02.07.1973

ITT: Weltkonzern zwischen Politik und Profit

1. Fortsetzung
Nach dem japanischen Überfall auf den amerikanischen Pazifik-Stützpunkt Pearl Harbor begann sich die US-Regierung stärker für die Verflechtung von ITT mit Firmen in feindlichen Gebieten zu befassen.
Denn zu dem Problem, daß die deutschen ITT-Firmen unter Dr. Westrick mit den ITT-Betrieben im besetzten Europa -- in Frankreich, Belgien, den Niederlanden -- eng zusammenarbeiteten, kam das Problem der weltweiten Verflechtung des Konzerns. So unterhielt ITT Deutschland enge Beziehungen zu den neutralen europäischen Ländern -- Spanien, Portugal, Schweiz und Schweden -- sowie zu den weitverzweigten ITT-Netzen in Lateinamerika. Einige dieser Länder standen unter starkem deutschem Einfluß.
Schauplatz der ergiebigsten Zusammenarbeit von ITT mit den Achsenmächten war die Schweiz. Dort gab es drei große Elektro-Produzenten, unter ihnen eine Tochtergesellschaft von Siemens, die nur über eine begrenzte Kapazität verfügte, und die Schweizer Firma Hasler. die sich weigerte, den Achsenmächten Anlagen zu liefern.
ITT Schweiz jedoch stellte weiterhin für Deutschland technische Geräte her. Hierbei schaltete sich deren Direktor Edouard Hofer ein, der zugleich Mittelsmann von Westrick und ITT in Deutschland war und Verträge abschließen konnte, ohne die Schweiz verlassen zu müssen.
In einem Brief an Henry Pease von der New Yorker ITT-Zentrale erklärte Hofer, ITT Schweiz sei gezwungen, von ITT-Betrieben in Deutschland, Italien und den besetzten Ländern Belgien. Dänemark, Ungarn und Norwegen zu kaufen. Außerdem müsse sein Werk Aufträge von Lorenz in Berlin ausführen, andernfalls würden die Zulieferungen aus allen besetzten Ländern von den Deutschen unterbunden.
1942 wies der ITT-Jahresbericht Verluste in Höhe von einer Million Dollar aus gegenüber Verlusten von 2,6 Millionen Dollar im Jahre 1941. "Die Tochtergesellschaften in Portugal, Spanien, Schweden und der Schweiz", heißt es in dem Bericht, "produzieren unter
© 1973 Rowohlt-Verlag. Reinbek bei Hamburg. Das Buch von Anthony Sampson ("Weltmacht ITT. Die politischen Geschäfte eines multinationalen Konzerns" 256 Seiten: 28,50 Mark) erscheint Anfang Oktober.
beträchtlichen Schwierigkeiten, da Einzelteile knapp sind und Ersatz von ihren früheren Lieferanten nicht zu bekommen ist."
Mit keinem Wort freilich erwähnt der Geschäftsbericht, wie viele dieser Schwierigkeiten überwunden werden konnten. Die Jahresberichte der Kriegsjahre strotzten von patriotischen Hinweisen und von Abbildungen, auf denen über ITT-Betrieben die amerikanische Flagge weht.
Im September 1942 gab Behn bekannt, daß in New Jersey ein neuer großer ITT-Betrieb für Produktion und Forschung gebaut werden sollte. Unterstützt von geflüchteten französischen Ingenieuren, entwickelten die ITT-Forschungsinstitute in Amerika wertvolle technische Neuerungen, darunter den "High Frequency Direction Finder", scherzhaft "Huff-Duff" genannt.
Dieses Funkpeilgerät diente dazu, deutsche U-Boote aufzuspüren, die alliierte Geleitzüge im Atlantik angriffen: Während mithin ITT-Focke-Wulf-Flugzeuge alliierte Schiffe bombardierten, warnten die ITT-Funkpeilgeräte der Alliierten vor deutschen Torpedos.
Als mit der Invasion in Europa die Wende des Krieges kam, zeigte Oberst Behn wieder einmal seine Chamäleon-Eigenschaften. Er war jetzt 62, verfügte aber immer noch über erstaunliche Kühnheit und Tatkraft und war nach wie vor Freibeuter von Kopf bis Fuß. Ohne Zeit zu verlieren, ging er daran, sein europäisches Territorium zurückzuerobern -- jetzt auf seiten der Alliierten.
Als am 25. August 1944 die ITT-Mitarbeiter in den französischen Laboratorien den Tag der Befreiung von Paris feierten und auf dem Dach die Trikolore hißten -- wer anders erschien da vor der Tür als Oberst Behn? In schmutzbespritztem Kampfanzug saß er in einem Jeep, der von seinem Sohn William gesteuert wurde.
Behn trat in der Rolle eines Kommunikationsfachmannes zur Beratung der amerikanischen Armee auf, jedoch bestand seine Haupttätigkeit darin, die ITT-Betriebe in Westeuropa zu inspizieren und wieder in Gang zu setzen.
Er fuhr von Antwerpen nach Brüssel und dann nach Paris zurück. Unterwegs bestand er darauf, festlich zu speisen. Auf der Rückfahrt hielt er in Epernay an und belud seinen Wagen mit Champagner.
Als die alliierten Streitkräfte nach Deutschland hinein vorstießen, zeigte es sich, welche enge Verbindungen Oberst Behn mit der amerikanischen Armee geknüpft hatte. Angesichts des Bündnisses zwischen Armee und Big Business und angesichts des wachsenden Argwohns gegenüber Rußland war die nazistische Vergangenheit von ITT offenbar bedeutungslos geworden.
Im Oktober 1945 beschwerten sich die Russen darüber, daß sich drei amerikanische Generäle, unter ihnen einer namens Stockton, an der Demontage zweier Focke-Wulf-Flugzeugfabriken in Mühlhausen in der russischen Besatzungszone beteiligt hatten und sie nach Nürnberg in der amerikanischen Zone hätten schaffen lassen; sie unterstützten damit, so behauptete die "Prawda", einen Mann, von dem man nur wisse, daß er Westrick heiße.
Dr. Westrick war damals sehr aktiv -- er half ITT bei dem Versuch, die Geschäfte der ITT-Betriebe wieder in Gang zu bringen, und wurde seinerseits von der ITT-Zentrale protegiert, die alles tat, was in ihrer Macht stand, um zum "business as usual" zurückzukehren.
Im Oktober 1945 fuhr Oberst Alexander Sanders. der vor dem Krieg für ITU in Berlin tätig gewesen war und jetzt in der Dienststelle "U.S. Strategie Bombing Survey" (etwa: Überprüfung von Bombenschäden), zu seinem alten Haus und fand es unversehrt vor.
Er setzte sich alsbald mit Westrick in Verbindung, der als Kriegsverbrecher verhaftet worden war, und verbrachte zwei Tage mit ihm: Westrick leitete Sanders" Vorladung als Entlastungszeuge in die Wege -.- Sanders sollte aussagen, Westrick habe ihn gedrangt, einen Tag vor Kriegsausbruch Deutschland zu verlassen.
Drei ITT-Direktoren wurden über Nacht Brigadegeneräle.
Diese bemerkenswerte Metamorphose Westricks läßt die Meisterhand Allan Dulles' erkennen, der damals von der Schweiz aus den amerikanischen Geheimdienst leitete und zugleich die amerikanischen Geschäftsinteressen im Auge behielt. Ein Bericht aus der Nachkriegszeit schildert die Vorgänge:
Zwischen 1941 und 1945 hatte sich Westrick häufig in der Schweiz aufgehalten und sich dringender Probleme der ITT angenommen. Während dieser Zeit bat er Dulles einmal schriftlich, er möge so freundlich sein, den Leiter von ITT New York über seine Tätigkeit in Deutschland zu informieren.
Prompt erhielt Westrick von dem Manager von ITT Schweiz die Zusicherung, es werde alles getan werden, damit die richtigen Leute mit ihm in Deutschland Kontakt aufnähmen. Und so geschah es sofort nach Deutschlands Niederlage.
Drei ITT-Direktoren wurden über Nacht Brigadegeneräle und befanden sich unter den ersten, die deutschen Boden betreten durften -- sie setzten sich mit Westrick in Verbindung, und im Nu verfügte Westrick über einen Sonderausweis, in dem ihm bescheinigt wurde, er leiste der Dienststelle US. Strategie Bombing Survey kriegswichtige geheime Dienste.
Unterdessen war von Schröder, der Bankier von fIT, im Juni 1945 in einem Kriegsgefangenenlager für SS-Soldaten in Frankreich aufgefunden worden -- in der Uniform eines SS-Sturmmanns.
Er gehörte zu denen, die von den amerikanischen Ermittlungsbeamten am dringendsten gesucht wurden. Denn Amerikas Nazi forscher versuchten verzweifelt die Verbindungen zwischen deutschen Firmen und Himmlers SS aufzudecken.
Schröder wurde eingehend von zwei Geheimdienstbeamten. Foster Adams und Jean Pajus, vernommen und gab ins einzelne gehende Auskünfte über Behns Abmachungen mit ihm selbst und mit Westrick. Dabei kam ans Licht, daß ITT für das Bankhaus Stein und damit für Himmler eine gute Geldquelle gewesen war.
Die Geschichte des Verhaltens von ITT im Zweiten Weltkrieg ist ein besonderes Beispiel für die Kontinuität von Firmen. Nicht nur, daß sich ITT Regierungen widersetzte. Das hatte die Firma ohnehin immer getan. Darüber hinaus erwies sie sich, wie Krupp. als unzerstörbar.
Aber anders als der deutsche Stahlkonzern überlebte ITT durch die Tatsache, daß die Firma multinational und beweglich war. Da sie sich auf sofortige Kommunikation verstand, konnte sie zugleich überall und nirgends sein und dabei auf Nationalgefühl und M oral verzichten.
Sosthenes Behn und seine Manager glaubten, wegen ihrer internationalen Verbindungen seien sie berechtigt, mit jedem Staat zusammenzuarbeiten -- gleichgültig, wie abstoßend dessen Politik auch sein mochte. Sie taten es unter dem Vorwand, daß die Kommunikation aufrechterhalten werden müsse.
Ihr Bestreben, Hitler und Göring entgegenzukommen, führte sie jedoch dazu, Greuel und Lügen aller Art hinzunehmen und bewußt Hitlers Bombenflugzeuge zu finanzieren.
Behn mochte Diktatoren. Seine ganze Geschäftsdiplomatie beruhte darauf, von Mann zu Mann zu verhandeln, und paßte besser zu Diktaturen als zu Demokratien -- er war selbst ein Despot.
Am erstaunlichsten ist vielleicht, daß sich ITT jetzt als unschuldiges Opfer des Krieges hinstellt und tatsächlich erreicht hat, für erlittene Schäden entschädigt zu werden.
Im Jahre 1968 -- fast dreißig Jahre nach den Ereignissen -- gelang es ITT in der Tat, von der amerikanischen Regierung 17 Millionen Dollar als Schadenersatz für Kriegsschäden an den ITT-Betrieben in Deutschland zu erhalten -- mit der Begründung, sie seien amerikanisches Eigentum gewesen.
Das ist eine bemerkenswert glückliche Wende für ein Unternehmen, das sich so bereitwillig an der deutschen Kriegsrüstung beteiligt und mit solcher Umsicht dafür gesorgt hatte, daß seine Betriebe rein deutsche Betriebe wurden.
Wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten, wären die ITT-Firmen als makellos nazistische Betriebe angesehen worden. Da die Deutschen den Krieg verloren hatten, tauchten sie wie durch ein Wunder als makellose amerikanische Betriebe wieder auf.

DER SPIEGEL 27/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ITT: Weltkonzern zwischen Politik und Profit

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"