26.11.1958

ARWADer willlkommene Streik

Der Buß- und Bettag schien der südbayrischen Gewerkschaft Textil-Bekleidung das geeignete Datum zu sein, um nach 124 Streiktagen vor einem Unternehmer zu kapitulieren, dem nach den Worten des bayrischen Textilarbeiter-Funktionärs Grötsch "mit den legalen Mittel des Streiks einfach nicht beizukommen ist".
Dieser Unternehmer ist Hans Thierfelder, Eigentümer der Feinstrumpfwirkerei Arwa im oberbayrischen Bischofswiesen; ein Mann, dem die Gewerkschaften vorwerfen, er betrachte "das schöne Berchtesgadener Land als einen Naturschutzpark für Rückschritt und unsoziales Verhalten".
Rückschrittlich und unsozial dünkte Grötsch und seine Gewerkschaftskollegen die Art, wie Thierfelder versucht hatte, der seit Monaten in Westdeutschland grassierenden Strumpfabsatzkrise auszuweichen. Um der starken Konkurrenz nahtloser Beinhüllen zu begegnen, die neuerdings in der Bundesrepublik mit Vorliebe gekauft werden, hatte Thierfelder vor fünf Monaten einen drastischen Rationalisierungsplan aufgestellt:
- Künftig sollten seine Cottonwirker statt einer Maschine (unter Assistenz einer Hilfskraft) deren zwei bedienen;
- ihre Stundenlöhne wollte Thierfelder von durchschnittlich drei auf 2,60 Mark reduzieren.
Obwohl dieser Lohn immer noch um 12 Pfennig über dem in der Strumpfwirker-Branche gültigen offiziellen Tariflohn lag, verließ eine Reihe von Cottonwirkern auf diese Ankündigung hin den Betrieb. Die Textil-Gewerkschaftler glaubten daraufhin, die Gelegenheit sei günstig, den Strumpffabrikanten, der bisher dem Verein der Südbayrischen Textilindustrie nicht angehörte und mithin auch nicht an die offiziellen Tarifverträge gebunden
war, an die Kette fester Tarifabmachungen zu legen. Als der Unternehmer dies verweigerte und ein Ultimatum ignorierte, wurde ein Sitzstreik organisiert.
Zur Verblüffung der Gewerkschaft lenkte Thierfelder jedoch nicht ein, sondern setzte die 192 Streikenden vor das Werkstor. Nach den Statuten der Gewerkschaft Textil-Bekleidung dürfen jedoch nur Arbeitnehmer Streikunterstützung beanspruchen, die seit mindestens drei Monaten organisiert sind. Eine beträchtliche Anzahl der Arwa-Arbeiter war das nicht. Notgedrungen gestattete die Gewerkschaft den Unorganisierten, Beitragsmarken mit rückwirkender Gültigkeit zu kaufen, um dadurch die volle Streikunterstützung zu erhalten.
Den freigesetzten Wirkern war dieses Eingeständnis recht. Sie schoben Streikposten und erhielten dafür etwa 95 Prozent ihrer Nettolöhne aus der Gewerkschaftskasse. Bisweilen wurden Kundgebungen organisiert, auf denen Funktionäre aus nah und fern den Unternehmer Thierfelder im Gewerkschaftsjargon attackierten und sich schadenfroh darüber ausließen, daß die noch laufende Produktion "nicht einmal die Sortimentswünsche von ein paar Einzelhändlern erfüllen" könne.
Hans Thierfelder stellte indes neue Arbeiter ein, und immer mehr Cottonmaschinen liefen wieder an. Daraufhin wandte sich die Gewerkschaft an die bayrische Regierung und bat um Vermittlung. Sie versäumte auch nicht, die beiden christlichen Kirchen anzurufen. Eilig schaltete Bayerns Arbeitsminister Walter Stain (BHE) sich ein, um den Streik zu schlichten.
Vermittler Stain verlautbarte zwar immer wieder, er hoffe, daß der Streik "noch in dieser Woche" beendet werde. Zu den Offerten aber, die Stain dem Thierfelder unterbreitete, gehörten auch Ratschläge wie: er solle doch seinen Betrieb schließen und nach Afrika gehen.
Ebensowenig wie diesem Rat folgte Thierfelder einem Angebot des Arbeitsministers. Es besagte: Die Firma möge alle Streikenden wieder einstellen und sie dann, falls sie überflüssig seien, wieder entlassen. Die Gewerkschaft, des Streiks inzwischen überdrüssig, erklärte sich damit einverstanden und sagte offiziell "Hilfe bei einer nach Wiedereinstellung unvermeidlichen Massenentlassung zu". Dem Thierfelder schien diese Offerte nur dazu angetan, das Prestige der Gewerkschaft zu retten. Er lehnte ab.
Als Gegenvorschlag bot Arbeitgeber Thierfelder an, er sei bereit, etwa 70 Arbeiter wiedereinzustellen; mehr könne er zur Zeit ohnehin nicht beschäftigen. Außerdem werde er dem Verein der Südbayrischen Textilindustrie beitreten und damit automatisch den Tarifvertrag mit der Gewerkschaft anerkennen. Trotz dieses Zugeständrisses wies die Textilarbeitergewerkschaft den Vorschlag zurück. Sie bestand auf Wiedereinstellung aller entlassenen Arwa-Arbeiter.
Anfang September verhärtete sich die Streikfront zusehends. Es kam zu Schlägereien vor den Arwa-Toren, die später von beiden Seiten verschieden interpretiert wurden. Mittlerweile hatte Thierfelder so viele Streikbrecher beisammen, daß eine von den sonst üblichen drei Schichten wieder voll beschäftigt war. Die Textilfunktionäre dagegen gaben die Parole aus:
"Alle oder keinen."
Diese Forderung war später allerdings immer weniger durchzusetzen. Immer mehr Streikende zog es an die Cottonmaschinen zurück; unter ihnen befand sich ein Wirker, der schriftlich bescheinigt haben wollte, was die Textilfunktionäre mehrfach auf Streikversammlungen erklärt hatten: Die Gewerkschaft garantiere den Streikenden, daß sie an ihre Arbeitsplätze zurückkommen würden. Als der Wirker trotz häufiger Vorstellungen diese Garantieerklärung nicht bekam, meldete er sich bei Thierfelder vom Streik zurück.
Anfang Oktober schloß der Strumpffabrikant mit seinem - inzwischen neugebildeten - Betriebsrat eine Vereinbarung, wonach die Bestimmungen des allgemeinen Tarifvertrags für die südbayrische Textilindustrie auch von Arwa übernommen würden. Daraufhin begann eine zweite Schicht zu arbeiten. Trotzdem tönte wenige Tage darauf der stellvertretende bayrische DGB-Vorsitzende Alois Seitz aus Berchtesgaden in einem Aufruf:
"Den Ausgesperrten und Streikenden versprechen wir auch die Solidarität des Internationalen Bundes freier Gewerkschaften. Die Folgen dieser verschärften Auseinandersetzung hat dann dieser Unternehmer ausschließlich zu tragen. Sie werden sich nicht nur auswirken auf das eigene Unternehmen, sie schädigen auch das Ansehen der gesamten Unternehmerschaft und der Wirtschaft und erschüttern auch das Ansehen der Bundesrepublik in der freien Welt auf das schwerste."
Martin Heiß vom Düsseldorfer Hauptvorstand der Gewerkschaft Textil-Bekleidung sekundierte seinem oberbayrischen Kollegen: "Der Kampf geht verschärft weiter, wir werden Möglichkeiten finden, um diesen Streik erfolgreich zu Ende zu führen." Zu diesen Möglichkeiten rechneten die Funktionäre auch einen Aufruf zum Boykott der Arwa-Strümpfe, zu dem sie sich jedoch in unverhüllter Form nicht zu entschließen vermochten. Sagt Thierfelder, dem es schon nicht gegeben war, seine Rationalisierungsmaßnahmen mit einiger Geduld vorzutragen: "Darauf haben wir nur gewartet. Die hätten eine schöne Einstweilige Verfügung draufbekommen."
Erst Ende Oktober wurde den Streikenden auch von den Gewerkschaftsfunktionären behutsam eröffnet, daß die Lage auf dem Strumpf-Markt tatsächlich bedrohlich aussehe und daß es mithin um die Wiedereinstellung nicht gut bestellt sei. Klarer drückten sich die Textilfunktionäre jedoch erst am Montag letzter Woche aus, als sie den Streikenden kleinlaut verkündeten, gegen Hans Thierfelders starre Haltung sei einfach nichts zu machen. Damit war der Streik zusammengebrochen. Der Menge wurde erklärt, die Gewerkschaft habe das möglichste herausgeholt:
- Thierfelder stelle im Ablauf der nächsten vier Wochen 65 Streikende wieder ein und
- trete dem Verein der Südbayrischen Textilindustrie bei, bis zur Aufnahme wende er den bisher gültigen Tarif weiterhin an.
Die Funktionäre vergaßen jedoch, ihren Mitgliedern mitzuteilen, daß Thierfelder von sich aus bereits Anfang September eben dieses Angebot unterbreitet hatte. Ein dritter Punkt der Vereinbarung, wonach Thierfelder bis zum 30. April bei Bedarf nur Ex-Streiker engagiert, ist praktisch bedeutungslos, da ein Konjunkturauftrieb auf dem Strumpf-Markt nicht erkennbar ist.
In Bischofswiesen erinnern sich nun etliche Streiker an die Garantieerklärung, von der die Textil-Funktionäre heute nichts mehr wissen wollen, obwohl sie über die Deutsche Presse-Agentur (dpa) verbreitet wurde. Fritz Knepper vom Düsseldorfer Hauptvorstand Textil versuchte, die Meldung zu bagatellisieren: "Es könnte sich höchstens um einen falschen Zungenschlag gehandelt haben, aber ein Rechtsanspruch ist daraus selbstverständlich nicht herzuleiten."
Knepper vermag auch nicht zu erklären, wieso die Arwa-Arbeiter fest damit rechnen, die Gewerkschaft werde ihnen nunmehr die Differenz zwischen Streikgeld und Arbeitslosenunterstützung auszahlen. Ein solcher Beschluß sei nicht gefaßt worden. Der Hauptvorstand der Gewerkschaft Textil-Bekleidung werde lediglich, "wenn ein am Streik Beteiligter in Not geraten sollte", nach individueller Prüfung einspringen.
Der Streik hat die Gewerkschaft Textil -Bekleidung rund eine halbe Million Mark gekostet. Hans Thierfelder beziffert seinen Produktionsausfall mit 800 000 Paar Strümpfen, weigert sich aber, einen echten Umsatzausfall bekanntzugeben. Wie gelegen ihm der Streik angesichts der Absatzflaute tatsächlich kam, läßt sich immerhin daraus ersehen, daß die Arwa -Strumpflager Hans Thierfelders während der ganzen 124 Tage nie leer gewesen sind.
Streikende Arwa-Arbeitnehmer
Nur 70 wiedereingestellt
Arwa-Arbeitgeber Thierfelder: Sieg nach 124 Tagen

DER SPIEGEL 48/1958
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