26.11.1958

PAPSTTRAUERProtestantische Proteste

Pius XII. war nicht der Vater der Christenheit, sondern - wie bedeutend er als Mensch immer war - nur der Papst der Römisch-Katholischen Kirche." Mit solchen Wendungen schockierte dieser Tage der Stuttgarter Stadtpfarrer Werner den CDU -Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Dr. Gebhard Müller, und den württembergischen Landesbischof, D. Dr. Martin Haug.
Der evangelische Pfarrer wollte mit gleichlautenden Briefen an Regierungschef und Kirchenleitung gegen das Trauer-Übersoll protestieren, das nach seiner Auffassung Staat, Rundfunk und Presse beim Tode Pius XII. abgeleistet hatten. Das öffentliche Trauerzeremoniell erschien dem Protestanten Werner deshalb so gefährlich, weil es "den Eindruck machen müsse, als ob die Evangelischen bereits auf dem Wege nach Rom seien".
In der Tat steht der Stadtpfarrer nicht allein mit seiner Frage: "Sind wir bereits katholischer geworden als die Franzosen und Italiener?" Dr. Herbert Werner, der die Gemeinde Paulus-Kirche in Stuttgart-Zuffenhausen betreut, ist nämlich Vorsitzender und berufener Sprecher der "Kirchlichen Bruderschaft" in Württemberg, eines Vereins religiös aktiver Pfarrer und Laien, der innerhalb der Evangelischen Landeskirche den reformatorischen Kampfgeist Martin Luthers hochzuhalten sich bemüht.
Im Namen und im Geist der "Kirchlichen Bruderschaft" hatte Werner aufgetrumpft:
"Das Papsttum ist uns heute wie vor 400 Jahren Inbegriff aller Häresie. In dieser Auffassung wurden wir, sofern das überhaupt noch nötig war, durch die Dogmatisierung der Lehre von der leiblichen Himmelfahrt Marias unter Pius XII., durch seine Weihnachtsbotschaft im Jahre 1956 und durch die Verfolgung der Evangelischen in den katholisch regierten Ländern, wie Spanien und Kolumbien, nur noch bestärkt.*"
Allein, der Zuffenhausener Stadtpfarrer mußte bald die Erfahrung machen, daß derartige Auslassungen, so lutherisch sie auch sein mögen, doch durchaus unerwünscht sind.
Aus der Staatskanzlei erhielt der Bruderschafts-Vorsitzende lediglich den knappen Bescheid, daß Dauerbeflaggung beim Tode eines Staatsoberhauptes - und ein Souverän sei der Papst gewesen - allgemeine Übung sei. Der in der Stuttgarter Gänsheidestraße residierende Landesbischof von Württemberg hielt Stillschweigen für die angemessene Antwort auf Werners Forderung, sich formell gegen "die Gewissensverletzung und Überzeugungssteuerung" durch Regierungen, Rundfunk, Presse und Wochenschauen zu verwahren.
Wie unzeitgemäß seine Kritik an der Papsttrauer aber in Wirklichkeit war, wurde dem nachgeborenen Lutheraner Werner klar, als selbst die "Stuttgarter Zeitung", die größte Baden-Württembergs, den Abdruck des Protestbriefes rundweg ablehnte. Nicht einmal unter der neutralen Rubrik "Leserbriefe" wollte das Blatt, das an eine alte liberale Tradition in dem einst evangelischen Stuttgart anknüpft, den Vertreter des Luthergeistes zu Worte kommen lassen.
Der katholische Alleinherausgeber, Dr. phil. h. c. Josef Eberle, schrieb dem Dr. Herbert Werner, er könne die Publizierung "nicht verantworten", weil Werners Brief - "Leben wir in einem völlig katholisch beherrschten Land?" - einem "Akt konfessioneller Verhetzung" gleichkomme.
Werner sendet nun seine Epistel, mit der er ursprünglich die Öffentlichkeit aufrütteln wollte, den evangelischen Pfarrern Württembergs gedruckt ins Haus. Die 1500 Amtsbrüder wenigstens möchte er ansprechen. Weitere Erfolge seiner Attacke erhofft er nicht mehr.
* In der Weihnachtsbotschaft von 1956 verneinte Pius XII. nach der Unterdrückung des ungarischen Aufstandes durch die Sowjet-Union - das Recht auf Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen, wenn der Militärdienst von einer demokratischen Regierung zur Verteidigung beschlossen wurde.
Evangelischer Bischof Haug
Gewissen in der Gänsheidestraße
Lutherischer Pfarrer Werner
Zorn in Zuffenhausen

DER SPIEGEL 48/1958
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