26.11.1958

POLENDie große Wahrheit

Wenige Tage nach der Norwegen-Tour des polnischen Außenministers Adam Rapacki, die seinem Projekt einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa neue Chancen auch im Westen zu eröffnen schien, sind westliche Entspannungs-Politiker um eine Hoffnung beraubt worden:
Polens nationalkommunistischer Führer Wladyslaw Gomulka verzichtete jüngst bei einem Besuch in Moskau auf eine eigenständige polnische Außenpolitik.
"Die Sowjet-Reise Gomulkas", urteilte die Londoner "Times", die im Gegensatz zur Bonner Politik dem Unabhängigkeitsdrang der Warschauer Diplomaten, stets Beachtung geschenkt hatte, "wird allen möglichen Zweiflern deutlich vor Augen geführt haben, daß Gomulka kein Ketzer mehr ist, sondern eine solide Säule des kommunistischen Lagers."
Tatsächlich haben die beiden Pragmatiker Gomulka und Chruschtschew einen Kompromiß geschlossen, der einer Versöhnung der polnischen Nationalkommunisten mit Moskau gleichkommt:
- Polen ordnete seine Außenpolitik der weltpolitischen Strategie des Kreml unter und verzichtete auf Initiativen außerhalb des Ostblock-Rahmens,
- die Sowjet-Union dagegen billigte den sogenannten polnischen Weg zum Sozialismus, mit anderen Worten: den spezifisch polnischen Kommunismus mit seiner für Ostblock-Verhältnisse ungewohnten Libertät.
Der Kompromiß zwischen den beiden Parteichefs machte deutlich, daß Chruschtschew und Gomulka heute aufeinander angewiesen sind: Gomulka garantiert den Sowjetführern die innere Stabilität des Ostblocks, Chruschtschew wiederum gewährt Gomulka sowjetische Rückendeckung in dem Zweifrontenkrieg, den Gomulka in Polen gegen Stalinisten und Revisionisten führt.
Damit wurde aber auch zugleich sichtbar, daß der Westen eine einmalige Chance verpaßt hat. Denn Wladyslaw Gomulka konnte um so leichtherziger auf eine eigenständige polnische Außenpolitik verzichten, als bisher sämtliche außenpolitischen Initiativen an dem unfruchtbaren Nein des Westens, insbesondere Bonns, gescheitert sind. Das gilt vor allem für den Rapacki-Plan, mit dem sich Polen eine schmale Aktionsfreiheit zwischen den Machtblöcken in Ost und West zu erlisten versuchte.
Wie die sowjetische Diplomatie, die schon 1955 Vorschläge auf der Linie des späteren polnischen Plans abgelehnt hatte, bemüht war, den ursprünglich nur auf Mitteleuropa beschränkten Rapacki-Plan immer uferloser auszuweiten und damit zu durchlöchern, so war auch die Taktik der westlichen Regierungen auf die Sabotage des Planes gerichtet. Der Westen stachelte Rapacki auf, in seinem Plan auch eine Abrüstung in den konventionellen Waffen zu berücksichtigen; als er jedoch Anfang November eine entsprechende Revision seines Planes vorlegte, antwortete ihm nur das abschätzige Wort des bundesdeutschen Verteidigungsministers Strauß, der Pole Rapacki sei und bleibe ein Kommunist, der für die Ziele Moskaus arbeite.
Das enttäuschende Echo des Westens erlaubte es den sowjetischen Politikern, den Rapacki-Plan in ihre weltpolitische Waffenkammer aufzunehmen. Auf der west-östlichen Atomkonferenz in Genf beharrten die Sendlinge Moskaus darauf, den Plan Rapackis zu diskutieren. Als Initiative der eigenständigen polnischen Außenpolitik aber ist der vielumstrittene Plan tot.
Das westliche Nein verstärkte die alte Überzeugung des Polen Gomulka, daß im Grunde die Sowjet-Union der einzige Bundesgenosse Polens sei. Nur das Bündnis mit der Sowjet-Union, so hatte Gomulka schon in einer Rede am 7. Juni 1957 erklärt, garantiere Polen "Leben, Existenz und Gedeihen"; dies sei die "große Wahrheit", die auch der stalinistische Terror nicht habe zerstören können.
Die Enttäuschung der Polen erleichterte es Nikita Chruschtschew, den Mann, den, er noch bei dem Ausbruch der polnischen Oktober-Erhebung von 1956 als einen "Verräter am sozialistischen Lager" bezeichnet hatte, als Bundesgenossen in Moskau zu begrüßen. Auf dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau schüttelte er Wladyslaw Gomulka, der zu einem offiziellen 20-Tage -Besuch gekommen war, beinahe die Arme aus dem Leib und küßte ihn überschwenglich auf die Wangen. Kommentierte Gomulka: "Genosse Chruschtschew ist ein guter und ehrlicher Freund Polens."
Chruschtschew weiß, daß allein Gomulka Ruhe und Stabilität in Polen garantieren kann. Außerdem hatte Gomulka wenige Tage vor seiner Abreise in die Sowjet-Union eine noch engere Anlehnung an Moskau vollzogen, die den Sowjets das Ja zum Gomulka-Experiment erleichterte:
- Auf einer Plenartagung des Zentralkomitees der polnischen KP versöhnte sich Gomulka mit den Stalinisten, die einstweilen jeden Kampf gegen ihn aufgegeben haben
- Gomulka ließ einen siebenjährigen Wirtschaftsplan veröffentlichen, der sich dem sowjetischen Siebenjahresplan an, paßt und - ebenso wie in der Sowjet -Union - das Hauptgewicht auf die Schwerindustrie legt.
- Gleichzeitig forderte der polnische Ministerpräsident Cyrankiewicz in einer Rede, das Tempo der landwirtschaftlichen Kollektivierung müsse beschleunigt werden - ein Verlangen der Sowjets, dem sich Warschau bisher verschlossen hatte.
So zeigte sich Nikita Chruschtschew schließlich bereit, einem derartig kompromißbereiten Gomulka die Freundeshand hinzustrecken. "Wir bringen aus der Sowjet-Union eine vertiefte polnisch-russische Freundschaft mit", sagte Gomulka nach seiner Rückkehr in der vorletzten Woche. "Das ist das Wertvollste, was Polen besitzt, da sie die Grundlage unserer Unabhängigkeit und Souveränität ist."
Gomulka bekannte sich sogar in einem Kommuniqué zu der "Notwendigkeit, die Verteidigungsbereitschaft der im Warschauer Pakt vereinigten" Ostblock-Staaten zu verstärken. Das nährte sofort in englischen Diplomaten den Verdacht, "daß Gomulka in Moskau der Stationierung sowjetischer Mittelstrecken-Raketen auf polnischem Gebiet zugestimmt hat", wie der Londoner Informationsdienst "Fleet Street Letter" meldete.
Daß freilich die Glaswand, die Polen und Russen trennt, trotz der Aussöhnung zwischen Chruschtschew und Gomulka bestehen geblieben ist, offenbarte eine Szene auf einer Feier im Moskauer Hotel "Sowjetskaja". Während Chruschtschew seinen polnischen Gästen zuprostete, trat plötzlich Konstantin Rokossowski in den Saal, jener Sowjetmarschall, der allen Polen als ein Erzsymbol der stalinistischen Unterdrückung gilt.
Das zerknitterte Gesicht Gomulkas erstarrte, als der Marschall verlegen vor ihm stand und das Glas erhob. Nur zögernd dankte der Pole dem einstigen Stalin-Satrapen. Der ebenfalls anwesende Ministerpräsident Cyrankiewicz aber war nicht bereit, dem Sowjetmarschall zu vergeben. Er wandte sich schnell ab und drehte dem Konstantin Rokossowski den Rücken zu.
Chruschtschew und Gomulka in Moskau: Nach dem Zwist ...
Außenminister Rapacki
... ein Bruderkuß

DER SPIEGEL 48/1958
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