26.11.1958

REZESSIONDie Anti-Panikmacher

Die Amerikaner des vergangenen Dezenniums pflegten es als liebenswerten Ausdruck des unverbesserlichen Optimismus ihres Präsidenten Harry S. Truman zu nehmen, wenn er ihnen versicherte, im Jahre 1960 werde das amerikanische Sozialprodukt - die Gesamtsumme der im Jahr produzierten Güter- und Dienstleistungen - 440 Milliarden Dollar überschreiten.
"Das tatsächliche Wachstum der amerikanischen Wirtschaft unter Trumans Nachfolger Dwight D. Eisenhower läßt diese rosige Vorhersage geradezu zurückhaltend erscheinen", triumphierte das republikanische Nachrichten-Magazin "Time" kürzlich. Nicht ohne Stolz konnte Eisenhower in seiner letzten Wahlrede in Chicago vermelden, daß sich bereits am Ende des dritten Quartals dieses Jahres, das von allen nichtamerikanischen Wirtschafts-Theoretikern zum Krisenjahr der US-Wirtschaft erhoben war, Trumans Prophezeiung erfüllte. Eisenhower: "Eine 500-Milliarden-Wirtschaft liegt nun greifbar vor uns."
Die schnelle Erholung der amerikanischen Wirtschaft ist in der Tat erstaunlich. Der Konjunktur-Abschwung - Rezession genannt - der im Sommer vergangenen Jahres begann und gut ein Jahr andauerte, ist nahezu überwunden. Enttäuscht haben die professionellen Wirtschafts-Kassandren begonnen, wieder auf die "inflationären" Tendenzen in der US-Wirtschaft hinzuweisen. Doch so offensichtlich der Anstieg von Produktion und Beschäftigung ist, so ungeklärt blieben bisher viele Ursachen des Wiederaufstiegs.
Zwar halfen die amerikanischen Zentralbanken durch billigen Kredit, den Unternehmern das Investieren wieder schmackhaft zu machen, um so Wohlstand und Beschäftigung aufrechtzuerhalten. Nach dem gleichen Prinzip verfuhren die Hüter des Staatssäckels, indem sie zusätzliche Dollars in die erschlaffte amerikanische Wirtschaft hineinpumpten (das Gesamt-Defizit des amerikanischen Bundeshaushalts wird im kommenden Jahr etwa 12 Milliarden Dollar erreichen). Trotzdem aber steht fest, wie es das Nachrichtenmagazin "U.S. News & World Report" umschrieb, daß "der Held der Gesundung" der amerikanische Konsument war.
Ungeachtet der steigenden Preise, der fünf Millionen Arbeitslosen und der Rezession im ersten Halbjahr 1958 kaufen heute die Amerikaner schon wieder mehr Waren als je zuvor. So wie der Freiherr von Münchhausen sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf zog, so haben die Amerikaner sich selbst aus der bedrohlichen Krise herausgekauft.
Im ersten Vierteljahr 1958, im Tiefpunkt der Rezession, betrugen die Einzelhandelsumsätze - berechnet auf das ganze Jahr - 195,5 Milliarden Dollar. Im dritten Vierteljahr 1958 stieg der Konsum auf 200,6 Milliarden Dollar. Für das vierte Vierteljahr dieses Jahres veranschlagen Experten den Verbrauch auf nahezu 205 Milliarden Dollar.
Im gesamten Verlauf der Rezession waren es vorwiegend nur kostspielige Erzeugnisse, wie Automobile, Eisschränke und Fernsehapparate, deren Verkaufsziffern beträchtlich herabsanken. Die Automobil - und damit die Stahlindustrie wurde dabei am empfindlichsten betroffen. Unbeirrt investierte Detroit jedoch in den vergangenen Monaten 750 Millionen Dollar (mehr als drei Milliarden Mark) in die Produktion immer größerer und längerer Automobile, mit noch mehr Pferdestärken unter der Haube und noch höheren Flossen am Heck. Aufgrund der ersten Verkaufsziffern und Bestellungen rechnen die Industriellen fest damit, daß sie von den gerade herausgekommenen Modellen runde anderthalb Millionen mehr absetzen werden als 1958 (Gesamt-Absatz voraussichtlich 4,3 Millionen Automobile).
"Wieder einmal", so konstatierte "U.S. News & World Report", "ist es der amerikanische Normalverbraucher gewesen, der sein Land aus einer Wirtschaftsflaute herausgezogen hat und neuer Rekord-Prosperität entgegenträgt." Indes, dieses Wunder staatsbürgerlichen Vertrauens, das die Amerikaner befähigte, auf die Rezession statt mit Panik mit erhöhten Käufen zu reagieren, ist nicht ganz ohne die heimliche Nachhilfe versierter Anti-Panikmacher zuzustande gekommen.
Charles E. Wilson, der ehemalige Präsident von General Electric, umriß im vergangenen Winter, als die Rezession gerade begonnen hatte, vor einer kleinen Gruppe namhafter Industrieller und Public-Relations-Experten das Problem "der psychologischen Kriegführung" für die US-Wirtschaft in wenigen Worten: "Ich glaube, daß die gefährlichste Drohung dieser Rezession eine Epidemie der Furcht ist. Die Frage ist daher: Kann eine Informations-Kampagne die Furcht in Quarantäne stecken, bevor sie sich ausbreitet?"
In aller Heimlichkeit, um bei den US-Bürgern nicht den Verdacht keimen zu lassen, sie seien einer Propaganda-Kampagne ausgesetzt, wurden die strategischen Positionen zu einem Feldzug für "Vertrauen in ein wachsendes Amerika" entworfen. Als Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard bei seinem Besuch in Washington im Frühjahr 1958 mit seinem Rat, die Amerikaner sollten mehr Vertrauen in ihre eigene Stärke besitzen, neuen Wirtschaftslorbeer pflückte, war eine entsprechende US-Operation mit der Präzision und der Geheimhaltung eines Generalstabs-Unternehmens längst angelaufen. Federführend agierte
eine gemeinnützige Organisation, "The Advertising Council" genannt, die ihre Qualitäten im Krieg durch den Verkauf von "War bonds", im Frieden durch Kampagnen gegen den Verkehrstod und Waldbrände bewiesen hatte. Die größten amerikanischen Firmen von General Foods bis Standard Oil liehen der Organisation ihre Unterstützung.
Im April dieses Jahres wurden die Zeitungsredaktionen, Radiogesellschaften und Fernsehstationen mit Statistiken und Karikaturen, mit Aufsätzen und Informationen zur moralischen Aufrüstung der US-Wirtschaft versorgt. Konzerne, wie Sinclair Oil und General Electric, stellten in wenigen Wochen ihre gesamte Werbung um und stimmten sie auf den angelaufenen Feldzug für "Vertrauen in ein wachsendes Amerika" ab.
Ein Radio-Ansager in Süddakota kam auf die Idee, seine Hörer aufzufordern, nicht nur Meldungen über Unfälle und andere Mißgeschicke einzusenden, sondern auch "gute Nachrichten" über Geschäftserfolge, Neu-Einstellung von Arbeitslosen oder erhöhten Umsatz. Vor jeder solchen guten Nachricht ließ er eine kleine Glocke im Äther erklingen. "The Advertising Council" griff die Idee auf und sandte kleine Glocken an alle Radiostationen Amerikas. Bald klingelte es im ganzen Land.
Die Kampagne wurde zu einer der massivsten Public-Relations-Aktionen, die Amerika je erlebt hat. Gemessen an den kommerziellen Anzeigenpreisen, werden Raum und Zeit, den die Kampagne in Zeitung, Radio- und Fernseh-Programm einnahm, allein von April bis September auf 20 Millionen Dollar veranschlagt.
Mitte Juni hatte die Propaganda-Aktion ihren Höhepunkt erreicht. Genau zur gleichen Zeit aber zeigten sich in dem scheinbar soliden Fundament der Rezession, deren Beseitigung niemand vor 1959 erwartet hatte, überraschend die ersten Risse. "Vielleicht war es Zufall", meint der Präsident des Advertising Council, Theodore S. Repplier, "vielleicht auch nicht."
Industrieller Wilson: "Psychologische Kriegführung gegen die Rezession"

DER SPIEGEL 48/1958
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