26.11.1958

STAHLMuß die Lampe brennen?

Westdeutschlands größter Stahlproduzent, die Dortmund-Hoerder Hüttenunion AG, hat sich vor kurzem zu einer Maßnahme entschlossen, die ihre Skepsis gegenüber dem weiteren Verlauf der Stahlkonjunktur erkennen läßt. Nach Besprechungen mit dem Betriebsrat wurden 600 Arbeiter entlassen, weiteren 4500 wurde die Arbeitszeit von 45 oder 42 Wochenstunden auf 38 Stunden verkürzt. Erstmalig blieben auch die Angestellten nicht verschont; ihre Arbeitszeit wurde auf 39 Stunden reduziert, was die Monatsgehälter um mehr als sechs Prozent verringerte.
Die Hüttenunion zählt zu den Stahlproduzenten, die bislang nach dem Rezept Ludwig Erhards geduldig auf eine Besserung der Lage gewartet haben. Jetzt noch länger abzuwarten, schien jedoch dem Vorstand unmöglich, weil mittlerweile die Mammutkapazität der Werke nur zu 70 Prozent ausgenutzt werden kann. Hatten die Betriebe der Dortmunder Union noch im Oktober 1957 rund 234 000 Tonnen Rohstahl erzeugt, so waren es im September dieses Jahres nur knapp 160 000 Tonnen.
Auch andere Stahlunternehmen der Ruhr, deren Produktionskurven ähnlich denen in Dortmund verlaufen, lassen nach vergeblichem Hoffen ihre Arbeiter über die Situation nicht länger im unklaren. Die Ruhrstahl AG beispielsweise, die ebenfalls schon 500 Arbeiter ihrer Henrichshütte in Hattingen entlassen und weitere 600 auf Kurzarbeit setzen mußte, bereitete ihre Belegschaft vor einigen Wochen vorsorglich auf eine "noch stärkere Einschränkung" in naher Zukunft vor.
Westdeutschlands gesamte Stahlproduktion ist gegenwärtig um gut 20 Prozent gedrosselt. Von den 122 Hochöfen der Bundesrepublik liegen 20 still. Die Klöcknerwerke, die in ihrem neuen Bremer Werk hoffnungsvoll einen modernen Hochofen größter Leistungsfähigkeit errichtet haben, müssen ihn kalt stehenlassen. Alle Werke haben ihre Belegschaften auf notorische Bummelanten und entbehrliche Hilfskräfte durchgekämmt und insgesamt 6800 Arbeiter entlassen. Rund 60 000 Arbeitern und Angestellten wurde die Arbeitszeit verkürzt.
Den Betriebsräten der Stahlarbeiter, die sich diesen Notmaßnahmen widersetzen wollten, legten die Vorstände der Unternehmen bedauernd die nur spärlich gefüllten Auftragsbücher vor. Inlandbestellungen auf Walzstahlerzeugnisse zum Beispiel hatten sich während der ersten neun Monate des vergangenen Jahres konstant um 1,15 Millionen Tonnen je Vierteljahr gehalten. Zur Jahreswende 1957/58 war der Auftragsbestand bereits unter eine Million Tonnen gefallen. Danach verzeichneten die Auftragsbücher der Walzwerke:
- 930 000 Tonnen im ersten Quartal,
- 785 000 Tonnen im zweiten Quartal und
- 819 000 Tonnen im dritten Quartal 1958.
Die Lieferzeiten für Walzprodukte, die vor Jahresfrist sechs Monate und mehr betrugen, sind radikal zusammengeschmolzen. Normaler Walzstahl ist sofort, Spezialsorten sind in längstens vier Wochen lieferbar.
In den Stahlkontoren hatte es eine Zeitlang Verwirrung ausgelöst, daß dem Rückgang der Stahlaufträge ein zumindest gleichbleibender, teilweise sogar steigender Verbrauch von Stahl gegenüberstand. Viele der stahlverbrauchenden Branchen in Westdeutschland melden immer noch einen Anstieg ihrer Produktion und mithin einen Mehrverbrauch von Stahlprodukten: Der Schiffbau nahm während der ersten neun Monate 1958 gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres um 3,4 Prozent, die Fertigung der Elektroindustrie um 13,6 Prozent und der Ausstoß der westdeutschen Automobilfabriken sogar um 17,4 Prozent zu.
Der Widerspruch zwischen diesem wachsenden Stahlverbrauch und dem Schrumpfen der Stahlproduktion klärte sich jedoch bald auf. Er hat seine Ursache in den ungewöhnlich hohen Stahlvorräten, die in der Bundesrepublik angehäuft worden waren. Die Vorstandsmitglieder der Klöcknerwerke Dr. Gerhard Schroeder und Hans-Jörg Sendler bekannten vorletzte Woche, als sie ihren neuesten Geschäftsbericht veröffentlichten: "Die Lagerbestände bei Handel und Verbrauchern haben sich höher als ursprünglich angenommen erwiesen."
In der Tat haben die stahlverbrauchenden Industrien während der Zeit der langen Lieferfristen Stahl gehamstert und auf Lager genommen. Das Materialpolster der Werften etwa ist so groß, daß sie sechs Monate Schiffe bauen und Stahl verbrauchen könnten, ohne eine einzige Tonne neu bestellen zu müssen. Alle übrigen Stahlverbraucher verfügen über Lager, die durchschnittlich vier Monate ausreichen. Eine Million Tonnen Walzstahl wartet überdies in den Lagern der Großhändler auf Abruf.
Anfang September bekamen die Stahlwerke den Druck dieser Vorräte mit besonderer Wucht zu spüren. Die Werften, das Baugewerbe und die Fahrzeugindustrie setzten plötzlich ihre Aufträge radikal herab. Auf die erregten Rückfragen der Stahldirektoren ließen die Großverbraucher mitteilen, man habe sich vorgenommen, die Aufträge solange stark abzudrosseln, bis die Stahlläger wieder auf den Normalstand von etwa 50 Prozent der heutigen Vorräte abgebaut seien. Für die Ruhr würde ein derart radikaler Auftragsstopp eine Beschäftigungslücke von zwei bis drei Monaten entstehen lassen. Mindestens solange würde es dauern, den Arbeitsausfall zu überwinden.
Da ein solcher Rückschlag nicht ohne Stillegung weiterer Hochöfen und ohne Massentenlassungen abgegangen wäre, meldete die Stahlindustrie bei ihren Großverbrauchern energische Proteste an. Die Verhandlungen führten schließlich zu dem Kompromiß, daß die Stahlverbraucher den Abbau ihrer Lager nunmehr auf zwölf Monate verteilen und ihre laufenden Aufträge an die Stahlwerke nur um etwa ein Viertel kürzen. Der Auftragsstopp um 25 Prozent wird jedoch die westdeutsche Stahlproduktion weiterhin empfindlich drosseln, wenn auch nicht in dem Umfange, wie ursprünglich befürchtet.
Im Gegensatz zur Ruhrkohle wollen die Stahlunternehmen ihre Erzeugung der erwarteten Nachfrage-Kürzung anpassen und nicht, wie es ihnen die Montanunion-Behörde empfahl, die gegenwärtige Produktionshöhe halten und das nicht-absetzbare Roheisen selbst auf Lager nehmen. Nach den Erfahrungen mit den unverändert anwachsenden Kohlenhalden lehnt man an der Ruhr den Gedanken ab, nun auch Halden von Roheisen aufzuschichten. Direktor Schroeder: "Roheisen auf Halden - damit beseitigt man bei dem Kranken die Krankheit nicht, sondern betäubt nur seine Schmerzen."
Die Stahldirektoren bemühen sich vielmehr darum, die Betriebsräte und Belegschaften von ihrer Ansicht zu überzeugen, während der Flaute sei eine Ausdehnung der Kurzarbeit die auf lange Sicht bessere Lösung. Sie wollen ihre Arbeitnehmer offen darauf vorbereiten, daß künftig mindestens 25 Prozent von ihnen sich mit Kurzarbeit begnügen müssen. Im übrigen soll versucht werden, die Betriebe mit größtmöglicher Sparsamkeit über die finanzielle Durststrecke bis zu einem neuen Konjunkturaufschwung zu bringen.
In Dortmund-Hoerde appellierte die Geschäftsleitung an den Sparsinn der Belegschaft: "Muß der Arbeitshandschuh schon umgetauscht werden, ... muß die Lampe brennen oder der Ventilator laufen? Kann man nicht im Büro sorgfältiger mit Büroklammern, Radiergummi und Schreibpapier umgehen?" Der Aufruf schließt mit der Feststellung: "Denn niemand vermag auch nur im entferntesten abzusehen, zu welchem Zeitpunkt eine bessere Arbeitslage zu erwarten ist."
Industriekurier
Kein Land in Sicht
Stahlwerk-Direktoren Schroeder, Sendler: Hochöfen stehen kalt

DER SPIEGEL 48/1958
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