25.06.1973

LUFTPIRATENJacke aus

Wer mit einem entführten Flugzeug von Ost nach West flüchtet, hat in der Bundesrepublik kaum noch Chancen, politisches Asyl zu bekommen. In Weiden hat der Prozeß gegen tschechische Luftpiraten begonnen.
Es war letztes Jahr in Marienbad:
Zehn Gäste aus dem Hotel "Atlanta" bestiegen, am 8. Juni gegen vier Uhr nachmittags, das Linienflugzeug nach Prag, eine 17sitzige Turbolet L-410. Zwei der Damen trugen Pistolen unter dem Schlüpfer. Die Männer waren mit Cola-Flaschen gerüstet. Die Passagiere wußten, wohin sie mit aller Gewalt wollten -- in den Westen.
Kurz nach dem Start zog Lubomir Adamica, damals 22, der den Prager Frühling Ende der sechziger Jahre zu einer dreijährigen Exkursion in die große weite Welt über Hamburg, New York, San Francisco bis nach Hawaii genutzt hatte, seine Jacke aus -- und gab damit das vereinbarte Zeichen zum Kapern der Maschine.
Milan Trcka, damals 21, mit Adamica aus gemeinsamen Tagen in den USA bekannt, setzte einen vor ihm sitzenden Fluggast mit einem Schlag auf den Kopf außer Gefecht. Jiri Beran, damals 21, der zuvor eine Zeitlang in München gelebt hatte, schlug einen Sitznachbarn mit der Cola-Flasche nieder und hielt die übrigen fremden Passagiere mit einer der eingeschmuggelten Pistolen in Schach.
Jiri Vochomurka, damals 21, der während der Dubcek-Ära Dänemark, München und Stuttgart besucht hatte, ging verabredungsgemäß zum Cockpit, um zusammen mit Adamica die beiden Piloten zur Kursänderung zu zwingen. Im Handgemenge fiel ein verhängnisvoller Schuß: Adamica schoß den Chef-Piloten Jan Micica, 53, aus 1,5 Zentimeter Entfernung in den Hals. Ko-Pilot Dominik Chrobak steuerte die Maschine, den sterbenden Kollegen auf dem Schoß, zum Flugplatz Latsch bei Weiden in der Oberpfalz.
Kaum waren die zehn Passagiere der Slov-Air, sieben Männer und drei Frauen, nebst einem in der Tragetasche mitgeschleppten Baby und einigen an der Aktion unbeteiligten Fluggästen im freien Westen, wurden sie verhaftet. Seit dem 8. Juni 1972 warteten sie auf den Prozeß, der am Montag letzter Woche vor dem Schwurgericht in Weiden begann.
Während der Untersuchungshaft wurden die Angeschuldigten auf verschiedene bayrische Anstalten verteilt und in Isolierhaft genommen, nachdem die Behörden einen Ausbruchsversuch und einen regen Kassiberverkehr festgestellt hatten. In ihren Einzelzellen, durch strenge Zensur und eigene Sprachschwierigkeiten von der Umwelt völlig isoliert, verloren die Häftlinge ihre Illusionen von der freien Welt.
Adamica, vom Staatsanwalt als "Führer dieser Gruppe" charakterisiert, der in den USA Marihuana, LSD, Haschisch und Heroin kennengelernt hatte und wegen zweier Selbstmordversuche schon früher in psychiatrischer Behandlung gewesen war, beging im Januar in der Zelle Selbstmord, nachdem ihm die tschechische Version der Anklageschrift zur Kenntnis gebracht worden war.
Sein Landsmann Trcka, ebenfalls schon als Kind wegen Suizidabsichten beim Psychiater, versuchte in der Haft, sich die Pulsadern zu öffnen und eine Überdosis Schlaftabletten zu schlucken, und wurde in eine Beruhigungszelle verlegt. Bei Beginn der Verhandlung fühlte sich Trcka, mit Tranquilizern wie Valium gedämpft, "psychisch zerrissen". Schwurgerichtsvorsitzender Anton Oberndorfer jovial: "Sie sind doch ein junger Mann -- haben Sie denn Angst vor dieser Verhandlung?"
Grund zur Angst hat Trcka ebenso wie seine acht Mitangeklagten. Nicht nur, weil sie Oberstaatsanwalt Wilhelm Meier kurzerhand als schiere Opportunisten charakterisiert, die "auf Grund ihrer in der CSSR auffälligen Kleidung, schulterlangen Haartracht und ihres Gesamtverhaltens immer wieder in Konflikt mit der Prager Polizei gerieten und sich im westlichen Ausland ein besseres und ungebundenes Leben erwarteten". Auch die rechtliche, politische und psychologische Situation, in die die Flüchtlinge gerieten, hat sich grundlegend gewandelt.
Die ost-westliche Entspannung hat eine politische Großwetterlage geschaffen, in der Flucht aus dem Ostblock nicht mehr wie früher stets als Heroismus gewertet wird. Und die Anfang der siebziger Jahre in aller Welt mit Perfektionismus und massiver krimineller Energie inszenierten Flugzeugentführungen haben das rechtliche Klima in bezug auf Luftpiraterie erheblich verschärft.
In der Bundesrepublik wurde am 17. Dezember 1971 das Strafgesetzbuch um den Paragraphen 316c erweitert, der für Verbrechen der schweren Luftpiraterie mit Todesfolge eine Mindeststrafe von zehn Jahren vorsieht. Überdies versagt das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (ohne Änderung der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen) neuerdings Luftpiraten die Gewährung politischen Asyls.
Während so vier Männer und vier Frauen, die im Juni 1970 mit Waffengewalt ein tschechisches Flugzeug aus Karlsbad nach Nürnberg entführten. noch mit Strafen zwischen acht Monaten und zweieinhalb Jahren (wegen Freiheitsberaubung und Nötigung) davonkamen und auch politisches Asyl in der Bundesrepublik fanden, wurden zwei Bergleute, die im April letzten Jahres eine Maschine aus Prag nach Nürnberg entführten, zu je sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, und Asyl wurde nun nicht mehr gewährt, weil "eine terroristische Handlung durch eine politische Motivation nicht gerechtfertigt werden kann" (Bundesamt).
Selbst die Verteidiger der neun Angeklagten in Weiden rechnen angesichts der neuen Rechtslage und wegen des getöteten Piloten mit Strafen nicht unter zehn Jahren. Der joviale Gerichtsvorsitzende Oberndorfer war bei Prozeßbeginn indessen um ein ermunterndes Wort an die jugendlichen Flüchtlinge, die blaß und apathisch vor ihm saßen, nicht verlegen: "Seien Sie doch froh, wenn Sie das alles hinter sich haben."

DER SPIEGEL 26/1973
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