01.10.2005

GEHEIMBÜNDEPost von „Spartacus“

1776 gründeten Aufklärer den Geheimbund der Illuminaten. Nun klären Historiker das Schicksal des mysteriösen Ordens, in dem auch der Weltverbesserer Adolph von Knigge mitmischte.
Sie nannten sich Ajax, Tiberius, Mahomet oder Tasso. Ihre Wohnorte tarnten sie mit antik klingenden Namen wie Eleusis oder Numantia. Und Briefe datierten die Verschworenen gar nach altpersischem Vorbild, etwa auf "den 30. Chardad 1148. Jezdedgerd".
Spielerisch klang das, doch den Geheimnistuern war es ernst. Immerhin grenzte, was die selbsternannten "Illuminaten" anstrebten, in den Augen der Obrigkeit an Ketzerei und Hochverrat: Freiheit, Gleichheit und ein Ende der geistigen Bevormundung von oben - wer um 1776 für solche Visionen eintrat, tat das besser nicht unter eigenem Namen. Schon der Besitz verräterischer Dokumente hätte nervösen Kirchenoberen, Amtmännern oder Duodezfürsten Grund zum Einschreiten geliefert. Kein Wunder also, dass die misstrauischen Ordensbrüder den Historikern eine Aufgabe hinterlassen haben, die in der Zunft heute beinahe selbst wie ein Geheimkult wirkt.
"Von etlichen Mitgliedern kennen wir die Klarnamen noch immer nicht", sagt Reinhard Markner, 38. Dabei hat noch niemand so präzise wie Markner und seine Kollegen Monika Neugebauer-Wölk und Hermann Schüttler die Stimmungen und Richtungskämpfe innerhalb des legendären Geheimbunds durchleuchtet. Im ersten Band ihrer neuen Briefedition blättern die Historiker aus Halle jetzt eine faszinierende, aber auch sehr deutsche Geschichte auf: eine Tragikomödie, zusammengesetzt aus hohen Zielen, Machtphantasien und Realitätsverlust**.
Vieles davon war schon im Charakter des Gründers angelegt. Adam Weishaupt (1748 bis 1830), ein junger Kirchenrechtsprofessor an der jesuitisch geprägten Universität Ingolstadt, entwarf aus Wut über die klerikale Fremdbestimmung von Staat und Wissenschaft ein strikt weltliches, männerbündlerisches "System des Idealismus". Anfang
Mai 1776 versammelte er einige seiner Studenten, um nach dem Vorbild der Freimaurer eine Art dissidentischen Tugendverein ins Leben zu rufen.
"Es war im Grunde ein Stammtisch seiner besten Schüler", sagt Markner. Durch die Lektüre von Montaigne, Rousseau und anderen "erwärmenden Schriften", aber auch durch eigene Aufsätze über philosophische Themen und konsequente Selbstbeobachtung sollte ein "Novize" sein "rohes Wesen" zügeln, bis er "einnehmend", "unternehmend" und "biegsam" war.
"Wir sind Streiter gegen Finsterniß", schärfte Weishaupt seinen Eleven ein. Vor allem auf die "Recrutierung" junger Leute bis hin zu "Knaben" kam es ihm an; von Aristokraten wollte er sich möglichst fern halten. Programmatisch nannte er sich nach dem altrömischen Sklaven-Rebellen "Spartacus".
Doch schon bald, nach der ersten Beitrittswelle, stagnierte die Ausbreitung des Geheimvereins. Kaum hatte Weishaupt auch in München ("Athen") erste Anhänger gewonnen, da fing er an, die untergebenen "Minervalen" zu schurigeln. Wo blieben die zugesagten monatlichen Berichte und Protokolle? Weshalb gehe es nicht schneller mit dem Anwerben? Die jungen Mitglieder wiederum wollten vom Lenker wissen, was er eigentlich vorhabe.
Das aber wusste Bruder "Spartacus" selbst nicht so genau. Mal träumte der Jesuitenzögling Weishaupt von "einer Art gelehrter Academie", die wie eine politische Denkfabrik das gesamte Wissen der Epoche bündeln sollte, dann wieder lockte er mit verborgenen Mysterien oder wollte im Orden "jeden zum Spion des andern" machen, bis "einerley Sprache, Meynungen, Gedanken, und so weiter" die Truppe beseelten. Fest stand nur, dass die Illuminaten "den Feinden der Vernunft und Menschlichkeit nach und nach auf den Leib gehen" würden.
Aber wann? Als vier Jahre um waren, hatte Weishaupts Unschlüssigkeit den Radikalenclub in eine schwere Krise gestürzt. Glück für ihn, dass einer der Münchner Brüder gerade einen Wahrheitssucher und literarischen Tausendsassa aus dem fernen Frankfurt angeworben hatte: Adolph Freiherr
von Knigge (1752 bis 1796), der später als Autor des pädagogischen Klassikers "Über den Umgang mit Menschen" (1788) sprichwörtlich werden sollte.
Knigge, ein hochverschuldeter Kleinadliger, der unentwegt Pläne zur Verbesserung der Welt ausheckte, war schon verschiedenen Geheimzirkeln beigetreten. Aber weder die Freimaurer noch die konservativ-mystischen Rosenkreuzer hatten seinen Tatendrang befriedigt. Die Aufnahme in den unbekannten neuen Orden war für den ernüchterten Aufklärungs-Eiferer in Frankfurt am Main ein letzter Versuch - mit verblüffendem Ergebnis.
Seinen störenden Adel machte der Novize "Philo" durch radikal-revolutionäre Gesinnung wett. Knigges Hoffnungen deckten sich mit denen Weishaupts: Er suchte "eine Gesellschaft in deren Schooße der Aufschluß der wichtigsten, die Menschheit interessierenden Geheimnisse zu finden ist", vor allem aber eine, wo auch "würklich gehandelt" werde.
Bald konnte Weishaupt über die Emsigkeit des neuen Bruders nur noch staunen. "Philo" begann, Mitglieder an Orten zu werben, von denen der auf Bayern fixierte "Spartacus" nie geträumt hätte: In Mainz, Hannover, Göttingen und vielen weiteren Orten sammelte der Publizist Scharen von Kandidaten, vom Fähnrich bis zum Oberhofrat. Sogar Wien rückte in den Blick.
Wie unermüdlich "Philo" warb, zeigen vor allem seine Briefe an Weishaupt, die erst vor ein paar Jahren in Hamburg wiederentdeckt wurden. "Mit fester Zuversicht, daß ich hier den Bau eines Systems vollendet finden werde, mit welchem ich mich seit langer Zeit beschäftige", holte Knigge immer mehr Leute heran und schwärmte über "die Sache selbst, die großen Zwecke". Erst nach vielen Monaten wagte ihm "Spartacus" zu gestehen, "daß der Orden eigentlich noch gar nicht, sondern nur in seinem Kopfe existierte".
Selbst das verschreckte den Feuerkopf in Frankfurt nicht mehr. Knigge freute sich sogar, "daß noch alles daraus werden kann". Inzwischen hatte er einen kühnen Plan entwickelt: Anstatt mühsam eine eigene Organisation aufzubauen, sollten die Illuminaten nach und nach bestehende Freimaurerlogen unterwandern.
Damit bewies Knigge sein Gespür für den Zeitgeist. Trotz ihrer Symbol-Rituale um Winkelmaß und Zirkel hatten sich viele der seit etwa 1740 entstandenen Logen zu demokratischen Männerclubs entwickelt; die Aura subversiven Erlösungswissens war verflogen.
Wie ein Parteistratege, der rivalisierende Lager zusammenführen will, skizzierte Knigge illuminatische Einweihungsstufen, deren zeremoniales Gewand "feyerlich, mystisch und religiös" sein und dem jungen Geheimbund "einen Anstrich von Alterthum" samt der Ahnung "verlohrner Weisheit" geben sollte. Vom "politischen
Operations-Plan" dürfe keine Rede sein. Um der hehren Ziele willen verwandelte sich der Erz-Aufklärer in einen Mystagogen, der, falls nötig, auch konkurrierende Logen "als unächt verketzern" wollte.
"Philo ist wirklich der Mann, bey dem man in die Schule gehen kann", lobte "Spartacus" - versprach Knigge doch sogar den Dichter Lessing, einen Fachmann für Freimaurerei, anzuwerben. In München, Frankfurt und Wetzlar durchsetzten sich die ersten Logen mit Illuminaten. Anfang Dezember 1781 reiste Knigge nach Bayern, um in Ingolstadt das Gespräch mit dem machtbewussten Weishaupt zu suchen.
Doch ausgerechnet dieses Gipfeltreffen "im Herzen der Finsternis" (Markner) dämpfte den Elan. Knigges Planungen, die schon bis zur Aufteilung Deutschlands in Ordensprovinzen gediehen waren, fanden beim misstrauischen Chef keinen Segen.
Die Historiker in Halle nehmen an, dass Weishaupt vor allem seine radikal demokratischen, antiklerikalen Ideale bedroht sah. Ohne Bedenken nahm Knigge Hof- und Kirchenräte auf; selbst den fürstlichen Freimaurer Ferdinand von Braunschweig informierte er über den neuen Orden. So etwas konnte den Kleriker-Feind und Aristokratenhasser "Spartacus" nur entsetzen. Knigges lockere Reden vom "großen Hauptplan Allgemeine Herrschaft" fand der Ingolstädter Professor übereilt.
So driftete der expandierende Geheimbund in eine Art Stillstand: Ganze Scharen neuer, einflussreicher Mitglieder hielten sich wie ein elitäres Netzwerk bereit; 1783 traten im Fürstentum Weimar selbst Goethe (Deckname: "Abaris") und sein Herzog Carl August ("Aeschylos") den Illuminaten bei - aus begreiflicher politischer Neugier. Doch von konkreten Direktiven war keine Rede mehr.
Tausende von Briefen aus dieser Zeit lagern als Kopien in der Forschungsstelle in Halle. "Wir werden streng auswählen müssen", meint Markner. Dabei liefert gerade die Spätphase des Ordens ein Lehrstück für die sozialen Sprengkräfte kurz vor der Französischen Revolution: Schon 1784/85 wurden die Illuminaten denunziert und von Bayerns Obrigkeit verboten, polizeilich gejagt und als Anarchisten, Gottesleugner und Giftmischer verteufelt. Unter dem Druck der Amtsgewalten zerstob der Geheimbund wie ein Spuk. Nur noch dunkle Sagen lebten fort - bis heute: Erst vor fünf Jahren hat Bestseller-Autor Dan Brown in seinem Thriller "Illuminati" die Schauermär vom "mächtigsten satanischen Kult auf Erden" wieder aufgewärmt.
Von solchen Verschwörungsphantasien halten sich die Forscher in Halle fern. Aber sie hoffen, dass ihre auf vier Bände angelegte Schnitzeljagd etwas ergibt, wovon letztlich auch der charismatische Aufklärer "Spartacus" geträumt hat: "dass es Licht werde". JOHANNES SALTZWEDEL
* In Wien; Gemälde von Ignaz Unterberger, 1784.
** "Die Korrespondenz des Illuminatenordens". Band I: 1776 - 1781. Hg. von Reinhard Markner, Monika Neugebauer-Wölk und Hermann Schüttler. Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 528 Seiten; 126 Euro.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 40/2005
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