23.04.1973

SILBERScheidgut und Gekrätz

Durch Kupfer-Nickel-Münzen werden 1974 die silbernen Fünf-Mark-Stucke ersetzt. Die Bundesrepublik folgt damit einem weltweiten Trend: Silber wird immer mehr vom Münz- zum Industriemetall, sein Preis steigt.
Angriffslustig den Blick nach links gewandt, posiert er seit 1951 für Gediegenheit und Stabilität. Doch nun. da Stabilität verlorenging, muß der silberne Vogel im nächsten Jahr abtreten: Der bundesrepublikanische Fünf-Mark-Silberadler kommt in den Schmelzofen.
Mit steigenden Preisen wurde das Fünf-Mark-Stück (Metallgehalt: sieben Gramm Silber, 4,2 Gramm Kupfer), so Regierungsdirektor Dr. Walter Haak, Münz-Zuständiger im Bonner Finanzministerium, "immer stärker zu einer Automaten-Münze". Nur: Mangels magnetisierbarer Masse können die stummen Verkäufer von Benzin und Blumen den Silber-Fünfer nicht eindeutig identifizieren.
Deshalb wollen Bund und Bundesbank Mitte 1974 magnetisierbare Fünf-Mark-Stücke aus Nickel und Kupfer unter die Bürger bringen. Die silbernen Fünfer (Umlauf Ende 1972: 235 Millionen Stück mit einem Feinsilber-Gesamtgewicht von 1645 Tonnen) werden danach aus dem Zahlungsverkehr gezogen.
Mit Ausnahme von Gedenkmünzen wird die Bundesrepublik künftig kein Silbergeld mehr schlagen. Münzverweser Haak, der zur Münchner Olympiade noch einmal 100 Millionen silberne Zehn-Mark-Stücke prägen ließ: "Das Silber als Münzmetall ist überholt."
Münzverschlechterung betreibt indes nicht nur die Bundesrepublik. Silberhaltige Münzen kamen in den vergangenen Jahren auch in den USA, in der Schweiz und in Holland aus der Mode. Die weltweite "Demonetisierung" des Silbers beschleunigt sich: Während noch 1965 allein in den USA rund 10000 Tonnen Feinsilber durch die Prägepressen gingen, verbrauchten für Münzzwecke im vergangenen Jahr alle Länder außerhalb des Ostblocks zusammen nur noch 1260 Tonnen.
Als Münz- und Währungsmetall steht Silber am Ende einer mehr als 3000jährigen Geschichte. Seine Zukunft als breit angewandtes Industriemetall hat dagegen erst begonnen: 1966 wurde erstmals weltweit mehr Silber für Industrie- als für Münzzwecke verbraucht. Werner Knies, Chef-Edelmetallhändler der Frankfurter Degussa, des größten deutschen Silber-Anbieters: "Silber ist in den letzten Jahren ein ausgesprochen industrielles Metall geworden."
Solche Industrie-Gängigkeit hat ihre physikalisch-chemischen Gründe: Unter allen Metallen leitet Silber Wärme und elektrischen Strom am besten, sein optisches Reflexionsvermögen ist am höchsten, und seine Salze, vor allem die Silberhalogenide, sind extrem lichtempfindlich. Für elektrische Sicherungen und viele elektronische Bauelemente, Spiegelglas und die lichtempfindliche Schicht der Schwarzweiß-, Farb- und Röntgenfilme ist das fahle Edelmetall deshalb so gut wie unersetzlich.
Seit dem Zweiten Weltkrieg stieg denn auch der weltweite Industrie-Verbrauch um fast 140 Prozent auf 11 880 (in der Bundesrepublik 1520) Tonnen im vergangenen Jahr.
Allein die Photoindustrie verbraucht davon mehr als ein Viertel. Nicht viel geringer ist der Bedarf der Elektro- und Computerindustrie. Nach Schätzungen von Handy & Harman in New York, dem bedeutendsten amerikanischen Silber-Scheider, verarbeiten diese beiden Branchen in den USA mehr als doppelt soviel Silber, wie im klassischen Bereich der Besteck-, Tafelgerät- und Schmuckherstellung verbraucht wird.
Dem steigenden Silberverbrauch (1972: plus neun Prozent) hinkt die Neuproduktion seit Jahren nach. So kamen 1972 vor allem aus den Minen von Kanada und Peru, den USA und Mexiko knapp 7560 Tonnen Silber neu auf den Weltmarkt. Doch der Weltverbrauch stand im vergangenen Jahr bei 13140 Tonnen.
Gestreckt wurde 1972 nach Handy & Harman-Schätzungen diese sogenannte Primärproduktion -- Silber fällt als Nebenerzeugnis der Kupfer-, Blei- und Zinkverhüttung an -- durch etwa 1750 Tonnen aus der Aufarbeitung von schmelzbarem Altmetall und nicht schmelzbaren Silber-Abfällen (Branchen-Slang: "Scheidgut" und "Gekrätz").
Das verbliebene Loch zwischen Erzeugung und Verbrauch stopften die Silber-Hamsterer: Aus den Lagerhallen der beiden großen Silberbörsen in New York und London, aus Regierungsvorräten und demonetisierten Münzschätzen lockten steigende Preise so viel Silber auf den Markt, daß keine Engpässe entstanden. "Eine echte Silberknappheit", so Metallhändler Knies, "hat es in den vergangenen Jahren eigentlich nie gegeben."
Doch auch ohne echt knapp zu sein, wird Silber teurer. An der London Metal Exchange errechneten die Broker für den März einen Durchschnittspreis von 92,1 Pence je Unze (umgerechnet: 207 Mark je Kilogramm). Ende Februar 1972 pegelte der Silberpreis an der Themse noch bei 56,4 Pence (152 Mark).
An der New Yorker Silberbörse, dem wichtigsten Silbermarkt, kletterte im Laufe des vergangenen Jahres die Notierung um 48 Prozent auf 203,1 Cent nach oben. Und am 16. April verkauften in Frankfurt die Degussa und die Deutsche Bank das Kilo Silber zu 207,40 Mark (ohne elf Prozent Mehrwertsteuer).
Nach oben getrieben wird der Preis vor allem durch Spekulanten. Schwindende Lagerbestände in New York (Ende 1971: 3580 Tonnen, Ende 1972: 2395 Tonnen, Mitte April dieses Jahres: 2090 Tonnen), aber auch jede Währungskrise regen die Phantasie der Silber-Spekulanten an. So wurde 1972 an der New Yorker Börse -- meist mit Terminkontrakten -- eine Silbermenge hin und her gehandelt, die den industriellen Weltbedarf (ohne Ostblock) für zwei Jahrzehnte gedeckt hätte. Allerdings: "Sehr viele Spekulanten", so Marktexperte Knies, "verstehen nichts vom Silber."
Eines können sie jedoch in ihre Rechnung setzen: Der weltweit gehortete Silberschatz ist zwar noch immer groß. Aber der Weltverbrauch bis zum Jahre 2000 wird auf das Doppelte der Silber-Reserven in den heute bekannten Erzlagern geschätzt.
In ihrer jüngsten Marktstudie ziehen die Silber-Kenner bei Handy & Harman daraus den Schluß: "Ein Preistrend nach oben erscheint für die nächsten Jahre unvermeidlich."

DER SPIEGEL 17/1973
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