01.10.2005

Der große Zerstörer

Noch immer gilt Mao Zedong seinen Landsleuten, aber auch vielen Westlern als großer Revolutionär und Philosoph. Die KP ehrt ihren Gründer als bedeutenden Staatsmann. Nun belegt eine neue spektakuläre Biografie, dass Mao mehr Menschen umgebracht hat als Hitler und Stalin.
Das Gesicht des einbalsamierten Leichnams ist gelblich verfärbt, eine blutrote chinesische Fahne bedeckt die Beine des geschrumpften Körpers. Kübel mit Zierpflanzen säumen den Kristallsarg, auf den das kalte Dämmerlicht von Neonröhren fällt. Ordner drängen die Besucher weiterzugehen, denn ununterbrochen wollen Tausende dem Verstorbenen in seinem Mausoleum ihre Reverenz erweisen.
Tagein, tagaus, als wäre der Volksheld gerade erst aus dem Leben gerissen worden, kommen die Massen, weil sie die Überreste des wohl berühmtesten Chinesen aller Zeiten sehen wollen; sein Name lautet: Mao Zedong.
Mehr als 25 Jahre lang - von der Gründung der Volksrepublik China 1949 bis zu seinem Tode 1976 - hat er als Diktator die Geschichte seines riesigen Landes weitgehend selbst geschrieben und so das Leben von gut einem Fünftel der Erdbevölkerung geprägt.
Zu Lebzeiten ließ er sich von der KP mit einem monströsen Personenkult als großer Revolutionär feiern, der China dem sozialistischen Paradies näher gebracht habe. Heute ehren ihn die chinesischen Kommunisten - ungleich verhaltener - vor allem als Staatsgründer und Vater der Nation.
Sein Konterfei prangt noch immer auf Banknoten, seine Gedichte sind auf hauchfeinen Blättern aus 24-karätigem Gold erhältlich. Das über 30 Quadratmeter große Porträt Maos am Tor des Himmlischen
Friedens in Peking ist nach wie vor die bekannteste Ikone des Landes. Das Mao-Mausoleum auf dem größten Platz der Hauptstadt ist jenem Memorial in Washington nachempfunden, in dem die Amerikaner ihren großen Präsidenten Abraham Lincoln ehren. Die Marmorstatue in der Vorhalle zeigt einen milde lächelnden Mao in staatsmännischer Pose.
Auch in den westlichen Industrieländern hat der Chinese Anerkennung gefunden, denn er brach mit der Sowjetunion und öffnete sein Land Anfang der siebziger Jahre sogar ein wenig zum Westen hin. Mit Hilfe von Mao versuchte US-Präsident Richard Nixon, die Moskauer Rivalen um die Macht auszustechen. Politiker unterschiedlicher Nationalität und Couleur rühmten den chinesischen Despoten nach seinem Ableben als "Leuchtturm des Weltgeistes" (Frankreichs Präsident Valéry Giscard d'Estaing), "Herz und Motor Chinas" (der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß) oder "Titan unserer Zeit" (US-Außenminister Henry Kissinger).
Eine ganze Generation - die derzeit im Westen abdankenden 68er - sah in dem "Großen Vorsitzenden" einen Helden des sogenannten antiimperialistischen Befreiungskampfes. Während der Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner zogen Hunderttausende unter dem Banner Maos durch die Straßen westlicher Metropolen und skandierten Sprüche aus der Mao-Bibel, einer Sammlung seiner oft zynischen historischen Aussprüche und Aphorismen. Mao wurde zum großen Anführer einer permanenten Revolution stilisiert - angeblich unkompromittierbar und durch keinen Sachzwang von seinem leuchtenden Pfad abzubringen.
Spätestens mit Andy Warhols farbigen Mao-Drucken stieg er sogar zur Pop-Ikone auf - und ist es bis heute geblieben. Mao-Memorabilien bringen Rekordpreise in den großen Auktionshäusern der Welt: 13 000 Dollar für einen Aschenbecher aus seinem Besitz, 50 000 für eine Suppenschüssel. Dafür finden sich inzwischen sogar chinesische Käufer.
Auch im Westen gelten T-Shirts oder Anstecker mit Mao-Porträts weiterhin als schick, während andere Tyrannen, Josef Stalin etwa oder Pol Pot, die Gunst der Massen längst - und zu Recht - verloren haben.
Für Mao dagegen finden manche noch immer große Worte: Erst kürzlich rief die "Zeit" ihn wieder zum "Einiger Chinas" und "Philosophen des asiatischen Sozialismus", kurz einem "Giganten des 20. Jahrhunderts" aus. Mitglieder einer Delegation des Deutschen Bundestags unter Präsident Wolfgang Thierse (SPD) besuchten noch im Frühjahr das Mausoleum und erwiesen dem Diktator damit ihre Reverenz.
Das könnte allerdings das letzte Mal gewesen sein, dass Berliner Politikern ein solcher
Fauxpas unterläuft. Denn nun ist eine Biografie über den "Großen Steuermann" auf den Markt gekommen, der zuzutrauen ist, was Historiker seit Jahren vergebens versuchen: den Mao-Mythos ein für alle Mal zu zertrümmern. Die fulminante, knapp 1000-seitige Anklageschrift bringt alle Voraussetzungen mit, Maos Bild zumindest im Westen auf breiter Basis neu zu definieren. Sie wurde nämlich nicht im akademischen Elfenbeinturm verfasst, sondern von der Chinesin Jung Chang - einer der erfolgreichsten Autorinnen der Welt.
Allein ihre Familiensaga "Wilde Schwäne" über das Leben und Leiden dreier Frauengenerationen in China im 20. Jahrhundert wurde über zehn Millionen Mal gekauft und in 30 Sprachen übersetzt. Und ihre Darstellung des Weges Maos vom Bauernjungen zum Herrscher über fast eine Milliarde Menschen ist auf dem Wege, ein ähnlicher Renner zu werden. Schon jetzt steht das Werk der in London lebenden Chinesin auf den Bestsellerlisten in Großbritannien, Australien und Neuseeland ganz oben. Diese Woche kommt es auch in Deutschland auf den Markt*.
Chang und ihr Mitautor und Ehemann, der britische Historiker Jon Halliday, haben für ihre Recherchen Hunderte Zeitzeugen befragt und Dutzende Archive besucht. Zwar sind die Unterlagen der KP-Zentrale weiterhin bestenfalls linientreuen Wissenschaftlern zugänglich. Doch in den Provinzen kann man inzwischen relativ uneingeschränkt forschen. Vor allem aber lässt sich in ehemals sowjetischen Archiven mancher Fund machen. Bis zum Bruch zwischen Mao und Kreml-Chef Nikita Chruschtschow, Anfang der sechziger Jahre, war niemand über die Lage in China so gut informiert wie die sowjetischen Genossen.
Vom romantisch verklärten Bild des Bauernführers Mao, der China in die Moderne katapultierte und die Grundlagen für den Wiederaufstieg des uralten Reichs zur Großmacht legte, bleibt nach Changs und Hallidays Recherchen nichts übrig. Sie zeigen vielmehr einen machtbesessenen
Egomanen, der seine Erfüllung in der Zerstörung fand: Auf beinahe jeder Station seines Weges an die Macht hinterließ Mao Hekatomben von Toten.
Seinen Aufstieg finanzierte er mit Drogenhandel; Rivalen wurden schon in den dreißiger Jahren auf brutalstmögliche Weise beiseite geräumt. Später, als Diktator, opferte er beträchtliche Teile jener Massen, deren Glück zu wollen er vorgab, und zerstörte vielerorts die jahrtausendealte chinesische Kultur.
Ein Netz aus vielen hundert Strafgefangenenlagern überzog das Land, in denen die Inhaftierten in Orwellscher Manier umerzogen werden sollten. Auf über 70 Millionen schätzen Chang und Halliday die Zahl derjenigen, die der Tyrann erschießen, erschlagen oder verhungern ließ. Mao übertrifft damit Hitler und Stalin - die anderen großen Schlächter des 20. Jahrhunderts - bei weitem.
Bis heute sind viele Chinesen von Maos Herrschaft traumatisiert. Obwohl beinahe jede Familie Opfer zu beklagen hat, wird über das Leid der Vergangenheit selbst in den eigenen vier Wänden wenig gesprochen. "Meide Politik, kümmere dich nur um dein Fortkommen, hinterlasse nichts Schriftliches, was einmal gegen dich Verwendung finden könnte" - junge Chinesen berichten, dass so die Empfehlungen ihrer Eltern lauten. Es sind Rat gewordene Erfahrungen einer Generation, die unter Mao die Staatsmacht fürchten lernte.
Die Familie der Biografin Chang hat selbst unter dem Terror-Regime gelitten (siehe Seite 143); mit entsprechendem Furor ist das Buch verfasst. Nicht alle Thesen werden wohl Bestand haben. Gelegentlich tun die Autoren den Quellen sogar Gewalt an, indem sie Zitate sinnentstellend aus dem Zusammenhang reißen. Doch es gibt keinen Grund, an dem Gesamtbild zu zweifeln.
Mao war eine Katastrophe für China und die Welt, und vermutlich ist die Welt sogar noch gut davongekommen: Hätte sich die Kreml-Führung um Chruschtschow nach Maos Rat gerichtet, wäre womöglich die halbe Menschheit ausgelöscht worden. Denn Mao riet, den Westen herauszufordern, auch wenn ein solcher Schritt zum Atomkrieg zwischen Ost und West führen sollte. Im schlimmsten Fall würden zwar große Teile der Erde verwüstet, aber dafür würde "der Imperialismus ausgelöscht und die ganze Welt sozialistisch".
Das sozialistische Paradies, jetzt und sofort, das war immer Maos Traum gewesen.
Und je weiter sich die Welt von diesem Traum entfernte, desto grausamer und bitterer wurde der Diktator.
Die Suche nach den ersten Spuren des "Großen Vorsitzenden" führt in die Provinz Hunan im Süden Chinas - in eine Landschaft, so schön wie ein Bilderbuch. Maos Heimatdorf Shaoshan mit den wenigen Lehmhäusern erstreckt sich zwischen Reisfeldern in einem kleinen Tal, eingeschlossen von bewaldeten Hügeln. Der Vater bringt es als Reisbauer und Schweinehändler zu Wohlstand. Am 26. Dezember 1893 wird Mao geboren.
Der Vorname Zedong bedeutet "Im Osten schimmern" und spiegelt die Hoffnung der Eltern wider, ihr Sohn werde einst als kaiserlicher Beamter in Peking Karriere machen. Aber der hochbegabte - und aufsässige - Junge fliegt von mehreren Schulen; Mao senior lässt ihn schließlich auf dem Hof mitarbeiten.
Ein Buch des Schriftstellers Zheng Guanying über Chinas Rückständigkeit weckt dann doch noch das Interesse des lesewütigen Jugendlichen an einer umfassenden Ausbildung. Den inzwischen 17-Jährigen zieht es in das 60 Kilometer entfernte Changsha, die weltoffene Hauptstadt der Provinz. Zahlreiche amerikanische und europäische Unternehmen haben hier Niederlassungen.
Maos Altersgenossen in Changsha träumen von einer nationalen Erhebung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist China der Schauplatz blutiger Aufstände. Millionen Chinesen fallen Hungersnöten zum Opfer, immer wieder rebellieren die Bauern. Derweil nutzen die europäischen Kolonialmächte die Schwäche des "kranken Mannes am Gelben Meer" und erzwingen sich große Einflusssphären.
1912 wird China schließlich Republik; der letzte Kaiser, ein sechsjähriger Junge, tritt zurück.
In Changsha berauscht sich Mao an der revolutionären Stimmung und meldet sich zur republikanischen Armee. Aber das neue China versinkt schon bald wieder im Chaos. Regionale Militärbefehlshaber, sogenannte Warlords, errichten in den Provinzen ihre Reiche. China hört de facto auf, als Staat zu existieren. Entnervt vom Drill quittiert Mao den Dienst bei der Armee und wendet sich wieder der Lektüre von Büchern zu.
Der großgewachsene, gutaussehende junge Mann lässt sich zum Lehrer ausbilden. Noch heute weist ein Schild im damaligen Lehrsaal der Hochschule in Changsha Maos Pult aus. Im Juni 1918 erhält er seinen Abschluss. Er verdient fortan sein Brot mit Zeitungsartikeln, unterrichtet Geschichte an einer Schule, betreibt einen Buchhandel.
Dann lernt er bei einem Aufenthalt in Peking einige marxistisch beeinflusste Studentenzirkel kennen und ist tief beeindruckt.
Die Intellektuellen suchen nach einem Weg, um Chinas Rückständigkeit zu überwinden, und schauen nach Russland, wo
nach der Oktoberrevolution gerade das Land umgekrempelt wird. Schon bald rühmt Mao die Sowjetunion als die "Nummer eins unter den zivilisierten Nationen". Als 1921 Chinas KP ihren Gründungskongress in Shanghai abhält - angeleitet und finanziert durch zwei Abgesandte Moskaus -, ist Mao dabei. Er wird Berufsrevolutionär.
Das bürgerkriegsähnliche Chaos der zwanziger Jahre ist wohl die prägende Erfahrung des jungen Mao. Die Kämpfe zwischen Warlords, Kommunisten, rebellierenden Bauern und Soldaten der zunehmend mächtigen Nationalen Volkspartei (Kuomintang) um den konservativen General Chiang Kai-shek werden mit archaischer Brutalität geführt. Als Mao aufständische Bauern in seiner Heimatprovinz Hunan aufsucht, wird er Zeuge, wie Gegner der Rebellen gefoltert und massakriert werden - und begeistert sich für den revolutionären Terror: "Es ist notwendig, eine Schreckensherrschaft in jedem Bezirk zu errichten."
Im April 1927 gibt Chiang Kai-shek seinen Männern Order, die Kommunisten zu verfolgen. Mao rettet sich mit einigen Getreuen in ein schwer zugängliches Hochtal in der Jiangxi-Provinz in Zentralchina. Es ist eine wilde Ansammlung aus Parteikadern, desertierten Soldaten, Lumpenproletariern und Banditen, die sich zum Leben nimmt, was sie bekommen kann. "Bevor die Rote Armee kam, war alles hier friedlich und glücklich", notiert ein enttäuschter Genosse, nun sei die Gegend "völlig bankrott".
Mao zeigt erstmals jene letzte, von aller Rücksichtnahme freie Entschlossenheit, die ihn später an die Spitze Chinas bringen wird und die auf viele seiner Getreuen eine geradezu magische Anziehungskraft ausübt. Im Auftrag Moskaus greift er 1930 feindliche Einheiten in Changsha an - obwohl dort seine Ehefrau und die drei gemeinsamen Kinder leben. Das Unterfangen ist aussichtslos und scheitert kläglich. Maos Frau bezahlt die Militäraktion mit ihrem Leben; Soldaten erschießen sie.
Es ist eine von vielen Tragödien in Maos Familie. Er heiratet insgesamt viermal und wird Vater von zehn Kindern. Fast alle erleiden ein schreckliches Schicksal. Sein ältester
Sohn fällt im Korea-Krieg 1950, ein anderer Sohn wird geisteskrank. Fünf weitere Kinder müssen Mao und seine dritte Frau in den bürgerkriegsartigen Wirren der dreißiger Jahre bei Bauern oder Verwandten zurücklassen; sie sind verschollen. Glaubt man, was Maos Entourage den Biografen Chang und Halliday erzählt hat, muss er darauf mit kaum zu fassender Kälte reagiert haben.
Selbst Maos schärfste Kritiker räumen ein, dass er über einen außergewöhnlichen Machtinstinkt verfügt. Die Absichten seiner Gegner schätzt Mao fast immer richtig ein und die eigenen Möglichkeiten auch. Es gelingt ihm, im Bergland von Jiangxi einen Stützpunkt zu errichten, der bald die Größe Brandenburgs erreicht und in dem etwa sechs Millionen Menschen leben.
Nur wenige können sich für seinen Brutalokommunismus begeistern: Die Männer werden eingezogen oder müssen in Wolfram-Minen schuften. Gemäß der Parole "Revolutionäre Massen, leiht der Roten Armee Getreide" presst Mao die Bauern aus. Dieser habe, räumt sein langjähriger Begleiter Zhou Enlai ein, "Furcht und Schrecken verbreitet".
Wie Chang und Halliday nun dokumentieren, beschreiben Zeitgenossen schon damals Mao als "extrem hinterhältig und verschlagen, selbstsüchtig und voller Größenwahn". Viele Genossen, die aus der Gegend stammen, lehnen den radikalen Kurs ab. Mao lässt sie liquidieren.
1934 ist die Rebellenrepublik nicht mehr zu halten. Mit zehnfacher Übermacht hat General Chiang Kai-shek das Gebiet eingekreist; auch die anderen Basen der Kommunisten in Süd- und Mittelchina geraten unter Druck durch die Kuomintang-Truppen. Die KP-Führung beschließt die Flucht.
Nicht alle Genossen können mitkommen, und mancher von ihnen möchte auch Mao am liebsten zurücklassen. Doch Mao ist dabei, als am 16. Oktober 86 000 Männer sowie 35 Frauen von Jiangxi aus aufbrechen.
Nun beginnt der "Lange Marsch". Er zählt zur Gründungslegende der chinesischen Revolution, vergleichbar dem Sturm auf die Bastille zum Auftakt der Französischen Revolution. Aber was die maoistische Geschichtsschreibung zu einem heroischen, von Sieg gekrönten Unternehmen verklärt, ist, wie Chang und Halliday zeigen, in Wirklichkeit ein häufig ungeordneter, panischer Rückzug.
Bombardiert von den Kampfflugzeugen der Armee Chiangs, ausgehungert und von Krankheiten geplagt, legen die ausgemergelten Kämpfer 10 000 Kilometer zurück - eine Strecke wie von Berlin nach Johannesburg. Nur jeder Zehnte überlebt den Gewaltmarsch, der durch die gefährlichen Sümpfe von Gansu und über Bergmassive führt, die von ewigem Eis bedeckt sind.
Dass die Kommunisten sich überhaupt retten können, erklären die Mao-Biografen mit einer neuen These. Sie glauben, dass Chiang die Rumpftruppe Maos entkommen lässt, weil Stalin den Sohn des Generals in der Sowjetunion festhält - eine gewagte Behauptung. Wenn Chiang wirklich erpressbar ist, wieso bringt er dann fast alle Kommunisten um und lässt nur einen kümmerlichen Rest ziehen?
Im Oktober 1935 erreichen Mao und die anderen Überlebenden die dünn besiedelte Lößhochebene in Nordchina. Dort sind sie in Sicherheit, denn Chiang stellt die Verfolgung ein.
Während des Langen Marsches ist es zwischen den Parteiführern zu erbitterten Ränkespielen gekommen, aus denen der inzwischen 41-jährige Mao als einer der Sieger hervorgeht. Später schreibt er: "Der stinkende Buddha, der ich war, nahm langsam wieder Wohlgeruch an."
Mao richtet sein Hauptquartier in dem Provinznest Yan'an ein. Heute ist die immer noch ärmliche Stadt am Yanhe-Fluss ein Pilgerort für Mao-Anhänger; ungefähr zehn Jahre hält sich der Revolutionär hier auf.
Die Zeit von Yan'an wird später zur kommunistischen Musterära verklärt. Denn Mao, der sich in der Welt der chinesischen Bauern wie kein Zweiter auskennt, setzt nun seine Vorstellungen auf weniger drakonische Weise um und versucht, die Landbevölkerung mit vorsichtigen Reformen für sich zu gewinnen, was auch gelingt. Dass sich die Kommunisten um die Dorfbewohner verdient machen, verschafft ihnen Ansehen.
Chang und Halliday können allerdings belegen, dass Maos Kommunismus light nur überlebt, weil Moskau mit erheblichen Mitteln hilft und - noch wichtiger - Mao in großem Umfang Mohn anbauen lässt. Bis zu 40 Prozent der Einkünfte stammen aus dem Drogenhandel. Ohne das Geld aus dem Rauschgiftgeschäft "hätten wir unsere Krise nicht überstanden", räumt Mao später ein.
Den Aufstieg zum unumschränkten Herrscher der Partei verdankt der als Redner nur mäßig begabte Mao einer Mischung aus Intelligenz, Härte, Machtinstinkt und Glück. Es gelingt ihm, Verbündete in Moskau zu platzieren, die dafür sorgen, dass er bei Stalin nicht in Ungnade fällt. Der wohl wichtigste Konkurrent - der Dogmatiker Wang Ming - wird durch einen mit Mao befreundeten Arzt vergiftet. Er überlebt mit knapper Not und flüchtet später ins Moskauer Exil.
Während Mao in Yan'an seine Macht ausbaut, tobt in China der Zweite Weltkrieg.
Zwar bombardiert die japanische Luftwaffe das abseits gelegene Hauptquartier der KP, aber näher als bis auf 100 Kilometer rücken die Truppen des Tennos nicht heran.
Die meisten Opfer haben die Streitkräfte der Kuomintang zu beklagen, doch auch kommunistische Einheiten und Partisanen wehren sich in vielen Teilen des Landes erbittert gegen die japanischen Besatzer, die so hausen wie deutsche Einheiten in Osteuropa. Grund genug für Parteichef Mao, sich als Sieger über Tokio feiern zu lassen - auch wenn am Ende die Amerikaner und nicht die Chinesen die Japaner zur Aufgabe zwingen.
Japanischen Besuchern gegenüber, die sich später für die Invasion entschuldigen, entgegnet Mao, er sei den Japanern dankbar. Hätten sie nicht große Teile Chinas besetzt, "wären wir heute noch in den Bergen".
Tatsächlich ist zu Anfang des Chinesisch-Japanischen Krieges 1937 die Rote Armee den Truppen Chiang Kai-sheks hoffnungslos unterlegen. Doch als Japan am 2. September 1945 kapituliert, kann Mao auf mehr als eine Million kampferfahrener Soldaten zurückgreifen. Schon bald beginnt der Bürgerkrieg erneut.
Mao verspricht den Bauern Land und verlangt im Gegenzug Unterstützung für seine Kämpfer - die er auch bekommt. Ob die Bauern die Hilfe freiwillig leisten, weil sie sich etwas davon versprechen, ist allerdings umstritten. Chang und Halliday verweisen auf den Terror und die daraus resultierende Angst der Landbewohner.
Überall ziehen Kadertrupps in die Dörfer und wiegeln die Menschen gegen angebliche Großgrundbesitzer auf. Gemessen an europäischen Standards sind so gut wie alle Bauern Chinas arm. Und so trifft es jene, die nur etwas mehr als das Minimum besitzen, oder die Außenseiter im Dorf. Sie müssen vor der Dorfversammlung antreten. Manche kommen mit einer Tracht Prügel davon, andere werden in Salzwasser ertränkt, mit heißem Öl übergossen oder gesteinigt. Nach Schätzungen sterben bei der Landreform, die erst 1952 endet, bis zu fünf Millionen Menschen.
Die rotchinesischen Truppen haben ungleich größeren Rückhalt bei den Dörflern als die oft korrupten Kuomintang-Einheiten. Mehrfach geschlagen, die Heere durch massenhafte Desertion geschwächt, muss sich Chiang schließlich auf die Insel Taiwan zurückziehen. Sein Gegenspieler Mao hingegen zieht am 25. März 1949, in einem erbeuteten US-Jeep stehend, in Peking ein. Ein halbes Jahr später ruft er vom Tor des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China aus. Ein Fünftel der Menschheit lebt nun unter seiner Herrschaft.
Mao nimmt mit Ehefrau Nummer vier - der einstigen Schauspielerin Jiang Qing - Quartier in Zhongnanhai, dem Regierungsviertel neben der Verbotenen Stadt.
Seit sein Leibarzt vor einigen Jahren das Schweigen brach, ist bekannt, dass sein Patient eine Mischung aus Luxus und bäuerlichem Lebensstil schätzte. Mao wechselte ungern seine Garderobe und trug monatelang dieselben abgewetzten Leinenschuhe. Den größten Teil des Tages verbrachte er im Bett oder im Schwimmbad.
Zu Maos Ansehen trägt auch heute noch der Ruf bei, er sei ein bescheidener Mann gewesen. In Museen wird zum Beleg sogar seine Unterwäsche ausgestellt. Doch ganz so karg ist sein Dasein nicht. Er lässt sich mehrere Dutzend aufwendige Residenzen bauen. Vor allem aber muss seine Entourage seine schier unerschöpfliche Lust auf Frauen befriedigen.
Berüchtigt sind die Tanzabende im Lotus-Saal. Eine sogenannte Kulturtruppe aus jungen Mädchen vom Lande ist ihm dann zu Diensten. Bei Foxtrott, Walzer oder Tango führt er seine Partnerinnen über das Parkett. Ihre Aufgabe ist es, sich dem "Großen Vorsitzenden" in jeder Hinsicht gewogen zu zeigen - eine unangenehme Pflicht: Mao hält wenig von Körperpflege und gar nichts vom Zähneputzen. Als Anhänger taoistischer Sexualpraktiken glaubt er zudem, Sex mit mehreren jungen Frauen gleichzeitig verlängere sein Leben.
Das Land, über das Mao seit 1949 herrscht, ist vom Bürgerkrieg zerstört. Millionen Vertriebene und Flüchtlinge ziehen durch das Reich der Mitte, die wenigen Straßen sind kaum passierbar, gesunkene Schiffe blockieren die Flüsse.
Die Verteidiger Maos verweisen gern auf Chinas Fortschritte während der Diktatur:
die Alphabetisierung der Bauern, die bessere medizinische Versorgung in den Dörfern, die Befreiung der Frauen aus völliger Rechtlosigkeit. Maos Kritiker wenden dagegen ein, solche Modernisierungsprozesse hätten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen und seien von Krieg und Revolution nur unterbrochen worden.
Dem Diktator steigt die Machtfülle zu Kopf. Wie der literarisch begabte Mao inzwischen seinen Platz in der chinesischen Geschichte sieht, geht aus einem seiner Gedichte hervor. Er vergleicht sich mit den großen Herrschern der Vergangenheit: "Groß ist die Schönheit dieser Berge und Flüsse, sie verführte die Kaiser der Dynastien Qin und Han, Tang und Song, sich im Kampf um sie zu messen. Doch alle waren sie klein an Wuchs, und Dschingis Khan verstand nur den Falken zu schießen zum Spaß. Denn die überragende Gestalt beobachtet heute die Szene."
Mao Zedong auf dem Gipfel seiner Macht und Selbstgefälligkeit.
Bald schon sieht er sich als Vorbild und rühmt den "Mao-Zedong-Weg" als Modell für die "kolonialen und halbkolonialen Länder" der Erde, die er fortan zu seinem Einflussbereich zählt.
Als 1950 der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung anfragt, ob Mao einen Angriff auf Südkorea unterstützen würde, bietet der sofort eigene Truppen an. Über zwei Millionen Soldaten schickt er schließlich in den Korea-Krieg (1950 bis 1953) und rettet den Aggressor Kim vor einer vernichtenden Niederlage durch die US-Armee, die den Südkoreanern beispringt.
Dass Mao den Vormarsch der GIs stoppen und diese sogar 200 Kilometer zurückwerfen kann, zählt zu seinen großen Prestigeerfolgen. Den Preis zahlen seine Soldaten, die er mit der "Taktik der Menschenwelle" verheizt: Die Infanterie muss so lange gegen die Befestigung des Gegners anstürmen, bis dem die Munition ausgeht. Die eigenen Verluste zählen dagegen nicht.
Der Historiker Jürgen Osterhammel von der Universität Konstanz hat darauf verwiesen, dass nahezu sämtliche Machthaber Chinas im 20. Jahrhundert "in kolossalem Umfang" gemordet hätten. Maos Menschenschinderei ist dabei unübertroffen.
Bis zu zehn Millionen Chinesen lässt er einsperren, ein Großteil davon sind politische Häftlinge. Wie einst Stalin in der Sowjetunion gibt Mao willkürlich Gefangenenquoten für bestimmte gesellschaftliche Gruppen vor. So ordnet er etwa 1957 an, zehn Prozent der Intellektuellen festzunehmen.
Seine Helfer suchen so lange nach verdächtigen Episoden im Leben von Mitgliedern der pauschal beschuldigten Gruppen, bis die Vorgabe erfüllt ist. Als untilgbarer Makel gilt vor allem die Verwandtschaft zu "Klassenfeinden"; Maos Schergen verhängen dann eine Art Sippenhaft. Und wer erst einmal in die Fänge der Sicherheitsorgane gerät, lebt fortan prekär: Bei jeder neuen Kampagne ist er der natürliche Kandidat für weitere Drangsal.
Anders als im Nationalsozialismus ist es nicht das Ziel, die Menschen in den Lagern umzubringen - auch wenn viele aufgrund der Haftbedingungen sterben. Mao will die Opfer psychisch brechen und wirtschaftlich ausbeuten.
Für jeden Gefangenen werden "Reformpläne" festgelegt. Die Ermittler setzen etwa auf das "Prinzip Zahnpasta"; der Verdächtige soll durch wiederholtes "Ausquetschen" zum Reden gebracht werden. Andere Häftlinge quält man mit Essensentzug, bis sie absurde Schuldgeständnisse ablegen.
Das wohl größte Verbrechen Maos ist der sogenannte Große Sprung nach vorn, Ende der fünfziger Jahre; er kostet mindestens 30 Millionen, vielleicht sogar 40 Millionen Menschen das Leben.
Den Namen erhält die Kampagne in Anlehnung an die Lehren des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, denen zufolge sich die Entwicklung der Gesellschaft in qualitativen Sprüngen vollzieht. Da in China erstmals seit langer Zeit Frieden herrscht, verzeichnet die Wirtschaft hohe Wachstumsraten. Mao glaubt, sein Land sei reif genug, um die nach marxistischer Lehre unabdingbare sozialistische Epoche zu überspringen und gleich in den Kommunismus überzugehen. 1957 kündigt er an, China werde bei der Stahlproduktion "in 15 Jahren Großbritannien einholen oder überholen".
Schon bald melden die Propagandisten aus allen Ecken des Reiches Absurdes: Es sei gelungen, wird da nach Peking durchgegeben, rote Baumwolle zu züchten, indem man Tomaten und Baumwolle gekreuzt habe. Sie behaupten, Pflanzen der gleichen "Klasse" würden - auch wenn sie eng nebeneinander gesetzt werden - einander nicht Licht und Wasser wegnehmen. Mao und andere hochrangige KP-Führer scheinen solchen Unsinn zu glauben.
Mao will selbst die Welt neu einrichten. Er befiehlt beispielsweise eine Kampagne gegen Spatzen, weil die angeblich zu viel Getreide fressen. Hunderttausende Chinesen müssen stundenlang auf Trommeln und
Töpfe schlagen, um die Vögel so zu ängstigen, dass sie nicht landen und schließlich vor Erschöpfung tot vom Himmel fallen. Später muss Mao Spatzen aus der Sowjetunion importieren, weil, ohne Bedrohung durch die Spatzen, die Zahl der Insekten enorme Ausmaße annimmt.
Die Biografen Chang und Halliday behaupten, dass die entscheidende Triebkraft Maos die Lust an der Macht gewesen sei und nicht etwa die kommunistische Ideologie. Der "Große Sprung nach vorn" ist allerdings ohne die Marxsche Vision der klassenlosen Gesellschaft kaum erklärbar.
Die Bauern dürfen nicht mehr zu Hause essen und kochen, sondern werden zweimal am Tag in Volksküchen - in der Regel der größte Raum im Ort - verköstigt. Woks und Pfannen sind abzuliefern; Maos Kader lassen die Kochgeräte in primitiven Öfen einschmelzen, um Stahl zu gewinnen - schließlich soll China ja Großbritannien überholen.
Aus den Dörfern werden Volkskommunen. Frauen und Männer müssen in getrennten Unterkünften schlafen. Kinder werden in Anstalten untergebracht, wo sie ständig dem Einfluss der Propaganda ausgesetzt sind. Eltern seien zwar die liebsten Menschen in der Welt, lässt Mao verkünden, aber "niemand kann mit dem Vorsitzenden Mao und der Kommunistischen Partei verglichen werden".
Obwohl sowjetische wie heimische Funktionäre warnen, kollektiviert Mao die Landwirtschaft. Wie einst Stalin presst er aus den Dörfern das Kapital, mit dem die Industrialisierung finanziert werden soll: Die Bauern müssen zu niedrigen Festpreisen ihr Getreide abgeben.
Der Diktator verschärft sogar noch die Bedingungen: Er lässt die Getreideexporte verdoppeln - das Korn geht etwa in die Sowjetunion, nach Nordkorea oder Albanien - und verkünden, dass das rote Paradies unmittelbar bevorstehe. Die Menschen werden angehalten, so viel zu essen, wie sie können - was die Bauern auch tun, weil sie darauf vertrauen, von der Zentrale versorgt zu werden. Schon bald sind die Speicher auf dem Lande leer; als der Winter 1958 einsetzt, beginnt das große Hungern. Und Mao ist nicht bereit, jene Vorräte herauszugeben, die für die Stadtbevölkerung und die Parteikader angelegt sind.
Alle Warnungen werden auch weiterhin überhört. Wie Veteranen aus Maos Heimatdorf Shaoshan dem SPIEGEL berichten, haben sie dem berühmtesten Sohn ihres Ortes schon bei einem Besuch im Sommer 1959 erzählt, dass in einem Nachbardorf bereits die Hälfte der Einwohner gestorben sei. Sie fordern ihn auf, den "Großen Sprung" abzubrechen. Vergebens.
Erstaunlicherweise glauben bis heute viele Chinesen, nicht Mao, sondern untergeordnete Funktionäre hätten die Katastrophe zu verantworten.
Erschütternde Augenzeugenberichte liegen vor. Da wird von einem Ehepaar erzählt, das - wahnsinnig vor Hunger - seinen achtjährigen Sohn erwürgt und isst. In Henan werden in einem Bezirk mit 900 000 Einwohnern etwa 200 Fälle von Kannibalismus nachgewiesen; auch aus anderen Regionen gibt es Belege. Der China-Experte Jasper Becker hat das alles zusammengetragen, und die Mao-Biografen Chang und Halliday zitieren daraus.
Sie weisen nach, dass mit einer halbwegs rationalen Politik die Katastrophe zu stoppen gewesen wäre. Ohne die Getreideexporte in die Sowjetunion etwa hätte sich das Elend leicht lindern lassen.
Mao erklärt stattdessen, Feinde der Revolution würden das Getreide verstecken. Er ordnet eine gigantische Terrorwelle an. Wer im Verdacht steht, Korn zu horten oder einfach nur zu spät zur Arbeit erscheint, wird lebendig begraben, gefoltert, erschlagen. Manche Opfer werden in Ochsenhaut eingewickelt, die man mit frischem Blut bestreicht und die sich beim Trocknen zusammenzieht. Beim Auswickeln
Stunden oder Tage später wird die menschliche Haut mit abgerissen.
Der Westen bekommt vom Ausmaß des Sterbens trotz gelegentlicher Flüchtlingsberichte nichts mit. Nur wenige Ausländer leben im Riesenreich, zumeist in der Hauptstadt, die sie kaum verlassen dürfen.
Erst als Peking 1982 wieder einen Zensus veröffentlicht und amerikanischen Demografen auffällt, dass in China Millionen Menschen fehlen, erfährt die Weltöffentlichkeit von den Verbrechen. Später hat auch die KP eigene Untersuchungen angestellt; demnach ist nicht mehr auszuschließen, dass dem "Großen Sprung" wirklich bis zu 40 Millionen Chinesen zum Opfer fielen.
Drei Jahre dauert der Irrsinn. Erst 1961 haben sich in der Partei so viele kritische Stimmen erhoben, dass die KP-Führung den Kurs korrigiert.
Für die Chinesen bedeutet das Ende des "Großen Sprungs" eine unendliche Erleichterung, für Mao hingegen ist es eine große politische Niederlage. Deng Xiaoping und andere führende Genossen wie Staatspräsident Liu Shaoqi wenden sich von ihm ab und können sich erstaunlicherweise auch durchsetzen. Sie mildern die Diktatur und liberalisieren die Landwirtschaft. Einige Mao-Opfer werden rehabilitiert, der Mao-Kult wird reduziert, der Terror zurückgefahren.
Fast erscheint es wie eine Flucht, dass sich der alternde Parteichef - er feiert 1963 den 70. Geburtstag - in den folgenden Jahren verstärkt der Außenpolitik zuwendet.
Mao ist nur zweimal im Ausland gewesen, beide Male in der Sowjetunion. Er spricht keine Fremdsprachen, und es fällt ihm schwer, sich in die Lage anderer Länder zu versetzen, wie Chang und Halliday an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Während des Sechstagekriegs zwischen Israel und arabischen Staaten 1967 schlägt er etwa dem ägyptischen Staatschef Gamal Abd al-Nasser einen Schlachtplan vor. Dieser soll den Feind auf der Sinai-Halbinsel "in die Tiefe locken". Nasser lehnt dankend ab: "Wir können keinen Befreiungskrieg für die Menschen im Sinai führen, weil es dort keine Menschen gibt."
Den wohl größten Einfluss übt Mao auf Kambodscha aus, wo er die Roten Khmer unter der Führung Pol Pots unterstützt. Zu Recht bezeichnen Chang und Halliday diesen als "Maos Geschöpf". Bei Pol Pots Versuch, den Kommunismus nach chinesischem Vorbild direkt einzuführen, sterben rund 1,7 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung.
Wie Mao denkt, geht aus dem Protokoll eines Gesprächs mit der rumänischen Führung 1964 hervor; das Papier wird demnächst vom "Cold War International History Project" des Woodrow Wilson International Center veröffentlicht und liegt dem SPIEGEL vor. Darin kritisiert Mao an Stalin-Nachfolger Chruschtschow, während der Kuba-Krise 1962, aber auch im Streit zwischen Ost und West um Berlin viel zu nachgiebig gewesen und einem Nuklearkrieg ausgewichen zu sein.
Besonders grotesk: Mao prophezeit einen Bruderkrieg im Westen; innerhalb des nächsten Jahrzehnts würden Bundeskanzler Ludwig Erhard und die Japaner "gegen die USA kämpfen".
Der Pekinger Kommunistenchef hat zum Zeitpunkt dieses Gesprächs bereits mit Moskau gebrochen, weil er nicht bereit ist, sich dem sowjetischen Führungsanspruch unterzuordnen.
Das Schisma des Weltkommunismus - westlichen Gesprächspartnern Maos wie Bundeskanzler Helmut Schmidt zufolge war es für den alten Mann in Zhongnanhai ein "schweres Trauma". Mao zeigte sich geradezu besessen von der Furcht davor, dass die Sowjets ihn angreifen könnten. In der Tat spielte der Kreml mit diesem Gedanken; wie real die Kriegsgefahr war, bleibt allerdings unklar.
In den Metropolen Peking, Shanghai und in anderen Städten müssen Millionen Zivilisten riesige Bunker- und Tunnelanlagen bauen. In der Hauptstadt können heute Touristen nahe des Tiananmen-Platzes in die dunklen, nassen Gänge hinabsteigen. Gegen den von Mao befürchteten Atomangriff hätten die Gemäuer freilich kaum Schutz geboten.
Hitler, Mao, Pol Pot - viele totalitäre Diktatoren des 20. Jahrhunderts haben sich als unfähig erwiesen, ihren Herrschaftsbereich wirklich zu konsolidieren. Mao, der große Zerstörer, will überhaupt nicht, dass das von ihm gegründete sozialistische China zur Ruhe kommt. Man müsse immer wieder, so behauptet er, "Feuer entfachen", um die Revolution am Leben zu erhalten.
1966 bäumt er sich ein letztes Mal gegen die Wirklichkeit auf und unterwirft das Land der "Großen Proletarischen Kulturrevolution", die China in Anarchie und Chaos stürzt und noch einmal Millionen Menschen das Leben kostet.
Es beginnt damit, dass sich Mao die Unterstützung des mächtigen Verteidigungsministers Lin Biao sichert. Dieser gibt Order, zwei zusätzliche Divisionen nach Peking zu bringen, und lässt Offiziere
austauschen, an deren Loyalität er zweifelt.
Den Startschuss zu der neuen Kampagne gibt indes Maos Ehefrau Jiang Qing, zu diesem Zeitpunkt für die Zensur im Kulturministerium zuständig. Am 14. April 1966 fordert die von vielen als ungemein bösartig beschriebene Frau in einem Artikel ("Tötung der Kultur"), eine "gegen die Partei und gegen den Sozialismus gerichtete schwarze Linie" auszumerzen.
Zunächst zielt der Terror gegen das Kulturestablishment von Peking. Mao lässt überall verkünden, dass Lehrer und Bildungspolitiker "bürgerliche Ideen" verbreiten würden. Am 18. Juni 1966 werden Professoren und Parteikader der Universität Peking vor eine johlende Menge gezerrt. Sie müssen sich hinknien, ihre Gesichter werden geschwärzt, einigen spitze "Schandhüte" aufgesetzt.
Sieben Wochen später wird erstmals jemand öffentlich zu Tode gefoltert. In einer Mädchenschule in der Hauptstadt treten Schülerinnen die 50-jährige Rektorin, Mutter von vier Kindern, übergießen sie mit kochendem Wasser und schlagen sie mit Gürteln, deren Messingschnallen ihr schwere Verletzungen zufügen. Wenig später stirbt sie.
Schon bald werden auch Parteifunktionäre der Reformfraktion - das eigentliche Ziel von Maos "Staatsstreich" (China-Experte Oskar Weggel) - unter dem Vorwand angeklagt, "taiwanische Spione" oder "Chruschtschow-Typen" zu sein.
Mao weiß, dass er sich auf die Kader der Partei nicht bedingungslos verlassen kann, und macht sich sein hohes Ansehen zunutze, das er trotz der Millionen Hungertoten aufgrund der Propaganda erstaunlicherweise immer noch genießt.
Er lässt Millionen Jugendliche aus dem ganzen Land nach Peking kommen; die Fahrt mit der Eisenbahn in die Hauptstadt ist kostenlos. Einige treibt Abenteuerlust, andere sind so indoktriniert, dass sie Mao ohne Vorbehalte folgen. Sie schließen sich zu "Roten Garden" zusammen. Am 18. August nimmt Mao, erstmals seit 1949 wieder in Uniform, auf dem Tor des Himmlischen Friedens ihre Parade ab.
Die Polizei bekommt überall in China Order, die Jugendlichen beim Kampf gegen die sogenannten "Vier Alten" - die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten, die alten Gewohnheiten - gewähren zu lassen. Die Garden stürmen allein in der Hauptstadt in wenigen Wochen über 30 000 Wohnungen, plündern und zerstören die Einrichtungen.
Häufig bringen sie die Bewohner einfach um. Die Listen mit den Namen der Delinquenten, nach denen die Roten Garden die Stadt durchstreifen, werden nach
Changs und Hallidays Recherchen von Maos Stab erstellt.
Aus Angst vernichten Millionen Chinesen alte Bücher, Fotos, Bilder, Kunstgegenstände - alles, was sie verdächtig machen könnte. Aber im Krieg gegen die eigene Geschichte gewinnen Maos willige Helfer: Allein in Peking zerstören die Roten Garden mehr als zwei Drittel der historischen Baudenkmäler.
Wohl selten ist die Realität der Orwellschen Vision eines totalitären Staates so nahe gekommen wie in China während der Kulturrevolution. An jeder Straßenecke werden Parolen von Mao aufgehängt, unablässig plärren seine Ermahnungen aus Lautsprechern an Kreuzungen und in Parks. In ihrer Freizeit müssen sich die Menschen versammeln, um immer wieder gemeinsam Werke von Mao zu lesen oder Selbstkritik zu üben.
Der Terror der Roten Garden zerstört jeden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kinder denunzieren ihre Eltern, Nachbarn schwärzen einander an, Freunde liefern sich gegenseitig aus. Schulen und Universitäten werden geschlossen; später ist von einer verlorenen Generation die Rede.
Obwohl führende Genossen und zunehmend auch Militärs fürchten, dass China in totaler Anarchie versinkt, lässt Mao im Sommer 1967 die Parteilinke - die besonders Militanten - bewaffnen. Es sind jedoch verschiedene Untergruppen, die dieses Etikett für sich beanspruchen. Einige stürmen die Waffendepots und bekämpfen sich gegenseitig. In manchen Provinzen übernimmt das Militär die Herrschaft und macht alle nieder, die sich widersetzen.
Im autonomen Gebiet Guangxi in Südchina setzt die Armee Panzer gegen eine Rebellenorganisation namens "Feldarmee des 22. April" ein. Die Hauptstadt Nanning wird sogar mit Napalm bombardiert. Experten schätzen die Gesamtzahl der Opfer während der Kulturrevolution allein in dieser Region auf etwa 300 000.
Erst 1969 schwillt die Gewalt wieder ab. Für Mao sieht die Bilanz nach drei Jahren Tod und Zerstörung scheinbar positiv aus; die Reformer sind entmachtet, er selbst steht wieder im Zentrum des politischen Geschehens. Doch die Kulturrevolution verschafft zugleich jenen in der Partei Zulauf, die das Land endlich stabilisieren wollen und die nun nur noch auf eines warten: auf Maos Tod.
Ende 1971 erkrankt der "Große Vorsitzende" an einer Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr richtig erholt. Das Aufstehen fällt ihm schwer. Eine Helferin muss seine kaum verständlichen Worte für Gesprächspartner übersetzen. Die Ärzte diagnostizieren ein unheilbares Nervenleiden. Als 1975 Bundeskanzler Schmidt China besucht, trifft er ein "Wrack" an: "Das Kinn hing herunter, der Mund stand offen: ein verfallenes Gesicht."
In seinen letzten Lebensmonaten hat Mao sich viel mit seinen Rivalen beschäftigt - mit denen, die er in den Tod geschickt hatte, und denen, die entkommen konnten, mit dem zweimal entmachteten Deng Xiaoping vor allem, der sein Nachfolger werden sollte. Den hatte er wider Willen aus der Haft entlassen müssen, hatte eine Kampagne gegen ihn abbrechen müssen und sogar eingestanden, "einen Fehler gemacht" zu haben.
Und er wusste, dass er es eben nicht geschafft hatte, China zu wirklicher Größe zu führen. Das Regime verfügte über Atomwaffen, besaß aber keine Trägersysteme, um sie auch nutzen zu können. Maos Reich leistete sich eine riesige Luftflotte, nur konnten nicht alle Flugzeuge auch fliegen. "Unsere Marine ist gerade einmal so", beschimpfte er ein Jahr vor seinem Tod den Kommandeur der Seestreitkräfte und streckte seinen kleinen Finger vor.
Henry Kissinger gegenüber, der den chinesischen Diktator durch seine Diplomatie auf der Weltbühne enorm aufgewertet hatte, räumte Mao ein: "Wir sind zurückgeblieben." Dann zählte er an den Fingern ab: "Wir kommen als Letzte: Amerika, die Sowjetunion, Europa, Japan, China."
Mao Zedong stirbt nach drei Herzinfarkten am 9. September 1976.
Dass die Geschichte ihn nicht milde beurteilen würde, hat Mao schon zu Lebzeiten geahnt. Seiner Tochter Li Min erklärte er einmal, dass er erwarte, nach seinem Tod angegriffen zu werden - "für alles, was ich getan habe".
In welchem Ausmaß der Tyrann Chinas Weg in die Moderne blockierte, zeigt sich an der Entwicklung nach seinem Tod: Das Reich der Mitte erlebt seitdem den größten Boom seiner Geschichte. KLAUS WIEGREFE
* Schlachtfeld bei Chunchon, inspiziert von südkoreanischen und US-Soldaten.
* Jung Chang, Jon Halliday: "Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes". Karl Blessing Verlag, München; 976 Seiten; 34 Euro.
* Siebdruck von Andy Warhol, 1973.
* Bei der Feier des 70. Geburtstags Stalins in Moskau; 2. v. l.: der stellvertretende Ministerpräsident Nikolai Bulganin; rechts: DDR-Chef Walter Ulbricht.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 40/2005
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