26.11.1958

BERLINDeutsche Werte nicht gefragt

Sechs Tage lang ließ Moskau den Westen in dem Glauben, mit dem am. Montag vorletzter Woche angekündigten Kalten Krieg um Westberlin habe es noch gute Weile. Am Dienstag der letzten Woche zerstörte Moskau die Illusion. Die "Prawda" schrieb:
"In der Nachkriegszeit ist die Besetzung Berlins von den Westmächten ständig als Mittel zur Vergiftung der Atmosphäre in Europa benutzt worden. Es ist an der Zeit, die Berliner Frage radikal im Interesse der Festigung des Friedens und der internationalen Sicherheit zu lösen."
Zwei Tage nach diesem Donnergrollen, am Donnerstagvormittag letzter Woche um 10.30 Uhr, rollte die SIS-Limousine des Bonner Sowjet-Botschafters Smirnow vor das Portal des Palais Schaumburg. Wenig später verkündete Smirnows Presseattaché Sergejew: "Der Botschafter hat den Kanzler über die Schritte unterrichtet, die meine Regierung beabsichtigt, um das Besatzungsregime von Berlin zu liquidieren."
Der zehn Tage vorher von Chruschtschew verkündete Kalte Krieg um Berlin hatte begonnen.
Am 10. November hatte Chruschtschew auf einer Massenversammlung im Moskauer Sportpalast Lushniki angedeutet, er wolle die zur Zeit noch von den Sowjets ausgeübte Kontrolle über die Wege von Westdeutschland nach Westberlin den Behörden der sogenannten DDR übertragen. Er hatte mit dieser Ankündigung Betrachtungen verbunden, die "Besetzung" Westberlins durch amerikanische, britische und französische Truppen habe "jede Rechtsgrundlage" verloren.
In New York, London und Paris faßte man die Rede Chruschtschews als eine Drohung gegen Westberlin auf und hob den Wehr-Arm zum. Schutze der "Insel der Freiheit"
Vierundzwanzig Stunden später konnte man ihn wieder sinken lassen. Der Moskauer Rundfunk beruhigte: Selbstverständlich denke die Sowjet-Union nicht daran, wegen Berlin einen Krieg zu entfesseln. Und am Freitag hielt Chruschtschew eine Rede - diesmal vor Kadetten der sowjetischen Armee -, aus der man im Westen weiteren Trost entnehmen konnte. Der Erste Sekretär versicherte:
"Wenn wir von Berlin sprechen, so erklären wir nicht, daß wir gegen den Westen kämpfen werden. In unserer Rede ist das nicht vorgekommen, wir haben davon nicht gesprochen."
Im Westen begann man sich Hoffnungen zu machen, Chruschtschew habe mit seiner Rede vom 10. November nur die Einmütigkeit Amerikas, Englands und Frankreichs in der Berlin-Frage abtasten wollen, habe sich aber durch die waffenklirrende Harmonie des daraufhin erklingenden westlichen Echos belehren lassen, daß es noch nicht an der Zeit sei, das heiße Berliner Eisen anzufassen.
Vier Tage später, am Dienstag, folgte dann der "Prawda"-Artikel. Sein Inhalt eine "radikale" Lösung sei "an der Zeit" - war unmißverständlich. Der Westen mußte seinen Wehr-Arm ein zweites Mal erheben.
Daß diese Art militanter Dauer-Gymnastik allgemeine Nervosität und Unruhe in der Wirtschaft zur Folge hat, war schon in den ersten vierzehn Tagen nach Chruschtschews Rede an deutschen Börsen zu beobachten.
Unmittelbar vor Chruschtschews Rede im Moskauer Sportpalast befanden sich die Kurse westdeutscher Industrie-Werte, vor allem der Montan-, Elektro- und Chemie-Wirtschaft, in einer "scharfen Aufwärtsbewegung" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). "Auch das Ausland bekundete anhaltendes Interesse." Noch am 10. November verzeichnete man an allen deutschen Börsen, daß "die neue Hausse-Bewegung in stürmischem Tempo ihren Fortgang" nehme.
Vierundzwanzig Stunden danach war es mit diesem Fortgang vorbei. Deutsche Papiere erlitten Kurseinbrüche wie vor drei Jahren, als in den USA die Regierung Eisenhower die überhitzte amerikanische Konjunktur zu bremsen versuchte und amerikanische Aktien-Besitzer deutsche Papiere abzustoßen begannen. Diesmal boten vor allem Schweizer Aktienbesitzer ihre Papiere zum Kauf an. Am Mittwoch schließlich lagen - so die "Frankfurter Allgemeine" - "vornehmlich aus dem Ausland, und hier wieder hauptsächlich aus der Schweiz, größere Verkaufsorder vor, und zwar in erster Linie für führende Spitzenwerte, speziell aber für Berliner Aktien".
Genau im Rhythmus der westlichen Wehr-Gymnastik beruhigte sich dann am Donnerstag der deutsche Aktienmarkt. Selbst die hausväterischen Schweizer fanden zu ihrem Vertrauen in deutsche Industrie-Papiere zurück. An der Münchner Börse konnten Makler Schweizer Fränkli für die immer noch etwas billiger als am Wochenbeginn notierten deutschen Industrie-Papiere springen lassen.
Die "Prawda"-Erklärung vom Dienstag der letzten Woche machte einen Strich durch diese Rechnung. In Hamburg, Köln, Frankfurt und München mußten selbst die von der vorangegangenen Hausse besonders begünstigten Montan-, Chemie- und Elektro-Papiere Kurseinbrüche recht beträchtlichen Umfangs hinnehmen. Die "Frankfurter Allgemeine" schrieb: "So extreme Entwicklungen hat es in der Nachkriegszeit an den deutschen Effektenbörsen noch nicht gegeben..."
Die Einbrüche wären sicher noch "extremer" gewesen, wenn nicht die Deutsche Bank mit Stützungskäufen den Kursen beigesprungen wäre.
Besonders energisch mußte die Deutsche Bank für Papiere solcher Unternehmen eingreifen, deren Produktion teils oder ganz in Westberlin ansässig ist.
Darin spiegelte sich eine Sorge, die zumindest nicht unbegründet ist - daß nämlich der Transport Berliner Industrie-Produkte nach dem Westen im Verlauf der nächsten Jahre zunehmenden Schikanen der "DDR"-Behörden ausgesetzt sein wird. Der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt mußte denn auch am Donnerstag letzter Woche konstatieren: Es sei das "erklärte Nahziel der Ulbricht-Gruppe, das Vertrauen in die Stabilität unseres (Berliner) Wirtschaftslebens zu erschüttern, ein Gefühl der Unsicherheit zu verbreiten und den Aufbau des freien Berlin zu untergraben".
Freilich war bereits am Donnerstagabend erkennbar, daß Moskaus Absichten - selbst soweit sie nur Berlin und nicht die gesamte deutsche Frage betreffen - weit über das Ziel eines bloßen Wirtschaftskrieges hinausreichen. Schon bevor Smirnow zum Empfang im Palais Schaumburg erschien, war der deutsche Moskau-Botschafter Kroll in das sowjetische Außenministerium gebeten worden.
Dort hatte man mit einer Reihe von Ansichten der sowjetischen Führung über Berlin vertraut gemacht - nämlich:
- Die Existenz der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit in Westberlin stelle eine Herausforderung dar,
- demonstrative Sitzungen des Bonner Bundestages in Berlin seien "Maßnahmen des Kalten Krieges",
- der Transport von DDR-Flüchtlingen auf dem Luftwege von Westberlin nach Westdeutschland sei ein feindseliger Akt gegen die "Deutsche Demokratische Republik".
Indes, auch in Bonn war man sich am Freitag letzter Woche darüber im klaren, daß die Sowjets weitaus mehr als eine Revision des Status von Berlin anstreben, sondern vielmehr darauf aus sind, eine gemeinsame Kontrolle der Weltmächte über das deutsche Gebiet zu erzwingen.
Außenminister von Brentano brachte diese Einsicht auf die Formel, die Sowjets strebten "eine Verschiebung ihres Machtbereichs" an, konzedierte ihnen freilich, daß sie bei der Verwirklichung dieses Zieles behutsam vorgehen würden.
Daily Mail, London
Michel aus dem Kasten

DER SPIEGEL 48/1958
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