18.06.1973

FILMKRITIKGlück im Kino

Die letzte Vorstellung -- The Last Picture Show. Kleinstadt-Report von Peter Bogdanovich nach dem gleichnamigen Roman von Larry McMurtry. USA 1971. 118 Minuten.
Die "Letzten" sind die ersten. So sehenswert wie "Der letzte Tango in Paris" ist in deutschen Kinos nur noch "Die letzte Vorstellung".
Beide Filme demonstrieren aufs schönste den Trend der Saison: bewährte Lichtspiel-Kunst mit Nostalgie. Doch anders als "Tango"-Regisseur Bertolucci übt der vom Cineasten zum Top-Kritiker und zum Regisseur ("Is was Doc?") gereifte Amerikaner Bogdanovich von vornherein Askese.
In schlichtem Schwarzweiß, mit unbekannten Darstellern (und Sex ohne Exzeß) hat er ein Spiel voll Weltschmerz und Resignation inszeniert. Zeit: 195 1/52. Ort: das Städtchen Anarene in Texas.
Dort, zwischen High School, schwachem Football-Team, Billard-Saloon, Cafe und einzigem Kino, wird der junge Sonny Crawford widerwillig, doch unaufhaltsam erwachsen. Er hat Freunde -- Duane. der ihm ein Auge ausschlägt, und Billy mit der Schildmütze, der unter den Lastwagen kommt -- sowie eine Freundin, die sich nach dem obligaten Kinogang ("Der Vater der Braut") zum Petting routiniert vom Büstenhalter (und danach von Sonny) trennt.
Mehr als den eigenen Vater bewundert Sonny den Kino- und Saloonbesitzer, der sich Sam der Löwe nennt und später dahinstirbt. Er läßt sich von der unbefriedigten Ehefrau des Football-Trainers ins Schlafzimmer locken. Später läßt er sie sitzen, weil sich Jacy, das schönste und reichste Mädchen am Platz, plötzlich stärker für Sonny interessiert als für Freund Duane, der immerhin Kapitän der Footballer ist. (Daher die Sache mit dem Auge).
Mit klassisch ruhiger Kamera (wie so manches von den Hollywood-Veteranen John Ford und Howard Hawks abgeguckt) fügt Bogdanovich auch einen verschämten Striptease im Swimming-pool, Hunde-, Huren- und Motel-Liebe in sein Kleinstadt-Mosaik. Im Finale trägt er dick auf:
Duane muß in den Korea-Krieg, die propere Jacy geht aufs College zurück, Sonny hält wieder Händchen mit der Frau des Trainers, und das Kino wird vom Fernsehen verdrängt. Die letzte Vorstellung beschwört noch einmal -- als Kontrastprogramm zum öden, von Zeit, Ort und Klasse determinierten Leben der Leute von Anarene -- den Elan der ersten US-Pioniere in der Hollywoodfassung von 1948: Gespielt wird die Viehtreiber-Saga "Red River" von Howard Hawks.
Glück, so konstatiert der Skeptiker Bogdanovich ohne allen Zynismus zwischen seinen zarten Grau-Bildern, ist derzeit so unerschwinglich wie Freiheit. Allein im Kino sind beide noch manchmal zu haben.

DER SPIEGEL 25/1973
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