01.10.2005

TELENOVELASSeichtigkeit des Scheins

Mit ihren neuen Heile-Welt-Serien beweisen ARD und ZDF, dass sie noch weit dümmeres Fernsehen machen können, als die meisten Privatsender es je wagen würden. Von Thomas Tuma
Wenn ARD-Programmdirektor Günter Struve in einer Telenovela mitspielen müsste, dann wohl am ehesten in der Rolle des herzenswarmen Gutsdirektors, Abteilung schläfrige Altersmilde.
Es ist Montagnachmittag, und er drückt sich mit halb geschlossenen Lidern in die Sitzecke seines Büros über den Dächern Münchens. Neben ihm steht eine Gegensprechanlage aus dem Holozän der Technikgeschichte mit Mikrofon und Knöpfen. Wahrscheinlich könnte Struve da jetzt draufdrücken, um durch weltweit alle ARD-Büros zu schallen: "Hier spricht der Direktor. Hat eines meiner Schäfchen eine Idee?"
Im Kosmos eines Groschenromans kämen dann dienstbare Geister hereingeweht, wahlweise blondeste Töchter, alerte Demnächst-Schwiegersöhne oder wenigstens Anton, der Chauffeur. In der grauen ARD-Realität hat er das Knöpfedrücken aufgegeben. Und es kommt auch lediglich die nette Frau Maric, seine Sprecherin.
Struve ist sicher, dass Frau Maric in ihrer Freizeit nur cineastische Premiumware guckt und gute Bücher liest. Sie ist an diesem Nachmittag sein öffentlich-rechtliches ARD-Gewissen. Er schaut sie an. Dann lächelt er und sagt, dass Frau Maric das Thema Telenovela wohl eher zynisch sehe.
"Ich selbst habe diese bildungsbürgerlich-akademische Attitüde hinter mir gelassen. Das muss man auch, sonst würde man ja zynisch werden." Frau Maric ist jetzt schon ein einziges, chronisches Augenrollen, was angesichts des Sujets nicht weiter verwundert.
In den Entwicklungsländern Südamerikas sind Telenovelas seit Jahrzehnten ein Riesengeschäft. Nun kommen die billig und seriell produzierten TV-Kitschromane mit den immer gleichen Aschenbrödel-Geschichten auch machtvoll über Deutschland - und sogar in die ARD: Unschuldige Landmaus verliebt sich in reichen Sohn/Erben/Chef aus gutem Haus. Irrungen, Intrigen, finale Hochzeit. So läuft das da.
Der Unterschied zur Seifenoper ist, dass die Telenovela um eine klar identifizierbare Hauptdarstellerin herumgehäkelt wird, garantiert ein Ende findet, ein glückliches obendrein, und dass es eigentlich nur einen Erzählstrang gibt. Das verwirrt die vorwiegend ältere Zuschauerschaft nicht allzu sehr.
Angefangen hat damit das ZDF, das Struve mit "Bianca - Wege zum Glück" seit November monatelang das morgendliche Studium seiner eigenen Quoten versaute. Bei Sat.1 startete im Frühjahr mit großem Erfolg die Mauerblümchen/Schöner-Schwan-Mutation "Verliebt in Berlin" rund um die Zahnspangen-Trutsche Lisa Plenske. Auch bei RTL liegen mehrere konkrete Projekte auf dem Tisch. Aber so konsequent und hemmungslos wie die Öffentlich-Rechtlichen wagt bislang kein Privatsender, die Kitschfenster sperrangelweit aufzureißen.
Das ZDF startet am 6. Oktober die "Bianca"-Nachfolgerin "Julia - Wege zum Glück" und will Anfang nächsten Jahres mit "Tessa - Leben für die Liebe" noch nachlegen. Struves ARD versucht es seit Anfang dieser Woche mit "Sturm der Liebe" und ab November obendrein mit "Sophie - Braut wider Willen", einem ins 19. Jahrhundert versetzten 30-Teiler, sehr blond besetzt mit dem Seifenopern-Ikönchen Yvonne Catterfeld.
Bis nächstes Jahr ist also mit mehr als einem halben Dutzend LisaTessaJulia-wider-Willen-verliebt-ins-Glück-Stürmen zu rechnen. Ist der Titel "Uschi - Leben wider Willen" schon geschützt? Man muss das jedenfalls mal gesehen haben, um es nicht zu glauben.
Laura aus "Sturm der Liebe" zum Beispiel ist eine zart-verbitterte Konditorin, die in Halle eher kleine Brötchen backte. Eigentlich wollte sie Lars heiraten, den sie aber kurz vor der Hochzeit mit Birgit erwischte, so dass Laura enttäuscht nach München flieht. Das verspricht Großstadt, Zukunft - und vor allem schönere Kulissen.
In Oberbayern plätschern prompt die Brünnlein und säfteln die Weiden, bis Laura in jedem Sinne des Wortes einem unbekannten Beau in die Hände fällt. Es folgt ein Nachmittag mit noch mehr Reh- bis Kuhaugenblicken, herzenden Spielen mit Salatköpfen auf dem Gemüsemarkt und einem finalen Kuss samt Versprechen, sich am nächsten Morgen wiederzutreffen.
Der junge Herr erscheint natürlich nicht. Laura fährt darob zerknirscht zu ihrer Freundin Tanja, die Putze im Nobelhotel "Fürstenhof" ist, wo Laura dann ihrem Traummann erneut begegnet: Er ist Erbe des Etablissements sowie hin- und hergerissen, weil einer anderen versprochen, was zu Verwicklungen für mindestens 100 Folgen genügen dürfte.
Dazwischen fallen Sätze wie: "Ich habe das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen." Oder: "Wenn du etwas nur stark genug willst, dann geschieht es auch." Komischerweise geht die ARD-Schmusenummer danach trotzdem weiter.
Die ZDF-Julias und ARD-Lauras sind absolut humor- und realitätsfreie Courths-Mahler-Zone. Die schier unerträgliche Seichtigkeit des Scheins ist die logische Konsequenz aus Karl Moik (im Ersten) und Pilcher-Verfilmungen (im Zweiten). Sie vermittelt ein Weltbild, das Frauen entweder als intrigante Schlampen oder verschreckte, aber patente Vorstadt-Küken präsentiert - in einer Welt, wo Gut und Böse, Oben und Unten noch klar getrennt sind. Und am Ende wird geheiratet. Immer.
Spätestens hier wird klar, dass sich die um den eigenen Rest-Ruf besorgten ARD-Redakteure lange und heftig dagegen gewehrt haben. Struve findet das "sehr ehrenhaft". Ihm wäre es ja auch lieber, wenn er sein Nachmittagsprogramm mit einer dreistündigen Bildungsbürger-Service-Show bestücken könnte. Warum tut er es also nicht?
Weil beide, ARD wie ZDF, schon alles probiert haben an den Nachmittagen und dennoch am Ende ihre wenigen noch nicht weggestorbenen Zuschauer (Altersschnitt: 59) beinahe persönlich begrüßen konnten. Das mag jetzt übertrieben klingen, aber sie hatten nicht viel zu verlieren. Weil nichts funktionierte, bis die Mainzer ihre "Bianca" auffuhren, die einschlug wie eine Handgranate beim Senioren-Tanztee.
"Wir haben damit unser großes Nachmittagsproblem gelöst", sagt ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und grinst: "Jeder Erfolg zieht eben Nachahmer hinter sich her."
Die ARD muss schon sehr verzweifelt gewesen sein, dass sie deshalb im Juli sogar der eigenen, schleichwerbeumwitterten Skandaltochter Bavaria ("Marienhof") den Auftrag erteilte, den großen Sehnsuchtskonter zu entwickeln. Und wenn eines überrascht, dann die Geschwindigkeit, mit der sich das sonst eher träge Erste plötzlich ins Zeug legte. "Die ARD kommt eben spät, aber wenn sie erst mal anfängt zu laufen, gibt's kein Halten mehr", sagt Struve.
In kaum zwei Monaten standen "Sturm der Liebe"-Besetzungsliste, Kulissen und Drehbücher. Für einen Etat von geschätzten zehn Millionen Euro liefert die Bavaria nun maschinell gefertigte Romantik von der Stange: pro Werktag eine rund 50minütige Folge, die den charmanten Begleiteffekt hatte, dass man damit den in seiner medialen Missionarsstellung unerträglich und vor allem erfolglos gewordenen Pastor Jürgen Fliege aus dem Programm kegeln konnte.
Okay, man sieht die Atemlosigkeit der Produktionsbedingungen bedauerlicherweise jeder Folge an. Aber zum Vergleich: Das RTL-Effizienzwunder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ("GZSZ") schafft nur einen Output von etwa 25 Sendeminuten pro Tag. Die "Sturm der Liebe"-Minute kostet zudem weit weniger als die Hälfte der Realo-Tristesse "Lindenstraße".
Es geht ohnehin nicht mehr um Inhalte, sonst müssten alle Beteiligten ja zynisch werden. Es geht um Logistik, um Preise und um Schnelligkeit, die auch dafür sorgte, dass die ARD mit ihrer Rekordtempo-Telenovela gut eine Woche vor der "Bianca"-Nachfolgerin "Julia" auf den Schirm tapsen konnte. Die ZDF-Konkurrenz wird derweil
in gleicher Rasanz in Potsdam-Babelsberg produziert.
Wo Fritz Lang einst "Metropolis" drehte und Propagandaminister Joseph Goebbels später ein Büro hatte, sitzt heute die Produktionsfirma Grundy Ufa, die sich mit Konfektionsware einen Namen gemacht hat: "Unter uns" und "GZSZ" für RTL, "Verbotene Liebe" und demnächst "Braut wider Willen" für die ARD. Dazu "Verliebt in Berlin" für Sat.1, "Bianca", "Tessa" und gerade "Julia" fürs ZDF. Allein bei Letzterer werkelt pro Woche ein Medienproletariat von rund 150 Leuten an 70 Teilen gleichzeitig. Stückkosten pro Folge: unter 100 000 Euro.
Im Studio liegen zwischen Julias Hartz-IV-Butze und dem Hightech-Schlafzimmer ihres angebeteten Daniel (hier Juniorchef einer Porzellan-Manufaktur) nur zehn Meter. Im ZDF-Programm sind bis zur sehnsuchtsvollen Vereinigung größere Distanzen zu überbrücken. Und während vorn die Autorenteams noch die Gerüste hölzerner Dialoge zurechtzimmern, plumpsen hinten schon die nächsten Folgen sendefertig vom Band. Gut Ding will Eile haben.
Grundy Ufa ist ein Monolith des Instant-Fernsehens, eine gefühlsechte Erzählmaschine. Belegt deren Erfolg also den Hang der Deutschen zu Eskapismus und schlichten Geschichten in Zeiten immer neuer Unübersichtlichkeiten? Ach, Gott, na ja.
Oder beweist der Telenovela-Boom, dass im Fernsehen nun eine konservative Revolution stattfindet, die im politischen Berlin gerade danebenging? Vielleicht geht's auch mal wieder eine Weltuntergangskategorie tiefer, zumal Grundy-Ufa-Geschäftsführer Rainer Wemcken nüchtern meint: "Die Deutschen sind vielleicht ein bisschen verunsichert. Da liefern wir einer gewissen Klientel eben ein bisschen wohlige Wärme." Und die Klientel mag den Quark ja offenkundig.
So zeigt das neue Heile-Welt-Geschäft wohl vor allem das brutale Effizienzdiktat deutscher TV-Unterhaltung. Und es decouvriert, dass die öffentlichrechtlichen Gebühren-Milliardäre inzwischen durchaus willens und in der Lage sind, dümmeres Fernsehen zu liefern als die meisten Privatsender. Wenn es denn Quote verspricht.
ARD-Märchenonkel Struve ist jetzt 65. Das ist ein Alter, wo man es auch gern mal übersichtlich und schlicht hat. Wo man auch mal auf ein Happy End hofft, nachdem die eigene Anstalt jahrelang die meisten TV-Trends verschlafen oder wenigstens ignoriert hat. Vier Jahre gibt er dem Telenovela-Phänomen. Und die deutsche TV-Branche sei ja erst im Jahr eins, auch wenn es bald die ersten Formate geben könne, die nicht nur qualitativ, sondern vor allem quotenmäßig womöglich floppten.
Man will jetzt wirklich nicht zynisch werden, aber vielleicht schafft er mit seinem "Sturm der Liebe" beides: Zumindest die Marktanteile der ersten Folgen lagen fast auf Fliege-Niveau.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 40/2005
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