02.04.1973

KRIEGSVERBRECHENGefällig unterrichtet

Zu den Hilfswilligen für das organisierte Verbrechen der NS-Zeit, die bislang kaum belangt wurden, zählen die Transportbeschaffer der Reichsbahn. Nun steht einer der Todes-Kärrner doch noch vor Gericht.
In den Fahrplänen stand "Da" oder "Pj": für "David" und "Polnische Juden. Die zwei Buchstaben, vermerkt neben einer Zugnummer, schafften Transportraum für jeweils fünftausend Menschen, bis zu hundert in einen Waggon gepfercht.
Mit solchen Kürzeln markierten Transport-Technokraten der Deutschen Reichsbahn die "Umsiedler-" und "Aussiedlerzüge" oder die "Sonderzüge zur Beförderung jüdischer Arbeitskräfte". Und ihr abgekürztes Mitwissen bedeutete den Beamten kaum mehr als weniger Worte im Dienstpapier.
Für Tausende von Männern, Frauen und Kindern aber hieß es: verhungern oder verdursten auf der Strecke. Und für Hunderttausende: Vergasung in Vernichtungslagern wie Treblinka, Sobibor und Belzec.
Während die Rassenideologen der NS-Zeit sich historisch gerichtet haben und viele ihrer Vollstrecker gerichtlich verurteilt worden sind, kamen ungezählte Mittelsmänner des organisierten Verbrechens in der zweiten Republik so unbehelligt durch wie zuvor im Dritten Reich -- zum Beispiel die Transport-Wegbereiter.
Nun aber steht -- vom Dienstag kommender Woche an -- ein hoher Kärrner für Todgeweihte dreißig Jahre nach seinem Haupteinsatz doch noch vor dem Düsseldorfer Schwurgericht: Dr. Albert Ganzenmüller, 68, Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium (RVM), preußischer Staatsrat und stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, NSDAP-Mitglied seit 1931, SA-Brigadeführer "ehrenhalber", Träger des goldenen Parteiabzeichens sowie des Blutordens.
Ganzenmüller, nur um die Jahreswende 1969/70 gut zwei Monate lang in Haft und seither gegen 300 000 Mark Kaution durch Bankbürgschaft in Oberjoch bei Hindelang auf freiem Fuß, ist der Beihilfe zum Mord und zur Freiheitsberaubung im Amt mit teils tödlichem Ausgang angeklagt. Er habe dafür gesorgt, so die Anklageschrift, daß zur "Endlösung der Judenfrage" der "erforderliche Transportraum seitens der Reichsbahn bereitgestellt wurde", und mithin "wissentlich Hilfe geleistet".
Natürlich: Der NS-Staatssekretär will nicht gewußt haben, wohin damals die Reisen letztlich gingen, was "Da" oder "Pj" am Ende bedeutete.
Und zweimal gelang es ihm tatsächlich, die Justiz von seiner Ahnungslosigkeit zu überzeugen. Im März 1959 setzte ein Dortmunder Gericht ihn außer Verfolgung. Im Dezember 1970 lehnte das Düsseldorfer Landgericht die Eröffnung des Hauptverfahrens ab -- denn die Beweise reichten nicht aus, so das Gericht, "um die Überzeugung zu begründen, daß der Angeschuldigte es für möglich gehalten hat, daß die Juden planmäßig vernichtet wurden".
Erst das Düsseldorfer Oberlandesgericht ordnete ein halbes Jahr später die Abwicklung des Verfahrens an, weil jedenfalls hinreichender Verdacht bestehe, "daß der Angeschuldigte Kenntnis von den Morden und den Freiheitsberaubungen mit Todesfolge hatte".
Rund drei Millionen Menschen sind per Reichsbahn in den Tod befördert worden. Mindestens 600 000 wurden zwischen Sommer 1942 und Frühjahr 1943 unter Ganzenmüllers Regiment nach Treblinka, Belzec und Sobibor deportiert. Die Sonderzüge forderte durchweg das Reichssicherheitshauptamt beim RVM in Berlin an, das dann den Bedarf über die regionalen Generalbetriebsleitungen deckte.
Die bereitgestellten Waggons hatten durchweg nur kleine, vergitterte Luftklappen und keinen Abort. Sie wurden regelmäßig für die manchmal Tage dauernde Fahrt verplombt wie Stückguttransporte. Wer nicht einsteigen wollte, wurde erschossen. Unterwegs bekamen die Opfer nicht einmal Wasser und Brot. Und die Leichen der Verdursteten blieben bis zum Zielbahnhof im Kot unter den noch Lebenden liegen.
Besonders häufig rollten die Transporte, nachdem Reichsführer Himmler angeordnet hatte, "daß die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des General-Gouvernements bis zum 31. Dezember 1942 durchgeführt und beendet ist". Am 16. Juli 1942 rief SS-Obergruppenführer Karl Wolff in Himmlers Auftrag bei Ganzenmüller an und intervenierte wegen beklagenswerter Beförderungsstockungen im Raum Lublin. Und unverzüglich griff der Staatssekretär ein.
Schon zwölf Tage später konnte er Wolff zur "gefälligen Unterrichtung" eine Meldung der Generaldirektion der Ostbahnen in Krakau zuleiten: "Seit dem 22. 7. fährt täglich ein Zug mit je 5000 Juden von Warschau über Malkinia nach Treblinka, außerdem zweimal wöchentlich ein Zug mit 5000 Juden von Przemysl nach Belzec." Wolff dankte so prompt wie "herzlich" und "auch im Namen des Reichsführers-SS" für die Bemühungen und bat, "diesen Dingen auch weiterhin Ihre Beachtung zu schenken".
Zu Jahresbeginn 1943 korrespondierte und telephonierte Himmler gar selber mit dem hilfreichen Reichsbahner: "Ich brauche Ihre Hilfe und Ihre Unterstützung", bat der Reichsführer -- und machte spätestens damals Ganzenmüller klar, was er wohin beförderte. Es gehe um den "Abtransport der ganzen Bandenhelfer und Bandenverdächtigen", schrieb Himmler unter dem 28. Januar 1943, und "dazu gehört auch in erster Linie der Abtransport der Juden".
Jedoch. trotz Reichsführer und Blutorden: Er habe, so beteuerte Ganzenmüller noch immer, vom Judenmord so recht nichts gewußt. Gewiß -- die Nürnberger Rassengesetze habe er wohl gekannt, aber deren Bedeutung sei ihm nie klargeworden. Bei seinen Dienstreisen schließlich habe er keinen Judentransport gesehen. Und daß Menschen getötet wurden, obwohl doch Arbeitskräfte gefehlt hätten -- das sei ihm nun ganz unmöglich erschienen.
Auch der Brief des Obergruppenführers Wolff, sagt der Reichsbürokrat, sei offenbar an ihm vorbeigelaufen. Der Inhalt seines Briefs an Wolff sei ihm nicht ins Bewußtsein gedrungen, deswegen habe er auch nicht über das Schicksal der Juden nachgedacht.
Eine Zeugin, einst in Ganzenmüllers Vorzimmer beschäftigt, erinnert sich besser. Auf die Frage, was mit den abtransportierten Juden geschehe, habe der Chef zwar "keine klare Antwort" gegeben, aber geäußert: "Was macht man mit den Leuten in Lagern wie Auschwitz, wie will man sie ernähren und kleiden."
Mehr wollte sich der NS-Staatsdiener damals offenbar nicht erlauben, um seines Postens willen. Und heute kann er. des erhofften Freispruchs wegen, nicht einmal jenen Skrupel zugeben. Denn wenn er doch nachgedacht hat. dann "besteht angesichts seiner Stellung, seiner Intelligenz und des Standes seiner Information", so das Düsseldorfer Oberlandesgericht. "hinreichend Grund für die Annahme, daß er zu richtigen Erkenntnissen gelangt war". Das aber hieße juristisch. Ganzenmüller hätte die Tötung von Hunderttausenden "billigend in Kauf genommen
Oder anders: Vorsatz und Verurteilung.

DER SPIEGEL 14/1973
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