07.05.1973

ROLLS-ROYCEGipfel der Distinktion

Die Versteigerung von Rolls-Royce endete mit einer Enttäuschung. Weil niemand den erhofften Preis zahlen wollte, wird die Firma jetzt an der Börse verkauft -- zu 90 Pence die Aktie.
Das Gefühl, in einem Rolls-Royce zu fahren, so schwärmte einst die britische Romanschriftstellerin Brigid Brophy, sei etwa so, als werde "die Seele von Engeln himmelwärts getragen".
Einer der ersten bundesdeutschen Rolls-Royce-Käufer, Herbert G. Styler, bestätigte: "Für mich existiert gar kein anderes Auto als Rolls-Royce, er ist der Gipfel der Distinktion. Einen Rolls-Royce-Fahrer umgibt der herrliche Nimbus gepflegter Vornehmheit.
Vergangene Woche wurde deutlich, wie wenig der Nimbus der Vornehmheit selbst millionenschweren britischen Bussen noch wert ist. Nach der wohl denkwürdigsten Auktion der Industriegeschichte verkündete am Donnerstagnachmittag Jacob Rothschild von der Londoner Rothschild Bank:
Keiner der Teilnehmer an der Versteigerung habe für die Automobilfabrik annähernd soviel geboten, wie Rothschild angesichts der Aktiva des Konzerns für angemessen hielt. Das Unternehmen werde daher im Wege der Aktienausgabe an der Börse verkauft. Erhoffter Erlös: 38,4 Millionen Pfund -- 269 Millionen Mark.
Daß Rolls-Royce Motors Ltd. überhaupt meistbietend zur Versteigerung angeboten wurde, ist das Ergebnis einer gigantischen Fehlspekulation seiner früheren Manager. Im Februar 1971 mußte die damalige Firma Rolls-Royce Ltd. Konkurs anmelden. Der Konzern, der 90 Prozent seines Umsatzes mit Flugzeugmotoren machte, hatte sich an einem Jet-Auftrag für den "Tristar" der US-Firma Lockheed übernommen.
Englands konservativer Premier Edward Heath teilte daraufhin das Unternehmen in zwei Teile: Den Defizit-Bereich Großtriebwerkbau ließ er unter dem Namen "Rolls-Royce (1971) Ltd." verstaatlichen. Der profitable Bereich Autobau aber wurde dem Konkursverwalter Nicholson als "Rolls-Royce Motors Ltd." zum Verkauf überlassen.
Mit der Versilberung des Kleinods der britischen Industrie beauftragte Nicholson Rothschilds. Die City-Banker entschieden sich für die Versteigerung. Jeder Interessent, der Rolls-Royce en bbc kaufen wollte, mußte sein Angebot bis zum 1. Mai, elf Uhr, in einem versiegelten Umschlag bei Rothschild in der Londoner City abgeben.
Um zu verhindern, daß Rolls-Royce in ausländische Hände -- etwa Deutschlands Daimler-Benz oder Japans Mitsubishi -- gerät, hatte sich Konkursverwalter Nicholson eine sinnreiche Sperre ausgedacht. Ein ausländischer Erwerber sollte zwar sämtliche Anlagen erwerben. aber nicht den Namen Rolls-Royce verwenden dürfen.
Damit aber waren Ausländer als Auktionsteilnehmer so gut wie ausgeschlossen. Denn ohne den Namen Rolls-Royce -- das beste, was die Firma überhaupt anzubieten hat -- wäre ein Erwerb der Firma sinnlos gewesen: Entgegen der landläufigen Meinung und einer seit 50 Jahren betriebenen Eigenwerbung ist ein Rolls-Royce nicht "der beste Wagen der Welt".
So registrierte der amerikanische Motor-Journalist Ken W. Purdy bei dem Modell "Corniche". das in der Bundesrepublik nicht unter 147 000 Mark zu haben ist, "mehr Schlingern, mehr Reifenquietschen und stärkeres Untersteuern in hart gefahrenen Kurven als bei anderen Wagen der Gran-Turismo-Klasse".
Selbst britischen Testern erschien es etwas "extrem", daß bei der Staatskarosse Phantom V zuerst das rechte Vorderrad entfernt werden muß, bevor die Zündkerzen ausgewechselt werden können.
"Der Anspruch, die besten Autos der Welt zu bauen", urteilt Purdy, sei längst von Rolls-Royce auf die Firma Daimler-Benz übergegangen. Deren Autos seien "ebenso bequem, technisch aufwendiger, besser im Fahrverhalten, schneller und, im Fall des 600er Pullman, sogar größer" als ein Rolls-Royce.
Dennoch wächst die Gemeinde der Rolls-Royce-Bewunderer ständig. 2473 Luxuswagen verließen 1972 das Werk in Crewe -- mehr als jemals zuvor in der 69jährigen Firmengeschichte. Meistgekauftes Modell ist der Silver Shadow (Preis in der Bundesrepublik: ab 106 000 Mark) mit einer für die Firma geradezu revolutionären Technik. Als erster Rolls-Royce verfügt er über vier voneinander unabhängig aufgehängte Räder mit Scheibenbremsen. Selbst die elektrische Uhr. einst laut Rolls-Royce-Werbung die einzige Lärmquelle bei Tempo 100, tickt neuerdings leiser -- sie stammt von Kienzle.
Auch die Karosserie des Rolls-Royce Silver-Shadow sowie des bis auf den Kühlergrill identischen Bentley ist nicht Rolls-Royce-made. Sie wird auf Spezialmaschinen des "Mini"-Produzenten British Leyland gepreßt. Lediglich die Karossen für die teureren Modelle werden von Rolls-Royce-Werkern weitgehend in Handarbeit hergestellt.
Der patriotische British-Leyland-Boß Lord Stokes war es auch, der während der letzten Woche ausländische Interessenten zusätzlich von einem Rolls-Royce-Erwerb abschreckte. In Zeitungsanzeigen warnte er potentielle Bieter aus dem Ausland, er werde die Fertigung von Rolls-Royce-Karosserien einstellen, falls die Firma in nicht-britische Hände gerate. Diese Furcht indes war überflüssig. Schon die erste Durchsicht der Kauf-Offerten ergab: Sämtliche Bewerber waren Briten.
Als aber Konkursverwalter Nicholson dann zusammen mit den Rothschilds die Offerten näher prüfte, wurde die Runde im Auktionszimmer immer stiller: Keiner der Interessenten hatte mehr als 35 Millionen Pfund geboten. Auf 40 bis 50 Millionen Pfund aber hatten City-Insider den Wert von Rolls-Royce geschätzt.
Um eine Verschleuderung der nationalen Institution zu verhindern, entschlossen sich Nicholson und dtc Rothschild-Banker zum Verkauf an der Börse. Bis zum Donnerstag dieser Woche haben Interessenten Gelegenheit, über ihre Hausbanken Rolls-Royce-Aktien zu ordern. Stückpreis: 90 Pence.

DER SPIEGEL 19/1973
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