25.06.1973

ITT: Weltkonzern zwischen Politik und Profit

Es ist Montagmorgen in New York. Zu den wenigen Flugzeugen, die zu dieser Zeit nach Europa starten, gehört eine gecharterte Boeing 707 der Pan Am. In ihr sitzen 60 Herren im Business-Look.
Es sind Top-Manager des amerikanischen Mammutkonzerns International Telephone and Telegraph Corporation (ITT), des größten Mischkonzerns der Welt. Sie fliegen zur Inspektion ihrer transatlantischen Töchter in ihr europäisches Hauptquartier nach Brüssel. Obwohl die Herren eine ganze Woche, die jeweils letzte eines jeden Monats, in Europa bleiben, verzichten die meisten von ihnen darauf, ihre Uhren auf Brüsseler Zeit umzustellen.
Es wäre auch zwecklos. Denn abgesehen von kurzen Schlafpausen verbringen die Männer, bevor sie im Charterjet zurückfliegen, die meiste Zeit im Sitzungsraum des Brüsseler ITT-Gebäudes an der Avenue Louise. Und hier zählt nur ITT-Zeit, die Zeit der New Yorker Zentrale.
Die Atmosphäre des monatlichen ITT-Mammut-Meetings ist unwirklich und nüchtern zugleich -- eine Mischung zwischen sowjetischem Kadertreffen mit öffentlicher Selbstkritik und einer Krisenkonferenz des Nationalen Sicherheitsrats der USA angesichts der bevorstehenden atomaren Vernichtung der Menschheit, wie sie etwa Stanley Kubrick in seinem utopischen Film "Dr. Strangelove" darstellte.
Insgesamt 120 Leute sind in dem Saal versammelt. Zur besseren Konzentration der Manager ist die Klimaanlage auf "cool" gestellt, die Fenster sind verdunkelt. Ein riesiger hufeisenförmiger Tisch nimmt fast die gesamte Weite des Raums ein.
An ihm sitzen außer den eingeflogenen Inspektoren aus Übersee die Generaldirektoren der europäischen ITT-Tochterunternehmen.
Männer, auf deren Kommando daheim Tausende hören: Neben dem gebürtigen Franzosen und naturalisierten Amerikaner Michel ("Mike") Bergerac (ITT-Europa), dem Engländer Ken Corfield (ITT-Britannien) auch der Deutsche Dieter Möhring, Vorstandsvorsitzender der größten deutschen ITT-Gesellschaft, des Stuttgarter Elektrokonzerns Standard Elektrik Lorenz AG (35 000 Beschäftigte, 2,3 Milliarden Mark Jahresumsatz).
Jedoch: So mächtig sie im heimatlichen Unternehmen auch sein mögen -hier im matten Licht des ITT-Halbrunds gleichen sie eher verschüchterten Studenten vor einem allmächtigen Prüfer: Harold Sidney Geneen, 63, dem Chairman von ITT. Ungeduldig wippt der mit seiner großen Brille ein wenig an einen Uhu erinnernde Mann auf seinem Sessel hin und her und starrt seine europäischen Statthalter durchdringend an.
Auf einer Leinwand erscheinen lange Zahlenreihen: Angaben über Gewinne und Verluste, Cash-Flow und Investitionspläne der einzelnen ITT-Firmen. Und während einer von Geneens Assistenten die Zahlen erläutert, erscheint auf der Projektionsfläche ein kleiner, spitzer Pfeil, springt von einer Ziffer zur anderen oder verharrt an einer Stelle, wo das Ist-Ergebnis unter dem Plansoll geblieben ist.
Mit leisr Stimme unterbricht dann Geneen den Vortrag: "Warum wurde das Soll nicht erreicht?" Der zuständige Generaldirektor versucht sich zu rechtfertigen: "Wir gehen der Sache bereits nach, Mr. Geneen." Dieser nickt, tadelt oder macht sich Notizen. Dann rückt der Pfeil weiter.
Manager, die das Ritual schon länger kennen, berichten von Kollegen, die Geneens Verhöre an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht haben: etwa von jenem Direktor einer neu aufgekauften Firma, der beim ersten Besuch des Brüsseler Marathons in Ohnmacht fiel. Oder von einem anderen, der in panischer Angst den Sitzungssaal verließ und das Horror-Erlebnis zwei Tage lang mit Alkohol zu vertreiben suchte.
"Mir genügt es nicht, nur die Bilanzen zu sehen", erklärt Harold Geneen sein Konzept des "Management by Meeting", "ich muß auch das Gesicht des Mannes beobachten, der sie mir erläutert, und sehen, wie er sich dabei anstellt"
Als den "Michelangelo des modernen Managements" (so Frankreichs Wirtschaftsmagazin "Entreprise") haben ihn die einen beschrieben, die anderen sehen ihn als einen skrupellosen Firmenboß, der den Profit höher stellt als selbst Gesetze oder demokratisch gewählte Staatspräsidenten. Auf Geneen treffen beide Urteile zu.
Seit er 1959 President wurde, baute er ITT zum größten Firmen-Konglomerat der Welt aus. In dem Unternehmen, das heute in 90 Ländern der Erde tätig ist und vom Telephon bis zur Tiefkühlkost, vom integrierten Schaltkreis bis zur Satellitenstadt so ziemlich alles herstellt, was Menschen brauchen, arbeiten 423 000 Arbeiter und Angestellte. Mit jährlichen Einnahmen von 8,6 Milliarden Dollar übertraf der ITT-Umsatz 1972 sogar das Bruttosozialprodukt von Portugal und Chile.
Wie kaum ein anderer Konzernboß der Gegenwart setzt Geneen seine wirtschaftliche Macht auch politisch ein:
* Zusammen mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA schmiedete er ein Komplott, das den Sturz des chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende vorsah; für das Gelingen des Abenteuers bot Geneen eine Million Dollar aus der Firmenkasse;
* 400 000 Dollar bot Geneens ITT für die Finanzierung des Parteikonvents der republikanischen (Nixon-) Partei -- und kaufte sich damit von einem der größten Antitrust-Verfahren der amerikanischen Geschichte los.
"Keine marxistische Kritik", entsetzte sich die liberale "New York Times", "könnte das Bild von den großen Konzernen Amerikas nachhaltiger beschmutzen und das System der freien Unternehmerwirtschaft mehr diskreditieren als das Verhalten von ITT."
Der heiße Draht nach Moskau stammt von ITT.
Die "Washington Post" fragte ratlos: "Was ist das für ein System, in dem eine mächtige Firma durch die Korridore staatlicher Macht wandeln darf, als wären es ihre eigenen?"
Es ist jenes System der Lobbyisten-Herrschaft und Industrie-Hörigkeit, das sich seit Generationen hinter der sauberen Fassade amerikanischer Demokratie verbirgt und das schon viele US-Regierungen in Skandale stürzte.
Wohl niemand beherrscht dieses System, das wirtschaftlichen Erfolg über demokratische Spielregeln setzt, perfekter als Harold 5. Geneen. Nur der Konzern, so seine Philosophie, verschafft den Menschen Arbeitsplätze und vermittelt ihnen Zufriedenheit, Sicherheit, Unabhängigkeit.
"Unser Beitrag zur modernen Gesellschaft besteht darin, so viele unabhängige Bürger zu schaffen' dozierte Geneen letztes Jahr vor den versammelten ITT-Aktionären, "wie es unsere Mittel und der Rahmen unseres Gesellschaftssystems erlauben."
Regierungen erscheinen ihm eher als schwach und inkompetent. Seinen eigenen Job schätzt er höher ein als den von Premierministern, Präsidenten oder Monarchen. Der Mißachtung staatlicher Gewalt entspricht sein Auftreten: Noch heute erzählen ITT-Leute davon, wie ihr Boß einmal den König der Belgier warten ließ und eine Audienz beim Schah von Persien kurzfristig auf einen späteren Termin verschob.
Geneens Industrie-Imperium ist so groß, die Palette der angebotenen Dienstleistungen so vielfältig, daß er kaum einen Schritt tun kann, ohne dabei auf den Namen ITT zu stoßen. Ob er im Flugzeug von Sicherheitssystemen zu Boden geleitet wird, ein Haus bauen will, in Avis-Mietwagen zu Konferenzen in Sheraton-Hotels fährt, telephoniert oder Radio hört, Zug fährt oder zu Hause in seiner New Yorker Appartement-Wohnung eine Glühbirne eingeschraubt -- stets bleibt Geneen im Reich seines Konzerns.
Und sogar wenn er nachts zum Himmel blickt, kreisen über ihm Satelliten, die sein Konzern mit elektronischen Systemen ausrüstete. Auch der Präsident der Vereinigten Staaten bedient sich bei seiner Weltpolitik .der Produkte von ITT: Der heiße Draht nach Moskau wird von Geneens Firma unterhalten.
Nur selten kommt Geneen daher in die Verlegenheit, die Grenzen ITT-Lands zu verfassen. Und tut er es einmal doch, nimmt er einfach seinen Hof mit sich -- eine Flugzeugladung aktenkofferbewehrter Firmen-Präsidenten. Vizepräsidenten, Comptrollers.
Wie der Präsident der Vereinigten Staaten in der "Air Force One" braucht auch der Chairman von IIT während des Jet-Sprungs nicht auf die Dienste seines Büros zu verzichten. Seine Assistenten -- und seine Leibwächter sind immer dabei.
Allein in Westdeutschland unterhält Geneen rund vier Dutzend größere Firmen, darunter
* die Bremsenfabrik Alfred Teves ("Ate") GmbH in Frankfurt;
* die SWF-Spezialfabrik für Autozubehör Gustav Rau GmbH in Bietigheim;
* die Armaturenfabrik Friedrich Grohe in Hemer;
* die Radio- und Fernsehfirmen Graetz GmbH in Stuttgart und Schaub-Lorenz in Pforzheim;
* die Conservenfabrik Eugen Lacroix GmbH in Frankfurt;
* die Versicherungsgruppe Transatlantische Transport- und Rückversicherungs-AG in Hamburg.
Eine ITT-Firma -- wenn auch mit Sitz in den USA -- half sogar dabei, die Münchner Olympischen Spiele auszurichten: Der Rasen des Olympiastadions wurde von dem auf Golfplatz-Bau spezialisierten Geneen-Unternehmen O. M. Scott & Sons hergerichtet. Die Gewinne fließen nach Amerika.
ITT ist der multinationale Konzern par excellence. Mit der Zentrale in New York und Tochterfirmen in allen Erdteilen entscheidet allein Geneen, wo welches ITT-Produkt hergestellt werden soll.
Die alte Theorie, nach der die Staaten souverän untereinander aushandeln, für welche Waren Freihandel und für welche Zollschutz gelten soll, wird von Konzernen wie ITT ad absurdum geführt. Da die Exporte kleiner Länder wie Holland, Belgien oder der Schweiz zu einem immer größeren Prozentsatz aus Lieferungen der einen Filiale eines multinationalen Konzerns in die andere bestehen, gewinnen Gesellschaften wie IBM, Philips oder ITT immer mehr Einfluß auf die Zahlungsbilanz-Politik jener Staaten.
Ein Transistor-Radio beispielsweise, das in Hongkong produziert wird, mag für Europa bestimmt sein -- die Gewinne aber fließen nach Amerika. Und auf die Entscheidung, ob Kühlschränke für die Schweiz in Italien, Radios für Amerika aber in Deutschland gebaut werden sollen, haben die Staaten SChon längst keinen Einfluß mehr. Darüber streiten sich höchstens die ITT-Regionalmanager in der Brüsseler Europa-. Zentrale. Entschieden wird in New York.
Die Propheten der multinationalen Konzerne, wie etwa der US-Professor Howard Perlmutter, sehen denn auch den Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem die Wirtschaft der Weit von rund zweihundert global operierenden Konzernen beherrscht wird. Das Modell, nach dem sich eines Tages diese Art Weltherrschaft vollziehen könnte, gibt es heute schon: ITT.
"Wahrscheinlich werden künftige Historiker des 20. Jahrhunderts", so schrieb der britische Konzern-Kritiker Antony Jay in seinem Buch "Management und Machiavelli", "die Geschichte multinationaler Unternehmen für wesentlich wichtiger halten als die Geschichte eines Staates wie etwa der Schweiz."
Es ist das Verdienst des britischen Journalisten Anthony Sampson, als erster der Geschichte des wohl aggressivsten multinationalen Konzerns der Welt nachgegangen zu sein. Über ein Jahr lang besuchte Sampson ITT-Firmen in aller Welt, interviewte gegenwärtige und ehemalige ITT-Manager, sprach mit Diplomaten und Politikern, die direkt oder indirekt mit ITT in Verbindung gekommen waren.
Dabei stieß Sampson in Washingtoner Regierungsarchiven auch auf einige tausend Seiten bisher geheimgehaltener Dokumente, die erstmals das wohl dunkelste Kapitel der Firmengeschichte erhellen: Während der Nazi-Zeit, so beweisen die Dokumente, hat ITT vorsätzlich in die deutsche Kriegsrüstung investiert. Indem ITT 28 Prozent der Bremer Flugzeugwerke Focke-Wulf erwarb, half der Konzern mit, den Alliierten schwere Verluste zuzufügen.
Seine Beteiligung an der Flugzeugproduktion in Hitlers Deutschland hinderte den Konzern freilich nicht daran, gleichzeitig für die Alliierten Zielgeräte zur Bekämpfung deutscher U-Boote herzustellen. Auch fand ITT nichts dabei, später eine Millionen-Entschädigung für seine zerstörten deutschen Rüstungsfabriken zu kassieren.
Anthony Sampson hat seine Recherchen in einem Buch ("The Sovereign State: The secret history of ITT") zusammengefaßt, das Anfang Oktober bei Rowohlt auch auf deutsch erscheint.* Darin erzählt Sampson die erregende Geschichte des Unternehmens, das bereits bei seiner Gründung alle Merkmale eines multinationalen (oder besser: a-nationalen) Konzerns trug -- einer Organisationsform also, die heute zum Hauptangriffsziel von linken Revolutionären, konservativen Gewerkschaftern, sozialdemokratischen Regierungen und liberalen Kartellwächtern in aller Welt geworden ist.
Die Geschichte begann 1920, als Sosthenes Behn, ein gerade aus der US-Armee entlassener Oberst, zusammen mit seinem Bruder Hernand auf der Karibik-Insel Puerto Rico eine obskure Telephon- und Telegraphengesellschaft gründete.
Sosthenes Behn, ein Mann von großer Rücksichtslosigkeit, Wagemut und unternehmerischem Geschick, stammte von den benachbarten Jungferninseln. Als der Sohn eines Dänen und einer Französin -- noch vor Ausbruch des Krieges -- bei seinem Onkel in dessen puertorikanischer Zuckermaklerfirma aushalf, kam er erstmals mit dem neumodischen Fernsprecher in Berührung.
Einer der Kunden des Behn-Onkels war plötzlich zahlungsunfähig geworden und hatte seinen Besitz -- ein winziges und primitives Netz von Fernsprechleitungen auf Puerto Rico -- verpfändet.
Der junge Behn, der davon gehört hatte, daß in Amerika das Telephon bereits zu einem großen Geschäft geworden war, witterte eine Chance, übernahm die Konkursmasse und erwarb Telephon-Apparate, wo immer er
* Anthony Sampson: Weltmacht ITT. Die politischen Geschäfte eines multinationalen Konzerns. Rowohlt-Verlag, 256 Seiten: 28,50 Mark.
ihrer habhaft werden konnte -- zuerst in Puerto Rico, dann auf Kuba.
Nach dem Kriege, den Sosthenes Behn in einer Fernmeldetruppe verbracht hatte und in dem er bis zum Colonel aufgestiegen war, faßten die beiden Brüder ihren Telephonbesitz in einer Firma zusammen. Hochtrabend nannten die beiden die Firma, die sie in das New Yorker Firmenregister eintragen ließen, "International Telephone and Telegraph (IT&T)". Der Herzog von Alba kam in den Aufsichtsrat.
Den Namen hatten die Behn-Brothers mit Bedacht gewählt: Sie wollten, daß ihre Klitsche von ihren erhofften Geschäftspartnern mit der mächtigen Gesellschaft "American Telephone and Telegraph (AT&T)" verwechselt würde.
Der Trick wirkte: Auch heute noch halten viele Außenstehende ITT für den internationalen Arm von AT&T.
Die erste günstige Gelegenheit bot sich 1923 in Spanien. Diktator Miguel Primo de Rivera hatte sich gerade entschlossen, die Neuordnung des chaotischen Fernsprechwesens einer privaten Gesellschaft zu übertragen.
Behn eilte nach Madrid und richtete sich im großen Stil im Ritz ein -- immer darauf bedacht, reicher zu erscheinen, als er tatsächlich war. Während seines Aufenthaltes in der spanischen Hauptstadt gelang es ihm, sich mit König Alfonso XIII. anzufreunden. Dank der Fürsprache des Monarchen erhielt er schließlich den Auftrag.
Sofort gründete er die Compania Telefónica de Espana, an deren Spitze er einen der vornehmsten und einflußreichsten Granden Spaniens, den Herzog von Alba, als Aufsichtsratsvorsitzenden stellte. Erst dann heuerte Behn amerikanische Spezialisten an, die in der Lage waren, den Vertrag zu erfüllen. Zwei Jahre später hatte der Obrist abermals Glück. Der amerikanische Elektro- und Telephonkonzern Western Electric, der Fernsprecheinrichtungen in aller Welt herstellte, sollte sich in einem Antitrust-Verfahren von seinen internationalen Geschäften trennen.
Die Behn-Brüder, deren Reputation durch die Spanien-Operation an der Wallstreet beträchtlich gestiegen war, boten mit Unterstützung des New Yorker Bankhauses Morgan 30 Millionen Dollar -- und erhielten die ausländischen Töchter von Western Electric (heute: International Standard Electric). Gleichsam über Nacht wurden die Behns, was sie bisher lediglich vorgetäuscht hatten -- die Herrscher über einen weitverzweigten internationalen Telephonkonzern.
Fürs erste saturiert, ging Sosthenes Behn, der stärkere der beiden Brüder, daran, sein Reich zu konsolidieren. 1928 zog er mit seiner Firma in einen gerade fertiggestellten 33stöckigen Wolkenkratzer im Zuckerbäckerstil an der New Yorker Broad Street.
Hier und in seiner Suite im Plaza entwickelte er einen geradezu fürstlichen Lebensstil, der den meisten Industriellen seiner Zeit fehlte. Er arbeitete in einem Louis-XIV.-Salon, an der Wand hing ein Gemälde des Papstes Pius XI.
In dem riesigen Speisesaal seines Hauptquartiers ließ er seinen französischen Koch Bankette für bis zu 200 Gäste ausrichten. Er liebte es, seine Gäste königlich zu bewirten und hielt Tischreden in fünf Sprachen.
Nur wer etwas in seiner Zeit galt, war der Gunst des ITT-Herren würdig: Henry Ford, die Rockefellers und Morgans gingen bei ihm ebenso ein und aus wie der schwedische Zündholzkönig Ivar Kreuger. Und je mehr Mächtige und Würdenträger Sothenes Behn kennenlernte, desto mehr galt er selbst.
Auch wenn Behn sie nicht alle an seinem New Yorker Hof empfangen konnte: Er wußte, wie er die Großen der Welt als Werbeträger einsetzen konnte. Eines Tages -- ITT hatte gerade das Telephonnetz im Vatikan installiert -- schenkte die Firma dem Papst ein goldenes Telephon. Anschließend sorgte Behn dafür, daß alle Welt es erfuhr.
Während Behn, unberührt von der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise, in New York feierte, wuchs sein Konzern jenseits der US-Grenzen von Monat zu Monat. Dennoch fehlte ihm ein entscheidendes Glied in seinem weltweiten Telephonnetz -- Deutschland.
1930 gründete Behn in Berlin -- zusammen mit der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), die er später auszahlte -- eine Holding namens Standard Elektrizitäts-Gesellschaft. Kurz darauf erwarb er von Philips die Elektrofirma Lorenz. Damit hatte er die deutsche Basis, die er suchte.
Die neuen Möglichkeiten, die sich ihm nun boten, wurden freilich durch einen Nachteil gemindert. Denn mit seinem deutschen Engagement hatte er sich in die direkte Kampflinie seines größten Konkurrenten auf den Weltmärkten begeben -- Siemens. Gewisse "Manipulationen' bei Durchsicht der Bücher.
Ein erbitterter Kampf uni Macht und Märkte entbrannte. Zunächst verbündete sich Siemens mit dem schwedischen Elektrokonzern Ericsson, der damals von dem zwielichtigen Schweden Ivar Kreuger kontrolliert wurde. Ericsson und Siemens spannten gemeinsam das griechische Telephonnetz.
Behn schlug zurück und kaufte von Kreuger ein Paket Ericsson-Aktien;
* Zwischen Papst Pius XI. (sitzend) und Eugenio Pacelli, dem späteren Pius XII., 1930 bei der Einweihung des vatikanischen Telephannetzes.
den Handel ließ er sich elf Millionen Dollar in bar kosten sowie einen Posten ITT-Aktien, der Kreuger das Recht auf einen Sitz im ITT-Aufsichtsrat gab.
Den Abschluß der Transaktion feierte Behn in der Broad Street mit einem schwedischen Bankett für 200 Gäste.
Anderntags entdeckte die renommierte britische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse bei der Durchsicht der Ericsson-Bücher gewisse "Manipulationen", die sich nicht erklären ließen. Es war der erste Hinweis auf einen gigantischen Betrug Kreugers, dem Anfang der dreißiger Jahre Dutzende von europäischen Finanzhäusern und Industrieunternehmen zum Opfer fallen sollten,
"Wie es möglich war", schrieb später der Kreuger-Biograph George Soloveytchik, "daß das Management von ITT nicht vorher darauf gekommen ist, erscheint unbegreiflich."
Sofort nach den Entdeckungen der Wirtschaftsprüfer informierte Behn seine Bankiers. Wenig später beging Kreuger Selbstmord. Behn schickte Blumen im Wert von 75 Dollar zum Begräbnis.
1933 wurde Sosthenes Behn Alleinherrscher von ITT; sein Bruder Hernand, dem Titel nach ITT-Präsident, war überraschend gestorben. Bis zuletzt hatte Hernand, den die Spanier "Behn bueno" nannten -- den guten Behn, im Gegensatz zu dessen Bruder, "Behn mab" -, einen mäßigenden Einfluß auf Sosthenes und die Firma ausgeübt. Nun aber gab es niemanden mehr als den bösen Behn.
In genau jene Zeit fällt der Beginn eines Kapitels in der bewegten ITT-Geschichte, das bis in die jüngste Zeit zu den bestgehüteten Firmengeheimnissen des Jahrhunderts gehörte: die intimen Beziehungen von ITT zum Dritten Reich.

DER SPIEGEL 26/1973
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