26.11.1958

ITALIEN / VATIKANNeuer Wind

Die Chronisten des Vatikans notierten kürzlich ein Ereignis, dem nach Meinung italienischer Politiker historische Bedeutung zukommt: Zum erstenmal in der Geschichte der katholischen Kirche erteilt ein Papst - Johannes XXIII. - einer liberalen Partei den apostolischen Segen.
Anlaß dieser ungewöhnlichen Geste war eine Ergebenheitsadresse, die Italiens Liberalen-Führer Malagodi dem neuen Papst zur Thronbesteigung über den Nuntius bei der Republik Italien, Monsignor Fietta, zugeleitet hatte. Im römischen Hauptquartier der Liberalen gab es eine Sensation, als das Dank-Telegramm eintraf, das der Monsignore im Auftrag des Heiligen Vaters abgefaßt hatte. Es lautete:
"Huldigung der Liberalen Partei von Seiner Heiligkeit mit großem Wohlwollen entgegengenommen. Habe den Auftrag, apostolischen Segen zu übermitteln."
Das Telegramm des Papstes bedeutet zweifellos einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den italienischen Parteien. Der Liberalismus war im vergangenen Jahrhundert die treibende Kraft der italienischen Nationalisten; ihm muß das Papsttum letzten Endes die Zerstörung des Kirchenstaates, die Beseitigung seiner weltlichen Macht und die gewaltsame Säkularisierung riesigen Kirchenbesitzes zuschreiben. Seit der Eroberung Roms durch die Truppen des Hauses Savoyen im Jahre 1870 ist kein Nachfolger des Apostels Petrus auf die Idee gekommen, diese klassisch antiklerikale Partei zu segnen.
Der viel beachtete Leitartikler der italienischen Liberalen, Vittorio Zincone, glaubt das Papsttelegramm dahingehend deuten zu können, daß der Vatikan unter dem Regime des neuen Papstes die Democrazia Cristiana künftig nicht mehr als einzig zulässige Partei für militante Katholiken betrachten werde. In der Mailänder Wochenschrift "L'Europeo" schreibt Zincone dazu:
"Der den Grußworten beigefügte Segen könnte bedeuten, daß Johannes XXIII. nicht geneigt ist, den in einer katholischen Einheitspartei zusammengefaßten Christdemokraten strikte Direktiven zu erteilen, sondern eher eine Revision der Politik seines Vorgängers anstrebt, indem er die Zugehörigkeit von Katholiken zu anderen Parteien als ein legitimes Recht anerkennt, unabhängig davon, ob die Parteien rechts oder links stehen."
Zincones Ansicht wird inoffiziell auch von führenden katholischen Laien geteilt, die darauf hinweisen, daß Johannes XXIII. bereits als Erzbischof von Venedig zahlreiche Beweise politischer Toleranz geliefert hat. Anläßlich des Kongresses der linkssozialistischen Partei Pietro Nennis etwa, der vor zwei Jahren in der Lagunenstadt abgehalten wurde, richtete der damalige Patriarch Roncalli ein Grußwort an die Linksextremisten, in dem er ihren guten Willen anerkannte, den "allgemeinen Wohlstand zu heben und zur sozialen Befriedung beizutragen". Allerdings vermied er es, dem Kongreß seinen Segen zu erteilen.
Der neue politische Wind im Vatikan hat bewirkt, daß die Autonomiebestrebungen innerhalb der christdemokratischen Partei Italiens seit einigen Wochen gefährlichen Umfang gewonnen haben. Unter Pius XII. war das Staatssekretariat stets bemüht, notfalls durch massive Interventionen jene äußere Einheit der Democrazia Cristiana aufrechtzuerhalten, die durch erbitterte Machtkämpfe zwischen den rechtskatholischen Honoratioren und den linkskatholischen Funktionären des dynamischen Parteisekretärs und jetzigen Ministerpräsidenten Fanfani seit Jahren bedroht ist.
Fanfani hatte dabei einen der mächtigsten Männer im Staatssekretariat zum Verbündeten, den Chef der Abteilung für Ordentliche Kirchliche Angelegenheiten, Monsignor Dell'Acqua, der unter dem neuen Regiment seinen Einfluß verloren hat. Dell'Acqua vertritt die Ansicht, daß alle gläubigen Katholiken in einer katholischen Sammlungspartei, der Democrazia Cristiana, zusammengefaßt sein müßten, und Pius XII. hatte dieses Prinzip unterstützt.
Demgegenüber gibt es in der römischen Kurie eine Anzahl Kardinäle, an ihrer Spitze der Pro-Sekretär des Heiligen Offiziums, Ottaviani, die über das Anwachsen des Linkskatholizismus unter dem Regime Fanfani verärgert sind und dem Gedanken einer zweiten, bürgerlichen katholischen Partei wohlwollend gegenüberstehen. Nach Ansicht Ottavianis würde die Kirche sich dann nicht dauernd mit der Tagespolitik der Christdemokraten identifizieren müssen. Die Distanzierung würde vor allem dem Antiklerikalismus in Italien den man im Vatikan sehr ernst nimmt, viel Wasser abgraben. Auch Monsignor Tardini, der neu ernannte Kardinal-Staatssekretär, soll den Ideen Ottavianis aufgeschlossen sein.
Anhänger Ottavianis betonen in diesem Zusammenhang, daß die katholische Kirche in anderen Ländern auf verschiedene politische Bewegungen Einfluß hat. In Frankreich etwa, wo der jetzige Papst acht Jahre lang Nuntius war, ist der Klerus nicht nur mit der eigentlichen katholischen Partei, der "Volksrepublikanischen Bewegung" (MRP), sondern gleichzeitig mit dem "Zentrum der Unabhängigen", der großen konservativen Partei, eng verbunden.
Nur auf dem Hintergrund der neuen Politik des Vatikans ist auch jene Revolte möglich gewesen, die einige christdemokratische Politiker auf Sizilien gegen die römische Parteizentrale angezettelt haben. Mehrere Rebellen unter Führung des heutigen sizilianischen Ministerpräsidenten Milazzo wurden aus der Partei ausgeschlossen, weil sie entgegen der Anweisung Fanfanis eine neue Regionalregierung gebildet hatten, die sich auf die Mitarbeit der Rechts- und Linksextremisten stützt. Dieses politische Manöver in Palermo leitete eine große Offensive der Honoratioren gegen Fanfani ein. Ziel der Offensive ist, den Parteisekretär auf dem nächsten christdemokratischen Kongreß im Frühjahr zu stürzen.
Die Vorgänge in Palermo hatten zur Folge, daß in der sizilianischen Kleinstadt Catagirone vorsorglich eine zweite katholische Partei unter dem Namen der ehemaligen "Italienischen Volkspartei", der Vorläuferin der Democrazia Cristiana, gegründet wurde. Diese neue Partei hätte, falls die christdemokratische Einheit auf dem nächsten Parteikongreß nicht wieder gekittet wird, gute Chancen, außer der katholischen Rechten auch weite Teile der Monarchisten und Neofaschisten an sich zu ziehen. Die "Volkspartei" hätte in einem solchen Fall auch alle Aussicht, beim Klerus Unterstützung zu finden.
Zu Lebzeiten des verstorbenen Papstes Pius XII. wäre eine derartige Entwicklung undenkbar gewesen. Kommentierte Leitartikler Vittorio Zincone: "Das Gefühl, daß die Idee der katholischen Einheitspartei im Vatikan durch das andere Konzept, zwei oder mehr Parteien durch ein kirchentreues Führungsgremium zu kontrollieren, ersetzt werden könnte, hat genügt, um den
Wind neuer Selbständigkeitsregungen in die Christdemokratie hineinzutragen."
Zincone hält es für durchaus möglich, daß der Vatikan künftig auch mit anderen Parteien als der Democrazia Cristiana Kontakt sucht. Eine solche Entwicklung aber würde bedeuten, daß die Opposition nicht mehr - wie bisher - automatisch in dem Geruch stände, antiklerikal zu sein.
Papst Johannes XXIII.
Gibt es für Katholiken ...
Regierungschef Fanfani
...nur eine Partei?

DER SPIEGEL 48/1958
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