsidenten William Merriam gerichtet.
Darin stellte Dita Beard nicht nur eine Verbindung zwischen "unserer noblen Spende" und dem Antirustfall her, sondern nannte auch Manner, die in den Fall verwickelt waren: Außer dem damaligen Justizminister und späteren Wahlkampfmanager Nixons. John Mitchell, auch der Stabschet und mächtigste Mitarbeiter des Präsidenten. Bob Haldeman. der erst jüngst wegen Watergate das Weiße Haus verlassen mußte, und Nixon selbst.
Sie habe, so Frau Beard. nach verschiedenen Gesprächen den Eindruck gewonnen, daß die Antitrust Verfahren nun im Sinne von "Hal" (Haarold Geneen) geregelt würden.
Eindringlich warnte die ITT-Lobbyistin ihre Zentrale: "Wenn (über unsere Spende) allzuviel geredet wird, werden unsere Verhandlungen tritt dem Justizministerium scheitern. Mitchell hilft uns wirklich, aber er kann nicht zulassen. daß es bekannt wird. Statt einer Unterschrift trug das Dokument den Vermerk: "Bitte vernichten. huh?"
Umgehend bat Anderson einen seiner Reporter. Brit Hume, die ITT Dame der Hausmitteilung zu konfrontieren. Hume traf Dita Beard im Washingtoner ITT-Büro.
Außer ihr waren noch zwei weitere ITT-Angestellte im Raum. als er ihr das Schreiben (eine Kopie hatte er vorsichtshalber in seinem Schreibtisch versteckt) zum Lesen gab. Iran Beard überflog das Papier, schüttelte den Kopf und sagte: "In diese Sache sind wir nicht verwickelt. Wir haben lediglich angeboten, das Geld zu beschaffen"
Mehr war von Dita Heand fürs erste nicht zu erfahren. Wie sie später dem Reporter Hume gestand, war sie während des Gesprächs in ihrem Büro von einem der anwesenden ITT-Männer unter dem Tisch getreten worden.
Einen Tag später hatte Hurne mehr Glück. Telephonisch lud die Lobbylistin den Reporter ein, sie in ihrem Haus in Virginia zu besuchen. Dort, unter vier Augen, erzählte sie ihm die Geschichte: Nahezu jeder Minister wurde von ITT bedrängt.
Ja, sie habe die HausmitLeilung geschrieben. Am Ende gab sie sogar zu. selbst eine Rolle beim Zustandekommen des außergerichtlichen Vergleichs gespielt zu haben.
Während eines Empfangs heim Gouverneur von Kentucky. Louie Nunn, habe sie im Mai 1971 Mitchell auf das schwebende Verfahren angesprochen. Dabei habe ihr der Minister erzählt, daß er von Präsident Nixon angewiesen worden sei, eine vernünftige Lösung zu finden.
Schließlich habe Mitchell sie direkt gefragt: "Was wollen Sie?" Darauf Dita Beard: "ITT muß Hartford behalten -- aus wirtschaftlichen Gründen." Die Einzelheiten, die sie mit Mitchell anschließend am kalten Büfett erörterte, hätten genau der später tatsächlich erzielten Einigung entsprochen.
Als Brit Hume hierauf versuchte. Mitchell dem Ergebnis seiner Recherchen zu konfrontieren. teilte ihm dessen Büro lediglich mit: Mitchell könne beweisen, daß das Dita-Beard- Memorandum falsch sei.
Anderson veröffentlichte den Hume-Bericht einschließlich des Dementis von Mitchell in seiner Kolumne. die regelmäßig von 700 amerikanischen Zeitungen gedruckt wird. Sofort dementierten sowohl die ITT-Zentrale als auch Mitchells Stellvertreter im Justizministerium, Richard Kleindienst.
Kleindienst war damals gerade von Nixon für den Posten des Justizministers nominiert worden und wartete auf die für die endgültige Ernennung erforderliche Zustimmung des Senats. Der spätere Justizminister, der seinen Kabinettsposten vor zwei Monaten wegen Watergate aufgab, auf die Beschuldigungen Andersons: Er habe mit dem Antitrust-Verfahren gegen ITT überhaupt nichts zu tun gehabt. Denn für diese Angelegenheit sei ausschließlich Antitrust-Chef McLaren zuständig gewesen.
Mit dieser Aussage aber war Kleindienst zutiefst unglaubwürdig geworden. Denn inzwischen hatte der ITT-Direktor Felix Rohatyn dem Reporter Hume gegenüber zugegeben, etwa sechsmal mit Kleindienst über das Antitrust-Verfahren verhandelt zu haben.
Washington hatte seine Sensation: Zwei der wichtigsten Mitarbeiter des Präsidenten. ein ehemaliger und ein designierter Justizminister, standen plötzlich im Verdacht, aus Partei-Interesse das Recht gebeugt zu haben. Um seine politische Zukunft zu retten, beantragte Richard Kleindienst eine Wiederaufnahme der bereits abgeschlossenen Senatshearings. die der Ernennung eines amerikanischen Justizministers vorauszugehen haben.
Die Hearings vor dem Rechtsausschuß des Senats dauerten 24 Tage -- länger als jedes vergleichbare Hearing der amerikanischen Geschichte. Dabei stellte sich heraus, daß nahezu jeder Minister, nahezu jeder Berater des Präsidenten von Geneen und seiner Lobbyisten- Mannschaft bedrängt worden war, das Antitrust-Verfahren im Sinne von ITT beizulegen.
* Bei dem Hearing am Krankenbett am 26. März 1972 in Denver.
"Jedes Mitglied des Kabinetts oder des Beraterstabes im Weißen Haus, das nicht von ITT um Mithilfe gebeten wurde", spottete Senator Edward Kennedy, "muß sich wie ein Bürger zweiter Klasse vorkommen. Offenbar ist es schon ein Statussymbol geworden. von Harold Geneen persönlich aufgesucht zu werden, und eine Demütigung. wenn statt seiner nur einer seiner Leute kommt."
Während der Hearings wurde enthüllt, daß Peter Flanigan, damals Nixons oberster Business-Berater, den Anstoß dazu gegeben hatte, die Klage gegen ITT schließlich fallenzulassen: Obwohl McLaren in Washingtons Justizministerium über die qualifiziertesten Beamten in Sachen Antitrust verfügte, mußte er auf Geheiß Flanigans ein letztes und, wie sich herausstellen sollte, ITT- freundliches Gutachten über die möglichen Konsequenzen einer ITT-Entflechtung von einem Dritten, dem New Yorker Investmentbankier Richard J. Ramsden, anfertigen lassen. ITT baute Richard Nixon einen Golfplatz.
Insgesamt jedoch brachte die Senatsuntersuchung zwar viele Verdachtsmomente, aber keine Beweise für Korruption. Schließlich stimmte der Senat der Ernennung Kleindiensts zum Justizminister der Vereinigten Staaten zu.
Ob die Senatoren ebenso entschieden hätten, wenn Dita Beard, die Hauptbelastungszeugin, bei ihrer Geschichte geblieben wäre, die sie Brit Hume erzählt hatte, muß bezweifelt werden. Dita Beard war, als die Senatoren sie vernehmen wollten, plötzlich verschwunden.
"In dieser Phase", notiert Anthony Sampson in seinem Buch "The Sovereign State: The secret history of ITT". das Anfang Oktober auch in deutscher Sprache erscheint*, "nahm die Geschichte surrealistische Formen an.
FRI-Agenten wurden ausgeschickt. In allen Bundesstaaten der USA setzte eine hektische Suche nach der ITT. Lobbyistin ein. Schließlich meldete J. Edgar Hoover, der greise -- damals 77jährige Chef des FRI. seine Leute hätten Frau Beard in einem Krankenhaus in Denver. Colorado. ausgemacht -- herzkrank und transportunfähig.
Drei Wochen später reiste ein Unterausschuß des Senatsausschusses -- bestehend aus sechs Senatoren, unter ihnen Edward Kennedy -- von Washington nach Denver. Ihnen bot sich ein "gespenstisches Bild". wie Senator John Tunney später erzählte.
Dita Reard saß, an einen Elektrokardiographen angeschlossen, aufrecht in den Kissen -- von zwei Anwälten bewacht. Zwei Ärzte standen einsatzbereit an einem Sauerstoffgerät. Jeder Wechsel des Herzschlags, so bedeuteten sie den Senatoren, würde die Befragung beenden.
David Fleming, einer der Rechtsanwälte. las aus einer vorbereiteten Erklärung, was Dita Beard auszusagen hatte: Sie habe das Memorandum nicht geschrieben. Und dem Reporter Hume
* Anthony Sampson: "Weltmacht ITT. Die politischen Geschäfte eines multinationalen Konzerns". Rowohlt-Verlag, 256 Seiten; 28,50 Mark.
habe sie auch nicht erzählt, was dieser später verbreitet habe.
Anschließend beantwortete Dita Beard noch einige Fragen der Senatoren -- ohne dabei freilich von der schriftlichen Version ihres Anwalts abzurücken. Dann erklärten die Ärzte das Hearing für beendet. "Die einzige Erklärung für diese Aussage", tobte in Washington der Kolumnist Jack Anderson' "ist, daß sie 53 Jahre alt, geschieden ist, fünf Kinder zu ernähren und eine Krankenhausrechnung zu bezahlen hat. Sie ist ITT auf Gedeih und Verderb ausgeliefert."
Erst in diesem Frühjahr. während der Untersuchungen zur Watergate-Affäre. bot sich eine andere Erklärung für den Umfall der Hauptbelastungszeugin an: Das Justizministerium oder gar das Weiße Haus selbst veranlaßte Dita Beard zum Widerruf.
Denn Ende Mai gab Robert U. Mardian, einst Chef der Abteilung fur innere Sicherheit im Washingtoner Justizministerium. vor einem Kongreß Ausschuß zu Protokoll: G. Gordon Liddy, einer der "Klempner" aus dem Weißen Haus, der auch den Watergate-Einbruch organisiert hatte. habe Dita Beard in jenen turbulenten Tagen aus Washington entführt und in Denver versteckt. Später erschien dann der Watergate-Verschwörer Howard Hunt, getarnt mit schlechtsitzender Perücke und versteckt hinter einer Sonnenbrille, am Krankenbett der Dita Beard. Er war von Präsident Nixons damaligem Sonderberater Charles W. Colson nach Denver geschickt worden, woraufhin Dita Beard ihr Geständnis revozierte,
Auch der Hauptbelastungszeuge Richard Nixons in der Watergate-Affäre, der ehemalige Rechtsberater des Weißen Hauses John Dean, spielte eine Rolle im ITT-Antitrustfall: Noch während des Kleindienst-Hearings kontrollierte er die Verdunkelungskampagne -- vom Zimmer des Nixon-Vize Agnew aus, der als Präsident des Senats ein Büro im Capitol hat.
Obwohl Harold 5. Geneen inzwischen die Watergate-Beteiligung dementieren ließ, übergab Nixons neuer Justizminister Elliot L. Richardson Anfang vergangenen Monats sämtliche Akten über den IVV-Antitrustfall dem Watergate- Untersucher Archibald Cox. Die Begründung des Justizministers: "Die ITT-Untersuchung beginnt, sich mit den Watergate-Nachforschungen zu überschneiden."
Ende Juni berichtete dann das stets gut unterrichtete US-Wirtschaftsmagazin "Business Weck" aus Washington: Möglicherweise würden demnächst noch einmal sämtliche Vorgänge, die zu der außergerichtlichen Einigung zwischen ITT und dem Justizministerium geführt hatten, aufgerollt.
Geklärt werden müßte dabei auch, was erst vergangene Woche bekannt wurde: Während derselben Zeit, in der ITT mit dem Justizministerium über die Antitrustklage verhandelte, legte die ITT-Firma O. M. Scott & Sons auf Nixons kalifornischem Besitz in San Clemente einen Golfplatz an. Goldgarantie für Chile-Gewinne.
ITT-Gärtner planierten das Gelände. säten ITT-Grassamen ein und düngten die Greens und Fairways mit ITT-Dünger. Nur eine Rechnung schickte FF[ nicht. Nixon bedankte sich für die selbstlose Hilfe der Firma mit einer Party, die er der eigens zum Zwecke des Golfplatzbaus gegründeten Vereinigung namens "Golfing Friends of the President" gab.
Business Week": "Die Fusionsmaschine des Harold S. Geneen erlebt nicht gerade ihre schönsten Tage.
Tatsächlich stehen Geneen und seine Firma seit über einem Jahr unter Dauerbeschuß. Denn zur selben Zeit. als sich Edward Kennedy und seine Senatoren-Kollegen in Washington aufmachten, um Dita Reard in ihrem Krankenhaus in Denver zu verhören, enthüllte Jack Anderson in seiner Kolumne einen zweiten, in seinen Auswirkungen noch brisanteren ITT-Skandal.
Der Mammut-Konzern, so teilte Anderson seinen Lesern mit, habe 1970 mit dem US-Geheimdienst CIA ein Komplott zum Sturz des marxistischen chilenischen Staatschefs Salvador Allende geschmiedet. Für die Dienste der CIA-Agenten habe Harold Geneen eine Million Dollar geboten.
Die neuen Beschuldigungen klangen so ungeheuerlich, daß zunächst nur wenige sie glauben mochten. Erst im März dieses Jahres brachte ein Untersuchungsausschuß des Senats die Wahrheit über die Chile-Affäre ans Licht.
Dabei gestand auch Harald Geneen vor den Senatoren: Er habe dem Geheimdienst CIA tatsächlich eine Million Dollar für eine geplante Intervention in Chile geboten. Er sehe sich aber außerstande, in der Offerte etwas Unrechtes zu sehen.
Jahrzehntelang hatte ITT den Andenstaat -- wie wohl alle Länder, in denen der Konzern tätig ist -- als eine Art Firmeneigentum betrachtet. Solange die Regierungen ITT-Eigentum schützten. konnten sie der Unterstützung durch ITT sicher sein.
Sobald aber eine Regierung ITT-Gesellschaften starken Kontrollen unter. warf oder gar Verstaatlichungspläne hegte, wurde ITT zum erklärten Gegner des Regimes. So war es 1950 in Ungarn-gewesen, als die Kommunisten den ITT-Besitz verstaatlichten, so war es auch in Kuba, als Fidel Castro 1959 die ITT-Telephonanlagen enteignete.
Chile hatte im weltweiten Netz von 1171 stets eine besondere Rolle gespielt. Colonel Sosthenes Behn, der Gründer und langjährige Generaldirektor der Firma, hatte 1930 die chilenische Telephongesellschaft von Engländern gekauft. Der Lizenzvertrag, den er damals auf 50 Jahre mit der chilenischen Regierung abschloß, enthielt eine einzigartige Klausel: Sämtliche Gewinne. die ITT außer Landes schaffte, mußten von der Zentralbank in Gold umgetauscht werden.
Erstmals im Sommer 1964 zeichnete sich ein Ende der leichten Gewinne ab: Mit dem Hinweis auf die skrupellose Ausbeutung des Landes durch ausländische Konzerne war es einem Politiker der Linken gelungen, sich für die Präsidentschaftswahlen zu qualifizieren: Außer dem Christdemokraten Eduardo Frei bewarb sich auch der Marxist Salvador Allende.
Aus Angst, bei einem Wahlsieg Allendes könnte seine chilenische Goldgrube wie zuvor schon sein kubanischer Besitz verschüttet werden, suchte Geneen in Washington den damaligen CIA-Chef John McCone auf. Zusammen mit anderen amerikanischen Firmenchefs bot er McCone finanzielle Hilfe an, falls die CIA Allendes Konkurrenten Frei unterstütze.
McCone aber lehnte das Ansinnen Geneens ab. Die CIA, so McCone, nehme grundsätzlich kein privates Geld. Wenig später ging der Christdemokrat Frei aus den Wahlen als Sieger hervor -- auch ohne ITT-Geld.
Sechs Jahre später jedoch, bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen 1970, waren die Chancen des Marxisten Allende wesentlich gestiegen. Von dem gemäßigten Reformkurs ihres Präsidenten Frei enttäuscht, hatten sich Chiles Christdemokraten gespalten. Die fortschrittlichere Gruppe präsentierte nun einen eigenen Präsidentschaftskandidaten, Radomiro Tomic, während die Rechten den ehemaligen Präsidenten Jorge Alessandri unterstützten. Geheimtreff
im Sheraton-Hotel.
Zu jener Zeit arbeiteten in Geneens chilenischer Telephongesellschaft 6000 Beschäftigte. In der New Yorker Bilanz stand der chilenische Besitz mit 153 Millionen Dollar zu Buch.
Angesichts der für ITT abermals bedrohlichen Lage in Chile setzte sich Harold Geneen erneut mit John McCone in Verbindung. Freilich: Diesmal brauchte der ITT-Boß McCone nicht erst umständlich um eine Unterredung zu bitten -- er zitierte ihn einfach zu sich: Denn in der Zwischenzeit hatte McCone seinen Dienst als CIA-Chef quittiert, und Geneen hatte ihn als ITT-Direktor eingestellt.
Wie McCone später vor dem Senatsausschuß aussagte, hatte er neben seinem ITT-Job noch einen Beratervertrag mit dem US-Geheimdienst. Hiervon aber, so McCone. habe selbst Harold Geneen nichts gewußt.
Wie dem auch sei: Geneen beauftragte McCone, bei dem neuen CIA-Direktor Richard Helms zu sondieren. wie ITT mit Hilfe des Geheimdienstes einen möglichen Wahlsieg Allendes verhindern könnte. Und diesmal zeigte McCone Verständnis. lm Einvernehmen mit Helms organisierte er ein Treffen zwischen Geneen und dem für "geheime Operationen" in Lateinamerika zuständigen CIA-Mann William Broe.
Geneen traf Broe am 16. Juli 1970, 22.30 Uhr, in der Lobby des Washingtoner ITT-Hotels "Sheraton Carlton". In einem Separee entwickelte Harold Geneen seinen Plan: Wie schon 1964 sei er bereit, der CIA einen namhaften Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, falls es gelinge, die Wahl Allendes zu hintertreiben. Doch Broe winkte ab: Die Regierung denke nicht daran, sich in die chilenischen Wahlen einzumischen.
Am 4. September 1970 fanden in Chile die Präsidentschaftswahlen statt. Allende erhielt 36,3 Prozent der Wählerstimmen. Weniger, als er sechs Jahre zuvor erzielt hatte -- aber mehr, als Alessandri oder Tomic auf sich vereinigen konnten. Nach der chilenischen Verfassung mußte nun der Kongreß in Santiago binnen 50 Tagen den neuen Präsidenten wählen.
In dieser Zeit entfaltete ITT eine hektische Aktivität. Geneen ließ McCone abermals kommen und gab ihm freie Hand, der Washingtoner Regierung eine Million Dollar zu zahlen, falls es ihr gelinge, im chilenischen Kongreß eine Anti-Allende-Koalition zustande zu bringen.
McCone trug den Wunsch seines Herrn dem CIA-Chef Helms und Nixons Sonderberater Henry Kissinger vor. Obwohl Helms und Kissinger ITT-Geld und "Plan" ablehnten, verschärfte sich die Washingtoner Haltung gegenüber Allende zusehends.
Entgegen der bis dahin betont neutralen Haltung gegenüber dem chilenischen Marxisten warnte Kissinger in einem vertraulichen Gespräch mit amerikanischen Journalisten am 16. September 1970 in Chicago vor den Problemen einer Machtergreifung Allendes: "Wir beobachten die Vorgänge mit Besorgnis." Auch Edward Korry, Washingtons Botschafter in Santiago, der nie etwas ohne Abstimmung mit dem Weißen Haus unternahm, schwenkte auf einen härteren Krus gegen Allende ein.
"Wer damals Amerikas Außenpolitik gegenüber Chile bestimmte", schreibt der Engländer Anthony Sampson, "ist bis heute völlig ungeklärt."
Immerhin spricht einiges dafür, daß Geneen sich am Ende mit seiner Interventions- Forderung durchgesetzt hatte, Denn wenige Wochen vor der entscheidenden Abstimmung im chilenischen Kongreß entwickelte CIA-Mann Broe, der noch einige Monate zuvor Geneens Wahlkampfgelder verschmäht hatte, ein Konzept, wie Allendes Wahl verhindert werden könnte.
Nach dem Broe-Plan sollte Washington darauf hinwirken, bis zur Kongreßabstimmung in Santiago die chilenische Wirtschaft systematisch in Unordnung zu bringen: Banken sollten die Auszahlung von Krediten verzögern, Firmen ihre Zahlungen verschieben und Lieferungen vertragswidrig auf einen späteren Zeitpunkt verlegen.
Der CIA-Plan wurde nie verwirklicht -- wohl aus der Erkenntnis heraus, daß Alessandri gegen Allende keine Chancen haben würde. Am 20. Oktober 1970 zog Alessandri seine Kandidatur zurUck. Vier Tage später wählte der Kongreß Allende zum Präsidenten.
Doch auch jetzt ließen die ITT- Manager in New York nicht locker. Als im September 1971 Chiles Allende auf Druck seiner linken Koalitionspartner die ITT-Telephongesellschaft unter Staatsaufsicht stellte, "begann ITT aus allen Rohren zu feuern" (Sampson).
Auf Veranlassung Geneens entwickelte der damalige Chef des Washingtoner FIT-Büros, William Merriam, in einem Brief an Peter O. Peterson, damals Nixons Berater für internationale Wirtschaftsfragen, ein 18-Punkte-Programm. Es sollte verhindern, "daß Allende die entscheidenden nächsten sechs Monate übersteht" (siehe S. 90).
Der ITT-Plan, so urteilte der Washingtoner Senatsausschuß in seinem Abschlußbericht vom Juni dieses Jahres, zielte auf "Blutvergießen und einen möglichen Bürgerkrieg". Mit ihrem Versuch, Einfluß auf die chilenische Politik zu nehmen, habe die Firma "die Grenzen erträglichen Unternehmerverhaltens überschritten.
Sollte das schlechte Beispiel von ITT Schule machen, sorgten sich die Senatoren, dann "würde bald kein Land mehr die Anwesenheit multinationaler Firmen begrüßen".
So ernst im Ton und so hart in der Sache hatte wohl noch kein offizielles Gremium des amerikanischen Staatsapparats einen US-Konzern kritisiert. Abschließend setzten sich die Senatoren für einen Gesetzentwurf ein. Hiernach soll der Versuch, durch Geldangebote an eine US-Regierungsstelle den Ausgang ausländischer Wahlen zu beeinflussen, zum Verbrechen erklärt und unter Strafe gestellt werden.
Die Enthüllungen Andersons und der beiden Senatsausschüsse stürzten den ITT-Konzern in seine bisher schwerste Krise. An der New Yorker Börse fiel der Kurs der ITT-Aktie allein seit Jahresanfang von 60 3/8 Dollar auf 30 3/8 Dollar.
Börsianer führen den Kursrutsch vor allem auf das mangelnde Vertrauen der Anleger zu dem Konzern zurück. Anthony Sampson: "ITT" ist zum Symbol für Verantwortungslosigkeit und Geheimniskrämerei geworden, zur Karikatur der multinationalen Riesen."
Um ein weiteres Absacken der Aktienkurse zu verhindern, entschloß sich Harold Geneen zu einer Not-Maßnahme: Vor den versammelten ITT-Aktionären erklärte er im Mai in Kansas City. die Firma werde zwei Millionen eigene Aktien auf dem freien Markt erwerben -- und so die Anteilseigner vor weiteren Verlusten schützen.
Zwar kündigte Geneen auch für das laufende Geschäftsjahr weiter steigende Umsätze und Gewinne an. Aber Fachleute halten es nicht für ausgeschlossen. daß die Periode der ungestümen ITT-Expansion vorüber ist. Wallstreet-Analysten wollen sogar nicht ausschließen. daß die IIT-Gewinne in den nächsten Jahren stagnieren oder fallen werden.
Mit der niedriger bewerteten ITT-Aktie, so argumentierten sie, werde es Harald Geneens Konglomerat immer schwerer fallen, neue, gewinnträchtige Unternehmen aufzukaufen. Erst kürzlich scheiterte der ITT-Plan, gegen eigene Aktien den angesehenen amerikanischen Buchverlag G. P. Putnam's Sons zu übernehmen.
"Für ITT wird es eine furchtbare Zeit geben."
Die jahrzehntelange Praxis der Firma und ihrer Manager, geschäftliche Erfolge notfalls mit zweifelhaften politischen Methoden zu erzwingen, behindert nun die ITT-Geschäfte: Seit bekannt wurde, daß ITT Hitlers Kriegsrüstung finanzieren half, Harold Geneen dem Nixon-Clan Geld- und Sachgeschenke machte und mit der CIA gegen Chiles Allende konspirierte, ist der Konzern noch mehr ins Zwielicht geraten.
Der Image-Schaden führte dazu, daß Finanzexperten neuerdings sogar die ITT-Bücher mit Argwohn betrachten. So werden seit kurzem die Buchführungsmethoden bei ITT in Zweifel gezogen. Ein relativ großer Teil der ITT-Erträge. so Finanz-Analysten an der Wallstreet, müsse auf Sonderfaktoren zurückgeführt werden -- wie etwa außerordentliche Gewinne beim Verkauf von Wertpapieren, Veräußerungsgewinne beim Verkauf von Geräten an eigene Tochtergesellschaften, Währungsgewinne.
Auch wird seit den jüngsten ITT-Enthüllungen die Zukunft des ITT-Managements mit Skepsis beurteilt. Plötzlich diskutieren ITT-Anteilseigner und -Geschäftspartner offen die Frage, was passiert, wenn sich Harold 5. Geneen aus dem Management der Firma zurückzieht. Wie viele starke Männer, hat er es allzu lange versäumt, für einen Nachfolger zu sorgen.
Zwar: Im Januar dieses Jahres ernannte er seinen langjährigen Mitarbeiter Francis J. Dunleavy zum Präsidenten von ITT. Er selbst aber behielt als Chairman sämtliche Fäden in der Rand.
Dennoch wird Geneen, wie allgemein erwartet, Anfang 1975 auch diesen Posten bei ITT aufgeben. "Ohne die Energie und die eiserne Kontrolle des Meisters" aber, so prophezeit Anthony Sampson, "wird sich zeigen, daß das ITT-Reich nicht bestehen kann". Sampson: "Es wird eine furchtbare Zeit geben. Die verschiedenen Teile des Konzerns werden sich selbständiger machen, und die Fehler des Systems -- fehlende Innovationen. Mangel an Unternehmergeist im zweiten Glied -- werden offen zutage treten. Ende

DER SPIEGEL 28/1973
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