21.05.1973

DDR-JAPANZiemlich verfrüht

Ost-Berlin ist über das wachsende Defizit im Japan-Handel beunruhigt. Mit Hinweisen auf die unsichere kapitalistische Wahrungsfront buhlt die sozialistische Republik um bessere Absatzchancen in Fernost.
Gerhard Beil, Staatssekretär im DDR-Ministerium für Außenwirtschaft, sah nach der Anerkennung Ost-Berlins durch Tokio die Attraktivität des ostdeutschen Marktes in neuem Lichte: "Nicht zuletzt auf Grund der Entwicklung im krisengeschüttelten kapitalistischen Währungssystem haben wir volles Verständnis für die Bemühungen weiter Wirtschaftskreise im kapitalistischen Westen, stabile Handelsbeziehungen mit der DDR auszubauen."
Die verständnisvollen Worte richtete der Staatssekretär an japanische Geschäftsleute, die sich bis Mitte dieses Monats an Ort und Stelle davon überzeugen konnten, "auf welchen Gebieten besonders die Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik leistungsfähig ist" (Siegfried Fischer, Leiter der inoffiziellen Handeismission der DDR in Japan).
Auf der Zehnten Internationalen Handelsmesse in Tokio, die vorletzte Woche zu Ende ging, war die DDR erstmals mit einem Stand als souveräner Staat vertreten und nicht, wie noch beim letztenmal 1971, "mit nur ein paar Außenhandelsbetrieben, die ja bekanntlich selbständig sind" (Fischer).
Dem neugewonnenen Prestige galt es gerecht zu werden. Die Leistungsschau aber fiel eine Nummer zu groß aus. In der Messehalle 2 beanspruchte Ost-Berlin für sieh eine Ausstellungsfläche von gut 900 Quadratmetern. Kein anderes der 30 teilnehmenden Länder hatte auch nur ein annähernd so großes Areal zur Verfügung.
Obgleich DDR-Fischer abwiegelte ("Auf der Tokio-Messe stehen Geschäftsabschlüsse völlig im Hintergrund"). scheint sich der Aufwand nicht recht gelohnt zu haben. Ein DDR-Funktionär: "Wenn wir unsere Druck- und Buchbindermaschinen, die sogar nur Prototypen sind, zu Hause gelassen hätten, wären wir mit einem erheblich kleineren Messestand ausgekommen. Für diese Maschinen hat sich hier noch kein Japaner interessiert."
Das Ziel der ostdeutschen Messebeteiligung war: Neben Altvertrautem wie Werkzeugmaschinen, Zeiss-Kameras und Meißner Porzellan vor allem solche Waren auszustellen, "bei denen wir von der Konkurrenzfähigkeit her gute Absatzchancen sehen" (Fischer).
Denn neue Absatzmärkte in Japan zu finden ist für die DDR notwendig, soll der so hoffnungsvoll begonnene bilaterale Handel nicht zum Problem werden. Hatten nämlich die ostdeutschen Händler 1970 noch für etwas über elf Milliarden Yen (115 Millionen Mark) Wa-
* Japans Moskau-Botschafter Kinya Niizeke (l.) und DDR-Botschafter Horst Bettner am vergangenen Dienstag in Moskau, wo das Abkommen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichnet wurde.
ren nach Nippon exportiert, im gleichen Zeitraum aber nur für 3,1 Milliarden Yen Güter bezogen, so schlug die Handelsbilanz in den folgenden Jahren jäh um. Zwar verkündet Gerhard Beil stolz: "Wir haben in den vergangenen zwei Jahren unseren Außenhandel mit Japan verdreifachen können." Hauptnutznießer des wachsenden Geschäftsverkehrs aber waren und sind die Wirtschaftsbosse aus dem fernöstlichen Inselreich.
Im vergangenen Jahr schlugen Ost-Berlins Händler in Tokio nur noch Waren für 3,4 Milliarden Yen los. In der gleichen Zeit aber mußte die sozialistische Republik 19,2 Milliarden Yen für japanische Chemiefabriken. Schiffsausrüstungen und andere Anlagen zahlen.
Handelsmissions-Chef Fischer hat zwar eine plausible Erklärung für Nippons Bilanzüberschüsse parat: "1971 haben wir zwei große Ammoniakanlagen aus Japan gekauft, mit einem sehr beträchtlichen Wert, und die jährlichen Lieferungen dauern an." Aber die sinkenden Exportzahlen nach Japan machen auch ihn sprachlos. Überdies erklärt die Lieferung der Ammoniakwerke -- das erste soll noch in diesem Jahr in Piesteritz in Betrieb genommen werden -- nur einen Teil des Überschusses.
Langfristig erscheinen Nippons DDR-Exporte von Stahl und Stahler-Zeugnissen weitaus gewichtiger. Bereits im Oktober 1971 hatte die DDR einen Vertrag über den Bezug von japanischem Stahl im Wert von 60 Millionen US-Dollar unterzeichnet. Nach dem gleichen Papier aber sind ostdeutsche Maschinenexporte nach Japan nur in Höhe von 14,6 Millionen Dollar vorgesehen.
Freut sich noch heute Kichihei Hara, Präsident der japanischen Außenhandelsorganisation Jetro, über den Stahlerfolg: "Solche Möglichkeiten gibt es noch auf vielen anderen Gebieten. Denn wir sind nicht nur darauf bedacht, den bilateralen Warenaustausch auszuweiten, sondern wir wünschen engere Kooperation zum beiderseitigen Vorteil." Um den Vorteil künftig vor Ort noch besser wahrnehmen zu können, will Jetro noch in diesem Herbst ein Handelsbüro in Ost-Berlin eröffnen.
Die DDR setzt derweil ihre Hoffnungen auf die Einsicht der Tokioter Regierung. daß die japanischen Importe allgemein erhöht werden müssen. Dabei wird auch wieder die unruhige kapitalistische Währungsfront beschworen: "Wie aus den Handelszahlen der letzten Jahre hervorgeht, kommt der Ausweitung der DDR-Exporte nach Japan höchste Priorität zu. Das ist auch in völligem Einklang mit der japanischen Regierungspolitik, bei der gegenwärtigen Währungslage die Importe zu fördern."
Und Siegfried Fischer appelliert an die Gemeinsamkeit der technisch Entwickelten: "Durch den hohen Stand der Entwicklung in beiden Ländern sind gute Voraussetzungen gegeben, das Handelsvolumen wesentlich zu erweitern." Vorläufiges Ziel der Ausweitung: bis 1975 ein bilaterales Handelsvolumen von etwa 200 Millionen Dollar zu erreichen, natürlich bei weitgehend ausgeglichener Zahlungsbilanz.
Dazu bedarf es, wie Staatssekretär Beil unermüdlich betont, vor allem eines langfristigen Handelsabkommens zwischen beiden Staaten. Mit einem solchen Pakt könnte Ost-Berlin seinen Japanhandel eher ausgleichen, etwa durch den erweiterten Verkauf von Lizenzen, der ebenfalls in dem Vertrag geregelt werden soll.
Freilich hat es Tokios Regierung nach der Aufnahme diplomatischer Reziehungen zur DDR am vergangenen Dienstag mit dem Abschluß eines Handelsabkommens nicht eilig. Ost-Berlins Mann in Tokio, Siegfried Fischer, klagt: "Wir haben bereits Anfang 1972 einen Vorschlag zum Abschluß eines langfristigen Handelsabkommens unterbreitet. Dieser Vorschlag ist bis jetzt laufend wiederholt worden. Aber die Lage ist so. daß sich unsere Vorschläge nach wie vor nur im Stadium der Prüfung befinden."
Die Prüfung wird wohl kaum vor Jahresende abgeschlossen sein. Auch der von Ost-Berlin vorgesehene Termin für eine Vertragsunterzeichnung, die Leipziger Herbstmesse, scheint einem hohen Regierungsbeamten in Tokio "ziemlich verfrüht".
Ein Ost- Berliner Messevertreter: "Für die DDR zahlt sich das Warten schließlich bestimmt aus." Tatsächlich ließ Tokios Regierung bereits durchblicken. daß sie der DDR den Status eines bevorzugten Handelspartners nach den Regeln der Meistbegünstigung einräumen wolle.

DER SPIEGEL 21/1973
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