25.06.1973

FUSSBALLGar nicht so jeck

„Wir trainieren wie die Bundesliga“, begründete Spieler Glock den Bundesliga-Aufstieg seines Regionalliga. Klubs Fortuna Köln. Allerdings schoß Präsident Löring auch rund 2,5 Millionen Mark zu.
Die erste Strophe des Klubliedes lautet: "Wir wollen die Nummer eins in Kölle sein." Die zweite gelobt: "Wir wollen, hipp, hipp, hurra, in die Bundesliga rein." Der dritte Reim verspricht: "Wir wollen eines Tages Deutscher Meister sein."
Strophe zwei hat sich für den westdeutschen Regionalliga-Klub SC Fortuna Köln schon erfüllt. Präsident Jean (kölsch: "Schäng") Löring, 38, Mitglied seit 1946, ist ziemlich sicher, "eines schönen Tages auch in Köln und Umgebung vorne dran zu sein --
Elektriker Löring verschaffte sich als Vertragsspieler bei Alemannia Aachen und Viktoria Köln das Anfangskapital für den privaten Aufstieg. Ein Hüftgelenkleiden beendete seine Kicker-Karriere vorzeitig.
Der Sportinvalide baute Firmen für Rohrleitungsbau, Industriereinigung und die Entwicklung von Kunstrasen auf, erwarb Immobilien-Beteiligungen im Harz und an der Ostsee, übernahm die Kölner Nachtklubs "Marco Polo" und "Landlord", schließlich ein Eifel-Schloß als Wochenendhaus. Außerdem beteiligte sich Löring als Manager in der Boxbranche. Nachdem sein Hauptkämpfer Jupp Elze an Kampfverletzungen gestorben war, besuchte er keine Boxveranstaltungen mehr.
Löring konzentrierte sich auf seinen alten Verein Fortuna. 1962 wählten ihn die Mitglieder zum Präsidenten. Bis 1967 führte er den Klub aus der Bezirksklasse, der fünfthöchsten Spielklasse, in die Regionalliga, die zweithöchste Klasse. Trotz Ärzte-Vetos sprang Löring in Notfällen als Ersatzspieler ein.
Dann stellte der Kaufmann einen Fünfjahresplan auf: Die Fortuna-Spieler sollten im Westen die Besten werden. Geduldig puzzelte Löring eine erstklassige Mannschaft zusammen, die er zeitweilig selbst trainierte. Verdienstvolle Athleten band er durch langfristige Verträge und berufliche Versprechungen. "Wer bei mir seine Laufbahn beendet, hat bis dahin ein Zehnfamilienhaus aufgebaut", tönte er.
Zum Verdruß der Konkurrenz löste er seine Versprechen ein. 1969 verpflichtete er den wichtigsten Star, Wolfgang Fahrian. Zusammen mit dem Torwart des deutschen Weltmeisterschafts-Aufgebots von 1962 gründete Löring eine Firma. die beispielsweise die Böden des neuen Kölner Uni-Centers verlegt hat. Mehrere Spieler besitzen mittlerweile tatsächlich Miethäuser in Frechen.
Ein Dutzend Spieler wird von Löring-Unternehmen auf den Lohnlisten geführt, "ohne daß es in Arbeit ausartet" (Fahrian). Eingeweihte schätzen Lörings jährliche Fußball-Investitionen auf zuletzt 500 000 Mark. Das Vertragsspieler-Statut des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gesteht Regionalliga-Kickern nur 600 Mark im Monat zu.
"Die glauben, ich bin jeck"' fürchtet Löring. "Aber so jeck bin ich gar nicht." Abwerbung argwöhnte der Hamburger Fußball-Journalist Jupp Wolff, als Fortuna dem HSV Peter Schmitz weggeschnappt hatte, einen Jugend-Nationalspieler. "Legal? Da kann ich nur lachen". giftete sich Wolff.
Als "typisch Kölner Mischung aus Schlitzohrigkeit und Treuherzigkeit. aus Adenauer und Millowitsch" beschrieb die Münchner "Sport-Illustrierte" den Fortuna-Manager. Löring selbst, Chef von etwa 300 Angestellten, sieht seine Motive in "Eitelkeit, vielleicht sogar Geltungssucht, bestimmt aber Verbundenheit mit dem Fußball". Bisweilen engagierte er Schlagerstars wie Udo Jürgens und Roberto Blanco zu Gala-Abenden.
Für die Bundesliga-Aufstiegsrunde ließ sich die Mannschaft von dem Kölner Professor Wildor Hollmann eine Diät fast ohne Fleisch, dafür mit Kartoffeln, Nudeln und Honig verschreiben. Schon vor der letzten Runde stand Fortunas Aufstieg fest. Gleichwohl klagte Löring nach der Nervenprobe, "fühle ich mich manchmal wie 60". Als dem Schiedsrichter im Aufstiegsspiel gegen Mainz 05 Fehlentscheidungen unterliefen, stürmte Löring aufs Feld. Spieler hinderten ihren Präsidenten an Handgreiflichkeiten.
Der Arzt Dr. Halswick wacht bei Fortuna-Vorstellungen auch weniger über kaputte Kicker und müde Muskeln. Der Internist rückt dem Präsidenten nicht von der Seite. Vor zwei Jahren hatte Löring einen Herzinfarkt überstanden. Der Arzt verbot ihm für immer das Stadion.
Doch Löring ließ sich von seinem Geschäftsführer den Spielstand ins Krankenzimmer telephonieren. Als ihn dabei eine Schwester ertappte, war er schweißgebadet. Nun sitzt er wieder auf der Trainerbank. "Manchmal", gesteht er, "bin ich mir selbst unheimlich."

DER SPIEGEL 26/1973
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