26.11.1958

UND VERGESST DIE LIEBE NICHT

Das "Neue Deutschland" brachte im Rahmen einer Artikelserie aus dem Eisenhüttenkombinat Stalinstadt Variationen zum Thema Heiraten und über das 9. sozialistische Gebot: "Du sollst sauber und anständig leben und deine Familie achten."
Die ganze Abteilung war anwesend - von der Putzfrau bis zum Chef! Das drängte und schob zu dem kleinen Kulturraum, den Arbeitskollegen ganz in Weiß ausgeschlagen hatten. Selbst die Fenster waren belagert. Und groß und breit sahen die Hochöfen durch die Scheiben: gewichtige Zeugen. Denn das war der Brautleute Wunsch: zu heiraten im Kombinat, wo sie sich kennengelernt hatten.
Feierliche Klaviermusik, festliche Ansprache des Ratsangestellten, der offizielle Akt: Die Urkunde wird unterschrieben. Dann wechseln die Ringe, und der Werkleiter übergibt die Schlüssel zur Wohnung. Und vordem: Verpflichtung für ein ganzes Leben, die Worte aus dem Gelöbnis zur Eheschließung.
Dann war Stille im Raum. Die Brautleute bekennen sich zum Gelöbnis. Leise Musik. Eine ältere Frau schluchzt auf. "Du sollst sauber und anständig leben und deine Familie achten", steht in großen Buchstaben an der Stirnseite.
Denkt die ältere Frau dies: "Ach, Töchterchen, deine Augen glänzen, und dein Gesicht ist vor Erregung rot. Weißt du, was dir bevorsteht? Du kennst deinen Helfried, ich wünschte, du kennst ihn gut ...
"Mein Kleid war weiß wie deines, und meine Gedanken wirbelten in Jahren vorweg wie jetzt deine, als uns der Pfarrer zusammentat. Aber was sind schon Schwüre; das Leben ist meineidig! Nur eines hat meiner nicht vergessen: Die Frau soll dem Manne untertan sein!"
Ein junges Mädchen, laut pochendes Herz unterm Arbeitskittel, betrachtet beiläufig die Losung: "Du sollst sauber und anständig leben und deine Familie achten." Und denkt: "Ein schöner Spruch. Ich will auch anständig leben.
"Mein Werner denkt so wie ich. Er sitzt nicht wie andere Burschen schon nachmittags im 'Friedensstahl' oder einem anderen Lokal. Was sie doch alles für Gründe finden: Einstand ist zu feiern, eine Prämie ist jemandem wegzutrinken, beim nächsten wird die Verlobungsfeier nachgeholt - ohne Braut natürlich. Pfui Teufel!
"Ein andermal rollen die Würfel. Du bezahlst ... ich bezahle ... er bezahlt! Der Nachmittag wird zur Nacht, und zu Hause wartet die junge Frau.
"Was sagst du ihr?
"Ich sage, es war Produktionsberatung!
"Schmutziges Gelächter.
"Mein Werner ist nicht so! Wenn wir heiraten, wird er auch einen schwarzen Anzug tragen - wie der Helfried. Gut sieht er aus. Rosemarie ist schön. Ob ich's als Braut auch wäre? Ein weißes Kleid möcht' ich tragen, und die Orgel müßte spielen. Nicht in der Kirche, natürlich nicht, sondern im neuen Kulturhaus. Manche sagen wohl, weißes Kleid und Orgel wäre kirchlich - ich find's schön.
"Wenn Werner von der Armee zurückkommt, werden wir heiraten. Dann wird bei uns schon der Sozialismus sein. Manche Männer behaupten ja, dann gäbe es für Frauen keine Arbeit mehr. Wie soll das nur werden - bloß immer am Kochtopf stehen. Und dabei heißt es doch immer: Gleichberechtigung für die Frauen! Auch für sie ein anständiges Leben! Jedenfalls lassen schon jetzt viele Männer ihre Frauen zu Haus - sicher, damit sie nicht zu heftig vom ausbrechenden Sozialismus überrascht werden.
"Werner wird dann zur Abendschule gehen, seinen Meister machen. Ich gehe mit! Zu zweien lernt sich's leichter. Außerdem will ich etwas von ihm haben. Es sind schon genug Versammlungen, Ernteeinsätze, Lehrgänge, die das Familienleben stören. Aber vielleicht läßt das auch nach, denn wenn die Frauen im Sozialismus nichts mehr zu tun haben, werden auch den Männern die gebratenen Tauben in den Mund fliegen...
"Ob Rosemarie zu bedauern ist? Ihr Mann ist Genosse, und er will wohl auch in die Kampfgruppe gehen. Was wird sie schon von ihrem Mann haben..."
Und vielleicht denkt Erich Markowitsch, dieser lebenserfahrene Genosse, der als Werkleiter dem jungen Paar die Wohnungsschlüssel übergeben hatte:
"Alle tragen wir mit uns Anschauungen und Gewohnheiten einer überholten Gesellschaftsordnung, in der einer des anderen Deuwel war und die besten moralischen Ansichten der Humanisten sich nicht durchsetzen konnten, weil die ökonomischen und politischen Voraussetzungen dafür fehlten. Diese Anschauungen und Gewohnheiten sind ein übler Rucksack auf dem Wege zum Sozialismus
"Hier habt ihr euch kennengelernt, in unserem Kombinat, obwohl die Liebe im Betriebskollektivvertrag nicht verankert ist. Aber das ist euer Vorteil, daß ihr beide arbeitet! Wie lange noch werden wir ringen müssen, bis Kindergarten, Horte, Waschanstalten und andere soziale Einrichtungen in genügender Zahl vorhanden sind, daß alle Frauen arbeiten gehen können, wie es ihren Neigungen entspricht. Denn anständig leben, heißt auch anständig arbeiten dürfen, der Gesellschaft im höchsten Maße nützlich sein!
"Und vergeßt die Liebe nicht, ihr beiden!
"Das Immerbeieinandersein macht's nicht. Liebe ist keine Zimmerpflanze, sie braucht Sonne und Regen und auch Sturm! Sag' deinem Mann: Geh zur Kampfgruppenübung! Es ist nicht angenehm, sich nachts auf feuchtem Boden zu wälzen, anstatt in Daunen zu liegen. Aber die Übung ist nützlich. Denn was nutzt eine Nacht mehr die Gegenwart des Geliebten, wenn du fürchten mußt, die Liebe durch Vernichtung des Lebens für immer zu verlieren ..."
Hochzeit im Kombinat: "Weißt du, was dir bevorsteht?"

DER SPIEGEL 48/1958
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