02.04.1973

FERNSEHENSignal unter die Haut

Schon vor der Sendung hat das TV-Spiel „Smog“ Proteste ausgelöst: Es simuliert eine Smog-Katastrophe im Ruhrgebiet.
Leise rieselt das Gift. Damenstrümpfe zerreißen auf der Straße, in den Blumenkästen sterben die Tausendschönchen ab. Fußgänger torkeln übers Pflaster, Autofahrer hängen bewußtlos am Steuer, Fußballspieler brechen auf dem Rasen zusammen, Säuglinge würgen in Atemnot -- Schwefeldioxid liegt in der Luft.
Letzte Hilfe: Die Bundeswehr richtet Notlazarette ein, der Supermarkt offeriert Nasenbinden, das Ministerium gibt Katastrophenalarm: Privatleute dürfen nicht mehr Auto fahren, Durchgangsstraßen werden verbarrikadiert. ganze Stadtteile vom Verkehr abgeriegelt. Zu spät. In einem Krankenhaus sterben in zwei Nächten 16 Patienten; in der Zeitung laufen die Todesanzeigen über vier volle Seiten, achtmal mehr als normal. Die meisten Toten sind Smog-Opfer.
Das düstere Katastrophen-Crescendo im Ruhrgebiet ist ein fiktives Drama. Aber für den Berliner Fernsehautor ("Millionenspiel") Wolfgang Menge, 48, der es geschrieben hat, kann "das alles schon morgen passieren" -- und auf eine "gänzlich unvorbereitete Bevölkerung" hereinfallen.
Mit seinem jüngsten TV-Film über die Ursachen, Gefahren und Folgen des "Smog" (so auch der Titel), der am übernächsten Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten Programm ausgestrahlt wird, will Menge das Publikum denn auch weniger unterhalten als ihm "das Bedrohliche der Entwicklung wie ein Alarmsignal unter die Haut spritzen".
Hautnahe Effekte, juristische Logik und wissenschaftliche Akkuratesse haben Menge und "Smog"-Regisseur Wolfgang Petersen, 31, durch eine für Fernsehspiele ungewöhnliche Vorarbeit kombiniert:
* Erstmals diente ein Gesetz -- die nordrhein-westfälischen Verwaltungsvorschriften für Maßnahmen "bei austauscharmen Wetterlagen" -- als dramaturgischer Leitfaden eines Fernsehfilms.
* Erstmals wurden für ein TV-Spiel jahrelange Recherchen vor Ort betrieben, die Drehbücher von allen für Smog-Alarm zuständigen Instanzen überprüft und die meisten Szenen an Originalschauplätzen mit Originalpersonen gedreht.
* Erstmals führte eine Fernsehproduktion schon vor der Ausstrahlung zu massiven Einsprüchen von Politikern und zu einer parlamentarischen Anfrage.
Als Menge vor drei Jahren mit den "Smog"-Recherchen begann, lag, so sagt er heute, "das Thema geradezu in der Luft" -- in der dicken Luft des Kohlenpotts. Menge: "Erstens ist Nordrhein-Westfalen das einzige Bundesland, das für solche Fälle Gesetze erlassen hat, und zweitens ist das Ruhrgebiet ja nun wirklich kein Erholungszentrum."
Jedes Jahr regnen auf die 17 Millionen Revierbewohner zwischen Duisburg und Dortmund 210 000 Tonnen Dreck herab. In den ersten Dezembertagen des Jahres 1962 starben bei Smog 156 Menschen mehr als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. 1964 erließ die Landesregierung in Düsseldorf einen -- inzwischen mehrfach erweiterten und verschärften -- Smog-Plan.
Detail-Informationen sammelte der produktive Menge, der "Smog" als "meine 35. bis 50. Fernseharbeit" einordnet, bei der Landes- und der Bundesregierung. bei Forschungsinstituten und beim Wetteramt Essen, in Stahlküchen, Zechendirektionen, Gewerbeaufsichtsämtern und Polizeipräsidien. im Frühjahr 1972 legte er das eigens in 600 Exemplaren hektographierte Drehbuch (Menge: "Ein Bestseller") seinen Informanten zur Kontrolle und Korrektur vor.
Um das gesetzestreue, auf über 80 Rollen verteilte und in mehr als 100 Kurzszenen aufgesplitterte Drehbuch mit möglichst viel Kohlenpott-Kolorit zu illustrieren, ging Regisseur Petersen Mitte Oktober mit einem fast 90köpfigen Aufnahmeteam für zwei Monate an 85 Originalschauplätze zwischen Rhein und Ruhr. Dort durften Kumpels, Kicker, Journalisten, Hausfrauen und Polizisten "ihre eigene Sprache sprechen und den Text mit der Realität verbinden" (Petersen).
15 Schülerinnen der Kaiserin-Theophanus-Schule in Köln-Kalk beispielsweise analysieren die Säure in ihren durchlöcherten Strumpfhosen. Die ersten "Smog"-Kranken ließ Petersen auf den Fluren des Kölner St.-Joseph-Hospitals in 30 klinikeigene Betten legen und von leibhaftigen Schwestern betreuen. Den Pförtner des Düsseldorfer Arbeitsministeriums engagierte er, für zwei Sätze, vom Fleck weg.
Polizisten und ADAC-Helfer sperrten für ihn Straßen und Autobahnen ab. Smog-Flüchtige mußten sich auf dem Duisburger Hauptbahnhof unter 120 Reisende mischen. Und wenn immer sich der Himmel über dem Revier aufhellte, füllte Petersen die Naturkulisse durch künstliche Nebelschwaden und grauzeichnende Nebelfilter wieder in den gewünschten Dunst.
Um den "Eindruck des Pseudodokumentarischen" zu vermeiden und "die Leute auch noch am Bildschirm zu halten. wenn auf dem anderen Kanal Peter Alexander auftritt", unterlegte Menge seinem realistischen Smog-Manöver ein soziales Kontrastbild, "das jeder versteht": Der Kumpel-Familie Rykalla im grauen Mietshaus stirbt das Baby an den Folgen der Luftpest; die Direktoren-Familie Grobeck hingegen übersteht die kritischen Tage bei TV-Unterhaltung im feinen Bungalow.
Kaum war "Smog" Mitte Dezember abgedreht, da wirbelte er auch schon Staub auf. Der Essener SPD-Oberbürgermeister Horst Katzor protestierte bei prominenten Landespolitikern gegen den "reißerisch aufgemachten Science-fiction-Film". Hauptgeschäftsführer Heinz Spitnas von der Essener Industrie- und Handelskammer verwahrte sich gegen den "abenteuerlichen Mißgriff". Drei CDU-Landtagsabgeordnete verlangten in der Kleinen Anfrage 912 von der Regierung Maßnahmen gegen den "schweren Rückschlag" für die "Attraktivierung des Ruhrreviers".
Doch das Kabinett Kühn lehnte Eingriffe als "verfassungsrechtlich unzulässige Vorzensur" ab. Die Verantwortlichen im WDR ließen Menges 87-Minuten-Film bei einer hausinternen Inspektion ungekürzt passieren und verweigerten Katzor auch die ultimativ geforderte Diskussion nach "Smog"-Schluß.
Das Publikum wußte die Standhaftigkeit bereits zu schätzen. "Wenn Sie nicht die Menschen wachrütteln", schrieb WDR-Hörer Wunderlich aus dem ruhrfernen Ehningen dem Sender. "wer soll es sonst tun?" Eine Panik beim Publikum hält Menge nach diesem Vorecho auch für "unwahrscheinlich", nicht dagegen bei den Luft-Großverpestern. "Vor meinem Film", so behauptet er, "zittert die ganze Industrie."

DER SPIEGEL 14/1973
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