02.04.1973

„An mir beißt ihr euch die Zähne aus“

Ein Jahr waren die deutschen Malteser-Helfer Monika Schwinn und Bernhard Diehl bereits beim Vietcong in Südvietnam gefangen, als sie 1970 in den Norden gebracht wurden. Monika Schwinn berichtet exklusiv im SPIEGEL über Hunger, Krankheiten, Verhöre und die Folter der Einzelhaft. Anfang März wurde sie entlassen.
Als wir aus dem Dschungelcamp am 1. April 1970 in Richtung Norden aufbrachen, waren wir schon fast ein ganzes Jahr in Gefangenschaft.
Wir hatten uns mit unserem Schicksal nicht gerade abgefunden, aber wir hatten aufgehört, auf eine plötzliche Wende der Lage zu hoffen. Wir dachten. daß man uns vor allem deshalb festhält, um die Bundesrepublik zu erpressen, als eine Art Geiseln. Bernhard Diehl und ich sprachen öfter darüber, und wir tauschten Vermutungen aus. Wir glaubten fest daran, daß man in Deutschland etwas für uns unternimmt.
Meine körperliche Verfassung war zu diesem Zeitpunkt mehr als schlecht. Wir waren beide nach diesen fast zwölf Monaten Hunger sehr unterernährt. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß ich einen Fußmarsch von zehn Tagen schaffen würde -- und wenn ich auf allen Vieren kriechen müßte. Der Wille durchzustehen war in mir stärker als jede körperliche Schwäche.
In unserem Benehmen gegenüber den drei in Zivil gekleideten Bewachern -- ein Oberleutnant und ein Feldwebel von der nordvietnamesischen Armee sowie ein Medizinstudent -- wahrten wir vorsichtige Distanz.
Mehr Kontakt hatten wir zu anderen Leuten. meist Zivilisten, die wir unterwegs trafen. Man hatte uns als Tagespensum höchstens zehn Kilometer angegeben, aber es war dann doch weit mehr. Anstatt nach Norden zu marschieren. gingen wir die ersten zwei Tage immer nach Osten. Im Gebirge von Vietnam ist es ein schwieriges Laufen. ich schätze, daß wir so kreuz und quer den dreifachen Weg gegangen sind.
Am 13. April, die angekündigte frist für den Fußmarsch war bereits überschritten, wurde ich wieder krank. Ich hatte schon drei Tage vorher Fieber. Damit ich mich ausruhen konnte, durften wir vier Tage lang in einem Durchgangslager bleiben; dann sagte man uns, wir würden nun bald zu einem Auto gebracht.
Am Abend des 17. April erreichten wir auch wirklich den Ho-Tschi-minh-Pfad und wurden eine Nacht lang von einem Lastwagen mitgenommen. Durch die vielen Bombenlöcher war es eine sehr holprige Fahrt. Ich hatte Gleichgewichtsstörungen und war so schwach, daß ich ständig umfiel.
An dieser Stelle war der Ho-Tschi-minh-Pfad eine breite Straße mit vielen parallelen Seitenwegen und Verästelungen. Die Spur führte kilometerlang durch offenes, ungeschütztes Gelände -- kein Baum weit und breit, aber ein Bombenkrater neben dem anderen.
Die Militärtransporte wurden jetzt häufiger. Oft kamen die Kolonnen auf Trampelpfaden, die parallel zu beiden Seiten des Ho-Tschi-minh-Pfades liefen und mehrfach die Straßenseite kreuzten.
Mich überfiel immer Furcht, wenn wir auf Marschkolonnen der nordvietnamesischen Armee stießen. In den Augen und Gesten der Soldaten war fanatischer Haß. Ich hatte dann immer Angst, gleich knallt dich einer ab oder sticht dich mit dem Messer zusammen.
Die Nordvietnamesen kann man an dem Sowjetstern auf ihrem Koppelschloß erkennen; einige Vietcong haben zwar die gleiche Uniform, aber nur einen Ledergürtel mit Schlaufe.
Bedrohlich wurde die Rast in einer kleinen Ambulanz, einer Hütte mit Holzpritschen. Dort trafen wir auf einen Trupp Militär, vor dem uns unsere Bewacher nur durch Zureden, zuletzt nur mit Gewalt schützen konnten. Durch Gesten forderten die Soldaten, daß man mit uns kurzen Prozeß machen sollte. Betrunken waren sie nicht, in Vietnam wird kaum Alkohol getrunken; das war Haß, eingedrillter Fremdenhaß.
Die Leute, die sonst auf dem Marsch mit uns liefen -- es sammelten sich immer etwa sechzig bis achtzig zu einer Marschgruppe -, waren dagegen recht freundlich zu uns. Unsere Begleiter paßten auf, daß wir nicht zu engen Kontakt mit den Zivilisten bekamen. Denn wir hofften, aus den Gesprächen mit Zivilisten das eine oder andere zu erfahren und spekulierten außerdem damit, daß die Leute von der Begegnung später erzählen würden und damit ein Lebenszeichen von uns geben. "Im Norden wurde alles noch viel schlimmer."
Und wirklich: Wie sich später herausgestellt hat, muß uns ein Mann, der später übergelaufen ist, an der laotischen Grenze gesehen haben. Er brachte die erste Nachricht in den Westen, daß wir noch am Leben sind.
Auf diesem Marsch konnten wir uns ziemlich frei bewegen, auch einmal ein paar hundert Meter von der Kolonne entfernen. Natürlich dachte ich auch manchmal an Flucht, aber das war ziemlich aussichtslos. Man macht sich keine Vorstellung in Europa, wie dicht der Dschungel bewohnt ist. Ein Dorf neben dem anderen.
Alle bekamen das gleiche Essen. Teilweise war es besser als in unserem letzten Camp. Trotzdem wurde ich das schlechte Gefühl nicht los, daß etwas nicht stimmte, daß uns etwas Schlimmes bevorstand und daß das Versprechen auf eine baldige Freilassung eine Lüge war.
Am 24. April gingen wir über die Grenze nach Laos. Wir merkten es, weil am Weg Laoten die Erkennungsmarken kontrollierten, und wir sahen auch Schilder in einer anderen Schrift. Die Bergbauern, die hier oben wohnen, bestaunten uns wie Wesen von einem anderen Stern, sie hatten wohl noch nie Europäer gesehen. Einmal kamen sogar Kinder, die mich befühlten, ob ich aus demselben Stoff sei wie sie.
Wir durchquerten die beiden Quellflüsse des Ben Hai, des Trennflusses zwischen Nord- und Südvietnam am 17. Breitengrad. Am 62. Marschtag wurde die Straße breiter und der Verkehr dichter. Wir waren in Nordvietnam.
Morgens um vier oder fünf war die Reise erst mal zu Ende, wir mußten noch eine dreiviertel Stunde laufen und kamen zu einem Hospital mit richtigen Ärzten, wo wir seit langem wieder gut verpflegt wurden. Es gab Gemüse und eine Handvoll Fleischstückchen als Schonkost. Dazu Injektionen und Tabletten für meinen Kreislauf.
Im Gegensatz zu mir glaubte Bernhard Diehl noch immer daran, daß wir bald frei sein würden. Wenn der Vietcong uns freiläßt, so meinte er, werden es die Nordvietnamesen nicht wagen, uns festzuhalten. Aber im Norden wurde dann alles nur noch viel schlimmer.
An einem Abend, bei einem entsetzlichen Gewitter, wurden wir an einen Ort südöstlich von Hanoi gebracht. Wir standen plötzlich vor einem winzigen Häuschen. Die Tür stand weit auf, drinnen brannte Licht. Da stieß man mich hinein und schloß die Tür hinter mir ab.
Es war eine kleine Zelle, etwa eineinhalb Meter breit und zweieinhalb Meter lang. In 20 bis 25 Zentimeter Höhe lagen ein paar Bretter auf Beton: das Bett. Ein halber Meter Platz war für einen Toiletteneimer und einen Wassereimer.
Ich saß in einer Dunkelzelle, es gab kein Fenster, kein Luftloch, die einzige Luft und das einzige Licht kamen durch den schmalen Schlitz unter der Tor. Das war Absicht, ein erstes Druckmittel, damit die Gefangenen kusch sind.
Am Abend schien mir eine rote Glühbirne direkt ins Gesicht, aber das Allerwichtigste war ein Lautsprecher. Der brachte dreimal täglich Propaganda-Sendungen von Radio Hanoi für Gefangene auf englisch. Verstanden habe ich überhaupt nichts.
Auf dem von Bambuswänden umgebenen Hof waren ein Brunnen und noch zwei Häuser mit je zwei Zellen und Wachsoldaten davor. Die Zelle neben mir war frei, da durfte ich mich waschen. Die Zellentüren waren mit dicken Eisenstangen und Riesenschlössern verriegelt -- das kreischende Geräusch beim Öffnen werde ich nie mehr vergessen.
Was mich in den zurückliegenden Wochen trotz der Fieberanfälle und Kreislaufschwächen weiterlaufen hatte lassen, war nur der Gedanke, es könnte vielleicht doch der Weg in die Freiheit sein. Die nervliche Anspannung war kaum zu ertragen. Aber als ich in der Zelle ankam, war ich mit meiner Kraft am Ende.
Am Morgen nach der Ankunft rief man mich raus und brachte mich in einen Raum. Herr Diehl war schon da, uns saß eine neunköpfige Gruppe gegenüber. Die Männer bezeichneten sich als Repräsentanten der Befreiungsfront.
Ich fragte, warum wir wieder in Haft seien, man habe uns doch im Süden entlassen. Da sagten uns die Männer, wir hätten uns wohl verhört.
Herr Diehl wurde wütend. In zwei Sprachen könne man sich nicht verhören, sagte er, und eines Tages würden die Herren ihr Handeln bereuen. Ich habe ihn dabei voll unterstützt. An dem Tag habe ich mich hingelegt und wirklich gedacht: Nun stirbst du einfach und stehst nicht mehr auf.
Es war Juni und eine entsetzliche Hitze. Die Sonne brannte den ganzen Tag aufs Dach und kein Fenster in der Zelle. Das war die Hölle. Der salzige Schweiß stand von Kopf bis Fuß, überall hatte ich dicke Pickel, auf denen das Salz brannte, als ob mich Tausende von Ameisen stechen. Ich hatte fürchterliche Kopfschmerzen und mußte mich erbrechen. Es war Malaria.
Am Abend des zweiten Tages schlugen Wärter mit einer Eisenstange zwei Backsteine aus der Decke, damit ich etwas Luft bekam. Man gab mir eine Arznei, und vom dritten Tag an versprach man Herrn Diehl und mir eine Sonderkost für zehn Tage. Das war dann, zusätzlich zu dem üblichen Stück Brot und der Schüssel Gemüsesuppe, eine Handvoll Fleisch.
Morgens durfte ich aus der Zelle heraus und mir Waschwasser aus dem Brunnen holen, nachmittags noch einmal. Ich war aber nicht in der Lage, auch nur einen halben Eimer voll Wasser hochzuziehen, das machte der Wachsoldat für mich.
Wir haben diesem Lager, in dem wir sieben Tage waren, später den Namen "bao cao" gegeben. Diese Wörter sollten wir immer sagen, wenn wir einen Vietnamesen sprachen, und dabei die Hände aneinanderlegen. Es ist Bitte und Erniedrigung zugleich.
Ich habe das nie gesagt, nicht ein einziges Mal. Ich sollte es beispielsweise sagen, wenn das Essen gebracht wurde. Ich tat es nicht, selbst auf die Gefahr hin, daß man mir die Nahrung verweigerte. Aber das Essen habe ich immer bekommen.
Weil keine Hoffnung bestand, daß ich mich in "bao cao" erholen würde, wurden wir in das Camp "Seventyseven", etwa zwei Autostunden entfernt, verlegt. Warum wir das Lager so nannten, weiß ich nicht mehr.
"Seventy-seven" lag zwölf Kilometer vor Hanoi -- ein Haus im alten Kolonialstil, das man zum Gefängnis umgebaut hatte. Es muß einmal eine sehr schöne Villa gewesen sein.
Meine Zelle dort war recht groß. Es schloß sich ein Stück seitlich zugemauerter Säulengang an, und dann kam ein kleiner Hof, vielleicht vier mal vier Meter groß, nicht überdacht. Die Zellentür war offen, und ich konnte den ganzen Tag im Hof sein. Die anderen Zellen waren nicht belegt, ich war ganz allein in diesem Teil des Gebäudes. Wo Herr Diehl war, wußte ich nicht. Hinter dem Kolonialhaus standen noch zwei Blocks.
Ich wurde jetzt medizinisch behandelt. Man gab mir herz- und kreislaufstärkende Soritzen. Trotzdem war das so eine Sache: Wenn ich sagte, ich hätte Herzbeschwerden, dann dauerte es oft Wochen, bis jemand kam. Der Anfall war dann natürlich längst vorbei. Aber verglichen mit "bao cao" hatte ich jetzt wieder einen starken Durchhaltewillen. Ich sagte mir: Ihr könnt mit mir machen. was ihr wollt, ich komme nach Hause.
Ende Juli, das war gut einen Monat nach der Ankunft im "Seventy-seven", wurde ich im Raum neben meiner Zelle zum erstenmal allein verhört. Es war ein Dolmetscher dabei, der gut Deutsch sprach. Er war längere Zeit in der DDR gewesen.
"In der Einzelzelle war ich kurz vorm Durchdrehen."
Das Verhör dauerte sechs Tage. Es wurde in manierlicher Weise gemacht, nicht mit Druck. Für eine Zermürbungstaktik war der Verhörbeamte nicht geeignet. Er stellte auch keine sehr intelligenten Fragen.
Ich sollte ihm alles sagen. Zum Beispiel auch Namen und Adressen von Bekannten in Deutschland und von den Malteser-Helfern in Südvietnam. Aber da konnte ich ihn aufs Kreuz legen: Entweder gab ich vor, den Nachnamen nicht zu wissen oder die Adresse nicht.
Natürlich wurde ich auch speziell nach den Maltesern gefragt. Ich habe über unsere Arbeit berichtet, daß wir nur Zivilisten und keinem Militär helfen Aber das hatte überhaupt keine Wirkung.
Sie sagten, es würde geprüft, ob die Malteser ein Spionagedienst oder ein Hilfsdienst für die Amerikaner seien. Mehrfach wurde ich auch gefragt, mit welchen Absichten wir aus Deutschland weggefahren sind und was ich auskundschaften sollte.
Für mich war es einfach lächerlich, daß der Malteser-Hilfsdienst verdächtigt wurde, Spionagedienste zu leisten und mit dem CIA zusammenzuarbeiten. In meinem Arbeitsbereich habe ich nie so etwas gehört, nie hat jemand dergleichen Aufträge erteilt oder Auskünfte verlangt.
Am Ende des Verhörs sagte man mir, ich müßte nun warten, bis das alles geprüft sei. Da habe ich denen gesagt, sie hätten es doch schon so oft geprüft; Ich verlangte, mit einer für uns verantwortlichen Behörde in Kontakt zu kommen. Aber nach dem Verhör war wieder Schweigen.
Der 2. September ist Nationalfeiertag in Nordvietnam. Die Wärter holten Bernhard Diehl und mich an diesem Tag in den Verhörraum, um uns zu sagen, was das für ein Fest ist. Wir hatten uns wochenlang nicht gesehen, aber wir konnten bei dem Vortrag kein privates Wort wechseln, Das nächste Mal sah ich ihn zehn Minuten lang bei einem ähnlichen Treffen zu Weihnachten.
Ich hatte inzwischen gebeten, mir irgend etwas zur Beschäftigung zu geben oder wenigstens Bücher oder Schreibmaterial -- vergebens. So war ich in meiner Einzelzelle bald kurz vorm Durchdrehen. Um nicht zu verblöden, habe ich mir selbst Vorträge gehalten, Selbstgespräche oder Diskussionen mit erfundenen Partnern geführt; ganz leise. Denn laut Gedichte aufsagen oder reden war verboten. Ich habe Grundrisse von Häusern auf meinen Zellenboden gezeichnet, alles, um mich abzulenken.
Wenn einer von den Wärtern kam, sagte ich, ich könne doch Kinderkleider nähen oder in der Küche arbeiten: Alles wurde mir verweigert. Zur Begründung sagte mir der Direktor des Camps, man möchte mir genügend Zeit lassen, über meine Verbrechen am vietnamesischen Volk nachzudenken.
Wir bekamen jetzt immerhin vier Zigaretten am Tag. Auch die Verpflegung war etwas besser als im Süden: ab und zu Brot aus verdorbenem Mehl, das voller brauner Käfer und Mehlwürmer war, etwas Gemüse und Speck oder Schwarte. Wasser gab es zweimal am Tag, das war ausreichend.
Ich konnte nichts über die anderen Gefangenen erfahren, auch über Bernhard Diehl nicht, ich war völlig isoliert. Einmal hatte ich Tinte und zwei Doppelbögen Papier bekommen, um nachträglich Namen und Daten meiner Eltern und meines Bruders aufzuschreiben. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich heimlich an Bernhard einen Brief, den ich ihm Weihnachten zuschmuggeln wollte -- versteckt im Doppelboden eines viereckigen Kästchens, das ich aus Zigarettenpapier gebastelt hatte. Aber das gelang nicht.
Diehl hatte im Gegensatz zu mir Bücher bekommen. Es spielte eben auch im Gefängnis eine Rolle, daß ich nur eine Frau war. Doch daß ich der Lagerleitung irgendwelche "Verbrechen" zugegeben hätte, nur um Vergünstigungen zu erreichen -- ich habe nicht einen Moment daran gedacht.
"Eigentlich hätte sich die Ost-Berliner Botschaft um uns kümmern können."
Ich wußte genau, ich war unschuldig. Ich habe dem vietnamesischen Volk nur Gutes getan. Aber ob ich lieber gestorben wäre, nur um Recht zu behalten -- ich kann nicht sagen, ob ich ganz so weit gegangen wäre. Ich spürte nur, daß ich Kraft genug besaß, um mich dem. Unrecht dieser Menschen zu widersetzen.
Im März 1971 wollte ich es drauf ankommen lassen und trat in den Hungerstreik. Weil ich einem vietnamesischen Beamten beim Deutschlernen helfen sollte, hatte man mir einen kleinen Block abgezählter Blätter Papier in die Zelle gebracht, darauf sollte ich dem Mann kleine Übungsaufgaben schreiben.
Ein Blatt Papier habe ich nun dazu benutzt, um in einem Brief meinen Protest zu begründen und meine Forderungen zu stellen. Ich wollte wissen, warum ich festgehalten werde, verlangte, als ausgebildete Krankenhelferin in einem Spital zu arbeiten oder entsprechend der Genfer Konvention in ein Lager für Zivilinternierte zu kommen. Weil ich weder Namen noch Adresse kannte, schrieb ich einfach als Anschrift; "An die für die Malteser-Helferin Monika Schwinn aus Deutschland zuständige Behörde".
Eine Antwort habe ich nie bekommen. Nach dem Hungerstreik passierte etwas, worauf ich nicht vorbereitet war. Ich wurde ins Verwaltungsgebäude bestellt, ging eine Treppe hoch und stand plötzlich zwei Europäern im weißen Hemd gegenüber.
Den Älteren schätzte ich um fünfzig, den anderen zwischen 40 und 45 Jahre. Sie stellten sich nicht vor, aber ich hatte sofort das Gefühl, daß sie von der DDR-Botschaft in Hanoi waren.
"Guten Tag", sagte der eine und zog sehr aufgeregt an seiner Zigarette. "Wie Sie sehen und hören, sind wir der deutschen Sprache in Wort und Schrift mächtig." Genau so. wortwörtlich. Dann: "Wir bitten Sie eindringlich, dergleichen Sachen wie Ihren Hungerstreik zu unterlassen, da es Ihnen nur schaden und in keiner Weise nützen kann."
Wenn ich heute daran zurückdenke: Als ich denen in meiner dreckigen abgewetzten Gefangenenkluft gegenüberstand, brach in mir eine Welt zusammen. Ich hatte schon mehrfach daran gedacht, daß sich die Ost-Berliner Botschaft eigentlich mal um uns kümmern könnte. Daß trotz aller Gegensätze in der Politik das Blut und die gemeinsame Sprache doch stärker sein müßten. Ich hatte gehofft, daß jemand von der ostdeutschen Botschaft uns wenigstens mit Medikamenten und Kleidern versorgen würde.
Aber die beiden nervösen Herren, denen man ihr schlechtes Gewissen ansah, waren gekommen, um mich zu verhören. Der ganze Salat ging wieder von vorne los. Dazu Fragen, auf die selbst die Vietnamesen nicht gekommen waren. Ob mein im Krieg gefallener Vater in der NSDAP war, und welchen Rang er im Krieg hatte. Sie beteuerten immer wieder, ich müßte Verständnis für das vietnamesische Volk aufbringen. Schließlich seien deutsche Fremdenlegionäre in diesem Land gewesen und hätten unschuldige Menschen ermordet.
Ich war derart geschockt, daß ich anfangs gar nicht reagieren konnte. Ich ärgere mich noch heute, daß ich mich überhaupt auf dieses Verhör eingelassen habe.
Die Herren wurden immer aufgeregter. Der Ältere steckte sich immer neue Zigaretten an, ohne sie zu rauchen. Ich glaube, beiden war der Auftritt sehr peinlich. Wenn ich sie mit meinen Antworten in die Enge trieb, fingen sie an, wild zu gestikulieren und zu schreien. Ich sagte ihnen, sie könnten von mir nach dem, was hinter uns lag, vor allem nach dem zweimonatigen Marsch in den Norden, der mich an den Rand des Todes brachte, nicht sehr viel Verständnis erwarten. Darauf schrie der Jüngere: "Ja, mein Gott, man konnte Sie schließlich nicht mit der Straßenbahn (beim Vietcong) abholen."
Ohne daß ich sie fragte, erwähnten sie auch meine drei toten Kameraden. Es käme nun einmal in einem Krieg vor, "daß sich unangenehme Dinge ereignen", und dann fügte der eine wörtlich hinzu: "Warum starb denn der Sänger Josef Schmidt in der Schweiz, und warum mußte Richard Tauber im fremden England krepieren?"
Ich frage mich, ob er dabei den Vietcong mit Hitler vergleichen wollte. Es war sinnlos, mit den beiden zu reden. Sie hatten einen unangenehmen Auftrag und wußten nicht, wie sie den erfüllen sollten.
Das Verhör dauerte den ganzen Vormittag. Die beiden waren gekommen, um sich ohne Rücksicht vor die Vietnamesen zu steilen. Um mich so einzuschüchtern, daß ich brav in meiner Zelle sitzen bleibe und nicht aufmucke. In den letzten zwanzig Minuten sprach ich kein Wort mehr und ließ sie ununterbrochen reden. Ihre Ausdrucksweise, ihr Benehmen war derart primitiv, daß ich mich geschämt habe, daß sie Deutsche waren.
Ein paar Tage vorher war ich schon einmal ins Verhörzimmer gerufen worden. Dort saß Bernhard Diehl. Der Camp-Direktor teilte uns mit, daß es uns erlaubt sei, in Zukunft einmal in der Woche eine halbe Stunde lang miteinander zu sprechen. Ich war vom langen Hungern ganz schwach in den Knien. Bernhard Diehl sah noch kränker aus als zuvor.
Im Camp "Seventy-seven" blieben wir bis zum 11. Dezember, also fast eineinhalb Jahre. Nach meinem Hungerstreik wurde mir auch Papier, Federhalter und Tinte bewilligt.
Ich begann, Bilder zu malen, mit denen ich meine Zelle schmückte. Eines mit Rosen darauf, dann die Betenden Hände, wie sie Dürer gezeichnet hat, eine deutsche Landschaft mit Bergen und Tannenwäldern und ein Bild vom Meer mit kleinen Schiffen und Booten. Mit einem Bambusstock habe ich Löcher in die Wand gebohrt und kleine Bambusstückchen als Nägel benutzt. "Die Katze fraß das Essen, das mich in Versuchung führen sollte."
Mein wiederholter Antrag, Englisch oder die vietnamesische Sprache zu lernen, wurde immer abgelehnt. So blieb als Abwechslung nur das wöchentliche Treffen mit Bernhard. Aber der Beamte, der die Aufsicht führte, wollte alles, was wir sprachen, ins Englische übersetzt bekommen. Bei dem dauernden Hin und Her blieb nicht viel Zeit für uns.
Mein Hungerstreik hatte auch noch ein anderes Resultat: Ich durfte mir ab Oktober 1971 eine kleine Katze zulegen. Es war noch ein ganz junges Tier, erst wenige Wochen alt. Ich nannte sie "Meo", das ist Vietnamesisch und heißt Katze. Als die Wärter sie mir zum erstenmal brachten, wollten sie das Tier gleich wieder wegnehmen, aber dann ließ man sie mir über Nacht, und seitdem wollte sie nicht mehr weg.
Es war Mitte Dezember, als wir erneut verlegt wurden. Warum, weiß ich nicht. Das Camp war ein neugebautes Gefängnis, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Hanoi am Rand des Gebirges. Als wir umzogen, war es empfindlich kalt. In der Zelle, in die man mich einwies, stand das Wasser. Tisch, Hocker, alles war patschnaß. Sogar das Bett, drei rohe Bretter über zwei Betonblöcke gelegt, war triefend naß. Ich beschloß, wieder in den Hungerstreik zu treten, und schickte das Essen, das uns die Wärter zum Empfang brachten, zurück.
Am nächsten Morgen kam der Camp-Direktor und bat um eine Erklärung. Ich sollte doch essen. Ich schwieg. Um mich zum Aufgeben zu bringen, ließ man das Essen in der Zelle stehen. Nach drei Tagen bat ich um Erlaubnis, wieder einen Brief nach Hanoi schreiben zu dürfen. Man brachte mir Papier, Tinte und einen Federhalter.
Ich schrieb meine üblichen Beschwerden: Daß es gegen die Genfer Konvention verstößt, daß wir als Mitglieder einer zivilen medizinischen Hilfsorganisation in einem Kriegsgefangenenlager untergebracht sind, daß wir vor ein neutrales Gericht wollen und daß man mir Gelegenheit geben soll, Kontakt mit meiner Familie aufzunehmen und regelmäßig Pakete und Briefe zu empfangen.
Mit einem Vietcong-Vertreter. Diehl (2. v. l.) und dem deutschen Botschaftsrat in Saigon, Jörg von Uthmann (2. v. r.)
In dem Brief -- ich schrieb in deutscher Sprache -- stand auch, daß es für eine Frau unzumutbar ist, ein Leben in solcher Primitivität zu führen, es sei mir unmöglich, unter solchen Bedingungen zu leben. Ich schrieb auch, daß es für die kommunistischen Länder sehr unvorteilhaft wäre, wenn die Öffentlichkeit später von diesen Lebensbedingungen erfahren würde. Doch es passierte nichts.
Mein zweiter Hungerstreik dauerte 20 Tage. Nach acht Tagen, der Lagerleiter wußte nicht mehr, was er dagegen machen sollte, brachte man mir meine Katze "Meo" aus dem Lager "Seventyseven". Die fraß dann die Näpfe mit dem stehengebliebenen Essen leer, das mich in Versuchung führen sollte. Aber nach dem zwanzigsten Tag spürte ich, daß ich nicht weiter durchhalten konnte, und gab auf. Vor Schwäche lag ich eine ganze Woche lang auf der Pritsche und rührte mich kaum.
Herr Diehl war in der Nachbarzelle untergebracht. Nach dem Hungerstreik ließ man die Tür zu einem kleinen Innenhof auf, etwa vier Meter im Quadrat, von dreieinhalb Meter hohen Mauern umgeben. Ober die Mauer konnten wir uns hin und wieder verständigen, aber wir mußten sehr vorsichtig sein, denn bei jedem Zuruf über die Mauer wurden die Wärter sofort spitzohrig. Hätte man uns erwischt, wären wir sofort getrennt worden, davor hatten wir Angst.
Bernhard Diehl mußte es auch übernehmen. "Meo" nach draußen zu lassen. Ich hob sie auf die Mauer. in Diehls Zellenhof war ein Loch in der Zellenmauer, ein Wasserabfluß.
Wir nannten das neue Lager "Mountain Village", weil es in den Bergen lag. Einmal in der Woche schlossen die Soldaten meine Zellentür auf, und ich durfte mich unter Bewachung im Hof mit Herrn Diehl unterhalten. Aber nur wenn es nicht regnete, in einer Zelle durften wir uns nicht treffen.
Ich hatte jetzt Papier und Tinte und bekam sogar die Erlaubnis, Englisch zu lernen. Bernhard Diehl schrieb mir kleine Übungen, ich versuchte sie zu übersetzen. Ich habe den ganzen Tag ununterbrochen gelernt. Um meinen Verstand wieder zu trainieren, übte ich Kopfrechnen und lernte ganze Seiten auswendig.
Im neuen Lager bekam ich auch Bücher, alle auf englisch. Das meiste waren Propagandaschriften oder politische Bücher wie die Werke von Lenin, Marx und Engels. Auch eine englisch geschriebene Wochenzeitschrift aus Hanoi und "China-Pictures" waren öfter dabei.
Eines der Bücher, in dem nicht nur politische Stoffe standen, hieß "The Wedding", kam aus Albanien und handelte von der Zeit nach der Revolution 1946. Es war eine furchtbar dumme Geschichte, aber für mein Englischlernen war es ganz gut. Ich dachte mir, wenn die Kommunisten ihre Leute mit solchen Büchern erziehen wollen, dann können sie gleich einpacken. "Ich machte Gedichte und Lieder, um das Gehirn zu fordern."
Dann machte ich mich auch an die vier Bände von "Der stille Don". Das war auf englisch schwer zu lesen, aber man hat ja soviel Zeit in der Gefangenschaft.
Ein besonders schönes Buch will ich mir in Übersetzung auch hier besorgen: "The Eternal Battle" von Juni German. Es behandelt die ersten Nachkriegsjahre in der Sowjet-Union. Ich habe mich gewundert, daß so etwas in der Sowjet-Union gedruckt werden darf und daß man es Kriegsgefangenen in Vietnam zu lesen gibt. Denn es ist sehr kritisch gegen das Regime. Aber anscheinend hatte es keiner von der Lagerleitung vorher gelesen.
In "Mountain Village" habe ich auch damit begonnen, Gedichte zu schreiben und Lieder zu komponieren, nur damit das Gehirn wieder gefordert wird. Ein Lied handelt von unserer Gefangenschaft. Aber ich bin für so etwas völlig unbegabt. Bernhard Diehl hat dafür mehr Talent, der kann seine Gedichte der Öffentlichkeit preisgeben.
Weil ich mich zum erstenmal in Gefangenschaft beschäftigen konnte, fand ich das Lager ganz erträglich. Ganz langsam verlor ich meine geistige Trägheit. Anfangs hatte ich nur knappe Sätze auswendig lernen können und hatte sie am nächsten Tag schon wieder vergessen.
Auch die Gespräche mit Bernhard Diehl halfen mir sehr. Jetzt war kein Dolmetscher mehr dabei, und wir konnten frei reden. Sicher hat mir in all der Zeit auch mein Glaube an Gott geholfen. Ich habe viel gebetet. Aber manchmal, vor allem abends, wenn ich über mich nachdachte und verzweifelt war, fühlte ich mich sehr allein.
Es gibt auch für gläubige Menschen das Hadern mit Gott. Da hat man immer an Gott geglaubt, und wenn man ihn braucht, hört man nichts von ihm. Ich habe mir ein Kreuz aus Stacheldraht gemacht, das haben sie mir weggenommen.
Daß ich immer wieder Lebensmut gefunden habe, hat mir aber auch bewiesen, daß Gott sich in irgendeiner Weise nun doch wieder gezeigt hat. Wenn ich meinte, es ginge überhaupt nicht mehr weiter, setzte ich mir Fristen. Zum Beispiel die Olympischen Spiele. Oder ich sagte mir, spätestens Weihnachten werden sie dich freilassen oder zum Nationalfeiertag oder zum Jahrestag unserer Gefangennahme. Man klammert sich an jedes Zeichen, und wenn dann nichts passiert, setzt man sich ein neues Datum und hat wieder Hoffnung.
"Als Frau war ich wohl nicht so wichtig."
An Selbstmord habe ich nie gedacht. Dazu wäre ich auch viel zu feige gewesen. Es mag schon sein, daß auch mein Dickkopf dabei eine Rolle gespielt hat, daß ich immer wieder durchgehalten habe.
Ende Oktober verbesserte sich unsere Lage. Wir bekamen jetzt sechs statt bisher vier Zigaretten pro Tag. Geraucht habe ich schon in der Gefangenschaft im Süden, um den Hunger zu betäuben. Im Dezember bekamen wir auch einen Film vorgeführt.
Wegen der Gefahr durch Luftangriffe hatten die Nordvietnamesen die Camps kleingehalten. Die Flugzeuge hörten wir häufig, einen Angriff haben wir nicht erlebt. Aber manchmal gab es Fliegeralarm, und dann wurden die Männer aus ihren Zellen geführt. Meine Tür blieb jedoch verschlossen. Als Frau war ich wohl nicht so wichtig.
Kurz vor Weihnachten hörten wir durch den Wachsoldaten von den Verhandlungen in Paris. Die Soldaten sagten. wenn Nixon unterschreiben würde, kämen auch wir heim nach Deutschland. Aber um die Weihnachtszeit erfuhren wir nichts Neues mehr über den Ausgang der Verhandlungen. Unser Wärter sagte, da sei nichts drin. Die Behandlung blieb trotzdem freundlich. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß es Proteste gegen die Amerikaner wegen Vietnam gegeben hatte, auch in der Bundesrepublik, und daß Leute, die man in den Zeitungen als "das fortschrittliche Volk von Westdeutschland" bezeichnete, Bomben in Heidelberg und Frankfurt gelegt hatten.
Am 27. Januar wurden wir zu einem älteren Herrn geführt. Er hatte einen weißen Anzug an, und er sagte uns, daß in wenigen Stunden ein Abkommen in Paris unterzeichnet würde und daß man uns bald entlassen würde.
Am selben Tag mußten wir die Sachen packen. Viel hatte ich nicht mitzunehmen -- einige Anzüge, die ich mir selbst nähen durfte, das Malteser-Kleid von Hindrika Kortmann und einen Spiegel, den ich nach meinem letzten Hungerstreik bekommen hatte und in den ich nur mit Überwindung gucken konnte. Außerdem nahm ich Aufzeichnungen mit, Auszüge von Lenin und das Testament von Ho Tschi-minh. Herr Diehl hatte es aus dem Englischen übersetzt und ich abgeschrieben. Ich wollte es behalten als Dokument, weil ich nicht wußte, ob man dieses Testament in der Bundesrepublik bekommen würde. Was ich darüber denke, darüber will ich mich nicht äußern. "Ein irres Jubelgebrüll, als die Maschine abhob."
Noch in derselben Nacht brachten sie Bernhard Diehl und mich in einem offenen Jeep in ein Sammellager mitten in Hanoi, das die amerikanischen Kriegsgefangenen sarkastisch "Hanoi-Hilton" getauft hatten.
Ich war die einzige Frau im Lager, bekam als Vergünstigung eine Einzelzelle und durfte den ganzen Tag über im Hof spazierengehen. Die Männer wurden über Mittag eingeschlossen. Herr Diehl war zusammen mit einem Kanadier in einer Zelle; er lebte richtig auf, weil er endlich wieder einmal in männlicher Gesellschaft war. Selbst meine Katze "Meo" war mit in das "Hanoi-Hilton" umgezogen.
Als ich merkte. daß es bald nach Hause geht, hatte ich zwei Schreiben an die Behörde gerichtet, in denen ich darum bat, die Katze mit nach Hause nehmen zu dürfen. In "Mountain Village" hatte sie sogar Zettel und Pakete zwischen Bernhard und mir transportiert. Es wurde mir auch erlaubt. Aber in dem Entlassungslager ließen die Wärter "Meo" morgens nicht wieder in meine Zelle. Eines Morgens blieb sie weg.
Wir alle waren voller Hoffnung. daß es nun bald nach Hause geht, aber ganz sicher waren wir nicht. Auch die Amerikaner waren nicht besser informiert als wir.
Ende Februar, das muß in der Zeit gewesen sein, als es in Südvietnam zu Zwischenfällen mit der Vietcong-Delegation gekommen war, wurde ein Transport aufgeschoben, und die Behandlung wurde wieder schroffer.
*Oben: mit Verwandten bei der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen; unten; Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Saarbrücken.
Eines Tages wurden wir zu einem Interview mit der Rundfunkstation "Voice of Vietnam" und einer Soldatenzeitung bestellt: sechs Amerikaner, zwei Filipinos, Herr Diehl und ich. Die Reporter wollten von mir wissen, was ich dazu zu sagen hätte, daß ich als Frau hier gefangengehalten worden bin. Ich antwortete, daß es gewiß keine Ehre für das vietnamesische Volk sei, mich gefangenzuhalten. Aber darauf reagierten die nicht.
Nach einem anderen Interview saßen wir mit dem Chef des FLN-Büros in Hanoi zusammen. Der beteuerte, man hätte uns nie als Feinde betrachtet -- ich habe ihn daraufhin gefragt, warum man uns dann als Feinde behandelt hat. Er darauf: "Wir wollen dieses Thema für heute fallenlassen."
Mit Mitgliedern der Lagerleitung fuhren wir auch die Stadt besichtigen, machten einen Besuch in einem Tempel und im Freiheitspark. Dann waren wir im Kriegsmuseum. Da waren Bilder vom Krieg zu sehen, Teile von abgeschossenen amerikanischen Flugzeugen. erbeutete Waffen und das Mikrophon von Ho Tschi-minh, mit dem er 1945 die Unabhängigkeit Vietnams proklamiert hatte. Daneben waren Kleider von ihm aus der Untergrundzeit ausgestellt und alte Töpfe, in denen er im Dschungel Wasser abgekocht hat. Die meisten Räume des Museums durften wir nicht betreten.
Am späten Vormittag des 5. März wurden wir entlassen. Gleich danach luden die Repräsentanten der FLN Bernhard Diehl und mich zu einem Essen in einem Restaurant ein. Wir hätten es gern vermieden, aber es war nicht möglich abzusagen. Einer der Vietcong-Führer stand feierlich auf, erhob sein Glas und trank auf unsere neue Freundschaft. Das Essen war sehr gut, aber wir hatten keinen Appetit.
Am Nachmittag um 13.30 Uhr kletterten wir auf dem Flugplatz Hanoi in eine Sanitätsmaschine. In dem Augenblick, als wir vom Boden abhoben, war ein irres Jubelgebrüll in der Maschine.
Es ist meine feste Absicht, nachträglich mehr in Erfahrung zu bringen über dieses Land und über dieses Volk, seine Geschichte und seinen Krieg. Ich hatte manchmal großen Zorn auf die einen wie auch auf die anderen. Aber ich habe mich innerlich gegen den Haß auf irgendeinen Menschen gewehrt. Das wäre der Ausdruck der Niederlage für einen selbst.

DER SPIEGEL 14/1973
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