30.04.1973

FERNSEHENStarke Show

ZDF-Programmdirektor Joseph Viehöver, wegen seiner Amtsführung seit Jahren umstritten, soll bis 1980 wiedergewählt werden -- „im Handstreich“.
Die Deutschen verdanken ihm viel: Joseph Viehöver, Programmdirektor des ZDF, hat ihren Feierabend verschönt.
Mit dem "Impetus des Theologen und des Arztes" (Viehöver) hat er die Unterhaltung seiner Kunden stets "als legitim betrachtet" und daraus nie "gequälte pseudogesellschaftskritische Veranstaltungen gemacht". Seit es nach ihm geht, präsentiert sich Mainz im Fernsehen vorwiegend heiter -- wie es schießt, singt und lacht.
Die Ballerei auf der "Shiloh Ranch", die Schmalz-Tenöre von Peter Alexander und Rudolf Schock, nicht zu vergessen der "Heilige Florian" vom Tegernseer Volkstheater -- Viehöver, 47, hat das alles im Zweiten Programm groß herausgebracht. Er ist ein erfolgreicher Mann.
Schon einmal hat das ZDF-Verwaltungsgremium den früheren DGB-Pressechef, Abteilungsleiter im Informationsamt der Bundesregierung und stellvertretenden Intendanten des Deutschlandfunks zwei Jahre vor Ablauf seiner Dienstzeit wiedergewählt. Nun soll er seinem Publikum bis 1980 erhalten bleiben. Am Montag dieser Woche wollen ZDF-Verwaltungsräte den SPD-Mann Viehöver für die Zeit nach 1975 im Amt bestätigen.
Die Abstimmung wurde freilich recht kurzfristig angesetzt. Als die Tagesordnung längst verabschiedet worden war, wurde der Programmpunkt Wahl am 17. April nachgeschoben -- einen Tag nachdem der ahnungslose Verwaltungsrats-Vize und Viehöver-Gegner Albert Osswald (SPD) zu einem USA-Urlaub aufgebrochen war. Daher kursiert jetzt das Schlagwort "Handstreich" im ZDF.
Die SPD-Medienkommission. die dem ZDF-Programmdirektor zustimmen muß, wird nämlich demnächst neu besetzt. Dabei werden, so ist aus dem SPD-Parteivorstand zu hören, möglicherweise die Viehöver-Freunde Jockel Fuchs und Alex Möller von ihm weniger wohlgesonnenen Politikern wie Diether Posser abgelöst. Auch der Zustimmung des neuen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Heinz Kühn, für Medienpolitik verantwortlich, kann Viehöver nicht sicher sein. Seine Kandidatur wäre mithin künftig gefährdet.
Dem Programmdirektor, nach Proporz-Absprache zwischen den Parteien Stellvertreter des CDU -- Intendanten Karl Holzamer, wird von Genossen vorgeworfen, er habe sich eher zugunsten der CDU verdientgemacht. Nach der Devise: "Die Grundbasis unserer Arbeit ist konservativ" hat Viehöver sich progressiven Programmvorhaben nicht selten entgegengestellt. Schelte bekamen immer die Linken. Denn Viehöver ist "nicht von dem Gedanken abzubringen, daß in der Jugend zur Disziplin und Strenge angehalten werden muß" (so in einem Interview mit der Zeitschrift "Fernsehen und Film").
Streng hat er erst in der letzten Woche wieder seine Theaterabtei jung diszipliniert. Nachdem die Programmzeitschrift "Gong" dem ZDF in einem Leitartikel vorgeworfen hatte, es wolle sich "nur 85 Minuten nach Löwenthal" von "Kommunisten unterwandern" lassen, nahm Viehöver nicht nur die inkriminierte Diskussion "Theater in der Kritik", sondern auch das vorausgehende Arbeiterdrama "Oberösterreich" von Franz Xaver Kroetz kurzfristig aus dem Programm.
Zu der Diskussion, die acht Wochen zuvor aufgezeichnet und von der ZDF-Theaterabteilung für "gut, offen und konkret" befunden worden war, hatte Autor Kroetz absprachegemäß zwei "Arbeitervertreter" mitgebracht -- wie er selbst Mitglieder der DKP. Allein die politische Überzeugung der Disputanten, meint Kroetz, habe für Viehöver ausgereicht, sie einen Tag vor der Sendung zu "diffamieren" und "mit Redeverbot zu belegen". Kroetz in einem offenen Brief an das ZDF: "Sie betreiben ... die Verleugnung von Demokratie in großem Stil."
Das Gefühl für Demokratie ist beim Programmdirektor, der kaum einmal für einen Mitarbeiter zu sprechen ist, wohl nicht sehr stark ausgeprägt. Seine Stärke ist die Show. "Meine Stars", sagt Viehöver, "sind meine Freunde." Vico Torriani und Peter Alexander beispielsweise waren ihm auch im Urlaub liebe Kumpane; mit Herbert von Karajan fliegt er gern im Privat-Jet zum Diner.
Wen Viehöver protegiert, die Branche weiß es, der hat im deutschen Schaugeschäft ausgesorgt. Die Kleinkünstlerin Rut Rex etwa, früher einmal dem von Viehöver inzwischen degradierten ZDF-Unterhaltungschef Heinz Oepen "freundschaftlich verbunden" (Oepen), hat in ihm einen mächtigen Mäzen gefunden: Seit sie der Direktor im Januar 1972 ehelichte, zeigt sie ihre Attraktionen nicht mehr überwiegend im Vorprogramm-Tingeltangel, sondern zur allerbesten Abend-Sendezeit.
Höchstens zwei Rex-Produktionen im Jahr hatte Intendant Holzamer, widerstrebend, zugestanden. Aber schon jetzt ist klar, daß ihr "blechernes Organ" ("Süddeutsche Zeitung") voll "tränseliger Gefühlsduselei" ("Kölner Stadt-Anzeiger") 1973 in zumindest drei Renommiersendungen erschallen wird.
Statt der Sopranistin Grit van Jüten, die bereits eine mündlich zugesagte Gage von 8000 Mark akzeptiert hatte, wird Frau Viehöver demnächst als Malwine im "Schwarzwaldmädel" jubilieren. Das ZDF hat ihr großzügig einen Vertrag über 15 000 Mark vorgelegt; sämtliche Partituren müssen für die Altistin Rex umfrisiert werden. Eine Koproduktion mit den Wiesbadener Maifestspielen schloß das ZDF nur unter der Bedingung ab, daß Rut Rex dort zwei Chansons singen darf. Ein Rex-Auftritt in der Musik-Show "La Belle Epoque" ist zudem schon produziert.
Die Fürsorge, mit der er über das Wohlergehen seiner Lieben wacht, hatte Viehöver schon vor drei Jahren ins Gerede gebracht. Mitarbeiter kritisierten, der Direktor lasse seine Star-Freunde bei der Produktion über die Köpfe von Redakteuren hinweg schalten, er schanze einzelnen Produzenten-Partnern unangemessen lukrative Aufträge zu, und er habe dem Münchner Kaufmann Leo Kirch ("Beta/Taurus") nahezu ein Monopol auf Spielfilm. und Serien-Käufe des ZDF eingeräumt.
In einem Arbeitsgerichtsprozeß des Chefdramaturgen Wolfgang Hammerschmidt, dessen fristlose Entlassung Viehöver wegen angeblicher Verleumdung und übler Nachrede durchgesetzt hatte, wurde das Gerücht aktenkundig. ein freier TV-Produzent habe die (mit 465 000 Mark Hypotheken belastete) Direktoren-Villa in Wiesbaden mitfinanziert. Die Tatsache. daß sich Viehövers Freund Kirch das Entgegenkommen von ZDF-Redakteuren mit Geld zu erkaufen versuchte, hat der SPIEGEL damals unwidersprochen veröffentlicht.
Auch den Vorwurf, Viehöver protegiere den "Beta"-Lobbyisten Josef Göhlen für die frei gewordene Abteilungsleiter-Position im Kinder- und Jugendprogramm (SPIEGEL 8/1973), mochte der Fernsehdirektor öffentlich "keiner Zeile würdigen".
Lediglich in einem Brief an den ZDF-Verwaltungsrat sowie im brancheninternen epd-Pressedienst versuchte er, die SPIEGEL-Vorwürfe zu entkräften. Er verwahrte sich auch gegen die epd-Rüge, den qualifizierten, aber als links geltenden ZDF-Redakteur Helmut Greulich durch die Göhlen-Berufung zu übergehen.
Dabei stellte er unwahre Behauptungen auf; beispielsweise: Greulich habe sich gar nicht beworben, und er selbst, Viehöver, habe "durch die Praxis meiner Personalpolitik bewiesen, daß bei mir jeder in der Sache befähigte Mitarbeiter Aufstiegschancen hat".
Wahr ist: Greulichs Bewerbung ist einmal mündlich und zweimal schriftlich erfolgt. Auch für den Vorwurf einer eigennützigen Personalpolitik glauben sich Viehöver-Kritiker im ZDF im Besitz von Indizien: Während in den letzten acht Jahren von sechs außertariflichen (AT-)Spitzenpositionen in der ZDF-Chefredaktion fünf durch Mitarbeiter aus dem Hause besetzt worden sind, hat sich Viehöver auf vier frei gewordene AT-Stellen in seiner Programmdirektion drei Mitarbeiter von außen geholt.
Nur die vierte, den Stuhl des abgesetzten Unterhaltungschefs Oepen. vergab der machtbewußte Sozialdemokrat an ein Talent unter den Mitarbeitern: an seinen Assistenten Peter Gerlach.

DER SPIEGEL 18/1973
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