25.06.1973

ÖSTERREICHNachbar Piefke

Österreich wehrt sich mit Gesetzen gegen den Ausverkauf seines Bodens an Deutsche. Doch Strohmänner und Gesetzeslücken gestatten weitere Landnahme.
"Westdeutscher greift nach einem See", erboste sich die "Volksstimmme", Zentralorgan der österreichischen KP, und enthüllte "alarmierende Pläne": Ein kapitalkräftiger Bundesrepublikaner, Name ungenannt, wolle im Salzkammergut die Hälfte des Hallerwies-Sees samt zugehörigem Almboden kaufen. Schlichte AntragsbegrUndung: Errichtung eines Zweitwohnsitzes.
Was die "Volksstimme" nicht enthüllte, waren die Tricks, mit denen deutsche Käufer bei ihrem Griff nach alpenländischem Boden neuerdings österreichische Gesetze zu umgehen suchen.
Der Anwärter auf den idyllischen moorigen Bergsee in 850 Meter Meereshöhe -- zwölf Kilometer vom "Weißen Rössl" am Wolfgangsee entfernt -- heißt Klaus Friedrich und besitzt bereits einen Zweitwohnsitz im neutralen Ausland: ein Appartement bei Sankt Moritz.
Gestützt auf die unverfängliche eidgenössische Adresse, verschwieg er im Kaufantrag seine deutsche Staatsbürgerschaft und bezeichnete sich gegenüber den zuständigen Behörden als "Landwirt aus Celerina". Daß die Wahrheit zu früh aufflog und hinter dem Schein-Schweizer ein Bundesbürger zutage trat, war Pech.
Offenbar seltenes Pech. Denn "Österreichs Ausverkauf an die Deutschen" (so Wiens "Presse") schreitet zügig voran, ganz besonders, seit sich die Schweiz gegen so geartete germanische Überfremdung rigoros sperrt.
Von 1970 bis Ende vorigen Jahres flossen an die vier Milliarden Schilling (rund 540 Millionen Mark) Auslandskapital für Grundankäufe nach Österreich. Allein in Oberösterreich wurden 1971 rund 4,1 Millionen Quadratmeter an Ausländer abgegeben, 1972 sogar gut 10 Millionen.
Haus um Haus wächst ein Betonkorsett um die Berge. Noch in den obersten Alpenregionen nisten Baukräne. Und die Bodenpreise explodieren -- in Salzburg beispielsweise stiegen sie seit 1971 aufs Doppelte und liegen vereinzelt bereits bei 2000 Schilling (275 Mark) pro Quadratmeter.
Voran bei der großen Landnahme marschieren die Deutschen mit einem 80prozentigen Anteil am Ausländer-Boden in Österreich. Einige Beispiele: Von den 401 Häusern der satzburgischen Grenzgemeinde Großgmain haben 66 bundesdeutsche Eigentümer; von den 1460 Kärntner Grundstücken, die zwischen 1967 und 1972 an Nichtösterreicher verkauft wurden, gingen 1281 an Bundesbürger; von den Ausländer-Villen im Raum Kitzbühel und am Attersee gehören 40 Prozent BRD-Bürgern.
Seit Jahren versuchen sich die Österreicher gegen den Ausverkauf zu wehren. Zuerst griffen die schwerbetroffenen rotweißroten Westgebiete -- Tirol, Vorarlberg, Salzburg -- zur Notbremse gegen die Teutonen-Invasion. Als der Käuferstrom daraufhin nach Osten und Süden auswich, folgten Oberösterreich, Kärnten und Burgenland, dann die Steiermark mit Gesetzen gegen Grundverkäufe an Ausländer. Der Erwerb von Grund und Appartements durch Ausländer wird zwar nicht generell verboten, doch überall an die behördliche Genehmigung gebunden.
Dies jedoch bedeutet eine klare Diskriminierung gerade der Deutschen. Denn vor allem die Bundesbürger zählen zu den Ausländern, denen österreichische Provinzgesetze überhaupt etwas anhaben können. Anderen ausländischen Interessenten -- etwa Amerikanern, Schweizern, Italienern, Holländern, aber auch Persern und Afghanen -- ist das freie Niederlassungsrecht durch übergeordnete staatliche Verträge gesichert, die Österreich schon vor Jahren abgeschlossen hat.
Mit Bonn aber wurde ein solches Abkommen nicht geschlossen, und seit Ende 1972 werden deutsche Invasoren zusätzlich gebremst: Kapitaltransfers zwecks Grunderwerb bedürfen einer Sondergenehmigung der Wiener Nationalbank.
Dennoch preisen Inserate in deutschen Zeitungen noch immer Zweitwohnsitze unter Kärntner Sonne oder Tiroler Alpenglühen an -- der Abverkauf an die "Piefkes" (Umgangsösterreichisch für Deutsche) findet in Gesetzeslücken und mit Tarnkappen statt, teils über Strohmänner mit österreichischem Paß, teils über andere Ausländer und andere Wohnsitze.
Wie viele erfolgreichere Vorgänger der "Landwirt aus Celerina" hatte, wie viele glücklichere Nachfolger er noch haben wird, getraut sich denn auch niemand zu schätzen.

DER SPIEGEL 26/1973
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DER SPIEGEL 26/1973
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